Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher

Linus Moog: „Wahre Stärke ist, füreinander einzustehen, laut zu sein für die, die es nicht sein können, und als Privilegierte anderen Raum zu geben.“

Ich mag es, wenn Filme mich herausfordern. Wenn sie mich mit Themen konfrontieren, die ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Wir alle haben diese blinden Flecken, durch Filme kommen wir ganz anders mit ihnen in Berührung. Und so habe ich mich sehr gefreut, dass Linus Moog mit mir über seinen neuen Film „Free at heart“, die Dreharbeiten und das wirklich kaum besprochenen Thema Inzest sprechen wollte.

Bevor ihr jetzt abwinkt und sagt: Nee, lass mal, DAS ist nun wirklich kein Thema für mich: „Free at heart“ ist eine Einladung, sich überhaupt mal mit dem Thema queerer Inzest auseinanderzusetzen. Ich hatte dazu im Vorfeld des Films gar keine Meinung. Und muss ehrlich gestehen: Auch jetzt bin ich unsicher. Das auszuhalten finde ich wertvoll. Mit Linus Moog habe ich aber nicht nur darüber gesprochen, sondern auch über Liebe im Allgemeinen, Reaktionen und Kommentare auf Filme und Männlichkeitsbilder.

Wie bereitet man sich auf eine Rolle wie diese vor?

Linus Moog: Es gab einen großen Castingprozess, da nach meiner Figur „Sebastian“ öffentlich gecastet wurde. Über 1000 Leute haben sich beworben, was ich damals zum Glück aber nicht wusste. Ich habe das Drehbuch bekommen und es hat sich sofort stimmig angefühlt. Für mich war es das schönste Drehbuch, das ich je lesen durfte, es hat mich sofort berührt.

Ich hatte relativ schnell einen Zugang zu Sebastian, auch wenn ich ganz anders groß geworden bin. Mein Umfeld war viel weniger konservativ, ich habe auch keine Geschwister, bin in der Stadt aufgewachsen. Und trotzdem habe ich mich Sebastian sofort verbunden gefühlt, weil wir beide diesen offenen Blick auf die Welt teilen. Wir haben beide auch eine gewisse gesunde Naivität, mit der wir an Dinge rangehen. Darüber habe ich auch versucht, ihn mir zu erarbeiten.

Wichtig für mich war, dass ich das große Thema [Inzest] bei der Beurteilung der Rolle erstmal außen vor lasse.

Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher
© Junifilm

Aber ist das nicht extrem schwierig? Immerhin finden Dreharbeiten ja nicht chronologisch statt. Du musst dich also permanent, wenigstens im Hinterkopf, damit auseinandersetzen.

Genau das hat mich aber auch gereizt. Wann hat man denn die Möglichkeit, sich mit dem Thema Inzest zu beschäftigen? Ich habe das Gefühl, wir haben nicht mehr so viele Tabus in Deutschland, aber das ist eines, über das gar nicht gesprochen wird. Und ich wusste auch kaum etwas darüber.

Die große Kunst ist es, beim Spielen zu vergessen, was ich weiß. Ich will meine Figuren grundsätzlich nicht von außen beurteilen. Ich will sie verstehen, sonst könnte ich manche ja nicht spielen. Ich lebe sehr im Moment des Spiels und will alles erleben.

Das mag kontrovers sein, aber ich habe mich beim Schauen deines Films dabei erwischt, dass ich mich gefragt habe: Wo ist denn eigentlich das Problem bei Inzest zwischen Brüdern?

Cool, dass du es so empfunden hast. Bei den Screenings, die wir bisher hatten, war das auch oft das Feedback. Man merkt schon eine gewisse Anspannung im Kinosaal, aber mich freut es erstmal, dass die Leute sich überhaupt auf das Thema einlassen. Denn das ist ja durchaus herausfordernd.

Der Film schafft es, dass man den Inzest aber auch vergessen oder verdrängen kann, weil man mit diesen zwei Menschen mitfiebert, die sich lieben und die selbst nicht verstehen, warum das so ist. Max [Hegewald, der Drehbuchautor und Regisseur des Films] hat das wirklich ganz toll geschrieben.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich den Film anschauen und sich fragen, ob man Liebe verdrängen, unterdrücken oder verbieten kann und möchte. Denn das fragt der Film ja auch. Wir legen das an einem sehr spezifischen Beispiel dar, ich hoffe aber, dass die Leute sich diesen Fragen stellen.

Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher
© Salzgeber

Was ist Liebe?

Ich glaube, Liebe ist einander wirklich zu sehen. Es ist dieses tiefe Wahrnehmen des Gegenübers. Man nimmt die Person so, wie sie ist, und gibt ihr den Raum, in dem sie sich entfalten und sie selbst sein kann. Das passiert mit wahrer Liebe.

Ich liebe meine Freund*innen wirklich sehr und wir haben diesen offenen Raum miteinander. Wir supporten uns, schätzen uns wert. Und wir hören einander wahrhaftig zu. Das ist auch Liebe.

Ich finde deinen Punkt, dass Freundschaft auch Liebe ist, so wichtig. Viele Menschen rennen dieser einen Lebensliebe hinterher, weil uns gesellschaftlich mitgegeben wird, dass eine romantische Beziehung das Wichtigste ist. Aber wenn ich drüber nachdenke: Die Lieben, die am längsten in meinem Leben existieren, sind meine Freundschaften.

Das ist bei mir auch so. Ich habe sehr viel Liebe zu geben und empfinde das als großes Privileg. Man muss damit leider auch ein bisschen aufpassen, das lernt man irgendwann. Ich wünsche mir ein Umfeld, das mich stärkt und mir Halt und Sicherheit gibt.

Ich habe gemerkt, dass der Film mir Widersprüche zeigt. Wie stehe ich selbst dazu, wenn zwei Brüder miteinander Sex haben? Ich habe dann dazu recherchiert. Laut Gesetz ist der Akt, den Penis in die Vagina der biologischen Schwester zu stecken, strafbar. Und ich merke, dass mich diese Erklärung in meinen Widersprüchen gar nicht weitergebracht hat.

Ich habe in meiner Recherche auch festgestellt, dass es dazu gar nicht so viel Material gibt. Homosexuelle Beziehungen sind da kein Thema. Das war auch in der Produktion interessant.

Als Locations gesucht wurden, war das Problem nicht, dass es um eine inzestuöse Beziehung geht. Das Problem war, dass es zwei männliche Personen sind, die sich lieben. Ich dachte, dass wir schon seit Jahren über diese Homophobie hinweg sind und dass der Inzest das große Tabu ist. Mich hat erschrocken, dass das nicht so war. Wir haben noch einen viel weiteren Weg vor uns, als wir denken. Wie furchtbar!

Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher
© Carsten Moog

Ein Thema, das mich bei allen Filmen, die sich mit queerer Liebe beschäftigen, umtreibt, ist die Frage, warum sich Menschen outen müssen. Denn Heterosexuelle outen sich auch nicht.

Ich finde, niemand sollte sich outen müssen. Und mich besorgt, wie gerade vieles wieder schlimmer wird, auch für unseren Film. Wir haben den vor drei Jahren gedreht, davor wurde er viele Jahre entwickelt. Max hat knapp 12 Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Das ist ein wahnsinnig langer und harter Weg. Das Buch lag überall und hat viel Zurückweisung bekommen. So oft haben Leute gesagt, dass es ein toller Stoff ist und trotzdem hat dann der Mut gefehlt, es wirklich durchzuziehen. Max hat sehr dafür gekämpft. Wenn ich mir anschaue, was sich allein in den letzten drei Jahren verändert hat, seit wir den Film gedreht haben, macht mir das Angst.

Es hat sich so verschlimmert, dass sich manche nicht mehr trauen, diesen Film zu präsentieren. Dabei läuft der Film da, wo er auf LGBTQIA+-Festivals gezeigt wird, in Mexiko, Oslo,Taiwan und den Staaten super.

Warum schauen eigentlich nicht mehr Heterosexuelle queere Filme? Man kann doch auch so viel dabei lernen und vielleicht auch über sich selbst herausfinden.

Ich glaube, die allermeisten Menschen haben überhaupt kein Thema mit Queerness. Aber zu viele schweigen dazu. Und deswegen fühlt sich dieser kleine Prozentsatz der Hater so laut und wichtig an. Die paar Prozent überlagern den ganzen Diskurs. Man muss sich aber daran erinnern, wie viele wir sind. Wir müssen nur aktiver werden, unseren Mund aufmachen. Denn wir alle lernen dazu und das ist immer ein Gewinn.

Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher

Bist du vorbereitet auf das, was kommen könnte, wenn dieser Film in Deutschland startet?

Ich beschäftige mich viel mit dieser Frage und glaube, dass ich mich nicht zu 100 % vorbereiten kann. Natürlich habe ich mir von Beginn an dazu Gedanken gemacht. Ich weiß auch, dass das Drehbuch von einigen Agenturen gar nicht erst an Klienten weitergeleitet wurde, sodass Schauspieler sich nicht mal selbst ein Bild machen konnten. Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Und gleichzeitig immer klar kommuniziert, dass es mir wichtig ist, dass der Film nicht zu explizit wird. Ich finde nicht, dass der Film diese Szenen braucht.

Ich mache mir kaum Sorgen, wenn der Film in den Kinos läuft, denn da gehen die Menschen ja sehr informiert hin. Aber wenn er dann mal in der ARD laufen wird, fühle ich doch eine gewisse Anspannung. Weil dann Menschen mit diesem Film konfrontiert werden, die sich gar nicht damit beschäftigt haben. Wenn ich manchmal Kommentare beim „Tatort“ lese, mache ich mir Gedanken. Da drehen Leute durch, weil die Staatsanwältin Schwarz ist. Was stimmt da nicht?

Ich stehe hinter diesem Projekt, bin sehr stolz darauf und möchte den Film zeigen. Dieser Film ist für alle und ich will ja, dass ein großes Publikum den Film sieht. Aber ich habe durchaus auch Respekt vor den möglichen Reaktionen.

Was erhoffst du dir, dass Leute aus dem Film mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass der Blick geweitet, weicher und offener wird. Dass man Randgeschichten wahrnimmt, ihnen zuhört und andere nicht vorschnell verurteilt. Ich freue mich sehr auf den Austausch nach den Kinovorstellungen und auf den großen Diskurs darüber, wie man Liebe hassen kann. Wenn man jemanden trifft, der sagt „Ich verstehe das nicht, was ich da gesehen habe“, möchte ich das nachvollziehen, um meinen eigenen Blick zu weiten. Ich glaube, dass dieser Film das leisten kann. Und das ist wirklich viel.

Linus Moog zu Free at heart im Interview mit Andrea Zschocher
© Tobias Schäfer

Eine letzte Frage: Ich beschäftige mich aktuell viel mit Männlichkeitsbildern. Warum halten Männer Liebe von Männern nicht aus? Woher kommt diese Unsicherheit?

Ich bin in einem sehr progressiven Männerumfeld aufgewachsen, aber ich glaube, Männer sind unfassbar unsicher. Frauen sind uns da in so vielem so weit voraus. Wahre Stärke ist, füreinander einzustehen, laut zu sein für die, die es nicht sein können, und als Privilegierte anderen Raum zu geben. Das ist wahre Männlichkeit.

„Free at heart“ läuft ab dem 29.Oktober in den Kinos.

Wenn ihr mehr zum Thema Männlichkeitsbilder lesen wollt, empfehle ich auch die Interviews mit Anton Spieker, Moritz Jahn oder Tareq Nassery, die ihr auch alle auf der Seite findet.


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