Ich habe Laura Tonke schon mal zu „Feste und Freunde“ interviewt und denke auch gern an dieses Gespräch zurück. Deswegen habe ich mich sehr gefreut. dass wir uns anlässlich ihres neuen Films „Frau Winkler verlässt das Haus“ wiedergetroffen haben, weil ich schon wusste, dass das nur ein gutes Gespräch werden kann. Und diesmal hat Laura Tonke auch einen Buchtipp für alle im Gepäck, die sich vielleicht so ein bisschen wie Emi, die Figur, die Laura Tonke im Film spielt, fühlen.
Im Interview sprachen wir über die Rush Hour des Lebens, über Dinge, die uns manchmal peinlich (aber so so menschlich sind), über Beppo den Straßenkehrer, KI und unbewältigte Traumata. Ich sag ja, mit Laura Tonke kann man sehr sehr gut reden. Welches Thema treibt euch gerade um?
Emi rast so wahnsinnig durch ihr Leben. Hast du einen Tipp für all die Leute, die sich diesen Film angucken und an sich zweifeln, weil sie denken: „Aber Emi schafft’s ja irgendwie“?
Laura Tonke: Ich kann nur sagen: So, wie Emi lebt, so geht’s auf keinen Fall. Wir kennen das alle. Ich habe über dieses Durchs-Leben-Rasen auch viel gelesen und mich mit Doris [Dörrie] darüber unterhalten. Man kann so gut mit ihr reden, für mich ist sie eine wandelnde Lebensberatung.
Sie hat mir „Müdigkeitsgesellschaft„* [von Byung-Chul Han] empfohlen. Da geht es unter anderem darum, dass wir einfach keine Pausen mehr haben. Früher hatte man, ein beinahe altmodisches Wort, Feierabend. Den gibt’s nicht mehr. Diese Grenzen werden in alle Richtungen überschritten. Wir bekommen heute auch nachts um 1 Uhr noch Mails und denken uns dann: Ach komm, ich antworte schnell, dann habe ich das vom Tisch.
Gerade frage ich mich mal wieder, wie ich diesen stressigen Anteil des Lebens etwas weiter von mir fernhalten kann. Ich frage mich, ob ich es schaffe, mir einen künstlichen Feierabend einzurichten. In der Theorie geht das ja relativ einfach: Computer zu und Handy im Auto lassen. Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich um 23:30 Uhr noch arbeite, weil ich es dann erledigt habe.
Ich musste neulich an Beppo, den Straßenkehrer aus „Momo“ denken. An die grauen Herren und wie Momo ins Schnellrestaurant kommt und niemand Zeit für sie hat. So sehe ich inzwischen unsere Gesellschaft.

Lustig, ich denke in stressigen Situationen auch immer an das Hörspiel und dieses „Strich für Strich“, so, wie Beppo es getan hat. Und so habe ich auf den Pawlowitsch geguckt. Das, was der tut, da macht die KI zum ersten Mal wirklich Sinn für mich.
Das verstehe ich. Doris hat diese Bandbreite der KI sehr gut abgebildet. Man geht während des Schauens durch ganz verschiedene Gefühle. Erst Ablehnung, dann Verständnis. Dann die Überlegung, was er alles für sie tut, wie genial das sein kann. Er singt mit ihr. Das können Roboter heute ja auch und das ist besonders für demenzkranke Patient*innen wirklich super.
Gleichzeitig ist es traurig, dass es keine Menschen mehr machen, dass die nicht mehr dafür bezahlt werden. Und auch, dass es gar nicht genug Menschen gibt, die sich die Zeit dafür nehmen. Denn es profitieren ja nicht nur die Demenzkranken. Auch die, die mit ihnen singen, bekommen dadurch eine Aufgabe. Ich finde, wir nehmen uns unsere Menschlichkeit immer mehr weg.
Apropos Menschlichkeit: Macht dir KI in Bezug auf Fakes Angst? Es gibt ja so viele Filme und Fotos von dir, dass es eine echte Gefahr gibt.
Ich glaube, es gibt jüngere Schauspielerinnen, die das aus verschiedenen Gründen viel eher betrifft. Ich fühle mich da nicht so angreifbar. Aber es gab diese Zeit, auch vor KI.
Ich weiß, dass, als ich Mitte 20 war, die Leute vor allem „Laura Tonke naked“ gegoogelt haben. Und da waren Fotos zu finden, wie Leute mich aus Filmen abfotografiert haben. Mich hat das sehr erschrocken und dann stand die Frage im Raum: Nehme ich jetzt viel Geld in die Hand, um das löschen zu lassen. Denn das kostete damals Geld.
Ich musste das akzeptieren, konnte mich nicht wehren. Was ich damit sagen will: Leider gibt es diese illegale Nutzung von Gesichtern und Körpern schon immer. Der einzige Schutz dagegen wäre, sich nicht mehr, auch wenn es für die Rolle wichtig ist, auszuziehen.

Im Film heißt es: „Keine Emotion hält länger als 10 Sekunden, wenn du sie nicht weiter fütterst“. Bei den schönen Emotionen wollen wir, dass sie nie enden, bei den negativen hoffen wir, dass sie ganz schnell vorbei sind. Wie stehst du zu diesem Satz?
Ich mag an dem Satz die Frage, warum wir vergessen, Dinge auszuhalten. 10 Sekunden erscheinen mir sehr wenig, aber sagen wir, man muss etwas eine Minute aushalten. Eine Minute Angst oder Anxiety. Oder die Lust auf etwas Süßes. Einfach mal aushalten, nicht nachgeben. Ich erzähle dir jetzt etwas, um mich davon zu befreien, dass ich mich ein bisschen dafür schäme. Ich muss Handyspiele immer von meinem Handy löschen, weil es immer mal wieder Phasen gibt, in denen ich drei Stunden durchspiele. Das ist super ungesund und ich weiß das auch. Aber ich mache das manchmal, statt den Drang, spielen zu wollen, einfach eine Minute auszuhalten. Denn dann wäre der ja weg.
Dieses ganze Dopamingefüttere durch unsere Smartphones, das sorgt dafür, dass wir immer weniger aushalten. Auch das Nichtwissen übrigens. Wir müssen doch nicht immer auf alles eine Antwort haben. Und doch googeln wir sofort, fragen ChatGPT jeden Kleinkram. Aber wir können eigentlich auch ganz gut damit leben, drei Tage mal keine Antwort auf die Frage zu haben, wie die Hauptstadt von Peru heißt oder wie ich auf eine Mail reagieren soll.
Ich finde es gefährlich, wie sehr Menschen der KI vertrauen, aber nicht zwangsläufig anderen Menschen. Das sehen wir ein bisschen auch in „Frau Winkler verlässt das Haus“. Da lässt sich die Mutter von der KI durchaus berühren.
Menschen vergessen, dass jede KI mit jedem Menschen anders ist. Sie entwickelt sich nach den Wünschen der Person, die sie füttert, und bietet dann ganz unterschiedliche Sachen an. Frau Winkler treibt die KI im Film ja zu Höchstleistungen.
Wie der Roboter sein wird, wenn er wieder auf null gesetzt und an die nächste Person übergeben wird, das wissen wir nicht. Vielleicht ist die ganz enttäuscht?
Ich glaube, Menschen vertrauen der KI, eben weil wir sie selbst prägen, weil wir sie so stark an uns anpassen. Und der Belohnungsmechanismus der KI, der spielt natürlich auch eine Rolle. Du nervst die KI nicht, wenn du 100 Mal das Gleiche fragst. Das fühlt sich dann an, als könnte KI eine Art Therapeut sein. Und genau das ist doch die Gefahr.
Wir verlernen dadurch, wie wir auf Menschen reagieren, wenn wir Widerspruch bekommen. Denn Menschen finden ja gar nicht immer gut, was man so macht. Die sagen, anders als eine KI, nicht unbedingt: „Da hast du aber schön drüber nachgedacht“, sondern vielleicht eher: „Bist du doof?“.
Bei mir bleibt nach der Nutzung von KI schon oft ein hohles Gefühl zurück. Aber das habe ich bei Pawlowitsch, dem Roboter im Film, natürlich nicht so empfunden.

Emi hat unbewältigte Traumata mit ihrer Mutter und trotzdem konfrontiert sie sie nicht damit. Warum fällt es so schwer, unsere Eltern zu konfrontieren?
Ich glaube, das ist in erster Linie eine Schmerzvermeidung. Emi möchte sich selbst keine Schmerzen zufügen, aber den anderen auch nicht. Denn dafür muss man bereit sein. Ich glaube nicht, dass Emi schon so weit ist. Das wird noch ein paar Jahre dauern.
Vielleicht ist es auch manchmal zu spät, Dinge anzusprechen. Dann kann man es sowieso nur mit sich selbst klären. Aber letztlich geht es ja auch genau darum. Traumata kann man nur für sich selbst klären. Das ist wie mit dem Verzeihen. Das macht man auch nur für sich und niemanden sonst.
„Frau Winkler verlässt das Haus“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Das Interview mit Regisseurin und Drehbuchatorin Doris Dörrie findet ihr ebenfalls auf dem Blog.
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