Jule Hermann in „München Beats“ empfand ich als eine Wucht. Sie spielt ihre Linda mit soviel Leichtigkeit und Zuversicht, dass ich dachte: Wir alle brauchen diese Lebenslust. Es kann nur ein Gewinn sein, wenn jemand, trotz großer Herausforderungen, sich so ins Leben wirft und die eigene Leidenschaft findet und ihr nachgeht.
Im Interview sprechen wir nicht nur über die Serie sondern auch über Wut, Gender Pay Gaps (well, wer da nicht wütend wird…) und den Schauspielberuf. Ich freue mich sehr, wenn ihr mir erzählt, wie viel Leichtigkeit ihr gerade in eurem Leben spürt.
Wie hast du es geschafft, Linda mit so einer Leichtigkeit zu spielen?
Jule Hermann: Danke, es freut mich, dass du das so empfunden hast. Ich habe auf diese Frage aber gar keine richtige Antwort.
Wir haben im letzten Sommer gedreht, damals war ich 20. Für mich war das ein genialer Sommer, eine schöne Zeit. Und das transportiert sich einfach auf der Leinwand. Ich habe natürlich all meine Schauspieltechniken angewandt, ich studiere ja auch gerade Schauspiel an der Konrad Wolf. Aber im Endeffekt habe ich einfach diese Lebenslust gespürt und glaube, dass sich das auf die Leinwand übertragen hat.
Man sagt ja, dass man immer auch ein bisschen von sich selbst mit in eine Rolle nimmt. Es ging mir letzten Sommer wahnsinnig gut und diese Energie habe ich rübergebracht.

Du studierst gerade Schauspiel. Wie ist es für dich, dann bei so einem Projekt mitzumachen?
Wenn alles gut läuft, mache ich dieses Jahr meinen Abschluss. Ich bin jetzt auch gerade wieder bei einem Projekt dabei und dann für Monate aus der Uni raus. Das muss man natürlich immer besprechen. Ich kenne das seit ich mit acht Jahren mit Schauspiel angefangen habe und hatte das Glück, dass ich immer wieder für Dreharbeiten wegbleiben durfte.
An der Filmuniversität besteht natürlich auch ein Interesse daran, dass wir drehen. Das wird schon sehr unterstützt. Und gleichzeitig ist klar, wenn du da bist, dann musst du da all deine Energie reinstecken, musst gut sein. Es muss klar sein, dass du auch ein Interesse an dem Studium hast. Denn ein Schauspielstudium lebt natürlich von Präsenz, das lässt sich nicht über den PC machen. Und ja, es ist auf jeden Fall eine Doppelbelastung. Es muss auch klar sein, dass das eine immer unter dem anderen leiden wird. Man kann nicht 100 % studieren und drehen gleichzeitig.
Was muss eine Rolle haben, dass du diese Doppelbelastung auf dich nehmen willst?
Das ist eine gute Frage. Ich frage mich immer, was ich mit der Rolle erzählen möchte? Was sagt diese Rolle, was es noch nicht gibt? Ich finde, es gibt in Deutschland zu wenig geile Frauenrollen.
Ich möchte Frauen spielen, die etwas zu sagen haben, die für etwas kämpfen, bei denen sich nicht alles um Männer dreht. Das sind Kategorien, die ich mir angucke und wenn das alles gegeben ist, dann schaue ich mir die Rolle genauer an.
Und gleichzeitig muss ich auch zugeben: Ich habe auch Rollen gespielt, bei denen sich alles um den Mann dreht. Dann gibt’s aber andere Aspekte, die mich daran reizen. Und am Ende des Tages geht es auch darum, über die Runden zu kommen.

Ein wichtiger Punkt, über den meiner Meinung nach zu wenig gesprochen wird. Denn nicht alle Schauspielenden bekommen ja die superkrassen Gagen und den Gender Pay Gap gibt es auch im Schauspielberuf.
Wir sind jetzt in einer Zeit, wo alles möglichst transparent ist und natürlich reden wir jetzt alle über alles, was gut ist. Aber was Frauen in der Branche immer noch durchmachen müssen, das ist ein absolutes Armutszeugnis. Da ist die Bezahlung vielleicht auch nur ein klitzekleiner Teil von so vielen Dingen, an denen noch gearbeitet werden muss. Und doch gibt es ja einen guten Weg.
Bei „München Beats“ durfte ich unglaublich viel mitbestimmen, durfte entscheiden, wie Linda sein sollte, was ich aus der Rolle herausholen will. Sie ist eine junge Frau in den 90er Jahren auf dem Land. Sie kann in vielen Bereichen nicht so aufgeklärt sein, wie ich es heute bin. Ich habe irgendwann auch verstanden, dass ich nicht jede Figur, die ich spiele, den Kampf führen lassen kann, den ich als Frau privat führen würde.
Es gibt natürlich Szenen, in denen sich Linda beweisen muss, aber sie macht das auf ihrer Art und Weise. Ich habe akzeptiert, dass jede Frau mit Konfrontationen und Ungerechtigkeiten anders umgeht. Ich privat würde auf die Barrikaden gehen, anfangen rumzustänkern, weil ich gemerkt habe, dass ich so an mein Ziel komme. Ich mag es aber, dass Linda anders ist. Sie hat eine Positivität, die ich mir gar nicht mehr erlauben kann. Sie hangelt sich von einem Ding zum nächsten und schafft alles. Manche empfinden sie dafür vielleicht als naiv.
Ich empfand sie als dem Leben zugewandt, sie wirft sich in alles rein. Und ihre Weltsicht gerät eigentlich nur bei wirklich schlimmen Dingen ins Wanken.
Ganz genau. Es gibt einiges, was auch nur anerzählt wird. Da mag sie naiv rüberkommen, aber ich finde sie genial, weil sie sich auch da behauptet. Sie weiß manches nicht besser und ist dann in diesen Situationen ganz sie selbst.
Als ich das Drehbuch das erste Mal gelesen habe, war ich fast genervt von ihr, weil sie immer wieder vom Leben so viel auf die Fresse kriegt, und immer wieder versucht, das Beste draus zu machen.
Es gibt diese Szene mit ihrem Chef, wo er sagt, dass sich irgendwann alle outen werden. Das ist ein Dialog in der deutschen Eiche zwischen Lindas Chef und Linda, nachdem Andi (Lindas Bruder) aufgrund von Homophobie von seinen Freunden fast zu Tode geprügelt wurde.
Das war beim Drehen sehr emotional. Es hat an dem Tag geregnet, es waren 10 Grad und Linda schlägt da zum ersten Mal so richtig auf dem Boden auf. Manchmal braucht man genau das, Boden unter den Füßen und manchmal muss man leider ein bisschen auf die Fresse fliegen. Linda schöpft daraus ja auch ganz viel. Das kann sehr inspirierend sein.

Mich hat diese Szene mitgenommen, weil sich das, was Lindas Chef [gespielt von Michael Grimm] da sagt, eben bis heute nicht erfüllt hat. Und ich mich immer frage: Warum sind wir denn in dem Punkt nicht weiter?
Ich verstehe deine Gedanken. Wir leben in einem patriarchalen System, was Menschen, die anders ticken als der große Rest, nicht bedient. Das wurde vor Jahrhunderten mal von Männern festgelegt und hat sich seitdem nicht genug verändert.
Ich merke immer, in welcher Bubble ich lebe, ich zähle zur Community und fühle mich darin so frei und aufgehoben. Aber das ist ja nur in meiner Bubble so. Außerhalb meines tollen Freundeskreises ist es nicht überall so und das macht mich wirklich wütend. Ich bin grundsätzlich extrem wütend.
[Sie überlegt] Vielleicht gehört Wut zum Erwachsenwerden dazu?
Wie gehst du mit dieser Wut um?
Rauslassen. Mit meiner Bubble darüber sprechen. Ich habe leider schon viele Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch und Belästigung auch in Teenagerjahren und auch an Sets machen müssen. Da ist so viel vorgefallen.
Inzwischen bin ich da ganz bei mir und nutze meine Stimme, spreche darüber. Ich werde inzwischen laut bei diesen Themen. Früher war ich total zurückhaltend, wollte das nicht zum Thema machen. „Alles gut“, war immer meine Antwort. Das habe ich mir abgewöhnt, weil es keinen Sinn ergibt. Lieber setze ich meine Grenzen zu hart, riskiere es, als anstrengend zu gelten, als am Ende die Leidtragende zu sein. Denn ich trage die Konsequenzen, wenn etwas passiert. Bestimmten Menschen muss man zeigen, dass nicht alles geht.
Es ist wichtig, Raum einzunehmen. Auf den Beruf bezogen, mache ich das schon eine ganze Weile, aber ich lerne noch, das auch im Privaten zu tun. Wichtig ist auch, sich zu informieren, mit Menschen zu sprechen, die andere Voraussetzungen haben als man selbst. Wir alle haben zu verschiedenen Themen keinen Bezug. Da kann man sich doch von Leuten unterstützen lassen, neue Wege aufgezeigt bekommen. Wir müssen zusammenhalten, Verbündete sein. Mich muss nicht jedes Thema selbst betreffen, damit ich als Verbündete für andere einstehen kann.
Ich versuche in letzter Zeit auch mehr auf das zu schauen, was funktioniert. Denn auch da gibt es ja vieles.

Und wo tankst du auf? Denn für andere und sich selbst einzustehen, erfordert auch viel Kraft.
Ich bin total gerne alleine. Ich habe ein Zuhause, was mich sehr glücklich macht, habe viele Hobbies, für die mir manchmal die Zeit fehlt. Ich arbeite gerade viel, da tut es mir gut, manchmal nur auf dem Bett zu liegen, an die Decke zu schauen und nichts zu denken.
Ich höre gern Musik, die begleitet mich überall hin. Ich gehe auf lange Spaziergänge mit Lieblingsmusik auf den Ohren oder entdecke Städte. Da kann ich mich auch allein in ein Café setzen, das habe ich während der Dreharbeiten zu „München Beats“ ganz oft gemacht. Ich habe viele Freunde in München, aber ich wollte die Zeit da auch bewusst allein verbringen. Mein Leben hat sich quasi am Set abgespielt und außerhalb davon, war ich mit Kopfhörern unterwegs und bin gelaufen.
Ist Techno ein Thema für dich? Diese Szene ist für viele Menschen ja ein wichtiger Anker.
Techno bedeutet für mich Freiheit. Man kann sich entfalten, tun, was man will. Natürlich verändert sich auch diese Szene gerade, aber meistens ist das ein respektvoller Raum. Ein Raum der Queerness, des sich Auslassens. Solche Räume sind so wichtig. Ich gehe nicht oft feiern, aber wenn, dann merke ich jedes Mal, dass Techno einen respektvollen Rahmen bietet, in dem man sich ausleben kann.
„München Beats“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 26. und 27. August wird die Serie, jeweils in Doppelfolgen, um 20:15 Uhr im ZDF gezeigt.
Die vierteilige Serie wird euch hoffentlich nicht nur in die 90er zurückversetzen (oder überhaupt erstmal dahin ;D) sondern auch über Techno und die Raveszene nachdenken lassen. Und über die Frage, wie viel Kunst und Kultur ihr so in eurem Leben habt. Schreibt mir gern, was die Miniserie bei euch ausgelöst hat.

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