Ich LIEBE komplexe Frauencharaktere, ich liebe spannende Stories und Geschichten, in denen Frauen nicht als Konkurrentinnen erzählt werden. Wir brauchen viel mehr Erzählungen, in denen komplexe und vielleicht auch radikale Frauen gezeigt werden. Ich will die nicht mal alle mögen, ich will sie aber unbedingt alle sehen. In „City of Blood“, der neuen Disney+ Serie, die ihr ab 16. September auf Disney+ streamen könnt, gibt es zwei solcher Frauen. Lea Drinda spielt Bea, Soma Pysall ihre Schwester Phoebe. Beide sind unbequem und mir gar nicht mal sooo sympathisch. Aber sie ziehen mich beide in die Serie rein, bei der ich zunächst dachte: Naaa, Vampire, Menschen, Blut… Ist das wirklich was für mich?
Mit Soma Pysall und Lea Drinda habe ich deswegen nicht nur über Schwesternschaft gesprochen, sondern auch über Moral, Vertrauen, Radikalität und Empathie. Dass beide Schauspielerinnen sich an diesem vollgepackten Interview- und Premierentag auf meine recht komplexen Fragen eingelassen haben, hat mich wirklich sehr sehr beglückt und zeigt mir einmal mehr, wie wichtig es ist, dass wir miteinander in den Austausch kommen.
Was macht gute Schwesternschaft aus?
Lea Drinda: Die besondere Nähe- und Distanzdynamik. Ich bin im echten Leben eine große Schwester und unsere Beziehung funktioniert über Vertrauen und Humor. Wir leben leider nicht in derselben Stadt, deswegen lassen wir uns gegenseitig ganz viel Freiraum, manchmal sprechen wir Sachen auch gar nicht an, lassen das Leben der anderen passieren und freuen uns, wenn wir uns begegnen.
Geschwister sind anders als Freundschaften, bei denen man manchmal das Gefühl hat, dass man den Kontakt verlieren könnte, dass man das alles irgendwie am Laufen halten muss, damit die Beziehung zueinander funktioniert. Geschwister sind einfach da und die kann einem auch keiner nehmen. Das ist eine Basis, die man nicht verliert.

Soma Pysall: Man ist auch sehr direkt miteinander. Ich liebe das an der Beziehung zu meinem Bruder. Da muss niemand was beschönigen, man kann alles ganz klar benennen. Die Dynamik zwischen Geschwistern ist ganz anders als die in freundschaftlichen Beziehungen. Man kann so gut miteinander schweigen und dann wieder miteinander lachen.
Lea Drinda: Wir wurden in den Interviews schon öfter gefragt, was uns an dieser Geschichte gereizt hat, warum wir mitspielen wollten. Und gerade fällt mir auf, dass wir gar nicht erwähnt haben, dass der schönste Punkt, warum wir zugesagt haben, auch der war, dass wir Geschwister spielen durften. Wir haben uns zu Beginn darüber ausgetauscht, Oft spielt man komplizierte Eltern-Kind-Beziehungen oder romantische Beziehungen, manchmal auch Freundschaften. Aber Geschwisterbeziehungen werden super selten erzählt.
Und dann haben wir hier eine Geschichte über Schwestern, ganz ohne Konkurrenz.
Soma Pysall: Ja, genau. Es ist eine Geschichte, in der sie zusammenarbeiten. In „City of Blood“ gibt es keine vordergründige Love-Story, die die Handlung trägt. Im Kern geht es um die Geschwisterbeziehung.

Und doch finde ich Phoebe und Johann spannend, weil sie sich entscheiden, einander zu vertrauen. Wie lernen wir gut einander zu vertrauen?
Soma Pysall: Ich finde die Beziehung zwischen Johann Moderson und Phoebe auch wunderschön, wie sie so unterschiedlich sind. Er Vampir, sie Mensch und sie erkennen das Innerste, das Wesen des jeweils anderen. Beide sind auf ihre Art Süchtige. Phoebe war lange drogenabhängig, das Verlangen, wieder zu konsumieren, wohnt ihr inne. Und Johann hat das Verlangen nach Blut, was er stillt und kontrolliert.
Ich sehe in denen zwei Süchtige, die eine Vision für eine bessere Zukunft haben. An dieser Vision arbeitet Johann ja intensiv. Er ist der einzige Vampir, der sich vorstellen kann, dass Menschen und Vampire koexistieren können. Und Phoebe möchte diese Zukunft mitgestalten. Diese Möglichkeit bietet Phoebe zum ersten Mal seit langer Zeit einen Hoffnungsschimmer. Denn sie ist auf der Straße groß geworden, musste jeden Tag ums Überleben kämpfen. Ihre Hoffnung ist, dass die Armen auch wieder ein Leben in Würde führen können.
Was „City of Blood“ eindrücklich erzählt, ist, wie unterschiedlich die Leben von Arm und Reich sind. Die Armen kämpfen auf der Straße ums Überleben, die Reichen leben angenehm unter ihrer klimatisierten Kuppel.
Diese Kuppel, der Klimadome, ist für mich ein Symbol für die Bubbles, in denen wir auch in der realen Welt leben. Wir sind gefangen in unseren eigenen kleinen Realitäten und Wahrnehmungsräumen – etwas, das durch Social Media und die dort wirkenden Algorithmen noch verstärkt wird. Wir sehen die Welt zunehmend so, wie wir sie sehen wollen oder wie wir sie für wahr halten. Dabei schotten wir uns immer mehr von der tatsächlich existierenden Welt und von den Menschen um uns herum ab. Wir treten immer seltener mit dem Unbekannten in Verbindung.
Phoebe schlägt diese Brücke. Sie wagt den Schritt aus ihrer eigenen Bubble heraus und tritt mit Moderson in Verbindung.
Das hat mich dazu inspiriert, darüber nachzudenken, wie wir einander wieder mehr Raum geben können, um etwas gemeinsam, etwas Ko-Kreatives entstehen zu lassen. Wie wir unsere Unterschiede nicht als Trennung begreifen, sondern als Möglichkeit, miteinander in Verbindung zu treten – und uns nicht länger so leicht voneinander trennen zu lassen.

Deine Bea ist in ihrem Wesen eher radikal und macht wenig Kompromisse. Wie viel Radikalität brauchen wir in unserem Leben?
Lea Drinda: Ich weiß nicht, ob ich ihr Verhalten als Radikalität bezeichnen würde. Es ist eher eine konsequente Haltung.
Ich finde es wichtig, dass man in Momenten, in denen einen etwas beschäftigt, das auch anspricht. Man darf sagen, wenn man etwas als problematisch empfindet. Ich will mich aber auch nicht vor der Idee verschließen, meine Meinung wieder ändern zu dürfen. Ich will nicht zumachen, ich möchte andere Haltungen respektieren. Ich will mich der Radikalität nicht verschließen. Gleichzeitig möchte ich konsequent genug sein, den Mut zu haben, die Kraft aufzuwenden, etwas anzusprechen, wenn ich es als falsch empfinde.
Beim Spielen und Drehen ist mir die Konsequenz von Bea gar nicht so aufgefallen. Das habe ich erst entdeckt, als wir uns die Serie gemeinsam angeschaut haben. Erst da wurde mir klar, dass sie mit sehr viel Kraft und Geradlinigkeit moralische Konflikte löst.

Wie würdet ihr im dystopischen Berlin leben?
Lea Drinda: Das lässt sich schwer sagen, weil ich mir das kaum vorstellen kann. Es ist eben eine Fiktion, die wir erzählen. Und doch sind bestimmte Komponenten dieser Fiktion sehr nah an dem dran, was wir gerade erleben.
Ich glaube nicht, dass man darüber debattieren kann, ob man in einem besetzten Haus leben würde, in einem Zelt oder unter einer Kuppel. Das ist eine fiktive Realität und in dieser Welt ist es einfach Glück, in welches Haus man geboren wird. In unserer aktuellen Welt berührt uns das vielleicht mehr, weil wir das auch kennen. Das, was wir da sehen, passiert so ähnlich ja auch in Berlin.
Soma Pysall: Es ist wirklich krass, wie sehr Realität und fiktive Welt ineinandergreifen. Wir haben hier in Berlin am Kottbusser Tor gedreht, da ist jetzt schon unter den U-Bahngleisen ein Zeltlager, in dem Menschen leben.
Matthias Müsse, der Szenenbildner, hatte in Prag ein Set kreiert, das sich kaum von der Realität unterschied, die wir einige Wochen später bei unseren Dreharbeiten in Berlin vorfanden. Dass die Dystopie der Realität dann doch so nah kommt, ist ziemlich schockierend. Und gleichzeitig ist es eine Chance, weil wir durch die Fiktion, durch die Figuren, reflektieren können. Wir sehen, wie es in „City of Blood“ zu einer Radikalisierung kommt, wir sehen, warum die Menschen, die in armen Verhältnissen groß geworden sind, auf andere Art und Weise handeln, als die Reicheren.
Wenn wir überlegen, wie wir das eigene Handeln in der Welt, in der wir leben, anpassen oder verändern können, damit es nicht zu einer Spaltung oder einer Radikalisierung kommt, wenn man hinterfragt, wie man selbst nicht weiter dazu beiträgt, dann hat die Serie wirklich viel bewirkt.

Ihr habt gesagt, dass wir offen dafür sein müssen, die Perspektiven zu ändern. In „City of Blood“ müssen sich die Menschen ständig neu zu Themen verhalten. Wie viel Moral braucht man im Leben?
Soma Pysall: Ich glaube, wir brauchen vor allem die Fähigkeit, einander wirklich zuzuhören. Dafür ist es essenziell dem Gegenüber Raum zu geben, innezuhalten und einander die Möglichkeit zu lassen, zu atmen, bevor wir reagieren.
In unserer Welt passieren gerade so viele Dinge und immer wird sofort reagiert. Das ist emotional sehr anstrengend. Wir alle wissen doch aber, wie es sich anfühlt, wenn wir noch mal über eine Sache schlafen, wenn man etwas ruhen lässt. Wir sind dann nicht mehr so aufgewühlt, sehen vieles klarer.
Ich wünsche mir für unsere Welt, dass wir lernen, nicht zu allem sofort eine Haltung haben zu müssen. Dass wir uns die Zeit nehmen dürfen, nachzudenken, Fragen auszuhalten, und unsere Perspektive auch mal zu verändern. Ich bin davon überzeugt, dass Zukunftsvisionen Zeit brauchen. Ich habe das Gefühl, das fehlt den Politiker*innen gerade, Raum um wirklich darüber nachzudenken welche Entscheidungen zu einer friedlicheren Zukunft beitragen könnten. Wir können nicht so weitermachen, wie wir das aktuell tun. Aber die Menschen fordern immer wieder sofortige Haltung, das erzeugt einen unglaublichen Druck.
Lea Drinda: Ich muss da direkt reingehen. Ich bin schon der Meinung, dass es notwendig ist, ein moralisches Grundkonstrukt zu haben. Was man nicht verlieren darf, ist die Fähigkeit zur Empathie. Man darf nicht nur in der Rationalität funktionieren, nur in der eigenen Meinung. Man muss offen für sein Gegenüber bleiben. Menschen sehen, ihre Ängste verstehen, das ist wichtig. Wir können nicht so geblendet von Idealen und Konzepten sein, dass wir gar nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen.
„City of Blood“ könnt ihr ab 16. September auf Disney+ streamen.

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