Was in eurem Leben würdet ihr als absolut fix und unveränderlich bezeichnen? Vor meinem Interview mit Felix Hellmann hätte ich sofort mit: Meine Familie und meine Freundschaften geantwortet. Jetzt bin ich mir meiner Antwort gar nicht mehr so sicher, denn auch wenn ich natürlich immer noch hoffe, dass meine Liebsten immer Teil meines Lebens sein werden: Ich habe das gar nicht wirklich in der Hand. Ich kann ja niemanden zwingen, bei mir zu bleiben. Ich bin also gespannt, was eure Antwort auf diese Frage ist.
Das Interview mit Felix Hellmann, der im Film „Nix ist fix“ die Figur Edwin verkörpert, der aus der Freundesgruppe ein wenig ausbricht und sich auf die Suche nach dem begibt, was IHN wirklich glücklich macht (wie oft machen wir das eigentlich?) hätte ruhig noch länger gehen können. Aber so ist das eben mit guten Gesprächen, sie führen einen immer weiter zum nächsten Punkt. Deswegen freue ich mich auf eure Antworten.
Wie nah ist dir der Edwin?
Felix Hellmann: Edwin kam mir im Laufe der Rollenarbeit immer näher. Am Anfang war er für mich einer, der aus seiner Freundesgruppe ausbüchst. Das ist mir als Person jetzt gar nicht so nahe. Ich bin niemand, der sich bewusst gegen seinen Freundeskreis stellen würde.
Aber seine Haltung, auch wenn sie sehr überspitzt ist, fand ich sehr inspirierend. Er erinnert daran, dass dieses Weitermachen wie immer, was so bequem ist, gar nicht mehr geht. Wir alle gucken ja auch manchmal nicht so gerne hin, werden eher nicht aktiv, wenn es uns nicht unmittelbar betrifft. Edwin ist radikal, der will etwas verändern, der will authentischer werden, weil er sich selbst wieder glauben können möchte. Er will keine Lügen verbreiten und vor allem auch sich selbst nicht mehr anlügen. Er will SICH verändern. Was für eine starke Haltung!

Er traut sich, zu seiner Wahrheit zu stehen, auch in der Freundesgruppe, die schon so lange besteht und in der jeder seine Rolle hat. Da auszubrechen, das braucht Mut.
Genau das! Man kennt das ja vielleicht auch von sich, dass man z.B. während Corona durchaus auch Diskussionen im Freundeskreis hatte, die schwer aufzulösen waren. Und wie oft geht man denn wirklich tief in die Diskussion, wenn es politisch wird, oder wenn es um die Kindererziehung geht. Das sind Themen, bei denen man sich, auch im Freundeskreis, was trauen muss, eine Haltung braucht, auch wenn es unbequem wird, weil man nicht ständig einer Meinung ist.
Aber wir suchen uns ja unsere Freund*innen schon von vornherein nicht unbedingt aus, weil wir mit ihnen streiten wollen. Es ist ja eher so, dass wir uns alle in unserer Bubble bewegen und dadurch die Auseinandersetzung vielleicht auch noch weiter verlernen.
Das ist ja auch ein Teil dessen, was Freundschaft ausmacht. Dass man, gerade auch politisch, in eine ähnliche Richtung denkt. Aber es gibt ja auch diese ganzen anderen Wähler*innen. Wenn man da in seinem erweiterten Freundeskreis guckt, dann muss man die ja – theoretisch – auch kennen. Denn die Leute müssen ja irgendwo sein, warum nicht auch im erweiterten eigenen Kreis?
Man konzentriert sich natürlich eher auf die, die die eigenen Überzeugungen teilen, aber wenn wir noch mal auf Corona zurückkommen: Da wurden Freundeskreise und evtl auch Familien auf eine harte Probe gestellt. Da gab es denke ich viele Gespräche mit Leuten, die man ewig kannte und mit denen es dann plötzlich richtig geknallt hat.
Was macht denn eine gute Freundschaft aus?
Wen rufe ich nachts um drei an, wenn ich mit den Kindern im kaputten Auto irgendwo auf der Autobahn im Ausland stehe und gar nichts mehr geht? Wer holt mich da ab, wer ist in dem Moment da? Diese Frage ist mein Gradmesser, wer eigentlich wirklich für mich da ist.
Mit guten Freunden kannst du auch schwierige Situationen oder Themen teilen, während es in oberflächlichen Freundschaften vielleicht zu anstrengend ist.
Ich erwarte von guten Freunden auch, dass sie mir sagen, wenn ich Scheiße baue oder mich scheiße verhalte. Das hört niemand gern, aber wer, wenn nicht die, soll einem das denn sonst sagen? Das ist doch die große Chance einer Freundschaft, dass man diese ganzen diffizilen Themen miteinander teilt.
Ich finde auch Kindererziehung ist ein gutes Bespiel. Wie erziehen andere ihre Kinder? Wie sehr stimmt das mit meiner Vorstellung überein? Kann man sich gut darüber austauschen?

Ich verstehe dein Beispiel mit der Auto-Notsituation, und doch ist sie für mich kein Gradmesser. Weil ich, egal wie nah mir jemand steht, immer erst mal helfen würde.
Das stimmt natürlich. Aber die Frage ist eher: Welcher Name, welches Gesicht taucht bei dem Szenario in meinem Kopf auf und wer eben nicht. Ich will nicht ausschließen, dass andere auch kommen, aber an die denke ich ja erst mal gar nicht.
Ich finde generell, dass Freundschaften sich mit Kindern noch mal sehr verändern. Es kommen einerseits sehr schnell neue Freundschaften dazu, weil man z. B. richtig cool findet, wie andere mit den Kindern umgehen oder wie sie ihr Leben unter diesen neuen Umständen organisieren. Wenn mich jemand mit der eigenen Kindererziehung inspiriert, dann ist die Chance groß, dass ich die Person auch als Menschen ganz cool finde.
Freundschaften sind auch Veränderungen unterworfen. Im Film gibt es diesen schönen Satz: „Veränderung ist das Einzige, worauf wir uns verlassen können.“ Wie veränderungswillig bist du?
Für mich ist Veränderung zentral, fast schon ein Lebensmotto. Es ist doch etwas, das wirklich jedem Prozess innewohnt. Es gibt bei allem Geburt und Ende, bei jedem Stern, jedem Atom, jedem Moment, jeder Emotion.
Wenn man Veränderung als gegeben und somit als Inspiration nutzt, als einzig mögliches Prinzip, dann wird man feststellen, dass sich ganz viele Probleme in Luft auflösen. Alles kommt und alles geht. Das zu wissen, relativiert viele unnötige Aufregung. Es gibt ja das Anhaftungsprinzip, dass man schöne Dinge festhalten will und schlechte Dinge gar nicht haben will, und mit beidem geht es einem emotional nicht gut. Man kann nichts festhalten, und diese Veränderungen zu akzeptieren, relativiert vieles. Alles kann immer passieren. Das Gute und das Schlechte.
Das immer präsent zu haben, ist natürlich sehr schwer, weil wir uns von Emotionen immer wegtragen lassen. Aber wer es schafft, die Veränderung zu verinnerlichen, der wird auch leichter durch z.B. die Kindererziehung kommen. Denn die Kinder haben dauernd Phasen. Manche sind mega anstrengend und andere sind total schön. Und beides wird vorbeigehen. Und wiederkehren.
Ich mag den Begriff Veränderung total gerne, weil wir Menschen eigentlich darauf gepolt sind, Dinge lieber zu konservieren. Alles soll möglichst bleiben, wie es ist. Gegen Veränderungen sträubt man sich oft, denke ich, hat einen Widerstand. Dabei macht es eigentlich keinen Sinn. Man kann sich gegen das Alter sträuben, gegen den Tod, gegen Veränderung. Aber all das wird passieren. Und ohne den Tod gäbe es ja das Leben in der Form gar nicht. Man kann sich viele Emotionen also eigentlich auch sparen.

Glaubst du, dass es Menschen, die kreativ arbeiten, leichter fällt, Veränderung zu umarmen, weil das mehr ihrem Arbeiten entspricht?
Das müsstest du wahrscheinlich auch andere Berufsgruppen fragen. [Er lacht]
Ich glaube, wer es schafft, in der Veränderung eine Schönheit zu sehen, der hat es leichter. Wir wollen ja alle immer ganz gern wissen, wie es weitergeht. Und doch leben Kreative oft in einem eher unsicheren Zustand. Bei mir ist es seit 20 Jahren immer nur unsicher. Es kann jederzeit ein neues Projekt, ein neuer Job, ein großes, neues Ding kommen. Oder eben auch nicht.
Neulich habe ich einen tollen Satz von der Tennislegende Arthur Ashe gehört, der an Aids erkrankte und irgendwann mal gesagt hat, dass er sich nicht mehr fragte, warum dieses Schicksal ausgerechnet ihn ereilt habe. Weil er sich umgekehrt dann genauso hätte fragen müssen, warum ausgerechnet er so viele tolle Momente hatte in seinem Leben. Wir fragen uns, wenn es gut läuft, ja sehr selten: Warum ausgerechnet ich? Das machen wir nur, wenn’s nicht gut ist. Ein Mindshift täte da doch ganz gut.
Wenn es schlecht läuft, gibt es auch den Trick sich auch z.B. fünf Dinge zu sagen, die gut laufen. So trainiert man sein Gehirn darauf, das Positive mehr wahrzunehmen. Und wenn man das tut, stellt man schnell fest, dass man von sehr viel Gutem umgeben ist. Natürlich wäre es schöner, wir wären von Natur aus eher auf das Positive gepolt, aber wir können uns auch dahin trainieren.
In „Nix ist fix“ geht es auch um die Frage nach Besitz. Wie viel Besitz ist dir wichtig?
In dieses Thema habe ich mich richtig reingefuchst und das für mich etwas stärker unter die Lupe genommen. Ich wollte die kapitalistischen Grundsätze und die Wegweiser, die festlegen, wie viel man eigentlich braucht, besser verstehen. Es gibt definitiv einen Zusammenhang zwischen Geld und Glück, aber in den Thesen, die ich dazu gelesen habe, gibt es einen Pro-Kopf-Betrag, mit dem ein einzelner Mensch schon mit relativ wenig extrem glücklich wird. Und der liegt bei einem monatlichen Nettovermögen von 5000 € pro Person, wenn man es rein kapitalistisch betrachtet.
Bei 5000 € hat man einen sehr starken Mehrwert, weil es um Sicherheit geht, um eine Absicherung für die Zukunft und im Krankheitsfall. Man kann sich gleichzeitig alles leisten, was man zum Leben braucht, und hat noch einen Teil für Luxus. Essen, Miete, Versicherungen sind bezahlt, und rein finanziell geht es einem gut. Man lebt sorgenfrei und glücklich. Natürlich ist das viel Geld. Aber im Vergleich mit Menschen, die Millionen und Milliarden haben, sind 5000 € fast nichts.
Die These besagt auch, dass dieses Gefühl von Sicherheit und Glück nach den 5000 € nicht extrem weiter wächst. Wer 100.000 € im Monat hat, ist nicht 20 mal glücklicher, das Geld wird dann vielmehr zu einer Belastung. Man hat dann eher Angst, diesen Status und das Geld wieder zu verlieren, oder dass die Kinder entführt werden, dass alles wieder zusammenbricht. Man fühlt mit mehr Geld nicht in gleichem Maße mehr Glück.
Ich finde den Gedanken spannend, wie glücklich wir alle sein könnten, wenn diese ganzen Milliardäre jedem Menschen 5000 € zugestehen würden. Das wäre doch möglich. Wir wären, unterm Strich, alle sehr viel glücklicher. Und die müssten keine Angst mehr haben, dass man ihnen was wegnehmen will.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass weniger mehr ist und Besitz relativ schnell belastet, wenn man z.B. irgendein zusätzliches Luxusgut hat. Drei Fahrräder oder zwei Autos oder eine Ferienwohnung. All das will gepflegt werden. Ich finde den Gedanken daran schon wahnsinnig anstrengend, deswegen besitze ich das auch alles nicht. [Er lacht]
Ich will nicht so viel anhäufen, ich bin eher immer am Ausmisten. Es gibt natürlich unterschiedliche Phasen im Leben. Mit Kindern braucht man einfach mehr Dinge, auch vielleicht ein Zimmer mehr, oder sie haben Hobbys, die man fördern möchte. Das braucht dann auch mehr Geld. Wenn meine Kinder sich aber mal selbst versorgen können, dann glaube ich, dass ich mit relativ wenig auskomme. Aber vielleicht ist das auch eine Frage, wie man selbst aufgewachsen ist.

„Nix ist fix“ heißt der Film. Was in deinem Leben ist fix und was ist vielleicht variabel?
Wahrscheinlich ist nur meine Überzeugung fix, dass eben nichts fix ist. Zu glauben, dass irgendetwas im Leben fix ist, ist ein Trugschluss. Ich habe, wenn ich die letzten 20 Jahre anschaue, habe ich in meinem Leben relativ wenig Beständigkeit erlebt. Vielleicht reizt es mich deswegen, Veränderung als etwas Positives anzunehmen?
Veränderungen sind für mich auch immer eine Chance.
Ich verstehe genau, was du meinst, und finde Veränderungen gut. Und merke gleichzeitig, wie ich trotzdem hoffe, dass meine Familie & meine Freundschaften fix sind. Obwohl du ja recht hast, dass auch die Veränderungen unterworfen sind und ich sie gar nicht festhalten kann.
Es ist ein Wunsch, ein Bedürfnis, das zu konservieren oder festzuhalten. Ich will meine Kinder doch auch festhalten und weiß trotzdem, dass sie irgendwann ihre eigenen Wege gehen. Wenn ich nur daran denke, dass sie vielleicht nach Australien gehen könnten, oder an andere Orte, an denen sie kaum mehr greifbar für mich sind, merke ich, dass mir der Gedanke schon sehr weh tut. Aber gleichzeitig habe ich das nicht in der Hand und will ihnen auch nicht im Weg stehen.
Würde sich meine Familie jetzt auflösen, wäre das die Vollkatastrophe. Aber trotzdem unterliegt es einem nicht steuerbaren Veränderungsprozess. Ich kann also den momentanen Zustand nur genießen und hoffen, dass ich feinfühlig genug bin, um ausreichend dazu beizutragen, dass das möglichst lange so bleibt.
„Nix ist fix“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 10.August um 20:15 Uhr läuft der Film im Rahmen des ZDF Sommerkino.

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