Philipp Hochmair im Interview zu "Der Geier" mit Andrea Zschocher

Philipp Hochmair: „Zu akzeptieren, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können erfordert hohe Toleranz.“

Wie blickt ihr eigentlich auf euch selbst? Wenn ihr euch anderen gegenüber beschreiben müsstet, welche Adjektive würdet ihr wählen? Ich habe Philipp Hochmair diese Frage gestellt und erst im Nachhinein drüber nachgedacht, dass ich selbst gar nicht unbedingt eine Antwort darauf hätte. Für mich ist das das Spannende an meiner Arbeit, und das große Glück. Ich darf Menschen Fragen stellen und werde durch deren Antworten nicht nur schlauer, sondern kann mich auch mit weiteren Fragen auseinandersetzen.

So sind wir auch auf das Thema Ambiguitätstoleranz gekommen, auf destruktive Denkweisen und der Frage, ob Krimis auch als Vorbild diesen können und, das kann man bei Philipp Hochmair einfach nicht nicht besprechen: Die Verbindung von Schauspiel und Musik.

„Anstrengend, eigensinnig, nervtötend“, so wird Lukas Geier von Annemarie Pabst bezeichnet. Welche drei Adjektive nutzt du für dich?

Philipp Hochmair: Vielleicht sieht Lukas Geier sich selbst ja auch so? Für ihn ist es ein permanenter innerer Kampf. Er will als Künstler leben und muss aber gleichzeitig ermitteln, weil ihn die Vergangenheit immer wieder einholt. Dieser Widerspruch, in dem er sich befindet, sobald er sich intensiv in einen Fall verbeißt, der wirkt sich zwangsläufig  auf seine Umgebung aus. Natürlich kann man ihn anstrengend, eigensinnig und nervtötend finden. Aber für mich macht ihn das als Charakter eher interessant.

Das verstehe ich, aber ich wollte wissen, wie du dich selbst wahrnimmst.

Das müssen eigentlich andere beantworten. Aber ich glaube, „ein bisschen anstrengend“ passt bei mir vielleicht schon. Das Adjektiv habe ich zumindest schon öfter gehört 😀

Ich gucke natürlich von außen auf dich, aber ich nehme vor allem dein Leben als anstrengend wahr. Alle wollen was von dir und du sollst auf wirklich alles eine Antwort haben.

Das geht aber sicherlich einigen Leuten so. In der Politik ist das nicht anders.

[Er überlegt] Mein Leben ist schon anstrengend, aber auch erfüllend. Alles hat seinen Preis. Man kann nicht so leben, wie ich das tue und dann erwarten, nichts dafür tun zu müssen. Ich habe mir das so ausgesucht und zahle diesen Preis dafür gern.

Philipp Hochmair im Interview zu "Der Geier" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Richard Schabetsberger

Dein Lukas Geier bekommt den Vorwurf, dass er die Wahrheit hinter einer Mauer aus Lügen schützt. Heiligt der Zweck immer die Mittel?

Geier nutzt unorthodoxe Methoden. Das macht ihn mir auch sympathisch. Er ist seiner Kollegin Franziska Conte immer ein bisschen voraus, die als Polizistin deutlich konventioneller vorgehen muss. Das spiegelt sich schon auch in meinem Charakter wider. Ich breche auch immer wieder ein bisschen aus der Norm aus. Vielleicht können die Zuschauenden sich darin erkennen? Man hat vom Schicksal die Erlaubnis, auch mal andere Mittel zu wählen, wenn sie denn zielführend sind. Man darf die ausgetretenen Pfade verlassen und was Neues wagen. Genau dieser Gedanke prägt mein Leben stark.

Ich spiele auf dem Domplatz den „Jedermann“ in einer klassischen Variante. Gleichzeitig performe ich den Stoff in einer eigenen Rockvariante mit meiner Band [Die Elektrohand Gottes] als „JEDERMANN RELOADED“.

Diese Widersprüchlichkeiten können sich gegenseitig befruchten. Ich habe für mich auch erkannt, dass es immer mehrere Seiten gibt, die man betrachten kann. Es gibt nicht nur die eine Wahrheit, die immer richtig ist.

Ich finde Ambiguitätstoleranz ein wichtiges Thema und habe gleichzeitig das Gefühl, dass sich nur wenige Menschen damit wohlfühlen, anzuerkennen, dass mehrere, sich teils auch widersprechende Dinge, gleichzeitig wahr sein können. Wie hältst du das aus?

Ich habe mich schon so daran gewöhnt, dass ich das nicht mehr hinterfrage. Aber vielleicht empfinden mich andere genau deswegen auch als anstrengend. Oft fällt mir auf, dass viele Leute an einem bestimmten Weltbild festhalten und Ambiguität nicht aushalten. Ungewissheit irritiert ihren Lebensentwurf.

Zu akzeptieren, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können erfordert hohe Toleranz. Wenn es Abweichungen gibt oder jemand festgelegte Abläufe anders interpretiert, dann bietet das Konfliktpotential. Letztlich hat wohl jeder Mensch das Bild seiner eigenen Wahrheit und Mehrdeutigkeit ist für die Menschen schwer auszuhalten.

Und wie bist du dahin gekommen, dass du diese unterschiedlichen Wahrheiten aushalten kannst und dem gegenüber tolerant bist?

Die Frage ist interessant, weil sie eines meiner Lebensthemen berührt. Ich habe meine Erfahrungen in Schule und Zivildienst und später auch in der Schauspielschule gemacht. Da wurde vieles anders gewünscht. Ich bin mit meinen selbstgewählten, manchmal recht eigenwilligen Mitteln aber auch ans Ziel gekommen.

Eine meiner Lieblingsrollen im Theater war „Der gestiefelte Kater“ für Kinder. Oder auch Mephisto. Das sind zwei Charaktere, die ganz andere Mittel und Wege suchen, um ans Ziel zu kommen. Vielleicht konnte ich mich in diese Figuren deswegen besonders gut hineinversetzen, weil ich das Herumprobieren und Experimentieren von mir selbst kenne.

Philipp Hochmair im Interview zu "Der Geier" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Richard Schabetsberger

Fühlst du dich auf diesem Weg manchmal einsam?

Ich habe gelernt, Menschen zu suchen, die ähnlich ticken. Oder die zu finden, die das auch zu schätzen wissen. Mit denen muss man sich umgeben, man muss sie um sich scharen und Allianzen schließen. Aber es bleibt ein permanenter Dialog mit der Welt und ein Kampf mit sich selbst. Das hört nie auf. Ich muss aufmerksam bleiben, flexibel, weil sich die Parameter immer wieder verschieben.

Mich strengt es an, dass es nicht immer so ist, wie ich mir das vorstelle. Die Widerstände strengen mich an, weil ich denke, es könnte doch alles so viel einfacher sein. Ich bin ein Freigeist, der sich auch immer wieder über Regeln hinwegsetzt, weil ich sie absurd finde. Ich suche die Diskussion, auch, weil sie für alle Beteiligten im besten Fall vorantreibend und inspirierend sein kann.

Warum gibst du nicht auf? Du könntest ja jederzeit sagen: Ich will das nicht mehr, ich will nicht gegen Widerstände anrennen. Aber du verleugnest dich nicht. Das kostet ja auch sehr viel Kraft.

Ich glaube, alle künstlerischen Menschen haben das in sich. Die haben diesen Antrieb, sind mit diesem Widerspruch geboren. Ich kenne es nicht anders, schon innerhalb meiner Familie war das so.

Die Hoteldirektorin Lara wünscht sich von Geier eine Waffe, um sich zu verteidigen und beschützen zu können. Aber eine Waffe wird gar nicht helfen, die ist nur fürs Gefühl. Warum brauchen wir gefühlte Sicherheit?

Das ist eine gute Frage. Lara hat das Gefühl, in Geiers Nähe nicht immer sicher zu sein. Sie will nicht ausgeliefert sein. In der Folge zuvor war sogar ihr Leben in Gefahr. Beim Drehen war das eine schöne Szene. Lara will diese Waffe unbedingt und Geier gibt sie ihr nicht. Er weiß, dass ihr das nichts bringen würde.

Die Frage nach der gefühlten Sicherheit ist interessant, wir versuchen im Krimi und in der Realität vieles, um uns zu schützen. Aber was ist im Leben schon sicher? Vielleicht schauen die Leute deswegen so gern Krimis, weil sie wissen, dass sie am Ende des Films eine Gewissheit haben. In der Realität gibt es die nicht immer.

Ich frage mich auch, warum Krimis im deutschen Fernsehen das beliebteste Format sind. Man könnte ja auch ganz andere Filme zeigen, solche, in denen wir sehen, wie man ein Leben gut gestaltet. Oder ganz romantische Filme. Aber was am meisten angeschaut wird, sind Morde und wie sie aufgeklärt werden. Es wird erzählt, warum Menschen zu Mördern werden und [indirekt] auch, wie man solche Taten erkennen und sich vielleicht besser hätte schützen können.

Ich überlege auch immer wieder, warum das so gern angesehen wird und frage mich, ob dem nicht eine eher destruktiven Denkweise zugrunde liegt. Wir könnten stattdessen ja auch mit viel mehr Zutrauen auf die Welt schauen.

Vielleicht ist das in unserem pessimistischen Kulturkreis weniger erwünscht? Dabei brauchen wir Zutrauen. Ich finde es gut, den Leuten etwas zum nachdenken mitzugeben.Vielleicht ist deine Frage nach der Waffe deswegen auch ein gutes Beispiel. Denn, dass Geier sagt: „Ich gebe dir keine“, das ist doch interessant.

Philipp Hochmair im Interview zu "Der Geier" mit Andrea Zschocher
© ZDF/Richard Schabetsberger

Warum ist dein Geier eigentlich so schambehaftet? Er hat so oft die Hände vorm Gesicht, wenn er mit anderen interagiert. Dabei ist er doch ein gestandener Mann, der weiß, was er tut. Und dann lebt er so zurückgezogen auf einer Hütte.

Er ist aus seinem Polizeialltag ausgestiegen und geht seitdem seiner Begabung nach. Das verändert sein Leben. Er ist Musiker, aber er bleibt trotzdem Polizist, das ist das Interessante an ihm.

Schambehaftet ist er, weil er sich der Polizeiwelt nicht mehr zugehörig fühlt. Er merkt, dass er eigentlich auch nicht mehr dazugehören will. Er hat den Polizeialltag ja nicht ohne Grund verlassen. Die Gesten, dass er seine Hände vors Gesicht packt, die sind ein Ausdruck dafür, dass er sich nicht ganz wohl, nicht in sich zuhause fühlt. Er fühlt sich gleichzeitig schuldig für den Fehler in der Vergangenheit, den er sich nicht wirklich verzeiht. Mir war das gar nicht so bewusst, das ist intuitiv, dass er sich so ausdrückt.

Wenn Geiers Gesten intuitiv entstanden sind, ist wie viel von deiner Arbeit Intuition und wie viel akribische Vorbereitung?

In der Regel sind bei mir ca. 40 % geplant und gebaut. Der Rest entsteht im Moment. Ich habe gelernt, dass es für mich besser ist, frei und elastisch zu bleiben und auf die Situation zu reagieren, als ein Konzept durchzuziehen.

Geier ist Musiker und Ermittler zugleich. Was reizt dich daran, Musik und Schauspiel so eng zu verbinden, und wo liegen für dich die Unterschiede auf der Bühne und vor der Kamera?

Jamsession mit Musikern als Grundverabredung ist für mich die ideale kreative Situation.
Da passiert immer etwas Neues, Unerwartetes. Und das ist auch der Unterschied zwischen Film und Bühne. Auf der Bühne gibt es zwar eine klare Spielverabredung, aber man ist frei zu improvisieren. Beim Film und vor allem beim TV ist ja alles sehr genau festgelegt. Und eigentlich sind es dort dann die Cutter, die Produzenten, die Komponisten und Sounddesigner, die in der Postproduktion improvisieren und „jammen“ können.

Am Ende führt aber ja genau diese Teamarbeit zum gemeinsamen kreativen Werk. Denn jede einzelne Person ist wertvoll und hat ihren individuellen Anteil. Daher bin ich dankbar über das gemeinsame Schwingen, wie ich es bei „Der Geier“ erleben durfte und hoffe, dass die Zuschauenden beim Film diese Energie spüren.

„Der Geier“ läuft am 2. November um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ könnt ihr den Film jederzeit in Web & App vom ZDF schauen. Gerade hat Philipp Hochmair auch seine Tourdaten für 2027 für seinen „JEDERMANN RELOADED“ veröffentlicht. Tickets könnt ihr u.a. hier kaufen.


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