Mit Lars Eidinger über Angst und Scham sprechen? Count me in! Das war gar nicht undingt das Ziel, als wir uns für die Interviews zur neuen Disney+ Serie „City of Blood“ getroffen haben, aber es hat sich so ergeben. Und ich folge ja, bei aller Vorbereitung auf so ein Gespräch stets dem Ansatz: Lass mal schauen, wo uns das hinführt.
Im Fall von Lars Eidinger ging es dann um Stolz, elterliche Liebe und Kostüme am Set. Die fand ich bei seinem Vampir „Zeno“ richtig gut. Sagt mir gern mal, welches euch am besten gefallen hat.
In der Serie sagst du den Satz: „Mit Angst lassen sich Menschen doch am besten kontrollieren“. Stimmt der Satz oder stimmt er nicht?
Lars Eidinger: Das ist ein großes Thema.
[Er überlegt] Der Satz stimmt bestimmt. Ich habe aber auch eine spezielle Beziehung zum Thema Angst. Ich finde Angst per se nichts Schlechtes. Ich glaube, dass das ein ganz wichtiges, lebendiges Gefühl ist. Ohne Angst hätten wir keine Chance zu Überleben, weil wir zum Beispiel ohne Sorge, über die Straße laufen und vom Auto überfahren werden würden. Angst ist ein lebensnotwendiges Gefühl. Aber daran anzusetzen, um Menschen zu manipulieren … funktioniert bestimmt.
Ähnlich wie Angst blicke ich auch auf Scham. Scham ist das, was uns überhaupt erst zu Menschen macht.

Aber im Gegensatz zur Angst, die Leute schon, wie du sagst, zum Überleben brauchen, wollen wir Scham ja nicht unbedingt spüren.
Aber wir schämen uns die ganze Zeit. Es gibt einen Grund dafür, dass Adam und Eva ein Feigenblatt über ihrem Geschlecht, ihrem Schambereich tragen. Das, was uns zum Menschen macht, ist Scham.
Wir sprechen ja auch vom Schambereich, als wäre das etwas Unangenehmes. Aber es ist auch Intimität, etwas, wonach man auch eine Sehnsucht hat.
Sich gegenseitig seine Scham zu zeigen, sich in der eigenen Verletzlichkeit und Angreifbarkeit zu zeigen, ist Liebe und hat eine Schönheit. Es geht um Beziehung und Begegnung.

Dazu passend bin ich an einem zweiten Satz aus „City of Blood“ hängen geblieben. Da wird deinem Zeno gesagt: „Ich hatte immer die Hoffnung, du wirst mich stolz machen“. Diesen Satz haben sicher viele Menschen in der ein oder anderen Form schon gehört. Wie gehen wir mit der Scham um, jemand anderen offensichtlich enttäuscht zu haben?
Dieser Satz war für die Figur, die ich gespielt habe, sehr wichtig. Für mich selbst ist Stolz aber eine Kategorie, in der ich überhaupt nicht denke. Ich würde nie Liebe oder Zuneigung daran knüpfen, ob ich auf jemanden stolz bin.
Der Konflikt zwischen dem Zeno, den ich spiele, und seiner Mutter Szen, gespielt von Jenny Schily, ist unerwiderte Liebe. Zwischen diesen beiden gibt es keine bedingungslose Liebe, die man beim Verhältnis zwischen Mutter und Kind doch voraussetzen würde. Bei ihr ist das gebunden an Stolz.
Ich fand es interessant, was das für Konsequenzen für den eigenen Charakter hat, wenn man sich von seiner Mutter ungeliebt fühlt. Das führt dann oft dazu, dass man sich selbst nicht lieben kann. Im schlechtesten Fall führt es zu einer Form von Selbsthass, dem Grund vielen Übels auf dieser Welt.
Ich glaube nicht, dass alle Mütter qua Natur ihre Kinder bedingungslos lieben.
Ich kann sagen, dass ich meine Tochter bedingungslos liebe.
Ich liebe meine Kinder auch bedingungslos, aber ich glaube nicht, dass das für alle Eltern auf der Welt so zutrifft.
Wahrscheinlich. Denn wenn es so wäre, dass alle bedingungslos geliebt werden, dann würde unsere Welt bestimmt anders aussehen.

Du spielst Zeno, einen Vampir, der alle Zeiten überdauert. Hat man irgendwann alles gesehen?
Das glaube ich kaum. Ich denke, dass man im Gegenteil nur einen Bruchteil dessen sehen kann, was da ist und damit seinen Frieden schließen sollte. Wenn mir jemand sagen würde er hätte alles gesehen, wäre ich auf jeden Fall skeptisch.

Wer neugierig durch die Welt geht, wird den aber vermutlich niemals sagen. Deswegen noch die Frage zu deinem Kostüm, weil mir die Outfits von Zeno extrem gut gefallen haben: Welches Outfit war dein Favorit?
Mir haben die Outfits auch sehr gut gefallen. Die Kostüme von Elke von Sivers sind sehr inspirierend und geben die Richtung vor, in die die Figur geht. Sie hat eine große Offenheit und geht auf Bedürfnisse der Schauspieler*innen ein. Ich habe mir zum Beispiel eine andere Hose zum Tanzen gewünscht, weil ich mich in der, die vorgesehen war, nicht so gut bewegen konnte. Wenn eine Hose unten gerade zu läuft, bewegt man sich darin anders als [bei einer Hose] mit einem leichten Schlag.
Für mich sind Kostüme sehr wichtig, vor allem die Schuhe. Ich merke gleich, ob ich mich gut in denen bewegen kann oder nicht. Die ganze Figurenentwicklung geht sehr stark vom Kostüm aus. Es bestimmt den Gang, die Haltung, die Art sich zu bewegen.
Um die Frage zu beantworten: Ich mochte den Trainingsanzug, in dem Zeno jagt. Ich habe da etwas ausprobiert, was ich mal bei einem Model auf dem Laufsteg gesehen habe, dass ich die Trainingsjacke in die Hose gesteckt habe. Ich fand das eine interessante Eigenart und zum Jagen ist es praktisch, genau wie die Zöpfe, die ich mir geflochten habe.
„City of Blood“ könnt ihr ab 16. September auf Disney+ streamen.
Ich bin wirklich sehr zahrtbesaitet, ich grusel mich nicht gern und brauche auch nicht so wirklich Blut in Filmen. Davon gibts in „City of Blood“ naturgemäß einiges zu sehen und ich hab schon auch das ein oder andere Mal nur mit der Hand vorm Gesicht eine Szene geschaut. Aber alles in allem kann ich nur sagen: Schaut sie euch an (und habt vielleicht jemanden in der Nähe, der eure Hand halten kann, wenn ihr eher auf meiner Seite des Vampirgenre steht). Ich mochte es so sehr, dass die Serie so viele Fragen in mir auslöst (die ich zum Glück alle stellen durfte), dass sie hilft, um über Klimawandel und soziale Gerechtigkeit zu sprechen. Wenn Serien das können, ist doch so viel gewonnen, oder?
Die Interviews zu „City of Blood“ mit Lea Drinda & Soma Pysall und Franz Hartwig findet ihr ebenfalls auf dem Blog.

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