Die meisten werden von „4 Blocks“ schon mal gehört haben. An der supererfolgreichen Serie um die Familie Hamady, in der Drogen, Macht und Berlin die zentrale Rolle spielen, kam kaum jemand vorbei… Also… bis auf mich. Ich mag einfach keine Gewaltszenen anschauen, weswegen ich auch die Serie nicht gesehen habe. Mit „4 Blocks Zero“ bekommt die Serie jetzt ein Prequel und zeigt, wie die Hamadys zu dem wurden, was sie später waren. Und ja, das war auch der Moment, in dem ich eingestiegen bin (was der Beweis dafür ist, dass ihr wirklich keine Vorkenntnisse braucht, um „4 Blocks Zero“ anzuschauen, ich bin mir sicher, es wird euch genauso reinziehen wie mich).
Tareq Nassery spielt in „4 Blocks Zero“ den Ali, der später als Toni (in „4 Blocks“ gespielt von Kida Khodr Ramadan) DIE zentrale Figur der Serie ist. Aber noch ist es nicht soweit. Noch dürfen wir einem jungen Mann dabei zusehen, wie er sich für seine Familie aufopfert und versucht, alles zu tun, damit es allen gut geht. Mich hat diese Darstellung sehr berührt, weswegen ich mich extrem gefreut habe, dass Tareq Nassery sich die Zeit für ein Interview genommen hat. Und in dem ging es nicht nur um „4 Blocks Zero“ sondern auch um Männlichkeitsbilder, Ängste und meine Wut.
Was macht deiner Meinung nach die Faszination von Gewalt aus, die auch in „4 Blocks Zero“ so präsent ist?
Tareq Nassery: Ich glaube, der Reiz liegt auch in der Distanz. Die meisten Menschen erleben diese Form von Gewalt zum Glück nicht in ihrem Alltag. In einer Serie können wir in eine Welt eintauchen, die uns fremd und bedrohlich ist, ohne selbst Teil davon zu sein. Das kennen wir auch aus Kriegs- oder Mafiafilmen. Mich persönlich interessiert dabei aber weniger die Gewalt an sich als die Frage, was sie über die Figuren erzählt: Woher kommt sie, was löst sie aus und welche Konsequenzen hat sie?
Du sprichst Paschtu, aber kein Arabisch. In der Serie wird jedoch viel Arabisch gesprochen. Wie hast du dich vorbereitet?
Wir hatten am Set einen Arabisch-Coach, der uns auch kurz vor dem Take immer noch mal gesagt hat, wie die Sätze richtig ausgesprochen werden. Aber im Vergleich zu anderen Rollen sprechen die Brüder ja sehr wenig Arabisch.
Das war auch so gewollt, weil in der Serie von anderen Figuren, vor allem vom Papa und Onkel schon viel Arabisch gesprochen wird. Da sollten die Brüder mehr Deutsch sprechen. Deswegen musste ich nicht durchgehend Arabisch reden. Bei mir wird das nur in bestimmten Szenen eingesetzt und es war deswegen für mich sehr gut machbar.
Ich habe afghanische Wurzeln und kenne Arabisch daher schon aus dem Koran, bin mit den Worten und der Aussprache vertraut. Das hat es mir natürlich auch leichter gemacht.

Was mich an deinem Ali so berührt hat, ist, dass er zum Wohle der Familie immer alles richtig machen will. Ich glaube, dass es vielen Leuten so geht. Hast du einen Tipp für alle, die sich so fühlen?
Ihr dürft nach Hilfe fragen! Du hast das sehr gut verstanden, dass Ali immer nur das Beste für seine Familie will. Er schreit seinen Bruder an, aber aus tiefster Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Ali schreit nicht, weil er der große, mächtige Bruder sein will, der sagt, wo es langgeht, sondern weil er Angst hat.
Sein Bruder blockt ab, wenn Ali das Gespräch sucht, und auch deswegen wird er lauter, um die Aufmerksamkeit zu bekommen. Er könnte sich aber auch Hilfe suchen, denn er muss das ja nicht allein regeln. Wir können nur Hilfe bekommen, wenn wir auch danach fragen.

Wie groß haben sich die Fußstapfen, in die du mit deiner Rolle getreten bist, angefühlt?
Sehr groß! „4 Blocks“ ist eine Serie, die ganz Deutschland kennt. Und Toni Hamady hat darin eine zentrale Rolle gespielt. Das war ja von Anfang an klar. Und gleichzeitig wollte ich nichts imitieren, sondern meinen eigenen Weg gehen.
Wenn ich mir jeden Tag, vor, während und auch nach dem Dreh Gedanken darum machen würde, wie groß das alles ist, würde ich verrückt werden. Mir war es wichtig, mich auf jede Szene zu konzentrieren. Zusammen mit meinen Kollegen haben wir die Gedanken schon zwei, drei Mal schweifen lassen, was sich so entwickeln könnte. Davor habe ich auch Respekt.
Ich finde, du hast aus der Rolle einen ganz eigenen Ali gemacht. Wie ist dir das gelungen?
Das war gar nicht so schwer, weil ich mir immer selbst gesagt habe, dass ich nicht Toni Hamady spiele, sondern Ali Hamady, Toni Hamady in jung. Der ist noch in einer ganz anderen Lebensphase als Toni, viel jünger und ganz anders. Es wäre doch langweilig, ihn von Tag 1 an als Toni Hamady zu zeigen, als hätte er sich nicht entwickelt und verändert.
Es ist doch viel spannender zu zeigen, wie sensibel er war, welches gute Herz er hatte. Man kann dabei zusehen, wie er sich an seine Umgebung anpassen wollte, was in seinem Leben passiert ist, dass er so wurde, wie alle ihn kennen. Das hat mich an dem ganzen Projekt auch extrem gereizt.

Den Reiz kann ich extrem gut nachvollziehen. Und doch musst du dir, beinahe zwangsläufig, Gedanken darum machen, wie es für dich weitergehen wird.
Mir ist klar, dass ich durch die Serie eine neue Reichweite bekommen kann. Aber das ist kein Versprechen, dass es so kommen muss. Es kann sein, dass ich demnächst 100.000 neue Follower auf Instagram habe, es kann aber auch sein, dass sich gar nichts ändert.
Wie wichtig ist dir persönlich das Thema Reichweite dabei?
Es ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich bringt Reichweite viele Möglichkeiten mit sich. Du erreichst mehr Menschen, kannst auf Themen aufmerksam machen, die dir wichtig sind, bekommst beruflich andere Chancen – und ja, man kann damit natürlich auch Geld verdienen.
Gleichzeitig habe ich großen Respekt davor, was Reichweite mit dem eigenen Leben macht. Im Moment kann ich ziemlich entspannt durch München laufen, essen gehen oder Freunde treffen. Ich frage mich schon manchmal: Wie verändert sich das, wenn mich plötzlich sehr viel mehr Menschen kennen? Kann ich dann noch genauso unbeschwert unterwegs sein oder werde ich ständig angesprochen? Muss ich irgendwann mit Cap und Sonnenbrille ins Restaurant? [Er lacht]
Deshalb sehe ich Reichweite nicht nur als etwas, von dem man möglichst viel haben muss. Entscheidend ist für mich eher, was man daraus macht – und wie viel von seinem normalen Leben man sich dabei bewahren kann.
Ich merke das im Kleinen jetzt schon im Privaten. Da geht’s manchmal gar nicht mehr um mich, sondern um den Tareq, der in „4 Blocks Zero“ mitgespielt hat. Und ich verstehe das Interesse, ich freue mich darüber auch, aber ich bekomme eben auch ein Gefühl dafür, wohin die Reise gehen könnte. Am Ende des Tages kann ich mich sowieso nur überraschen lassen, wie es wird.
Wir alle, im Rampenlicht oder nicht, können uns ja immer nur überraschen lassen. Weil Pläne nicht immer funktionieren. Und doch finde ich es wichtig, sich zu fragen: Wo sehe ich mich, und wie will ich mit der Berühmtheit umgehen? Denn „4 Blocks“ hat das Leben vieler Mitwirkender nachhaltig verändert.
Ich mache mir durchaus Gedanken darüber, wie ich mich positionieren möchte. Was ich machen will und was nicht. Wofür will ich stehen und wofür nicht? Und wie sehr lasse ich mich von Geld beeinflussen? Sich damit zu beschäftigen, ist extrem wichtig. Und zwar nicht erst, wenn der Moment dann da ist und man vielleicht Panik bekommt, sondern im Vorfeld.
Ich möchte nicht alles mitnehmen, nur weil es gerade geht. Stell dir doch mal vor, jemand bietet dir 200.000 € für eine Sache, hinter der du eigentlich nicht stehst. Bist du dann verführbar? Ich möchte das nicht sein, aber ich glaube auch, dass meine Familie mich da schützt. Die verhindern, dass ich meine Seele verkaufe. Mein Bruder warnt mich jetzt schon immer wieder.
Was erdet dich denn?
Meine Familie. Mein Freundeskreis. Die Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich bewege mich in München nicht in der Schauspielbubble. Auch das erdet, weil ich mich da gar nicht reinziehen lasse in eine Welt, in der ich auf mich aufpassen müsste. Stattdessen rede ich mit Freunden oder auch mal mit mir selbst, auf dem Heimweg. [Er lacht]

Ich liebe Zitate aus Filmen und Serien und ein Satz aus „4 Blocks Zero“, den die Figur Ibrahim an einer Stelle sagt, ist „Angst verhindert nicht den Tod, sie verhindert das Leben“. Wie stehst du zu diesem Satz?
Ein sehr guter Satz. Denn wenn Angst einen beherrscht, dann wirst du kontrolliert. Du grenzt dich selbst in dem ein, was möglich sein könnte.
Ich kenne Leute, die sich so sehr mit dem Thema Angst befassen, dass sie sich vor vielem fürchten und sich weniger zutrauen. Die können dann verschiedene Dinge nicht mehr machen. Es ist sehr wichtig, sich mit Ängsten zu befassen, um dafür eine Sensibilität zu haben. Aber es darf einen nicht lähmen.
Man kann sich seinen Ängsten stellen, mit verschiedenen Techniken, durch Gespräche, durch Therapie. Es gibt Wege, sich die Angst ein bisschen nehmen zu lassen.
Ich bin jemand, der nicht an Zufälle glaubt. Egal was in meinem Leben passiert, es hat einen Grund. Deswegen habe ich weniger Ängste.
Weil es ein Thema ist, mit dem ich mich seit Wochen beschäftige und weil sich das durch „4 Blocks Zero“ schon auch noch mal verstärkt hat: Wie sieht es eigentlich mit deinem Verständnis von Männlichkeit aus?
Männlichkeit ist ein großes Thema. Für mich liegt die Stärke eines Mannes darin, zu zeigen, wie er sich fühlt. Ich kann mir keine größere Stärke bei einem Mann vorstellen als sensibel sein und das auch zu zeigen. Immer einen auf Macho machen und immer der Beste sein zu wollen, das empfinde ich als den falschen Weg. Warum müssen das so viele Männer in der Öffentlichkeit immer versuchen? Die kuscheln doch zuhause hoffentlich mit jemandem.
Warum gehen wir nicht im Freundeskreis offener mit unseren Schwächen um? Männer werden schon oft darauf getrimmt, stark zu sein, für die Familie zu sorgen. Für mich ist echte Stärke aber zu seinen Gefühlen, seiner Sensibilität zu stehen.

Ich sehe das wie du. Und doch heißt es eben oft, dass Männer, die Emotionen zulassen, schwach sind. Warum?
Das ist sicher nicht überall so, es kommt darauf an, wie man groß geworden ist. Menschen sind davon geprägt, wie sie sich jahrelang in Gruppen verhalten. Und wenn dir da eingetrichtert wird, dass du eine „Heulsuse“ bist, wenn du Traurigkeit zulässt, wie sollst du das anders sehen? Es dauert eben auch seine Zeit, um das zu erkennen und andere Denkweisen anzunehmen.
Ich habe noch eine Frage zum Thema Wut, weil das, was in „4 Blocks Zero“ über den Umgang mit Geflüchteten gezeigt wird, sehr realistisch ist und mich so wütend macht. Wütend in Bezug auf die Vergangenheit, aber auch auf die Gegenwart, die bis heute nicht so viel anders ist.
Meine große Hoffnung ist, dass wir durch die Serie Denkweisen verändern können. Wenn nur eine einzige Person nach dem Angucken der Serie einen anderen Blick auf das Thema hat, wenn wir einer Person die Augen öffnen konnten, dann ist das für mich ein echter Gewinn.
Wenn jemand nach „4 Blocks Zero“ ein neues Bewusstsein für Geflüchtete hat und mehr Verständnis für die Menschen um sich herum, wäre das toll.

Aktuell werden die 90er Jahre von einigen ja als die gute alte Zeit verklärt. Ich frage mich immer, wie man die Baseballschlägerjahre, die ihr in „4 Blocks Zero“ ja auch zeigt, so vergessen kann. Nun bist du gar nicht in den 90ern groß geworden, aber was hast du beim Dreh über die Zeit gelernt?
Es war eine wilde Zeit. Kurz nach dem Mauerfall in einem wilden, freien Berlin, das muss krass gewesen sein. Der Dreh war eine kleine Zeitreise zurück in eine Vergangenheit, die ich nicht kenne. Mir haben die Kleidung, die Musik, das Set und die Autos sehr geholfen, mich da einzufinden. Das zu erleben war schon spannend.
Ich glaube, viele Leute, die die 90er im Kopf haben, denken an genau das, was ich beschrieben habe. Die Musik, die Freiheit, Berlin, Hip-Hop. Nicht so gern denkt man da an Nazis, an Rassismus, an Gewalt. Unsere Serie kann da den Menschen vielleicht auch die Augen öffnen, dass die 90er nicht nur cool waren, sondern auch eine ganz andere Seite hatten.
„4 Blocks Zero“ könnt ihr ab 25. September exklusiv bei HBO Max streamen. Auch wenn ihr, wie ich, eher zartbesaitet seid, kann ich euch die Serie ans Herz legen. Weil sie, wie ihr im Interview ja auch herauslesen könnt, wirklich aktuelle Themen unserer Zeit aufgreift (und ja, das geht, auch wenn sie in den 90ern spielt), weil sie inhaltlich und visusell spannend erzählt ist und weil ihr, ich schwöre, „4 Blocks“ gar nicht gesehen haben müsst, um „4 Blocks Zero“ gut zu finden. (Und, Bonustipps, wenns hart auf hart kommt, dann einfach durch die Hände durchgucken. Been there, done that :D)

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