Robin Sondermann zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher

Robin Sondermann: „Es ist auch wichtig zu zeigen, wie vielschichtig Beziehungen sein können“

Wie oft denkt ihr eigentlich über die Beziehungen in eurem Leben so nach? Und damit meine ich nicht nur die Liebesbeziehungen, sondern auch die zu Freund*innen und Arbeitskolleg*innen. Mit Robin Sondermann habe ich gemeinsam darüber nachgedacht, wieso letztere in Filmen so oft mit Liebesbeziehungen einhergeht, obwohl das in der Realität ja eher selten der Fall ist. Oder ist das bei euch anders? Dann freue ich mich darauf, wenn ihr mir davon erzählt.

Wir sprachen außerdem über Empathie, Vertrauen und Social Media.

Was magst du an Freddy am liebsten?

Robin Sondermann: Ich mag seine Empathie, die er allen Figuren, Opfern und Tätern gegenüber hat. Er hat einen professionellen, aber keinen abgebrühten Umgang mit ihnen.

Und wie weit bist du davon entfernt?

Grundsätzlich würde ich mich schon als einen empathischen Menschen beschreiben. Was bei „In Wahrheit“ und bei Freddy relevant ist, ist, dass wir möglichst lange hingucken, offen bleiben. Dieser vorurteilsfreie Blick auf Menschen, auf ihre Geschichten und was sie ausmacht, das gelingt Freddy dann doch besser als mir. [Er lacht]

Robin Sondermann zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Kai Schulz

Bei „In Wahrheit“ liegt der Reiz sicher auch in diesem genauen Hinsehen. Da werden die Zuschauenden auch nicht ständig neuen Reizen ausgesetzt, es gibt nicht immer wieder neue Schnitte. Stattdessen darf man hinsehen und selbst entdecken. 

Das hast du wirklich gut beschrieben, dabei ist dieser Film noch einer der schnelleren aus der Reihe. Denn hier tickt ja die Uhr, wir müssen uns beeilen. Es gibt andere „In Wahrheit“- Filme, die viel ruhiger sind. Aber wir wollen auch kein klassischer „Who´s dunit“- Film sein. Uns interessierte mehr, was das Drama hinter der Geschichte ist.

Und vielleicht auch erkennen, dass man einander die Hand reichen kann. Denn es gibt diese eine Szene im Film, die mit einander die Hand reichen zu tun hat, die sehr im Kopf bleibt.

Ich mag die Szene, auf die du anspielst auch total gerne, weil sie lange Zeit ohne Worte auskommt. Man muss die Figuren da wirklich zueinander führen. Diese Fokussierung darauf, was am Ende bleibt, die ist auch wichtig. Wir sind nun mal Menschen und haben nur einander. [Er lacht]

Robin Sondermann zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/manju sawhney

Freddy und Judith vertrauen einander ohne Zögern, ohne Hintergedanken. Im Film wird das deutlich, als Freddy sich mit einem gefährlichen Vorwurf konfrontiert sieht. Wie kriegt man so ein Vertrauen miteinander hin?

Sowohl Christina [Hecke] als auch mir war es für die Figuren wichtig, dass kein Blatt Papier zwischen uns passt. Es darf da keine Zweifel geben. In dem Film war das gar nicht so leicht, denn solch eine Beschuldigung, wie sie Freddy gegenüber vorgebracht wird, die braucht einen Resonanzraum. Sowas kann man einem Publikum normalerweise nicht einfach als Blödsinn erzählen, den eine Frau sich ausdenkt. Sexuelle Gewalt ist ein zu wichtiges Thema, das nicht abgetan werden darf, das wäre total gefährlich. Niemals dürfte die Einstiegshaltung in eine solche Geschichte sein, dass wir der Frau nicht glauben.

Bei uns geschieht der Vorwurf aber im Schlussverhör, als wir die Frau schon kennengelernt haben, eine Menge von ihr wissen.

Und wie du schon sagst, ist außerdem das grundsätzliche Vertrauen der beiden untereinander schon sehr gefestigt. Judith und Freddy sind zwei Figuren, die viele Jahre zusammenarbeiten und eine gemeinsame Reise haben. Im allerersten Film gibt es den Versuch eines Kusses, der bei Beiden zu Irritationen führt. Zwei, drei Filme lang war dann der Running gag, dass Freddy Judith am Ende fragt, ob sie nicht mal etwas zusammen trinken gehen wollen und abblitzt.

Mittlerweile sind wir beide, Christina und ich, sehr glücklich darüber, dass beide Figuren ein getrenntes Privatleben haben. Sie ergänzen sich auf der Arbeit extrem gut, vertrauen sich komplett, aber privat wird dem anderen gegenüber vieles im Geheimen gelassen.

Ich finde das ehrlich gesagt oft anstrengend, wenn aus Kolleg*innen im Film auch ein Paar wird. Natürlich gibt es Liebe am Arbeitsplatz, aber die meisten von uns sind da nicht auf der Suche.  

Es ist auch wichtig zu zeigen, wie vielschichtig Beziehungen sein können. Man hat auf der Arbeit nicht nur Arbeitsbeziehungen, aber es muss nicht sofort eine Liebesbeziehung daraus werden. Die Beiden verbringen gerne Zeit miteinander. Aber sie würden deswegen trotzdem abends nicht sagen: Lass uns ein Bier trinken gehen. Die nutzen ihren beruflichen Tanzbereich gemeinsam voll aus, aber ohne jeden Hintergedanken. Die Frotzeleien, die es gibt, die sind komplett befreit von irgendeiner Motivation.

Im Film ist Stalking das große Thema. Was hast du darüber gelernt, was du vorher nicht wusstest?

Mir ist das Missverhältnis davon, wie wenig Aufwand betrieben werden muss, um vom heimischen Sofa aus jemanden online zu stalken, erst bewusst geworden. Da können Menschen mit marginalem Aufwand so viel Unsicherheit in das Leben anderer bringen. Demgegenüber steht der große Aufwand, den die Opfer betreiben müssen, um das Vertrauen für die eigene Lebenswelt wieder zu erlangen.

Selbst wenn die Tat aufgeklärt wird, haben die Opfer die Struktur und ihre Sicherheit in soziale Netze nicht so schnell zurückgewonnen. Das ist ein irrer Kraftakt.

Es wird so viel zerstört.

Wir öffnen mit Social Media jedenfalls ein weiteres Portal, in das eingebrochen werden kann.

Robin Sondermann zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/manju sawhney

Ich schwöre, ich habe dich nicht gestalkt, aber ich fand es bezeichnend, dass die Suchanfragen zu dir sich vor allem mit deinem Privatleben beschäftigen. Warum haben Menschen so eine Neugier am Privatleben anderer?

Ich vermute, die Suchanfragen gibt es, weil ich mein Privatleben bei Social Media nicht thematisiere. Denn wenn man alles darüber wüsste, wäre es vielleicht weniger interessant.  

[Er überlegt] Wir spielen ja als Schauspielende viele verschiedene Varianten von Menschen, vielleicht wollen die Leute auch einfach wissen, wie die ursprünglich Basis-Variante aussieht?

„In Wahrheit“ ist auch in Frankreich sehr erfolgreich. Wie ist das für dich, deine Synchronstimme da zu hören?

Es ist wirklich absurd. Ich habe vor zwei Jahren da mal reingehört und mir ist das wichtig zu betonen, dass ich das Ergebnis gar nicht bewerten will, ich kann das auch nicht beurteilen, ich spreche kein französisch. Ich habe mich aber schon gefragt, wie die Synchronbesetzung von statten geht, denn eine Ähnlichkeit in der Stimmfärbung höre ich gar nicht.

Es ist wirklich ein surreales Erlebnis, weil man sich selbst ja ganz anders wahrnimmt. Ich hatte auch mal eine kleine Rolle in einer Amazon-Serie, da habe ich mir dann die japanische Version angeguckt. Das war noch irritierender, weil ich da einen Fischhändler mit Hamburger Schnack gesprochen habe und ob sich das ins Japanische übertragen ließ, das kann ich erst recht nicht beurteilen. [Er lacht] Aber ehrlicherweise gehört auch das zum Film dazu, dass man lernt, vieles loszulassen.

Du spielst in Filmen mit und am Theater. Wo zieht es dich mehr hin?

Ich habe eine tiefere Verbundenheit zum Theater, weil dieses Live-Erlebnis, mit Menschen in einem Raum zu sein und zu spielen durch nichts übertroffen werden kann. In den letzten Jahren habe ich aber auch eine große Freude am Drehen entwickelt. Es ist echter Konzentrationssport, weil es da viel mehr Unterbrechungen gibt, bei denen man enorm darauf achten muss,sich nicht rausbringen zu lassen.

Am Theater gibt es die dramatischeren Stoffe, beim Fernsehen muss man das eher suchen und hoffen, dass es größere Konflikte gibt. Da habe ich viel Glück gehabt. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Sachen gespielt, mit denen ich mich wahnsinnig tief beschäftigen konnte. Ich liebe diese Herausforderung, die Recherche, das Abtauchen in Stoffe. Das bietet nicht jeder Stoff beim Drehen, aber fast jeder Stoff beim Theater.

Ich kenne auch Schauspielende, die sich mehr realistische Stoffe wünschen, mehr Alltagsnähe.

Vielleicht können wir Stoffe tauschen. [Er lacht]

Es stimmt schon, dass die Konflikte anders sind. Mir macht es Spaß, wenn ich groß spielen kann. Das geht beim Fernsehen nicht immer. Ich erinnere mich, dass mir am Anfang schon mal, vollkommen zurecht, gesagt wurde, dass ich nicht soviel reinlegen soll. Ein Arzt beispielsweise hat im wahren Leben nicht zu jedem Patienten eine persönliche Haltung, hat nicht immer einen Konflikt, denn der macht das jeden Tag. Es geht außerdem auch schlicht manchmal eher um die andere Figur, als um die eigene. [Er lacht

Manchmal wünsche ich mir aber auch, dass wir in der Branche noch mutiger werden, was Stoffe angeht – gerade mit Blick auf die KI. Realität oder Realismus reproduzieren kann die KI in Zukunft wahrscheinlich billiger. Ich finde wir sind deshalb jetzt dazu aufgerufen, noch viel innovativer, kreativeren und auch schräger zu denken. Da ist das Theater dem Fernsehen schon einen Schritt voraus. 

Weil du es angesprochen hast: Macht KI dir Sorgen?

Gesamtgesellschaftlich auf jeden Fall. Für mich persönlich auf einer beruflichen Ebene vielleicht auch, weil sie so viel verändert. Unsere Branche muss den Wettbewerb annehmen, statt nur zu probieren, so lange wie möglich durchzuhalten. Wir müssen doch gucken, wie wir aus den Begegnungen am Set noch mehr schöpfen können. Das ist etwas, dass die KI nicht kann.

„In Wahrheit – Die Liebe und der Tod“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Alternativ läuft der Film am 12. September um 20:15 Uhr im ZDF.


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