Christina Hecke zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher

Christina Hecke: „Wir haben die Verantwortung, uns selbst eine Meinung zu bilden, hinzugucken“

Wie oft fühlt ihr euch „wie ein Funktionsmodus auf zwei Beinen“? Als Christina Hecke das Thema im Interview anspricht, habe ich mich durchaus ertappt gefühlt. Dabei hat das Thema nichts mit ihrer Rolle „Judith Mohn“ in „In Wahrheit“ zu tun, aber dafür ganz viel mit dem echten Leben. Und um das gehts in all den Interviews ja letztlich. Ich finde deswegen ihre Einladung, sich mal damit auseinander zu setzen, wie sehr wir eigentlich bei uns selbst sind, extrem wichtig.

Was magst du an Judith?

Christina Hecke: Ich mag, dass sie sich nicht davon ablenken lässt, was andere denken. Die geht ihren Weg und folgt dem, was sie fühlt, was sie sich vielleicht selbst manchmal nicht erklären kann. Aber sie geht den Weg, lässt sich nicht beirren.

Und wie wird man so? Wie lässt man sich weniger ablenken von all dem Lärm drumherum?

Die Frage ist, wie wir zu etwas werden, was wir nicht sind? Das wird uns ja anerzogen. Als Kinder sind wir sehr pur, sehr wach. Wir kriegen alles mit, erleben die Welt. Wissen, was stimmt und was nicht. Das müssen wir gar nicht erklären, das fühlen wir einfach. Und irgendwann heißt es, dass wir funktionieren müssen, dass wir Messer & Gabel benutzen und den Mund halten sollten, wenn wir sagen, dass etwas nicht wahr ist.

Bis wir irgendwann feststellen, dass wir nur noch ein Funktionsmodus auf zwei Beinen sind. Wenn wir das erkennen, dann haben wir unsere Substanz noch nicht ganz verloren. Diese Substanz, die ist elementar, um sich das Leben wieder zurückzuholen. Um nicht mehr nur im Leben zu funktionieren, sondern das Leben zu leben. So wie wir sind.

Wir dürfen zurückkehren, zu dem, was wir sind. Raus aus dem Funktionsmodus, in dem haben wir gelernt, dass wir gemocht werden, wenn wir uns möglichst konform verhalten. Wenn wir wir selbst sind, zeigen, wie wir Dinge sehen und angehen, dann mögen uns vielleicht nicht alle. Davor dürfen wir aber keine Angst haben. Denn letzten Endes haben die anderen ja auch Angst, ihren Funktionsmodus zu verlassen.

Nehmen wir mal dieses Beispiel mit uns beiden hier: Ich muss deine Fragen nicht so beantworten, wie ich denke, dass die Antworten am besten klingen. Ich darf antworten, was ich wirklich sagen möchte. Das braucht manchmal Mut, aber das ist wichtig.

Christina Hecke zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/manju sawhney

Ich finde es elementar, dass du sagst, was dir wichtig ist und nicht, was ich vermeintlich hören will, weil wir sonst kein Interview führen müssten. Fühlst du dich denn manchmal einsam, wenn du aus dem Funktionsmodus rauskommst?

Nein. Wenn, dann kann ich mich nur im Funktionsmodus „einsam“ fühlen, weil ich ja nicht mit mir bin. Einfach mit sich zu sein verunsichert erstmal, aber wenn man dieses Gefühl zulässt, wenn man erkennt, dass es einen nur verunsichert, weil man es anders gelernt hat – und einfach nicht mehr weiß, wie man ist, wenn man nicht nur funktioniert, dann ist das voll ok. Man darf doch sagen: Ich bin gerade unsicher.

Wenn ich dann den Austausch suche, dann mit Menschen, die das ähnlich sehen. Oder nach denen, die einen stärken und einem helfen, weiter diesen Weg zu gehen. Ich mache gern Dinge, die für meinen Körper elementar sind. Bewegung, ausreichend Ruhephasen, das Essen, was ich brauche. Aber nicht, weil ich etwas hinterherlaufe, mich optimieren will, sondern weil ich meinen Körper ehre. Wir können alle schlau daherreden, Therapien machen und einen Baum anbeten, aber das verändert unser Leben nicht. Ein Leben muss man leben und bewegen. Das ist nichts, was nur im Kopf stattfindet, wo man viele schlaue Gedanken wälzen kann.

Christina Hecke zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/manju sawhney

Und wenn Leute sagen: Naja, das sagt sich für Christina so leicht, die hat einen ganz anderen Job. Ich muss jeden Tag am Fließband stehen. Was sagst du denen?

Du bist wie ich. Wir sind alle im selben Boot. Ob arm oder reich. Ob Filmset oder Fließband. Ich bin genauso durch das Erziehungssystem, den Kindergarten und die Schule gegangen wie alle anderen auch. Mir wurde auch immer vorgegeben, wie ich zu sein habe. Ich habe dagegen rebelliert und mich damit fast selbst getötet, weil ich die Spannung kaum ausgehalten habe.

Die Systeme, in denen wir leben, die wir teils ungefragt einfach nur weitergeben, erdrücken uns. Und sie sind voller Lügen. Ob das im Arbeitsleben, am Fließband oder der Chefetage endet. Und dabei versuchen wir eine Art Haltung zu wahren. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich für mich selbst die Verantwortung übernehmen muss. Und das kann jeder.

Entweder man will die Verantwortung für sein Leben übernehmen, oder nicht. Wer das nicht möchte, was ich nicht bewerte, braucht unausweichlich Entschuldigungen. Ich weiß auch, dass es viel Gegenwind gibt, wenn man sich auf diesen Weg begibt. Aber für mich geht es nicht anders, wenn wir als Gesellschaft gesunden wollen.

Dabei geht es vor allem nicht um Schuld und Opfer oder Täter, sondern nur auf seinem eigenen Teller zu schauen und zu reflektieren, was einem das Leben lehren möchte.

Niemand kann uns „verdrehen“, wenn wir es nicht auch zulassen. Wir haben diese Systeme selbst geschaffen, wo wir uns von anderen sagen lassen, was wir tun oder wie wir sein sollen.

Ein Beispiel: Kindern wird oft nicht zugehört, weil sie klein sind. Aber klein ist ja nicht gleich dumm. Sondern einfach nur klein. Wenn wir die Lügen nicht aufdecken, bleiben sie unser Normal. Und wir bleiben in dem ewigen Krieg aus Zuweisungen, Anklagen, Entschuldigungen und Rechtfertigungen.

Wir sind hier um zu lernen – nicht uns gegenseitig zu zermahlen.

Man kann von jedem etwas lernen. Vertrauen lernt man auch. Das zwischen Judith und Freddy ist extrem groß. Wie lernen wir gut einander zu vertrauen?

Judith und Freddy arbeiten eng zusammen, erleben sich in verschiedenen Situationen und kennen die jeweiligen Schwachstellen und Stärken. Die lassen sich von anderen nichts mehr vormachen, weil sie wissen, wie ihr Gegenüber wirklich ist. Die lassen sich gegenseitig zu.

Das Zulassen fängt immer bei einem selbst an. Ist man wach mit sich und seinem Gegenüber? Oder kreist man eigentlich doch nur um sich selbst? Wenn andere Lügen über das Gegenüber erzählen, dann weiß man nicht, ob die stimmen. Aber man weiß, was man selbst über diesen Menschen gelernt hat. Wir haben auch hier die Verantwortung, uns selbst eine Meinung zu bilden, hinzugucken.

Christina Hecke zu "In Wahrheit" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Kai Schulz

Wie bist du gut mit dir?

Ich habe meinen inneren Richter getötet. [Sie lacht]

Ich war irgendwann sehr frustriert davon, dass ich dachte, ich sei falsch. Dieses gegenseitige Fehler/ Wiedergutmachen Ping-Pong. Bis ich verstanden habe, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was andere Menschen denken.

Ich selbst hatte keine Lust mehr auf meine schlechte Laune. Ich wollte nicht mehr wütend sein, alles bekriegen und andere doof finden. Das tat mir nicht gut und den anderen auch nicht.

Mir wurde klar, dass diese Verzweiflung an der Welt ein Kampfmodus ist, der seit Menschengedenken aufrecht gehalten wird und, dass das mit Liebe nichts zu tun hat. Aber ich will Liebe. Ich bin Liebe. Wir sind das alle. Nicht Händchenhalten und Sonnenuntergang und diese Hollywood-Romantik. Nein. Ich meine Respekt. Zuhören. Beobachten.  Aufrichtig sein. Zulassen. Und diese Liebe braucht auch Grenzen, braucht Neinsagen. Und vor allem ein JA zu sich selbst.

„In Wahrheit – Die Liebe und der Tod“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Alternativ läuft der Film am 12. September um 20:15 Uhr im ZDF.

Das Interview mit Robin Sondermann findet ihr ebenfalls auf dem Blog.


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