Eine Frauenfigur, die ihre Meinung verteidigt, die scheitert, die laut ist und leise und wild und ein bisschen peinlich? Brauchen wir. Deswegen war ich so froh, dass Oriana Schrage einem Interview zu ihrem neusten Film „Doitscha- Alles geht vorüber“ zugestimmt hat. Denn angepasste Frauenrollen gibt wahrlich genug.
Mit Oriana Schrage habe ich darüber gesprochen, was sie von Adriana gelernt hat, wie sie Ambiguitätstoleranz aushält und warum kein Mensch böse ist. Hatte ich am Ende noch mehr Fragen? Auf jeden Fall, aber das ist ja das Schöne an Gesprächen, dass man mit der Lust auf mehr aus ihnen herausgeht.
Was magst du an deiner Adriana?
Oriana Schrage: Sie ist eine Frau in den besten Jahren, die aufblüht. Sowas habe ich bisher noch nicht so oft gesehen und auch nicht oft gespielt. Meine Freundin nennt diese Zeit die „Rush Hour des Lebens”. Man hat so viel um die Ohren: Die Kids sind Teenager, vielleicht sind die Eltern pflegebedürftig, im Beruf kann man endlich die Früchte seiner Arbeit ernten. Es ist superviel los, dann kommt die Perimenopause, was eigentlich ein eigenes Kapitel für sich ist. Und all das jongliert Adriana. Manchmal ist sie überfordert, natürlich macht sie Fehler.
Ich mag, dass sie keine kühle, perfekte Person ist, sondern viel näher an dem, wie ich das Leben wirklich erlebe. Wie wir Frauen wirklich sind.
Ich mochte Adriana, weil sie, wie du sagst, eine wichtige Erweiterung bei den Frauenrollen ist. Endlich mal wieder eine, die nicht perfekt ist und alles richtig macht, sondern eine, die sich irrt, die sich einmischt. Und eine, an der ich mich reiben kann.
Ich hatte schon die Sorge, dass sie vielleicht unsympathisch wirken könnte. Wenn man sich, wie du sagst, an ihr reiben kann, gefällt mir das.
Es gibt diese Sehgewohnheit, dass man Frauenfiguren nicht so viel verzeiht. Aber wir brauchen Frauenfiguren in ganz vielen unterschiedlichen Spektren. Wir müssen Frauen aus vielen Perspektiven erzählen. Dafür brenne ich.

Ich mochte, dass Adriana die anderen irgendwann auch machen lässt, wenn sie zu genervt von ihnen ist. Wie oft werden wir Frauen denn darauf konditioniert, uns zu kümmern und immer da zu sein. Aber wir dürfen auch entscheiden, wie viel wir mitmachen wollen. Adriana zeigt das sehr gut.
Das ist etwas, was ich wirklich von Adriana gelernt habe: Wir müssen uns nicht verantwortlich fühlen für die gute Stimmung aller anwesenden Erwachsenen im Raum. Sie macht das auch nicht. Als wir die Szenen gedreht haben, habe ich immer wieder gedacht: Wie krass, dass man das so machen kann. Das habe ich für mich nach den Dreharbeiten mitgenommen, die Erinnerung, dass die andere Person erwachsen ist. Das hat mit Vertrauen zu tun, nicht mit Kaltherzigkeit.
Daran, dass das Gegenüber erwachsen ist und sich selbst regulieren kann, müssen wir uns erinnern. Kindern muss man dabei helfen, aber in der Partnerschaft ist das nicht nötig. Wenn es ganz schlimm wird, dann sind wir natürlich da, aber man darf Erwachsenen zutrauen, das allein zu schaffen.
Deine Adriana bekommt eine große Chance und ich habe mich gewundert, dass sie an der Stelle nicht durchzieht. Denn wie du sagst, in dem Alter erntet man auch die Früchte der früheren Arbeit. Warum tut sie es letztlich doch nicht?
Es passiert etwas, durch das sie erpressbar wird. Sie sagt ab, weil sie sich selbst schützen will. Wir haben da mehr Material gedreht, aber das fiel dem Schnitt zum Opfer. Das hätte es vielleicht etwas besser erklärt. Gleichzeitig ist der Film meiner Meinung nach durch den Schnitt aber auch knackiger. Ich finde es spannend, dass ein paar Fragen offen bleiben. Das ist herausfordernder für die Zuschauenden, weil nicht immer direkt Antworten geliefert werden. Man muss bei unserem Film schon dranbleiben. Mir gefällt das sehr gut.

„Doitscha” ist nicht nur sehr aktuell, sondern auch politisch. Wie politisch darf, muss, soll Film sein?
Ich bin sehr politisch aufgewachsen und in diesen Beruf gegangen, weil es mich interessiert, gesellschaftliche Fragen zu stellen. Ich spiele auch viele selbstentwickelte Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Manchmal wird uns vorgeworfen, dass wir nicht pädagogisch wertvoll genug sind.
Ich finde es spannend, mit Kunst Fragen aufzuwerfen, ohne direkt Antworten zu liefern. Und genauso verstehe ich auch diesen Film. Wir stellen Fragen, liefern aber nicht alle Antworten. Das kann für Menschen, die klarere Antworten und Positionierung wünschen, herausfordernd sein.
Eins meiner wiederkehrenden Themen ist gerade Ambiguitätstoleranz. Lass uns darüber reden!
Ich mache mir auch super viele Gedanken zu Ambiguitätstoleranz. Meinem Gefühl nach ist da vielleicht manchmal ein Schmerz. Es ist anstrengend und schmerzhaft auszuhalten, wenn man Empathie für alle empfindet und sich vorstellen kann, wie es sich für die einen, aber auch für die anderen anfühlt. Vielleicht ist man dann so überfordert davon, dass man sich aus dem Schmerz heraus für etwas entscheidet, damit man das endlich nicht mehr fühlt.
Menschen zu finden und um mich zu haben, die Ambiguitätstoleranz aushalten, ist etwas ganz Wertvolles für mich.

Wie findest du diese Freundschaften?
Es ist ein vorsichtiges Herantasten. Man kann das nicht mit allen Freund*innen. Wenn es aber gelingt, dann ist es eine ganz andere Art von Freundschaft. Da fühle ich mich sehr zuhause. Vielleicht mochte ich Adriana deswegen auch so sehr?
Die fragt sich nicht, ob sie zu doll, „too much” ist. Sie ist zu viel, ja. Aber sie akzeptiert das und liebt sich dafür. So eine Figur spielen zu dürfen, das war ein Geschenk. Die Regisseurin meinte beim Dreh zu mir: „Unleash your demons“. Das habe ich gemacht und es geliebt.
Adrianas Mann, Georg, gespielt von Mark Waschke, hält und erdet sie. Und gleichzeitig ist es eine Beziehung, wie so viele sie führen und wie sie selten gezeigt wird. Eine Langzeitbeziehung, die funktioniert. Eine, bei der man aber auch mal genervt voneinander ist, sich aber trotzdem nicht loslassen will.
Das zu erzählen, war für uns sehr wichtig. Adriana und Georg versöhnen sich nicht, indem jemand zum Flughafen rennen muss. Das geschieht ganz unaufgeregt. Es gibt diese kleinen tektonischen Verschiebungen, bei denen man auseinanderwächst und im Idealfall dann auch wieder zusammenkommt. Es braucht nicht immer die ganz großen Gesten.
Adriana sagt: „Keiner ist böse”. Stimmt das wirklich?
Da sind wir wieder bei Ambiguitätstoleranz. Wir müssen aushalten, dass sich Menschen manchmal gegen das Gute entscheiden. Sie treffen vielleicht schlechte oder wenig differenzierte Entscheidungen. Aber Adriana und ich stehen dazu: Keiner ist böse! Davon bin ich überzeugt.
Adriana spricht auch ihre Wut an. Was ist ein guter Weg, um mit Gefühlen umzugehen?
Kann ich die Frage in 40 Jahren beantworten? [Sie lacht]
Ich habe zwei Teenager zuhause, mich beschäftigt das Thema sehr. Denn unsere Gesellschaft geht sehr unterschiedlich mit Wut um. Für die Mädchen gibt es in der Schule ein Training, bei dem sie lernen sollen, etwas zu zerschlagen. Und Jungs sollen lernen, nicht mehr so wütend zu sein. Ist das der Weg?
Ich habe mich auch lange mit weiblicher Wut beschäftigt und wie sehr sie abgestraft wird. Grundsätzlich ist es doch toll, wenn wir merken, dass wir wütend sind. Wir müssen aber dahinter schauen und verstehen, was diese Wut auslöst. Bin ich zum Beispiel eigentlich traurig? Was kann ich dann tun?
Ich wünsche mir auch, dass die Gesellschaft lernt, dass es berechtigte Wut gibt, die produktiv sein kann. Wut, die Grenzen setzt. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich auch noch auf der Suche nach einem guten Umgang mit Gefühlen. Drüber reden hilft. Therapie. Und, sich selbst zu kennen.

Ich finde es wichtig, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Nicht auf eine egozentrische Weise, sondern um, zum Wohle der Gemeinschaft, die eigenen Triggerpunkte besser zu verstehen.
Es ist ein großes Missverständnis, dass Selbstliebe Nabelschau sei. Ich habe das auch lange gedacht, bis ich verstanden habe: Eine tiefe Selbstkenntnis ist für die ganze Gesellschaft bereichernd.
Wir erleben im Moment politische Verschiebungen, bei denen sich Menschen in Teilgruppen abschotten. Ich habe die Hoffnung, dass wir davon wieder wegkommen, uns wieder mehr für die Gesellschaft öffnen und sich alle wieder verantwortlich für alle fühlen. Der Astronaut Alexander Gerst hat, als er auf der ISS aus dem Fenster geguckt hat, festgestellt, dass die Erde von da oben aus betrachtet ein kleines gemeinsames Raumschiff ist, das durchs Weltall saust. Wir brauchen einander auf diesem Raumschiff, auf dieser Reise.
„Alles geht vorüber”, heißt es im Film. Findest du den Gedanken tröstlich oder beängstigend?
Im Moment finde ich ihn tröstlich. Es lehrt mich das Loslassen und das Bewusstsein, dass Dinge und Beziehungen sich immer verändern.
Ein weiteres Zitat aus „Doitscha” ist „Der Weise ist der, der von jedem etwas lernen kann.” Was hast du in letzter Zeit gelernt?
Ich habe eine neue große Liebe für den Lindy Hop entdeckt. Das ist ein freier, wilder Tanz aus der afroamerikanischen Kultur, der keinen festen Formen folgt.
Ich glaube generell, dass man viel durch Krisen lernt. Ich bin gerne noch nicht fertig.
Und wie hältst du das aus, dieses Nicht-fertig-Sein?
Mit Therapie. Mit Sport und Tanz. Und dadurch, dass ich mich beruflich in verschiedene Themen und Perspektiven vertiefen darf.
„Doitscha – Alles geht vorüber“ läuft am 4.November um 20:15 Uhr in der ARD. Ihr könnt den Film aber auch jederzeit in der ARD Mediathek anschauen.
Wenn ihr tiefer in die Wichtigkeit von unterschiedlichen Frauenrollen eintauchen wollt, dann empfehle ich euch u.a. die Interviews mit Laura Tonke, Chiara Schoras, Jule Hermann oder Sarah Bauerett.

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