Mit Süheyla Ünlü sprechen, setzt ganz viele neue Gedanken frei. Denn die Schauspielerin lässt einen nicht nur am Nachdenken teilhaben, zusammen entwickelt sich das Gespräch auch immer weiter. Ich muss gestehen, dass ich vor dem Interview etwas Sorge hatte, dass ihr meine Kritik an ihrer Figur Soraya zuviel sein könnte. Um das aber noch mal klarzustellen: Ich kritisiere auf keinen Fall Süheyla Ünlü und ihr Schauspiel, die verkörpert die Soraya absolut glaubwürdig. Mein Problem liegt in der Figurenbeschreibung selbst. Darauf hat Süheyla gar keinen Einfluss. Und trotzdem ist sie es, die sich mit mir in dieses Gespräch begibt. Deswegen: Danke, dass du dich dem ausgesetzt hast, Süheyla Ünlü!
Die Frage, die mich in Bezug auf deine Figur Soraya am meisten beschäftigt ist: Warum hält sie an Leon fest?
Süheyla Ünlü: Diese Frage kläre ich auch immer wieder mit mir selbst. Es gibt verschiedene Aspekte. Zum einen ist er für sie durchaus attraktiv, weil er jünger ist, weil sie in ihm ihr früheres Ich erkennt. Er hat eine Naivität, die sie sich nicht mehr erlauben kann. Soraya ist viel strukturierter, Leon sehr unbedarft. Sie hat ein Kind und kann sich das gar nicht mehr so sehr erlauben. Aber weil sie mit ihm zusammen ist, kann sie das zumindest erleben. Die Sexualität, die die beiden miteinander haben, wird auch ein Punkt sein. Das hält sie jung, ist ein Antrieb in dieser Beziehung.

Ich sehe deine Punkte. Und frage mich gleichzeitig, ob eine Frau für Frauen wohl auch solche Drehbücher schreiben würde?
Die Frage stelle ich mir natürlich auch, weil es unterschiedliche Gaze [Blickwinkel] auf unterschiedliche Thematiken gibt. Ich bin eine feministische, aktivistische Frau, aber es gibt ja auch ganz viele Frauen, die gern die Mutterrolle in der Partnerschaft übernehmen. Wenn ich mit anderen Frauen spreche, dann gibt es einige, die gern die vollständige Kontrolle in der Beziehung wollen. Die finden sich dann eher in den Momenten wieder, die wir im Film zeigen.
Und es gibt ja auch Momente, in denen sich Leon sehr fürsorglich um ihren Sohn kümmert. Das spricht etwas an, das sie aus ihren vorherigen Beziehungen nicht kennt und nicht verlieren möchte.
Ich bin umgeben von extrem coolen Frauen, die Leon vermutlich achtkantig rauswerfen und fordern würden, dass er seinen Shit geregelt bekommt. Soraya ist da anders, sie ist auch anders aufgewachsen. Und das kann auch eine Sichtweise sein.

Fernsehen zeigt für viele Menschen auch Realität, auch wenn das gar nicht stimmen muss. Dann werden im Zweifelsfall im Alltag Frauen doch wieder als anstrengend empfunden, weil sie ihre Meinung sagen. Das sieht man im Fernsehen halt weniger.
Ich hatte mit einer Kollegin vom Theater ein ähnliches Gespräch darüber. Dass bei Frauen in Filmen manchmal gar nicht die Geschichte im Vordergrund steht, sondern das Aussehen oder die Kleidung, die getragen wird.
Da gibt es Frauenrollen, die nur dazu geschrieben wurden, irgendeinem Typen zu mehr Sendezeit zu verhelfen.
Beim Theater ist das ganz anders, viel gleichberechtigter.
Ich bin recht neu in der Fernsehwelt und wirklich froh, dass ich mich mit solchen Koryphäen wie Annette Frier und Carmen-Maja Antoni austauschen kann. Carmen-Maja Antoni kommt ja auch vom Theater, sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund. Das ist wichtig, damit sich etwas verändert. Und auch, um neue Wege zu finden. Annette hat das mit ihrem Format ja auch gemacht. Das gab es vorher nicht. Und jetzt ist es da und so super erfolgreich.
Ich will dich eigentlich nicht fragen, weil ich finde, dass andere das erklären müssen, aber damit das Gespräch überhaupt darauf kommt: Wieso sind die meisten Filme so wenig divers? Oder es gibt genau eine Figur, die alles abdecken muss?
Meist sind das auch Figuren, die nur einen Tagesauftritt haben, kleinere Rollen. Es gibt kaum Hauptrollen mit diversem Background. Damit könnten wir doch mal anfangen. Das muss aber auch inhaltlich stimmen. Diversität um des Namens willen leistet gar nichts.
Und es muss sich durch alle Gewerke ziehen. Es kann nicht sein, dass die Regie das gern umsetzen will, die Redaktion dann aber ganz anders darüber denkt. Es braucht auch viel mehr Schauspieler*innen, die besetzt werden sollten. Es gibt doch mehr als die immer gleichen Gesichter, die Geschichten erzählen können. Das gibt es am Theater auch, aber beim Film ist es schon extremer, weil die Sichtbarkeit auch eine ganz andere ist.

Wie bleibst du dir selbst treu unter diesen Bedingungen?
Ich setze bewusst Grenzen. Wir Frauen neigen dazu, Extraaufgaben auch mitzumachen, aber ich halte mir vor Augen: Ich bin diplomierte Schauspielerin, andere Jobs stehen nicht in meiner Stellenbeschreibung.
Ich möchte nicht aus Angst agieren, weil ich etwas verlieren könnte. Ich wünsche mir aber, dass andere mitziehen. Wir müssen wegkommen von diesen alten tradierten Weltbildern, und da müssen alle dabei helfen.
Meinem Gefühl nach ist es im Theater etwas gemeinschaftlicher, da werden die Stimmen mehr gehört und auch mehr diskutiert. Hier gibt es bestimmte Autonomieräume, in denen man freier sein kann. Beim Film ist das radikaler, weil da verschiedene Verantwortungsbereiche zusammenkommen, die sich gar nicht berühren. Ich spiele am Set, aber dann kommen noch andere Gewerke dazu. Sei das Musik, sei es der Schnitt. Ich habe längst Feierabend, wenn deren Arbeit beginnt. Dadurch gibt es auch weniger Austausch.

Was wären für dich Dinge, die dir deine Arbeit am Film erleichtern würden?
Bestimmte Konsensregeln würden helfen, wenn alle sie verinnerlicht hätten. Wenn es Sensitive Readings für bestimmte Sachen geben würde, gerade was klischeeisierte, rassistische und sexistische Bilder angeht. Es würde helfen, das vorher noch mal jemanden lesen zu lassen, der ein anderes Augenmerk darauf hat. Die Personen wären dann auch dafür zuständig, das anzusprechen, damit es nicht an Einzelpersonen hängen bleibt.
Ich wünsche mir, dass Leute sich trauen, ein bisschen über ihre Komfortzone hinauszugehen und Verhaltensmuster nicht stillschweigend hinnehmen.
Ich habe letzten mit Anna Roller, der Regisseurin von „Allegro Pastell“ über Intimacy Koordination gesprochen, auch so ein spannendes Thema. Und mit Zinnini Elkington, die „Nachbeben“ gedreht hat, über Ängste und Fehler. Glaubst du, es würde der Filmlandschaft gut tun, wenn es mehr Regisseurinnen gäbe?
Ja! Weil es ein Verständnis von bestimmten Themen gibt, mit denen wir uns aufgrund unseres Geschlechts auseinandersetzen müssen. Ich finde auch, dass wir Intimacy Koordinator*innen normalisieren sollten. Die greifen nicht in das künstlerische Geschehen ein, sondern sorgen dafür, dass die Atmosphäre, in der die Schauspielenden arbeiten, angenehm und professionell bleibt. Ich habe gemerkt, dass es schon für einen einfachen Kuss im Film hilfreich ist, eine Choreografie zu erarbeiten. Damit es nicht so unbeholfen wirkt.
Von Regisseurinnen habe ich schon das Angebot bekommen, dass man Bescheid sagen soll, wenn sich etwas nicht gut anfühlt oder zu viel ist. Bei jüngeren männlichen Regisseuren ist das auch so. Wäre doch gut, wenn alle diesen Sinneswandel mitgehen würden.
Beim Theater merke ich das auch, dass Ältere belächeln, wenn junge Regieschaffende eine neue Art der Regieführung haben. Sie glauben, dass Erfahrungswerte wichtiger sind als diese Zusammenarbeit, vertrauen dann der Person aber gar nicht. Wenn Menschen transparent mit ihren Ängsten umgehen, empfinde ich das als Erleichterung. Weil wir dann zusammen daran arbeiten können. Ich ziehe meinen Hut vor den Regieschaffenden, wenn sie so offen kommunizieren.
„Merz gegen Merz Geständnisse“ könnt ihr ab sofort jederzeit in Web & App vom ZDF schauen. „Merz gegen Merz Entscheidungen“ findet ihr ebenfalls schon jetzt in Web & App vom ZDF, ausgestrahlt wird der Film erst am 20. August um 20:15 Uhr im ZDF.

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