Özlem Sağlanmak im Interview zu Nachbeben mit Andrea Zschocher

Özlem Sağlanmak: „Wir müssen uns in den Erfahrungen anderer gespiegelt sehen“

Özlem Sağlanmak spielt in „Nachbeben“ die Ärztin Alex, der ein folgenschwerer Fehler geschieht. Sich das anzuschauen, ist sicherlich kein Feel good Moment. Aber die Möglichkeit den eigenen Umgang mit Fehlern zu hinterfragen. Mich hat der Film lange beschäftigt, ich wünsche euch das auch. Und als ich Özlem Sağlanmak dann zum Interview treffen konnte, war genau das, unsere (fehlende) Fehlerkultur, unsere Sprachlosigkeit und der Druck, den wir verspüren, Zentrum unseres Gespräch.

Beim Lesen des Interviews werdet ihr feststellen, wie sehr wir um dieses Thema kreisen. Ich bin überzeugt davon, dass wir viel viel mehr solcher Gespräche benötigen. Denn nur so reift die Erkenntnis, dass Fehler zum Leben dazu gehören. Lasst euch aufs Interview und diesen Film als unbedingt ein.

Wenn du Alex treffen könntest, was würdest du ihr gern sagen?

Özlem Sağlanmak: Das ist eine interessante Frage. [Sie überlegt]

Ich glaube, ich würde sie einfach umarmen und sagen: „Ich weiß.“ [Sie unterbricht sich]

Oh, ich werde plötzlich ganz emotional. Ich würde vermutlich anfangen zu weinen, wenn ich sie treffe. Nach der Umarmung würde ich ihr sagen, dass es schwer ist, ein Mensch zu sein. Das ist es für uns alle. Es liegt eine Schönheit darin, Fehler zu akzeptieren. Wir wachsen an ihnen, lernen so etwas über das Leben. Wir wachsen persönlich an ihnen und auch als Gesellschaft. Fehler sind ein Teil von allem. Ich möchte, dass sie weiß, dass alles gut ist.

Ich denke, sie würde dir da nicht zustimmen, jedenfalls nicht in Bezug auf sich selbst. Sich selbst einen Fehler zu verzeihen, das ist so schwer. Bei anderen kann man das viel besser. Wie können wir sanfter zu uns selbst sein?

Ich kenne das so gut, diese Härte zu sich selbst. Alex ist so zu sich, ich bin so zu mir, alle, die ich kenne, sind auch so. Wir sind so hart zu uns, und wenn man von außen draufblickt, erkennt man, dass diese Härte alles nur schlimmer macht. Sie nimmt jeden Raum für Wachstum. Es gibt nur Kampf, hart gegen sich selbst sein. Wer das tut, ist nicht mehr präsent im eigenen Leben. Man verfängt sich in seiner Angst, kann sich nicht mehr bewegen, nicht mehr vorwärtskommen. Wer gegen sich kämpft, lernt nichts mehr. Alex könnte eine bessere Ärztin werden, wenn sie in der Lage ist, die Fehler zu akzeptieren und daraus zu lernen.

Wenn wir Fehler machen, fixieren wir uns auf die Vergangenheit, überlegen, was wir falsch gemacht haben. Statt uns auf die Zukunft zu konzentrieren, die wir noch beeinflussen können. Es ist wichtig, den Fehler zu verstehen, um ihn nicht zu wiederholen. Aber wir können nicht in der Vergangenheit leben.

Nachbeben Interviews mit Andrea Zschocher
© 2026 Lighthouse

Aber es ist leichter, als zu akzeptieren, dass wir gar keine echte Macht und Kontrolle haben. Das halten Menschen oft noch weniger aus.

Die Idee, dass wir wirklich die Kontrolle haben, ist eine dicke, fette Lüge. Wir glauben, wenn wir alles richtig machen, dann passiert uns nichts. Ich verstehe, warum wir so leben. Aber wir blenden den Tod dabei aus. Als könnten wir, wenn wir so denken, immer weiter leben, niemals alt werden, niemals krank, niemals sterben. Als wäre das der Trick. Aber wir alle werden sterben. Menschen, die wir lieben, werden sterben. Der Tod ist immer da.

Es ist beängstigend, darüber nachzudenken, aber es ist die Wahrheit. Wir denken, wenn wir friedlich und fehlerfrei leben, dann passiert uns nichts. Unsere Gesellschaft versteckt Tod, Krankheit, Unfälle. Wenn etwas passiert, haben wir das Gefühl, die eine große Ausnahme von der Regel zu erleben, eine Anomalie. Wir stehen unter Schock und es fehlen uns die Worte, um darüber zu sprechen.

Das Fehlen von Worten führt aber zu großer Einsamkeit. Nach dem Tod meines Freundes wollte mein Umfeld, dass schnell alles wieder gut ist. Aber der Mensch wird mir für immer fehlen, dieser Teil wird nie wieder gut. Alle hatten Angst, das Thema anzufassen, weil niemand wusste, was er sagen sollte.

Wir haben alle solche Angst davor. Du hast es auf den Punkt gebracht. Es gibt keine Räume für diese Themen, keine Sprache. Wir haben keine Kultur, um das zu praktizieren. Das Einzige, was vielleicht hilft, ist, sich zu trauen, das Leben mit mehr Sinn, mehr Freude zu leben, präsenter zu sein. Weil wir wissen, dass es endlich ist.

Das Leben ist endlich, das wissen wir und es sollte uns eigentlich motivieren. Für die meisten ist es aber beängstigend, darüber nachzudenken. Trauer ist etwas sehr Individuelles, wir erwarten, dass alle das allein bewältigen. Und isolieren die Menschen, weil wir keinen Weg finden, darüber zu sprechen, die Trauer auszuhalten. Deswegen drücken wir alles weg.

Ich denke, in früheren Gesellschaften war das anders. Es gibt auch immer noch Gesellschaften, in denen der Tod ein Teil der Kultur und der Gesellschaft ist.

Nachbeben Interviews mit Andrea Zschocher
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Aber wir haben das ausgelagert. Wir haben Friedhöfe, da darf man trauern, aber innerhalb der Gesellschaft findet Trauer und Tod nicht statt.

Nein, alles soll so schnell es geht zurück zum normalen Leben. Um darüber zu sprechen, können Filme wie „Nachbeben“ helfen. Ich erlebe das immer wieder bei Vorführungen, wenn ich danach mit dem Publikum spreche. Das Thema ist eines, das uns alle betrifft. Wir alle waren schon mal im Krankenhaus, haben einen geliebten Menschen dort besucht. Das ist vollkommen normal.

Und doch sprechen wir nicht darüber, welche Gefühle wir damit verbinden. Bei den Q&As geschieht das, und es bewegt mich sehr. Weil es ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden. Nur keinen Ort, an dem das geschehen kann.

Ich versuche mit diesen Interviews einen Ort zu schaffen, an dem Menschen erkennen, dass sie nicht allein sind. Denn niemand ist allein in seinen Gedanken, seinen Fragen, seinen Sorgen.

Es ist wie beim Schamgefühl. Je mehr man das zurückhält, desto größere Macht hat es über einen. Wir müssen uns in den Erfahrungen anderer gespiegelt sehen, wir dürfen uns nicht wie eine Anomalie oder ein Freak fühlen. Wir sind keine gescheiterten, fehlerhaften Menschen, weil wir diese Gefühle haben.

Du hast die Q&As angesprochen. Wie sind die für dich? Ich erlebe vieles, deswegen frage ich mich, ob Menschen dich mit deiner Rolle verwechseln und hoffen, dass du sie jetzt heilen kannst.

Ja, das passiert. Aber ich kann nicht heilen, ich spiele nur eine Ärztin. Deswegen höre ich einfach nur zu, ich glaube, das genügt auch.

Ich verstehe, dass es eine Faszination für unsere Arbeit gibt, weil wir jemanden darstellen können, der wir nicht sind. Die Menschen schauen einen Film und es entsteht eine intime Beziehung, weil man diese Charaktere in intimen Situationen beobachtet. Es findet also eine Art Bindung statt.

Am Ende ist für mich wichtig, dass die Menschen nach dem Schauen des Films darüber nachdenken, was dieser Film mit ihnen gemacht hat. Was ist da in ihrem Inneren passiert? Das ist wichtiger als Verehrung für Schauspielende oder Regisseur*innen.

„Nachbeben“ zeigt sehr lange One-Takes. Wie gehst du mit dem Druck um, im richtigen Moment abliefern zu müssen?

Da geht es mir wie der Figur, die ich spiele. Ich weiß: Wenn ich einen Fehler mache, muss alles neu gedreht werden. Ich kann nicht einfach sagen: Lass uns nochmal von vorn starten. Aber ich muss diese Möglichkeit des Fehlers einfach akzeptieren. Dann mache ich eben einen Fehler, das darf mich nicht aufhalten.

Dafür muss ich mental loslassen, muss mich auf das, was als nächstes kommt konzentrieren, nicht auf die Vergangenheit. Ich muss in diesem Moment wahrhaftig sein. All das, während es natürlich auch sehr technische Komponenten gibt, weil ich ja verschiedene Positionen genau treffen muss. Ich muss präsent sein und gleichzeitig ganz frei.

Nachbeben Interviews mit Andrea Zschocher
© 2026 Lighthouse

Alex trifft eine Entscheidung, die falsche, wie sich dann herausstellt. Das wissen wir aber ja vorher nie. Wie finden wir uns mit unseren Entscheidungen ab?

Es gehört Mut dazu, seine Fehler zu akzeptieren und zu erkennen, dass man nicht perfekt ist. Sich zu trauen, dorthin zu gehen, das ist der Weg. Du kannst hart zu dir selbst sein, dann bist du es auch zu den anderen. Denn wenn du deine Fehler nicht akzeptierst, wirst du auch nie die Fehler der anderen akzeptieren.

Du kannst aber auch den anderen Weg gehen und über Dinge sprechen. Ich finde, wir legen viel zu viel Wert auf Ergebnisse. Schon in der Schule geht es nur um Leistung. Warum legen wir den Fokus nicht auf die Entwicklung, auf das Ringen auf dem Weg? Wir sollten doch immer den Versuch, etwas zu tun, das schwer ist, mehr beklatschen als das, was leicht ist. Das fördert Empathie und gibt allem einen sanfteren Blick auf die Welt.

Es gibt so viel Schönheit und Frieden auf der Welt, unsere Gesellschaften sind darauf aufgebaut. Gerade wendet sich das, es kommt viel Angst dazu. Aber Raum für Fehler ist die Rettung.

Viele Ärzte geben ihren Beruf auf, weil die Angst vor Fehlern zu groß wird. Diese Menschen, die sich entschieden haben, Menschenleben zu retten, die verlieren wir, weil die Möglichkeit im Raum steht, dass sie einen Fehler machen. Ich möchte immer lieber eine Ärztin wie Alex haben, die fähig ist, gut mit den Patient*innen umzugehen, die gut reagiert. Aber wenn sie sich diesen Fehler nicht verzeihen kann, ist sie für immer für die Lebensrettung verloren. Die Frage ist also: Wie schaffen wir Räume und Rahmenbedingungen, in denen wir uns um die Menschen kümmern, die sich um andere kümmern?

Özlem Sağlanmak im Interview zu Nachbeben mit Andrea Zschocher
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Alex möchte sich entschuldigen, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Für wen entschuldigt man sich eigentlich? Für sich selbst oder für das Gegenüber?

Ich durfte eine Schicht lang Ärztinnen bei der Arbeit zusehen. Und ich hatte sehr viele Emotionen in dieser Schicht. Aber für die ist gar kein Raum. Es gibt für Ärzte und Ärztinnen keinen akzeptablen Raum, in dem sie ihre Emotionen ausdrücken können. Alles muss versteckt und weggepackt werden, ganz klein tief im Inneren verborgen.

Der Arztkittel ist wie eine Rüstung. Es fühlte sich an, als würden sie mit einem Schild in den Krieg ziehen. Wir akzeptieren, dass Angehörige emotionale Reaktionen haben, aber die Ärzte und Ärztinnen dürfen das nicht. Ich verstehe das auch. Wie soll ein Krankenhaus funktionieren, in dem alle weinen, schreien oder wütend sind. Aber alle Pflegenden sind ja auch Menschen. Die haben Gefühle, die gefühlt werden müssen.

Und das geht ja auch über den Arbeitsalltag hinaus. Ärzte haben auch Familie, haben ein Privatleben. Das hat nur alles keinen Platz. Darüber zu sprechen, ist ein großes Tabu, weil andere sofort denken, sie seien schwach, wenn sie nicht perfekt sind. Aber dürfen sie das nicht sein? Wir brauchen mehr Raum, mehr Fürsorge, mehr Zeit, damit Pflegepersonen verarbeiten können.

Wir reden viel über Therapie, aber es geht ja nicht darum, etwas Persönliches aus der Kindheit zu klären, sondern im Arbeitsalltag und in stressigen Situationen funktionieren zu müssen. Die Ärzte und Ärztinnen verlassen sich aufeinander, da gibt es keinen Raum für Fehler. Es wird immer nur Leistung abgefordert.

[Die Regisseurin] Zinnini [Elkington] hat uns eine Nachricht geschrieben, weil sie diesen Raum für uns öffnen wollte. Mir hat das sehr geholfen, ich habe das gebraucht. Ich brauche Regieanweisungen, aber ich brauche auch Momente, in denen mir vertraut wird. Und Momente, in denen ich mich irren darf. Denn wenn es keine Angst vor Fehlern gibt, dann kann ich Risiken eingehen und daraus kann etwas Neues entstehen, was in einer Szene überrascht, sie aber perfekt macht.

Diesen freien Fall zuzulassen, das erfordert Mut. Zinnini hat den, anders als viele Männer. Und dieser Mut wurde belohnt.

Nachbeben Interviews mit Andrea Zschocher
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„Nachbeben“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Ich habe ihn im dänischen Original mit Untertiteln gesehen, was für mich die Intensität und Aufmerksamkeit auf den Film sehr hoch gehalten hat. Ich gehe davon aus, dass die deutsche Übersetzung auch sehr gut ist, aber wenn ihr euch den vollen Filmgenuss geben wollt, rate ich ja grundsätzlich immer zur Originalversion!


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