Das Interview mit Marie Kreutzer ging mir nicht nur wegen ihres Films „Gentle Monster“ und allem, was wir über Pädokriminalität und Pädophilie besprochen haben, noch lange nach. Sondern auch, weil wir uns uns übers Patriachat ausgetauscht haben, über schmerzhafte Momente, an denen man wachsen kann.
Im Fokus steht die Frage, ob wir die Monster in unserer unmittelbaren Nähe vielleicht lieber übersehen wollen. Und schon allein die Frage schmerzt extrem. Aber es ist wichtig, sie zu stellen. Und hinzusehen. Im Leben. Und im Kino, bei Filmen wie „Gentle Monster“.
Lucy dekonstruiert Popsongs von Männern und schafft daraus etwas Neues. Müssten wir das nicht mit dem Patriarchat genauso machen?
Marie Kreutzer: Ja, das wäre schön. Wir sollten das unbedingt angehen.
Es gibt Tage, da bin ich nicht sehr optimistisch, dass das gelingt. Wir erleben im Moment eine sehr schwierige, schmerzhafte, krisenhafte Zeit auf diesem Planeten und die Gleichberechtigung macht in vielen Teilen der Welt wieder ganz große Rückschritte.
Mir ist wirklich jede Strategie, die wir finden können, um uns dem Patriarchat entgegenzustellen, recht. Ein wichtiger Schritt dahin ist meiner Meinung nach, dass wir Frauen uns mehr Raum nehmen, uns trauen müssen, alles zu sagen. Und wir müssen uns solidarisieren. Im besten Fall natürlich auch mit den Männern, die auf unserer Seite stehen und vom Patriarchat ebenfalls genug haben.

Für mich gehören da auch Vorbilder dazu. Die haben wir, im realen Leben und auch im Film vielleicht noch zu wenig. Aber dann sehe ich deinen Philip, einen Menschen, den ich zunächst erstmal als gut wahrnehme. Bis ich hinter seine Fassade gucken kann und mich mit der Frage konfrontiert sehe: Wie viele Monster habe ich in meinem Nahfeld, von denen ich gar nichts weiß?
Ich möchte nicht deprimiert klingen, aber die ehrliche Antwort ist: Es sind ganz sicher welche da. Rein statistisch wissen wir ja, dass es pro Schulklasse zwei Kinder gibt, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Dazu gehören auch immer zwei Täter. Das sind die Väter, die Onkel, der Sportcoach, wer auch immer da im näheren Umfeld des Kindes ist. Das bedeutet: Wir kennen die Täter, wir haben sie ganz sicher in unserem Umfeld, auf der Arbeit oder vielleicht auch im Freundeskreis.
Für mich war diese Realisation einer der Gründe, warum ich den Film machen wollte. Wie typisch das ist, dass der Täter eigentlich ganz nett wirkt, dass es der befreundete Vater sein könnte.
Und du hast Recht, wir müssen diese Männer auch in der Fiktion, in Filmen, im Fernsehen zeigen. Da liegt eine große Verantwortung, weil Bilder eine große Macht und auch Vorbildfunktion haben.
Filmfiguren prägen uns. Wir alle erinnern uns an die Frauenfiguren in den Romantic Comedies der 90er Jahre. Die waren schrecklich, und darüber mussten wir auch hinwegkommen. Wir haben doch alle lange gedacht, wir müssten so ausschauen, so sprechen, so funktionieren, wie diese Frauen. Das zeigt doch ganz direkt, wie viel Macht von Film und Fernsehen ausgeht. Und wie wichtig es ist, dass heranwachsende Männer ganz selbstverständlich Männer sehen, die zu ihren Emotionen stehen, die sich gut verhalten, die keine Täter werden. Ohne dass das als „toller Mann“ vorgeführt wird, sondern weil das ganz normal erzählt wird.

Gibt es etwas, das man in Filmen nicht erzählen darf?
Diese Frage kann jede*r Filmschaffende nur für sich beantworten, ich habe da auch keine Antwort drauf.
Es ist ja immer die Frage, wie etwas erzählt wird, wie man sich einer Thematik annähert. Hier war das sehr herausfordernd, weil von vornherein klar war, dass ich einen Film über sexualisierte Gewalt an Kindern machen will, ohne das zu zeigen. Ich wollte diese Bilder in keiner Form reproduzieren. Ich stand vor der Frage, wie wir das Kind zeigen, wie wir es filmen und wie eben nicht. Weil wir nicht unterstreichen wollten, wie süß und lustig das Kind ist. Wir haben ja eine Verantwortung, gerade im Kontext dieser Geschichte.
[Sie überlegt]
Wahrscheinlich gibt es nichts, worüber man im Film nicht sprechen kann. Die Frage ist vielleicht eher: Was ist der richtige Weg, der richtige Zugang?
Weil du die Frage, wie man Kinder zeigt, angesprochen hast und ich mich seit Jahren mit Kinderfotos in Social Media beschäftige: Wie blickst du, gerade jetzt auch nach der Arbeit an dem Film, auf dieses Thema?
Nach meiner Recherche ist das Risiko, dem Kinder für sexualisierte Gewalt ausgesetzt sind, an zwei Orten besonders groß: Im nächsten Umfeld und im Internet. Alles dazwischen, also genau das, worüber wir Eltern immer sprechen, dieses „geh nicht mit Fremden mit, nimm keine Bonbons an“, das sind Einzelfälle.
Was wirklich gefährlich ist, ist neben dem nächsten Umfeld das Internet. Jedes Foto, das von einem Kind ins Netz gestellt wird, verselbstständigt sich. Wir wissen nicht, in welchen Foren das landet, in welchen Datenbanken das aufgenommen wird. Eltern und andere Menschen, die Kinderfotos teilen, haben eine ganz große Verantwortung.

Im Abspann gibt es eine Widmung. Sie lautet: „To all the haters in 2023 who made me stronger and made me want to do this film even more“. Eine starke Message. Bist du stolz auf dich und diesen Film?
Ja, ich bin stolz auf mich. Darauf, dass ich diesen Film gemacht habe. Denn natürlich hatte ich am Anfang die Sorge, wie der Film ankommen wird. Wie wir den finanzieren. „Gentle Monster“ ist ein Film über ein Thema, mit dem sich niemand beschäftigen will. Wer soll dafür Gelder geben?
Alles, was jetzt mit dem Film passiert, ist ein Bonus für mich, weil es auch hätte sein können, dass sich niemand dafür interessiert, dass niemand darüber erzählen will.
Ich habe damals eine heftige Erfahrung gemacht, habe durch die Taten eines Kollegen, für den und für die ich nicht verantwortlich bin, einen riesigen Shitstorm bei meinem letzten Film erlebt. Ich wurde dafür verantwortlich gemacht, ohne dass es etwas mit mir zu tun hat. Das war eine große Lernerfahrung und sie hat mich als Mensch und als Regisseurin stärker gemacht.
In meinem Beruf ist es wahnsinnig wichtig, sich nicht durch die Meinung von anderen beeinflussen zu lassen. Deswegen hege ich heute auch keinen Groll mehr, sondern denke eher daran, für was diese Erfahrung gut war. Deswegen sind wir jetzt hier.
„Gentle Monster“ läuft ab 17. September in den Kinos. Schaut ihn euch an, kommt ins Gespräch und setzt euch mit der Frage auseinander, die wir alle ganz weit von uns wegschieben: Wer ist das Gentle Monster in meiner Nähe? Denn wie Marie Kreutzer ja richtig sagt: Es gibt die Opfer, da muss es auch die Täter geben. Wir schauen da nur nicht so gern hin.

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