Das Interview mit Zinnini Elkington war intensiv. Sehr gut, aber sehr intensiv. Weil es all die Punkte berührt, bei denen wir uns schwach und einsam und allein fühlen. Scham, Fehler, Perfektion, das eine wollen wir vermeiden, das andere unbedingt erreichen. Ist aber gar nicht möglich, das wissen wir rational auch. Aber unser Gefühl sagt etwas anderes. Und so haben Zinnini Elkington und ich und in ein Gespräch begeben, was hoffentlich in vielen von euch etwas heilt.
Schaut euch ihren Film „Nachbeben“ unbedingt im Kino an. Ihr könnt, aber müsst „Heldin“ dafür nicht gesehen haben, ihr müsst euch nicht mal fürs Thema Krankenhaus und Ärztinnen interessieren. Sondern für eine Geschichte über Fehler, Verzeihen und was es heißt ein Mensch zu sein.
Kennst du „Heldin“, den Film mit Leonie Benesch?
Zinnini Elkington: Ich habe ihn noch nicht gesehen, weil er erst vor kurzem in Dänemark herausgekommen ist, aber ich habe davon gehört. Ich kenne ihn, weil er auf der Berlinale Premiere gefeiert hat und wir unseren Film deswegen nicht zeigen konnten. Angeblich hätte es zu viele thematische Überschneidungen gegeben.
Aber die beiden Filme, dein „Nachbeben“ und „Heldin“ sind doch ganz unterschiedlich. Es ist doch wichtig, von möglichst vielen Perspektiven auf das Thema hinzuweisen.
Es gab im letzten Jahr auch den dänischen Film „Home sweet home“, da ging es um eine Pflegekraft, die zu den älteren Menschen in die Häuser geht. Auch der erzählt aus einer eigenen Perspektive von unserem Umgang mit dem Gesundheitssystem. Der Regisseur hat mich gefragt, warum ich letztes Jahr nicht auch bei der Berlinale war, diese drei Filme hätten sich doch wunderbar ergänzt. Es hätte gar keine Konkurrenz gegeben, es wäre im Gegenteil viel Austausch möglich gewesen.
Ich mache Filme, weil ich das Gefühl habe, dass ich so etwas in der Welt bewirken kann. Das ist meine Stimme, das ist für mich der beste Weg, etwas zu präsentieren. Ich habe das Gefühl, ich kann so etwas Gutes für die Welt tun. Natürlich möchte ich, dass die Dinge, die mir wichtig sind, auch anderen Menschen wichtig sind. Denn wir sollten uns mehr mit solchen Themen beschäftigen. Wir sollten aufeinander aufpassen, darauf achten, wie wir uns selbst und andere bei der Arbeit behandeln.
In unserer Gesellschaft hat sich die Idee durchgesetzt, wir könnten unser Sein von uns abkapseln, wenn wir zur Arbeit gehen. Das ist doch verrückt! Wir entmenschlichen uns, um in die Arbeitswelt zu passen. Das ist bei Lehrer*innen, Ärzten und Ärztinnen, Hebammen, Krankenschwestern und Pflegern ganz besonders der Fall. Dieses Verhalten lässt uns als Gesellschaft zynisch werden, weil wir unser Zugehörigkeitsgefühl verlieren.
Wir verlieren das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als wir selbst. Wir sind eine Gemeinschaft. Der Grund, warum wir das Gesundheitssystem überhaupt geschaffen haben, war unser Gemeinschaftssinn. Wir wollen helfen. Wir wollen die Kranken, die Armen, die Alten und die Jungen nicht verlieren. Wir wollen sie schützen, deswegen haben wir diese Systeme geschaffen. Die funktionieren wie Maschinen, aber sie sind auf menschlichen Prinzipien gebaut. Wir dürfen das nicht vergessen.

Selbst wenn man sich gar nicht für den Arbeitsalltag von Ärztinnen interessiert, kann man in deinen Film gehen und sich überlegen: Wie sieht mein Arbeitsalltag eigentlich aus? Bin ich Teil einer Maschine oder bestimme ich noch selbst?
Dieses Hamsterrad, das beschäftigt mich wirklich. Am Anfang meines Films war da vor allem die Idee: Ich möchte einen Film machen, der Empathie für eine Ärztin weckt, die einen Fehler gemacht hat. Und die Frage ist: Kann man diese Empathie haben? Geht das überhaupt? Während des Filmemachens wurde mir klar, dass es ein Film darüber ist, Empathie für Menschen zu wecken, die Fehler machen. Und das tun wir alle.
Mir wurde klar, dass wir die Schwächen und Fehler anderer Menschen leichter akzeptieren als unsere eigenen. Dabei müssen wir uns in erster Linie selbst akzeptieren. Dieses Thema ist für mich ein universelles. Durch den Film habe ich gelernt, dass man wagen muss, spezifisch zu sein, um universelle Dinge zu berühren. Du darfst nicht vergessen: Es ist unmöglich, keine Fehler zu machen.
Ich denke so oft: Ich habe einfach Glück gehabt. Das hat nichts damit zu tun, dass ich alles unter Kontrolle habe. Es ist einfach Glück.
Du hast recht. Wir vergessen, wie zerbrechlich das Leben ist. Der Grund, warum wir so oft frustriert sind, ist, dass wir mit der Tatsache konfrontiert sind, dass das Leben chaotisch und unkontrollierbar ist. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles bequem im Fluss ist. Und dann geschieht etwas, und dann spüren wir erst, wie kostbar das Leben ist. Wir schätzen das Leben selbst oft nicht so wert, dabei ist es doch ein Wunder, dass wir leben. Du bist hier, ich bin hier, das ist ein absolutes Wunder!
Und weil wir das vergessen haben, sind Menschen frustriert, wenn sie ins Krankenhaus gehen und ihnen dann gesagt wird, dass sie nicht geheilt werden können. Weil die Erwartung ist, dass unser Leben selbstverständlich gerettet wird.
Beim Schreiben des Drehbuchs habe ich mich daran erinnert, dass unsere Premierministerin gesagt hat: „Jeder Tod ist eine Tragödie“. Das klingt so nett, so wahr. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, dann kommt man doch zu dem Punkt: Wir alle werden sterben. Bedeutet das, dass alles Leben eine Tragödie ist? Wir können den Tod nicht verhindern.
Der wird offensichtlich kommen. Mich interessiert dieser Schmerz, den wir alle spüren, wenn wir mit Leben und Tod konfrontiert werden. Wir haben keine Sprache für diese Art von Sensibilität.
Und weil die Sprache fehlt, sprechen wir nicht darüber und bleiben allein mit unseren Gedanken. Der Tod ist Teil des Lebens, ist Teil unserer Natur. Aber wir versuchen, uns von ihr zu entkoppeln. Ich erinnere mich immer an die Worte meiner Hebamme, die meinte, dass Frauen bei einer Geburt dieser Natur wieder sehr nahe kommen.
Es ist eine Situation auf Leben und Tod, und wir können nicht so viel dagegen tun. Ich habe auch zwei Kinder und habe das, was du beschreibst, auch empfunden, als ich sie geboren habe. Es fühlt sich an, als ob man stirbt. Man merkt, dass der Körper Angst um sein Leben hat. Frauen entwickeln Superkräfte, um nicht zu sterben und um sicherzustellen, dass das Baby nicht stirbt.
Wir vergessen das im Alltag aber wieder. Aber wir sind alle so stark, so widerstandsfähig. Ich habe mit Trine [Dyrholm] auch mal darüber gesprochen. Sie sagte: Es sind nicht die Dinge, in denen wir gut sind, die uns zusammenbringen. Es sind die schweren Dinge und die dunklen Dinge, die universell sind und die wir auch teilen können. Die verbinden uns miteinander.
Wir sind dann verbunden, wenn wir Angst haben, uns allein fühlen, wenn wir in Trauer sind. All das sind Momente, bei denen jeder sagen wird: Wir stehen das gemeinsam durch! Wir können nicht verhindern, dass schlimme Dinge passieren, wir können den Tod nicht stoppen. Aber wir können es teilen. Wir können diese Gefühle teilen, und dadurch werden sie weniger schwer zu ertragen.
Genau das, was du beschreibst, ist auch mein Ansatz mit meinen Interviews. Ich möchte, dass die Leute sie lesen und sich weniger allein fühlen. Weil wir miteinander verbunden sind, auch wenn sich das oft nicht so anfühlt. Wir sitzen allein zu Hause und denken, wir seien die Einzigen, die jemanden verloren oder eine falsche Entscheidung getroffen haben, und wenn man dann darüber liest, dass jemand anderes über solche Dinge spricht, hat man hoffentlich das Gefühl: Ich gehöre zu dieser Welt.
Ich liebe es! Für mich ist das nicht nur eine philosophische Idee, sondern etwas sehr Reales. Es ist heilend, sich mitzuteilen. Es ist heilend, sich gesehen zu fühlen. Deswegen werde ich mich auch immer dafür einsetzen, dass mehr Menschen das tun. Denn je mehr, desto besser.
Spürst du manchmal den Druck, solche Begegnungen möglich zu machen? Denn wir wissen: Eine muss anfangen, solche Gedanken zu teilen, damit die anderen nachziehen.
Das ist eine gute Frage. Ich suche mir aber, vielleicht intuitiv, Menschen aus, die das gleiche tun wie ich und da auch offen sind. Das sind Filmregisseur*innen, aber auch Mütter, mit denen ich mich austausche. Das kann auch toxisch sein, aber ich bin über Mütter darauf gekommen, was ich mir fürs Regieführen wünsche.
Früher gab es da eine sehr maskuline Energie, man führt Regie, sagt „Cut“ und „Action“, hat eine Vision und gibt den Weg vor. Für mich besteht der Job viel mehr darin, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen sicher fühlen, damit sie anfangen können, sich mitzuteilen. Schauspielende müssen verletzlich sein und etwas teilen. Diese Räume kreiere ich allein. Aber ich versuche, den Raum als Gleichberechtigte zu betreten.
Wie meinst du das?
Wenn ich zum Beispiel etwas nicht weiß, dann versuche ich, mir zu erlauben, meine Unwissenheit zu teilen. Das mache ich nicht mit den Schauspielenden, sondern mit den Kameramenschen oder den Editors. Ich darf einen Raum haben, in dem ich verletzlich bin. Ich bin nicht die große Managerin, die alle anderen abgesichert hat, außer sich selbst.

Da musst du aber auch die Erfahrung machen, dass es auf guten Boden fällt.
Deswegen habe ich für diesen Film zum Beispiel mit Özlem Sağlanmak gearbeitet. Sie war in meinem Abschlussfilm an der Filmschule in einer kleinen Rolle dabei. Auch mit dem Kameramann, den Produzent*innen, den Designer*innen habe ich schon mehrfach zusammengearbeitet. Also mit den Menschen, die meine Philosophie teilen, die mir etwas zurückgeben. Denn meiner Erfahrung nach braucht es nur eine Person, die nicht so offen ist, und dann fühlt man sich direkt unsicher.
Ich finde Räume eröffnen so wichtig. Denn meinem Gefühl nach leben wir in einer Gesellschaft, in der jede*r Angst hat, sich zu zeigen.
Wir leben in einer sehr perfektionistischen Gesellschaft. Ich habe einen Monat vor Beginn der Dreharbeiten eine E-Mail an die Crew geschickt und erklärt, dass ich nicht möchte, dass wir denselben Fehler machen wie unsere Protagonistin. Wir sollten nicht denken, dass wir unsere Arbeit perfekt machen können. Ich wollte, dass wir das Gegenteil tun. Die Crew sollte zur Arbeit kommen mit dem Wissen, dass sie heute Fehler machen werden. Es wird immer etwas schiefgehen, es geht gar nicht darum, das zu verhindern. Es geht darum, wie wir mit unseren Fehlern umgehen.
Wenn man den Leuten sagt, dass es okay ist, Fehler zu machen, dann ist das fast wie ein Zauberspruch. Weil es Sicherheit schafft. Es lässt unser Nervensystem entspannter sein und wir machen tatsächlich weniger Fehler.
Ich gebe dir mal ein Beispiel, wie wichtig Fehler sind. Ich finde den Prozess der Namensfindung für einen Film wirklich schwierig. Deswegen sammle ich die dümmsten Ideen für Filmnamen, all das Schlechte, was einem so einfällt. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, was viel mehr wert ist als einer vermeintlichen Perfektion hinterherzujagen. Loslassen ist das, was einen tatsächlich ans Ziel bringt.
Weil wir die Perfektion nie erreichen werden.
Genau! Man kann seine Ideale nicht erreichen, weil es Ideale sind. Deswegen schaue ich ganz pragmatisch, welche Prozesse ich beim Schreiben oder Filmmachen aufsetzen kann, damit Menschen gedeihen können. Wir sind ja keine Maschinen.
Ich bin immer wieder davon überrascht, dass Menschen vergessen, dass wir nicht perfekt sein können. Es ist keine Option, keine Fehler zu machen. Es geht darum, Fehler zu machen und zu akzeptieren, dass man sie macht. Menschen, auch Alex im Film, werden sehr wütend auf sich selbst und vertrauen sich nicht mehr, weil sie einmal einen Fehler gemacht haben.
Man muss sich selbst vergeben. Und das ist sehr schwer. Man muss sich selbst vergeben, um in der Lage zu sein, anderen zu vergeben. Und, darüber sprachen wir schon, man muss sich wirklich trauen, verletzlich und milde mit sich selbst zu sein. Wenn man weiß, man hat sein Bestes gegeben, was will man denn dann noch tun?
Ich bekomme immer wieder E-Mails von Ärzten, die den Film gesehen haben. Mich berühren die Nachrichten, in denen sie davon berichten, dass sie ihren Job aufgegeben haben, weil sie nicht mehr konnten. Sie wollten, dass es perfekt ist, aber als ihnen klar wurde, dass das unmöglich ist, konnten sie mit diesem Wissen nicht leben.
Dabei geht es gar nicht immer um Fehler. Es gibt ja auch Patient*innen, die unheilbar an Krebs erkrankt sind. Man kann dann nichts mehr tun. Aber das fühlt sich nicht nach Perfektion an.
Mein Film ist kein Film über Verzweiflung. Für mich liegt ganz viel Hoffnung und Vergebung und Empathie darin. Akzeptanz und Heilung. Denn auch wenn ein Patient stirbt, wenn es diesen Friedhof gibt, den Ärzte auch haben: Es gibt auch die Blumenfelder. Die Patient*innen, die nicht überlebt hätten, wenn es diese Ärztinnen nicht geben würde. Die Menschen, die irgendwann mit einem Blumenstrauß in der Hand da stehen und sich bedanken.

„Nachbeben“ ist auf jeden Fall ein Film, über den man viel nachdenken kann.
Ja. Und ich liebe es. Als ich die ersten Förderanträge geschrieben habe, habe ich geschrieben, dass ich möchte, dass dieser Film Gespräche auslöst. Ich möchte nicht, dass das Gespräch mit diesem Film endet, für mich ist er der Ausgangspunkt. Ich möchte, dass die Leute danach ein Bier trinken gehen und darüber diskutieren. Ich möchte, dass sie sich am nächsten Tag anrufen und weiter darüber diskutieren.
Für mich gibt es in diesem Film immer noch Paradoxien, mit denen ich selbst kämpfe. Es gibt keine einfachen Antworten. Ich weiß nicht, was richtig und falsch ist. Und deshalb mache ich gerne Filme, weil ich immer mehr merke: Vielleicht geht es nicht darum, Richtig oder Falsch oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Vielleicht ist dieser ganze Graubereich der Punkt.
Es geht nicht darum, Erfolg zu haben, gut oder perfekt zu sein. Man muss in Bewegung sein, im Kopf, im Körper oder im Leben. Ich bin also wirklich froh, wenn Leute sagen, dass etwas bei ihnen hängen bleibt, denn das ist es, was ich wollte. Ich möchte, dass ihr Stoff zum Nachdenken habt.
Der Kompass für meine Arbeit ist es, Empathie für das menschliche Wesen zu wecken, das Fehler macht.
Warum hast du dich für diese langen, intensiven Sequenzen entschieden, die sich fast wie ein One Shot anfühlen?
Ich wollte die Empathie für die Ärztin schaffen, die versagt. Dafür musste das Publikum physisch spüren, dass es in den Schuhen einer Ärztin steckt. Sie sollen das am eigenen Leib erfahren, um sich mit der Figur zu identifizieren.
Es musste also ein physischer Film sein, kein intellektuelles Verstehen. Das erreicht man, wenn man keine Schnitte macht, One-Takes. Denn ein Schnitt lenkt für das Publikum die Aufmerksamkeit. Wenn ich nicht schneide, ist man gewissermaßen auf sich allein gestellt. Man muss selbst aufpassen, sonst bemerkt man das Wichtige nicht. Indem man also diesen einen One-Take am Anfang macht, muss man tatsächlich die Arbeit machen, die der Charakter macht. Man weiß nicht, was wichtig ist. Man weiß nicht, welches Ereignis das Hauptereignis ist. Und so ist es, ein Arzt zu sein. Die Ärztinnen wissen nicht, welcher Patient der schicksalhafte sein wird.
Die Schauspielenden, die diese Art von One-Takes spielen können, übernehmen eine große Verantwortung für das Timing. Es braucht Menschen, die es gewohnt sind, Teil eines Ensembles zu sein, ohne Star-Allüren. Und zum Glück habe ich eine Crew gefunden, die meine Vision verstanden und mitgetragen hat.
„Nachbeben“ könnt ihr ab 07. Mai im Kino anschauen. Schreibt mir, welche Gedanken euch danach durch den Kopf gingen. Denn wie Zinnini sagt, das Gespräch soll nach dem Schauen ja nicht beendet sein.

Schreibe einen Kommentar