Sarah Bauerett im Interview zu "EIne Wingwoman verliebt sich nicht" mit Andrea Zschocher

Sarah Bauerett: „Wir dürfen nicht denken, dass Jobs nur von unserem Talent abhängig sind, denn das stimmt nicht.“

Ich wünsche mir ja immer, dass wir offen miteinander umgehen. Weil wir so erkennen, dass wir, egal was uns bewegt, eigentlich nie allein sind. Deswegen tat das Interview mit Sarah Bauerett auch so gut. Nicht nur, dass die Schauspielerin eine tolle Energie hat, die das Gespräch mit ihr so herrlich einfach macht. Sie traut sich auch, Sachen anzusprechen, die sonst in Interviews dann doch immer mal rausgestrichen werden.

In „Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ spielt sie Anya, eine international bekannte Pianistin, die sich mithilfe einer Wingwoman nun endlich Erfolg beim Flirten verspricht. Ich mochte diese Rolle so gern, weil Anya keine angepasste Frau ist, sondern eine, die Ecken und Kanten hat und sagt was sie will. So, wie wir Frauen im echten Leben auch. Nur in Filmen wird das oft nicht gespiegelt. Sarah Bauerett tut es in dieser Rolle zum Glück eben doch. Im Interview sprachen wir außerdem über Jobs in der Schauspielerei, Angepasstheit und wie das so ist, Flirten wenn man in der Öffentlichkeit steht. Wenn ihr den Film angeschaut habt, verratet ihr mir euren Lieblingssatz?

Deine Anya sagt in einer Szene „Wenigstens sind wir beide gut in unserem Job“. Worin, außer in deinem Job, bist du denn richtig gut?

Sarah Bauerett: Ich bin eine sehr gute Freundin. Ich kann sehr gut mit Menschen umgehen und man kann sich sehr gut auf mich verlassen. Ich tue auch gern Dinge für andere, bringe gern Menschen zusammen und verbinde sie miteinander.

Und ein weiterer Satz, den Anya sagt und von dem ich wünschte, wir würden ihn alle öfter zueinander sagen, weil er so ehrlich ist: „Mein Limit ist erreicht, ich kann dir jetzt nicht mehr zuhören“.

Ich fand es so gut, dass ich diesen Satz sagen durfte. Der war im Drehbuch und einige Leute meinten, dass wir den lieber weglassen sollten, weil er so unhöflich wirkt. Ich habe bis zuletzt darum gekämpft, dass ich den sagen darf, denn die Autorin hat ihn doch auch da rein geschrieben.

Ich freue mich sehr, dass er dir auch so gut gefällt, weil ich mir mindestens fünf Mal am Tag wünsche, dass ich mich traue, den wirklich mal zu sagen. Das ist ja auch ein Lernprozess. Ich glaube, wenn ich den mal sage, dann sind die Menschen eher freudig überrascht und dankbar, dass man so offen ist. Meistens redet man nach so einem Satz ja doch noch länger miteinander, weil ein ganz anderes Gespräch entsteht. Weil man einfach ehrlich miteinander ist.

So haben wir das in der Szene auch gespielt, ehrlich im Moment. Da wurde nicht gezickt, denn Chiara spielt ihre Figur ja eher klassisch. Es ging nicht um einen Zickenkrieg, es ging um einen Freundschaftsbeweis. Darum, dem Gegenüber zu sagen: Das, was du gesagt hast, hat mich erreicht, aber ich kann dir jetzt nicht mehr zuhören. Gern morgen wieder, aber jetzt wäre es einfach vertane Zeit.

Sarah Bauerett im Interview zu "EIne Wingwoman verliebt sich nicht" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Gordon Muehle

Den Satz möchte ich nach dem Film auf jeden Fall in meinem Alltag mitnehmen.

Es tut gut, den zu sagen. Wenn das Limit erreicht ist und man keine richtigen Antworten mehr geben kann, dann ist es doch gut, da mal kurz Pause zu machen.

Ich denke auch, dass man sich bei Dates viel mehr trauen sollte, zu sagen, wenn es nicht passt. Ich verstehe gar nicht, wieso wir da so lange sitzen, wenn doch beide spüren, dass das verschwendete Zeit ist.

Das Leben ist so verdammt kurz. Warum sitzen Frauen und Männer drei Stunden zusammen, obwohl sie wissen, dass sie mit der- oder demjenigen keine Zukunft sehen? Wieso trauen wir uns nicht, bei den Menschen, die wir gar nicht kennen und für die wir auch keine Verantwortung haben, zu sagen: Du, das passt nicht, vielleicht schaust du dich einfach weiter um?! Unsere Zeit ist so kostbar!

Vielleicht machen wir das nicht, weil gerade wir Frauen nicht dazu erzogen werden? Ich hab neulich gemerkt, wie schwer mir das fiel, in einem Restaurant, wo es nichts auf der Karte gab, was ich mochte, aufzustehen und zu gehen. Ich habs dann getan, aber es hat sich in dem Moment nicht gut angefühlt. Verrückt, eigentlich.

Aber du bist gegangen, was toll ist. Ich kenne das auch, gerade beim Essen. Ich war mal mit meinem Bruder essen und das Stück Fleisch kam schwarz an den Tisch. Das sollte man natürlich zurückgehen lassen, aber wir haben uns das erst auch nicht getraut. Weils einem peinlich ist.

Sarah Bauerett im Interview zu "EIne Wingwoman verliebt sich nicht" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Gordon Muehle

Es braucht ja auch Vorbilder, die zeigen, dass das geht. Deine Anya ist so jemand. Die zeigt Frauen, dass sie nicht immer nur angepasst und freundlich sein müssen. Anya hat Ecken und Kanten und so sind wir Frauen nun mal. Das muss man nur auch mehr in Filmen sehen!

Das ist ein ganz tolles Kompliment, vielen Dank. Es war schon ein großes Stück Arbeit, den Film so zu machen, wie er jetzt ist. Ich habe akzeptiert, dass man nie alles ändern kann. Wenn ich nicht dazu stehe, dann nehme ich das Drehbuch auch gar nicht erst an. Ich habe zum Beispiel mit der Kostümbildnerin erarbeitet, dass meine Anya Hosen auf der Bühne anhat. Sie würde nicht im Kostüm da stehen. Sie ist ein Superstar, sie kann sich das aussuchen. Sie ist eine Person, die einen Panzer braucht, um sich gut zu fühlen. Und das wird für sie nicht in Kleidern passieren.

Die Ecken und Kanten, von denen du sprichst, auch daran haben Chiara und ich gearbeitet. Denn wir haben ja eine Wechselwirkung aufeinander, das muss ja passen. Wir wollten ein Bild von Weiblichkeit zeigen, wie sie eben ist.

Meine Kollegin und ich wissen, was wir wollen, wir machen sicher auch Fehler, aber wir gehen damit offen um. Ich bin so stolz auf das, was wir zusammen geschaffen haben, aber es war eine große Herausforderung. Für mich ist das ein Schritt in die richtige Richtung, hin zu mehr Vielfalt in den Frauenrollen.

Es ist doch wichtig, dass wir darüber reden, denn so können wir uns austauschen und erkennen, dass wir einander brauchen, um wirklich etwas zu verändern.

Sarah Bauerett im Interview zu "EIne Wingwoman verliebt sich nicht" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Gordon Muehle

Wie suchst du denn generell deine Rollen und Figuren aus?

Das ist eine wichtige Frage. Wir müssen aber darüber reden, dass man in erster Linie darauf angewiesen ist, dass einem überhaupt Rollen angeboten werden! Die Rollen sind in der Film- und Fernsehlandschaft so rar und für Frauen gleich noch mal mehr. Da geht es viel ums Alter.

Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich spüre das durchaus. Und entweder renne ich jetzt meinem 20-jährigen Ich hinterher, oder ich altere in Würde. Ersteres möchte ich nicht, dann kann ich meinen Job nicht mehr machen. Ich liebe meinen Job, aber ich liebe mein Leben mehr.

Ich hatte bei dieser Rolle das erste Mal das Gefühl, dass ich einen Schritt nach vorne gemacht habe. Denn ein Produzent, der mich schon länger kennt, hatte mich angesprochen und gesagt, dass er sich bei der Figur an mich erinnert hat. Sowas zu hören, das ist etwas besonderes. Und gleichzeitig ist es ganz komisch, das Buch zu lesen und sich zu überlegen: Was denkt der denn von mir? Als ich mich damit beschäftigt habe, habe ich erkannt, dass er mich wirklich gesehen hat. Ich habe sofort zugesagt, weil ich das Vertrauen, das in mich gelegt wurde, gespürt habe.

Ich liebe es, eine große Aufgabe zu bekommen, das Vertrauen zu spüren und der Verantwortung gerecht zu werden. Danach suche ich meine Rollen aus, ob sie mich herausfordern. Das können auch kleinere Rollen sein, wenn sie einen Effekt für die Geschichte haben, oder wenn ich irgendwas ausprobieren kann. Ich möchte spüren, dass da etwas passiert.

Manchmal sind es aber auch bestimmte Kolleg*innen, mit denen ich gern zusammenarbeiten will. Aber ich kann es mir auch nicht immer aussuchen, denn ich will auch Geld verdienen und von meinem Beruf leben können.

Über diesen monetären Aspekt der Schauspielarbeit reden wir viel zu wenig, finde ich. Natürlich gibt es einige, die extrem gut verdienen und sich die Projekte aussuchen können. Aber es gibt auch ganz viele Schauspielende, die es nicht so leicht haben.

Wir machen uns da manchmal gegenseitig ganz schön was vor. Es gibt Leute, die seit ein, zwei Jahren nicht mehr gearbeitet haben. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot und statt uns da was vorzulügen, müssen wir mehr darüber reden, dass Jobs auch Glück und Zufall sind.

Wir dürfen nicht denken, dass Jobs nur von unserem Talent abhängig sind, denn das stimmt nicht. Ich habe das Glück, einen wahnsinnig tollen Freundeskreis zu haben, unter ihnen viele Künstler*innen, und mit denen rede ich darüber. Wir wissen: Es kann jede*n treffen und es hat nichts mit mangelndem Talent zu tun. Es macht uns krank, wenn wir nicht offen darüber reden, auch mit Caster*innen. Wir brauchen Jobs, wir brauchen Weiterempfehlungen und nicht nur die Hoffnung, dass ganz bald schon irgendwas kommen wird. Das ist albern.

Ich finde diese Diskussionen so wichtig, auch, weil die Menschen, die euch bewundern, dann verstehen, dass Schauspielende am Ende des Tages genauso Menschen mit Sorgen und Nöten sind wie alle anderen auch.

Ich bin letztens nach einem Dreh noch mit den Technikern Tischtennis spielen gegangen. Und die waren erst irritiert, dass ich Zeit mit ihnen verbracht habe, statt allein im Hotel zu sitzen. Was habt ihr denn für ein Bild von mir? Das ist doch absurd. Ich trage auch abgewetzte Sneaker und kann mir nicht alles leisten.

Sarah Bauerett im Interview zu "EIne Wingwoman verliebt sich nicht" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Gordon Muehle

Apropos leisten: Anya sucht die Hilfe einer Wing Woman. In welchem Bereich würdest du dir die Hilfe von jemandem wünschen?

Ich würde gern jemand haben, der mir all die Papierarbeit abnimmt. Alles, was mit Rechnungen zu tun hat, das darf gern jemand anderes machen. Ich lese dann in der Zeit einen Roman und lebe mein Leben. Jemand, der sich um all den Alltag kümmert, der einen so nervt, das wäre super.

Und ehrlich gesagt: Beim Flirten, schon in der Teenie-Zeit, hätte ich mir auch eine Wing Woman gewünscht. Ich kann das nämlich überhaupt nicht. Hier im Interview bin ich locker und entspannt, aber sei mal jemand an der Bar, den ich toll finde. [Sie lacht]

Es kommt auch vor, dass Menschen mich erkennen und dann mit mir in Kontakt treten wollen, das ist auch schwer für mich.

Wie unterscheidest du denn, wer dich als Person und wer dich als Promi kennenlernen will?

Wenn ich merke, dass ich erkannt wurde, dann weiß ich, dass das nichts mit mir als Person zu tun hat. Diese Projektionen, die die Leute dann auf mich haben, mit denen kann ich als Sarah gar nicht mithalten. Ich kann so interessant sein, wie ich will, ich bin nicht die, die sie im Kopf haben.

Es kam auch vor, dass ich am Ende eines Gesprächs gefragt wurde, ob ich das alles nur vorgespielt habe. Das macht mich extrem traurig und dann macht mir Flirten auch keinen Spaß mehr. Genauso schade: Mich nicht anzuflirten, weil ich Schauspielerin bin. Menschen glauben, dass ich deswegen sowieso dauernd angesprochen werde. Und es gibt auch noch  die Vorstellung, dass ich fremdgehen würde, weil ich angeblich jeden haben könnte. Als würde ich jeden Abend ausgehen und mich abschleppen lassen. Wenn ich das tun würde, könnte ich gar nicht mehr in meinem Beruf arbeiten.

Die Wahrheit ist ja: Ich gehe nach der Arbeit nach Hause, trinke einen Tee und leg mich ins Bett, um am nächsten Morgen wieder fit zu sein.

Ich wünsche mir also, dass die Leute unterscheiden lernen zwischen meinem Beruf und mir.

„Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ ist der Auftakt der neuen Herzkino-Reihe im ZDF. Ihr könnt den Film ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 30. August läuft der Film um 20:15 Uhr im ZDF.


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