Als ich Interviews zu „Einfach Elli“ geführt habe, kam eine Frage mit Abstand am meisten: Warum hast du nicht mit Sophie von Kessel gesprochen?! Damals konnte ich nur sagen: Es hat sich nicht ergeben. Aber bei „München Beats“ ist das jetzt zum Glück anders, so dass ihr jetzt das Interview mit Sophie von Kessel lesen und euch auf die vierteilige Serie freuen könnt, die einen zurück in die 90er Jahre führt und euch hoffentlich aufzeigt, wie viel sich seither verändert hat. So jedenfalls ist Sophie von Kessel an ihre Rolle herangegangen.
Was sie beim Schauspiel antreibt, worüber sie sich auch mal ärgert und welche Frauenfiguren Sophie von Kessel gern spielen möchte, das erfahrt ihr im Interview.
Wie spielt man etwas, das Fiktion und Realität so miteinander verbindet?
Sophie von Kessel: Meine Figur ist davon ja nicht betroffen, die ist Fiktion, da gibt es keine reale Vorlage. Das einzig Authentische in „München Beats“ ist ja die Entstehung des Kunstpark Ost. Es gibt natürlich auch den Bezug zur „Pfanni“-Familie, aber das hat sich alles ja nicht so abgespielt, wie wir es zeigen.
Es ist in der Tat so, je berühmter eine Figur ist, umso schwerer fällt es einem, diese zu spielen. Vor Kurzem habe ich in einem Marilyn-Monroe-Stück gespielt, das ist etwas ganz Besonderes. Ich kann da so gut sein, wie ich will, ich werde nie Marylin Monroe sein. Das geht ja auch gar nicht. Ich bleibe eine Schauspielerin, die versucht eine Figur ZU SPIELEN. Das ist besonders schwer bei Vorbildern, die wir noch so präsent vor Augen haben.
Und doch können manche Menschen bei Schauspielenden oft nicht zwischen Figur und Realität unterscheiden.
Das stimmt. Aber das Problem habe ich ja eigentlich immer, egal, ob die Figur, die ich spiele, real ist oder fiktiv. Ich sehe das so: Wenn ich so überzeugend spiele, dass jemand denkt, ich sei privat auch so, dann ist das doch ein Kompliment für meinen Beruf.
Und wenn Sie so glaubwürdig spielen, dass Menschen Sie mit ihren Rollen verwechseln, möchten Sie das manchmal korrigieren und erklären: So bin ich doch gar nicht!?
Mich irritiert das immer noch. Und dann entdecke ich, dass ich das selber manchmal bei Kolleg*innen auch mache. Und ich müsste es ja nun wirklich besser wissen. [Sie lacht]
Aber da schiebt sich manchmal etwas dazwischen. Man meint bei Hollywood-Stars ja auch zu wissen, wie die wirklich sind. Ich habe Meryl Streep schon so oft gesehen, da habe ich das Gefühl, ich weiß, wie sie ist. Das ist aber eigentlich frech und nicht wirklich fair…

Irgendwie ist es ja auch tröstlich, dass es Ihnen da auch so geht. Was ärgert Sie denn am meisten an Ideen, die andere von Ihnen haben könnten?
Vor allem als ich jünger war, war es die Kombination aus meinem Namen, „von Kessel“ und meinem Aussehen, vielleicht auch der Art und Weise, wie ich aufgetreten bin. Da gab es oft die Vorstellung, ich sei edelmütig, adlig, immer nur lieb und nett. Mich ärgert das, weil ich erstens gar nicht so bin und zweitens die Figuren, die ich spielen sollte, dann auch oft darauf reduziert wurden. Das ist ehrlicherweise echt langweilig.
Ich kam durch meine Ausbildung vom Theater und plötzlich sollte ich in Filmen dann solche Figuren spielen. Das hat mich gelangweilt, weswegen ich zurück ans Theater bin. Da durfte ich auch mal eine alte Haushälterin spielen, mit falschem Gebiss und im Fat-Suit…
Da fängt der Beruf an, Spaß zu machen, wenn ich anfangen kann, wirklich eine andere Figur, einen anderen Menschen zu spielen. Denn so entdeckt man, welche Seiten man auch noch in sich hat, die man vielleicht nicht immer so im Alltag zeigt. Solche Rollen zu entwickeln, das auch aus sich herauszukramen und aufzubauen, das ist der große Spaß in diesem Beruf. Für mich ist jede Form von Schubladendenken und Typbesetzung total furchtbar, weil es so einschränkt.
Und gerade Frauenfiguren leiden da sehr drunter.
Ja, das ist ein riesiges Thema. Bei „München Beats“ habe ich schon gesehen, dass das eine historische Figur ist, das spielt zu einer anderen Zeit. Und ich wollte sie so spielen, dass alle merken: „Ein Glück, dass sich die Zeiten geändert haben“. Denn ich hoffe, sie haben sich geändert.

Sie haben sich geändert und irgendwie auch nicht. Es ist ja immer noch schwer für Frauen, den eigenen Weg zu gehen. Wie können wir das besser schaffen? Ihre Alicia geht den nicht.
Sie geht ihn sehr spät. Und ich glaube, ein guter Weg ist, Dinge in Frage zu stellen. Authentisch sein und sich zu fragen: Möchte ich das, oder ist das eine mir zugewiesene Rolle? Muss ich, als Beispiel, weil ich ein Kind habe, auch zwangsweise den Haushalt immer führen? Muss ich meine Karriere opfern, weil ich mich entschieden habe, eine Familie zu gründen?
Ich habe das oft von Kolleginnen gehört, dass gefragt wurden, was sie mit ihren Kindern machen, wenn sie dieses oder jenes drehen. Der Vater der Kinder hat diese Frage nie gestellt bekommen. Es gibt vieles, worüber man sich wirklich wundern kann…
Gerade was Schauspielerinnen zwischen 40 und 60 angeht, da passiert, auch durch Kampagnen wie die von Gesine Cukrowski „Let’s change the picture“, zum Glück etwas. Vor ein paar Jahren wurde nicht in Frage gestellt, dass wir kaum Jobs bekommen, dass man uns angeblich nicht sehen will.
Man kommt sich vor wie eine Schattenfigur am Rand, wenn gesagt wird, man wolle in kein 40- oder 50-jähriges Gesicht schauen, lieber in das einer 20- oder 30-Jährigen. Im Zweifel hatten diese Figuren bis vor ein paar Jahren auch keine Namen, sondern lediglich Berufsbezeichnungen, ein, zwei Drehtage und kaum Text. Das ändert sich jetzt, hoffentlich wenn auch sehr langsam.
„Eines Tages wird das keinen mehr jucken, da werden alle schwul sein“, ist ein Zitat aus der Serie und passt auch zu dem, was Sie gerade sagten. Und doch ist dieser Tag leider noch nicht gekommen. Warum ist das so?
Darauf habe ich leider keine Antwort.
Ich glaube, dass viele Dinge viel Zeit brauchen. Die Hoffnung ist, dass es nur eine Frage von Zeit ist und nicht eine Frage von Überzeugung. Zumindest die Stellung der Frau hat sich doch hoffentlich im Vergleich zu dem, was wir in der Serie zeigen, schon ein wenig geändert.
Wenn ich eine Rolle wie diese bekomme, dann denke ich: Wie spiele ich das denn heutzutage? Denn eigentlich kann man das so gar nicht mehr erzählen. Das geht nur, weil es in den 90ern spielt. Ich hoffe, ich habe sie so gespielt, dass die Zuschauerin denkt: Ein Glück, dass sich das geändert hat.
Warum brauchen wir Kunst und Kultur?
Wir brauchen das, weil wir dadurch träumen können, weil es uns bereichert, über unseren Alltag hinaus geht. Es erfüllt uns, gibt uns Emotionen, die wir so ohne Weiteres im Alltag nicht bekommen können. Ich glaube, dass Kunst vielen Menschen so viel gibt und wenn das wegfallen würde, aus was besteht dann das Leben noch? Aus einem Abhandeln von Aufgaben, die einem gestellt werden? Kunst ermöglicht es uns über unser Leben hinaus zu wachsen, zu denken, zu fühlen, zu empfinden.
„München Beats“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 26. und 27. August wird die Serie, jeweils in Doppelfolgen, um 20:15 Uhr im ZDF gezeigt.
Die vierteilige Serie wird euch hoffentlich nicht nur in die 90er zurückversetzen (oder überhaupt erstmal dahin ;D) sondern auch über Techno und die Raveszene nachdenken lassen. Und über die Frage, wie viel Kunst und Kultur ihr so in eurem Leben habt. Schreibt mir gern, was die Miniserie bei euch ausgelöst hat.

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