Nicolas Athané & Marco Nguyen im Interview zu "Jim Queen" mit Andrea Zschocher

Marco Nguyen & Nicolas Athané: „Queere Communities sind beim Thema Sexualität der heterosexuellen Community weit voraus“

Wenn ich jeden Tag solche Interviews wie das mit Marco Nguyen und Nicolas Athané führen könnte, wäre das der Wahnsinn. Versteht mich nicht falsch, auch die anderen Interviews sind toll. Aber selten sind die Gespräche so warm, so voller Lachen und gleichzeitig voller Schmerz und Ernsthaftigkeit wie in diesem Fall.

Der Grund fürs Interview war der gemeinsame Film „Jim Queen“, in dem die beiden Regisseure nicht nur vielen queeren Communities zu Sichtbarkeit verhelfen, sondern auch zeigen, unter welchem Druck Gays oft stehen. Absolute Kinoempfehlung für alle über 16, egal wie ihr liebt.

Was sollen die Zuschauer aus dem Film mitnehmen?

Nicolas Athané: Ich möchte, dass die Leute sich nach dem Schauen des Films stärker fühlen. Sie sollen lachen und gleichzeitig viel lernen, was Heterosexuelle nicht wissen. Ich bin straight, ich wusste, bevor wir mit dem Film angefangen haben, auch einige Dinge nicht. Deswegen kann ich nur sagen: Liebe heterosexuelle Männer: Geht in den Film und lacht und lernt.

Gleichzeitig hoffe ich, dass sich homosexuelle Männer vom Film repräsentiert fühlen. Ich finde es immer berührend, wenn Leute nach Vorführungen auf uns zukommen und uns danken, dass sie repräsentiert wurden. Wenn jemand sagt „Ich wünschte, ich hätte diesen Film sehen können, als ich jung war“, dann ist das für mich das größte Kompliment, das man dem Film machen kann.

Marco Nguyen: Wir können lachen und gleichzeitig etwas lernen. In Frankreich haben wir den Film ja schon vor einer Weile gezeigt und sowohl von Homo- als auch Heterosexuellen sehr viele Nachrichten via Instagram bekommen. Viele bedanken sich, weil sie sich gesehen fühlen.

Die allererste Filmvorführung, die wir in Paris gemacht haben, war für die Bären-Community [Bezeichnung für haarige gays]. Da kamen Männer zu mir und haben in meinen Armen geweint. Weil sie sich noch nie so gesehen gefühlt haben. Diese Reaktionen überwältigen mich, weil ich nie damit gerechnet habe.

Ich hoffe, wenn du jung bist und dich mit deinem Coming-out beschäftigst, wie auch Lucien in unserem Film, dass „Jim Queen“ dir dabei helfen kann.

Nicolas Athané & Marco Nguyen im Interview zu "Jim Queen" mit Andrea Zschocher
© 2025 Bobbypills Umedia

Ich finde Repräsentation immer wichtig. Und doch frage ich mich: Warum müssen sich queere Menschen überhaupt outen? Heterosexuelle tun das ja auch nicht!

Marco Nguyen: Die Frage stelle ich mir auch immer wieder. Müssen wir das? Sollten wir das tun?

Alex Ramirez, der auch im Film eine Rolle spielt, hat mal gesagt: „Wir müssen eine Welt aufbauen, in der sich niemand mehr outen muss“. Aber da sind wir noch nicht. Noch leben wir in einer Gesellschaft, in der Menschen diskriminiert werden. Wir müssen daran arbeiten, dass sich das ändert.

Und ich hoffe, dass auch unser Film dabei hilft, denn hier kämpfen, wenn auch nicht immer einheitlich, letztlich alle für ihre Rechte. Ich wünsche mir, dass wir zusammenstehen, um diese Gesellschaft aufzubauen.

Nicolas Athané: Als wir 2018 angefangen haben, den Film zu machen, sagte Marco zu mir: „Heute ist es okay, schwul zu sein. Aber was würde passieren, wenn das verschwindet?“ Genau diese Frage behandeln wir im Film. Wir müssen immer kämpfen, nichts ist selbstverständlich. Wir müssen dafür kämpfen, gemeinsam eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen.

Und doch fühlt sich dieser Kampf manchmal so ungerecht an. Weil Queers und viele Frauen gemeinsam die ganze Zeit kämpfen, aber viele heterosexuelle Männer sich zurücklehnen. Die haben ja alles. Als ich „Jim Queen“ geguckt habe, war mein einziger Widerstand zum Film der, dass ich nicht verstanden habe, wieso Lucien sich outen muss. Ich würde gern in einer Welt leben, in der man sich nicht outen muss, sondern einfach sein kann.

Marco Nguyen: Als wir 2018 mit dem Projekt gestartet sind, war Lucien noch gar kein Thema. Da ging es um Jim. Wir wollten zeigen, wie toll es ist, schwul zu sein. Und wir wollten zeigen, was passiert, wenn all das verschwindet.

Die Geschichte von Lucians Coming-out kam dazu und ich habe mich auch lange gefragt, ob wir das wirklich machen wollen. Wir haben doch schon so viele Geschichten über Coming-outs gesehen. Und doch sind wir wieder hier. Weil ein Teil der Gesellschaft noch immer ein Problem damit hat. Wir müssen zeigen, was das bedeutet. Wir müssen zeigen, dass wir noch lange nicht am Ziel sind.

Nicolas Athané & Marco Nguyen im Interview zu "Jim Queen" mit Andrea Zschocher
© 2025 Bobbypills Umedia

Ihr beschäftigt euch in „Jim Queen“ auch mit der Frage nach Status in Zeiten von Social Media, mit Körperbildern und dem Wunsch, gesehen zu werden.

Marco Nguyen: Die Figur Jim ist schrecklich. [Er lacht] Sie ist ein Beweis dafür, dass man in der Schwulenszene selbst Toxizität und diese maskuline Art haben kann, bei der Muskeln und Bart vorhanden sein müssen, sonst ist man ein Niemand.

Wir wollten auch das zeigen, deswegen mussten wir Jim so erschaffen. Jeder möchte aussehen wie er, alle gehen ins Fitnessstudio, um ihm nachzueifern. Und Social Media beeinflusst unsere Sicht darauf natürlich. Gleichzeitig sollte es aber auch eine Geschichte über Gemeinschaft sein, darüber, dass wir mit einem freundlichen Blick auf andere Menschen schauen sollten. Wir dürfen aus unseren imaginären Gefängnissen ausbrechen. „Jim Queen“ ist eine Komödie, ein Cartoon, aber in dem Rahmen versuchen wir, eine tiefe Botschaft von Liebe und Gemeinschaft zu vermitteln.

Nicolas Athané: Du hast gesagt, dass heterosexuelle Männer nicht kämpfen müssen. Ich denke da noch drüber nach.

Jim Queen muss, obwohl er diesen Status hat, trotzdem so viel kämpfen. Als queere Person muss er an seinem Körper arbeiten, während sich ein heterosexueller Mann keine Sorgen um sein Aussehen machen muss. Der steht an der Spitze der Pyramide. Aber Jim ist unten, weil er queer ist. Er steht an der Spitze der queeren Pyramide, aber weit unter den heterosexuellen Männern.

Wir fanden es interessant, über den Typen an der Spitze zu sprechen. Denn auch in der queeren Community gibt es Hierarchien. Jemand wie Jim Queen steht an der Spitze, weil er einem Cis-Mann ähnelt, er ist schön und wird begehrt. Und wo es ein Oben gibt, da gibt es auch ein Unten. Und das ist in der queeren Community leider nicht anders.

Als Marco mit der Idee auf mich zukam, dachte ich zuerst ganz naiv: „Oh wie schön, alle sind glücklich und halten Händchen“. Bis Marco meinte: „Nein, es ist ein gefährlicher Dschungel da draußen“.

Nicolas Athané & Marco Nguyen im Interview zu "Jim Queen" mit Andrea Zschocher
© 2025 Bobbypills Umedia

Da sind wir auch wieder beim Lernen. Denn im Film wird klar, dass es so viele unterschiedliche Communitys innerhalb der queeren Community gibt, über die Heterosexuelle vielleicht gar nichts wissen.

Marco Nguyen: Da hast du recht. Das ist die wichtigste Botschaft, die wir vermitteln wollen. Ich bin, lange bevor der Film entstand, viel ausgegangen, ich habe Partys in Paris organisiert. Und da habe ich gesehen: Die Community mischt sich auch auf Partys eher nicht.

Es gibt ein Making-of zum Film, da nehme ich Nicolas mit auf verschiedene Partys, um ihm meine Welt zu zeigen. Schaut euch das alle unbedingt auch an. Und es ist einfach so, dass Schwule in verschiedenen Communitys gern unter sich bleiben. Für uns war das wichtig, auch diesen Aspekt zu beschreiben.

Ich weiß, dass das eine große Frage ist und es ist auch nicht fair, sie nun dir zu stellen, Nicolas. Aber warum haben manche Männer solche Angst vor Schwulen? Als hätte jeder Homosexuelle ein Interesse daran, nun ausgerechnet den Typen rumzukriegen, der da vor ihm steht. Für mich ist das ehrlich gesagt eine totale Hybris.

Nicolas Athané: Wir reden hier von strukturierter Heteronormativität. Die Gesellschaft ist darauf ausgelegt, heterosexuelle Familien mit Kindern zu haben. Also wird das Schwulsein diabolisiert, weil es eine Kontrolle über Körper und Sexualität ist, die durch Kultur, Erziehung und Familien verbreitet wird. Schwul zu sein wird damit assoziiert, feminin zu sein, und für einen heterosexuellen Mann bedeutet Feminität den Verlust der Dominanz. Denn Männer müssen ja stark sein. Und Frauen schwach, sie sollen gehorchen. Diese Heteronormativität sehen wir ja auch im Film.

Wir werden von klein auf zum Schwulenhass erzogen. Schwul ist für viele ein Schimpfwort. Und wenn das die ganze Kindheit über aufgebaut wird, dann hast du Angst. Deswegen braucht es auch Filme wie „Jim Queen“. Je mehr wir Queer normalisieren, umso mehr erkennen die Leute hoffentlich, dass es vollkommen normal und okay ist, schwul zu sein.

Nicolas Athané & Marco Nguyen im Interview zu "Jim Queen" mit Andrea Zschocher

Es geht im Film auch um Safe Spaces. Was sind eure Safe Spaces?

Marco Nguyen: Ich bin gerne in der queeren Community, in Nachtclubs und Bars unterwegs. Überall da, wo ich ich selbst sein kann. Wie ist das bei dir, Nico? Du hast natürlich deine Familie, aber du kannst immer mit mir in Schwulenbars kommen.

[Beide lachen]

Nicolas Athané: Danke für das Angebot. Ich glaube, ich habe meinen Safe Space gefunden, als ich Animationsfilm studiert habe. Vorher hieß es immer wieder „Du zeichnest, du bist schwul“, aber in der Animationsschule habe ich Leute getroffen, die mich verstanden haben. Erst da habe ich gemerkt, dass ich nicht der merkwürdige Typ war, für den andere mich hielten, sondern eine echte Person.

Ich empfinde die queere Community als viel sexpositiver als die heterosexuelle Community. Meiner Meinung nach sprechen alle nur dank queerer Communities heute offener über Kinks. Ich mochte, dass in „Jim Queen“ so viel gezeigt wird und die Message auch immer ist: Du kannst alles ausprobieren, du musst aber nicht alles mögen.

Marco Nguyen: Wir lieben Kinks!

Kinks waren in der Schwulenszene schon immer wichtig, weil wir eine Kultur darauf aufgebaut und das normalisiert haben. Die heterosexuelle Welt beschämt das oft, aber Gays nicht. Unser Film will, dass Menschen verstehen: Solange alle glücklich sind und einwilligen, kann alles passieren – es ist einfach nur Vergnügen. Die Sexualität in der Schwulenszene ist so präsent, und ich war sehr stolz darauf, wie der Film endet.

Denn da gab es, ohne dass wir das Ende spoilern, schon viele Diskussionen zwischen den Gays und den Straights bei uns. Für Heterosexuelle sind Liebe und Sex sehr eng miteinander verbunden. Bei Gays muss das nicht so sein. Queere Communities sind beim Thema Sexualität der heterosexuellen Community weit voraus.

„Jim Queen“ läuft ab 24. September im Kino. Und ich rate dringend allen heterosexuellen Leser*innen, sich den Film anzuschauen. Ich fand ihn wirklich gut, ihr könnt lachen, ihr könnt lernen und ihr könnt euch selbst hinterfragen. Denn wie oft konfrontieren wir uns denn selbst mit der Frage, was wir beim Sex eigentlich mögen? „Jim Queen“ bietet euch vielleicht ein paar ganz neue Ideen, die ihr dann mal ausprobieren wollt.

Und wenn ihr Lust habt, dann schreibt mir super gern eure Antwort auf die Frage, warum manche Männer Angst vor Gays haben. Denn ich versteh das einfach nicht.


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