Nach dem Interview mit Kauta habe ich nochmal ganz neu über für sich selbst einstehen nachgedacht. Denn die Sängerin kann das, zumindest in unserem Gespräch, sehr gut. Und ich finde das toll. Ich wünsche mir, dass ihr euch von ihren Antworten inspirieren lasst und vielleicht auch mal hinterfragt, wo ihr euch vielleicht zu viel gefallen lasst. Denn sie hat ja recht, wir entscheiden immer noch selbst, wie wir behandelt werden wollen und wir dürfen jederzeit „Stopp“ oder „Nein“ sagen.
Du sprichst in „Arnie & Barney – Retten das Wasser“ Szzkeat, das Alter Ego von Bertha. Wünschst du dir auch manchmal ein Alter Ego?
Kauta: Ich glaube, ich habe eins. [Sie lacht]
Ich habe diese Künstlerinnenpersönlichkeit, die ich mir ausgedacht, geformt und gebrandet habe, die also mein Alter Ego ist. Und dann bin ich ja auch noch ich, die Person hinter all dem. Ich wünschte nur manchmal, es gäbe noch ein weiteres Alter Ego, das überhaupt nicht in der Öffentlichkeit steht, bei dem ich mich dann mal kurz ausruhen kann.

Arnie & Barney sind riesige Fans von deiner Szzkeat. Ich fand diese Heldinnenverehrung schon sehr nah an der Realität, so von außen betrachtet. Wie siehst du das?
Ich bin kein Superstar, da ist das alles sicher noch mal ganz anders. Aber ich merke schon, dass Leute, wenn sie mich treffen, kleine Fanmomente haben. Darüber freue ich mich extrem. Denn wenn ich mich je frage, warum ich das alles mache, dann sind es diese Momente, an die ich mich dann erinnere.
Für mich erfüllt sich bei solchen Interaktionen ein Traum, ich lebe dafür. Ab Januar gehe ich auf Tour, da freue ich mich am meisten darauf, dass die Leute wieder solche Momente mit mir haben, dass sie meinen Namen rufen und sich freuen, dass wir zusammen eine gute Zeit haben. Manche Fans weinen sogar vor Freude, das rührt mich sehr.
Das heißt, es wird dir nie zu viel? Ich frage, weil wir ja gerade übers Alter Ego gesprochen haben.
Wenn sich Leute freuen, dann ist das nicht zu viel. Aber es gibt Momente, die mir zu schaffen machen. Wenn ich gegen meinen Willen gefilmt werde und die Leute glauben, ich würde das nicht checken. Oder wenn mir im Vorbeilaufen sehr private Fragen gestellt werden. Intime Fragen, die wirklich niemanden etwas angehen. Da reagiere ich sehr allergisch drauf, das lasse ich mir nicht gefallen. Ich stehe in der Öffentlichkeit, ja, aber das bedeutet nicht, dass ich keinen Selbstrespekt habe.
Aber diese Menschen, die so drauf sind, das sind auch nicht meine Fans. Das sind Leute, die einfach nur meinen Namen und mein Gesicht kennen und sich so respektlos verhalten. Um das ganz klar zu sagen: Nur weil jemand in der Öffentlichkeit steht, heißt es nicht, dass du da einfach hingehen und irgendwelche intimen Fragen stellen kannst.
Ich drehe das inzwischen um und gebe die Frage zurück. „Wie ist das denn bei dir, mit wem bist du denn zusammen?“ „Wen hast du denn geküsst?“ Leute merken manchmal erst dann, wie cringe das ist, was sie tun. Ich denke oft „In your grown age, wirklich?“ Dass sich Erwachsene so benehmen, das ist einfach cringe.

Wie hast du gelernt, so gut für dich einzustehen?
Vielleicht bin ich durch die Öffentlichkeit, in der ich stehe, etwas mutiger als andere. Aber ich möchte das allen mitgeben: Nur weil man sich etwas getraut hat, muss man nicht mit allen Konsequenzen leben. Und andersherum auch, du musst nicht zwanghaft mutig sein. Du bestimmst, wie dein Leben aussehen soll, da hat dir niemand reinzureden.
Man kann sich in jedem Moment seines Lebens für das Gute entscheiden, you just have to make it work. Das fliegt dir nicht alles zu, man muss sich schon ein bisschen anstrengen und bereit sein, Grenzen zu ziehen. Ich kenne Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und wirklich viel ertragen, nach dem Motto, dass man sich das eben ausgesucht hat und das dazugehört. Da muss ich sagen: Halt, stopp! Nur weil ich mich traue, euch zu entertainen, habt ihr nicht das Recht, so mit mir zu reden. Ihr bekommt die Musik, danke, dass ihr mich hört. Ich bin da wirklich sehr dankbar für, aber das bedeutet nicht, dass ich mir Respektlosigkeiten auf der Straße gefallen lasse. Es gibt Persönlichkeitsrechte, und die sollen gewahrt werden.

Der Film zeigt, wie wichtig Kreativität ist. Was bedeutet Kreativität für dich?
Das ist ein ganz aktuelles Thema bei mir. Denn Kreativität zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben. Ich bin davon überzeugt: Egal, wie alt ich werde, egal wie ich aussehen werde, egal was passiert, wie fit ich bin oder was auch immer: Ich werde immer kreativ sein. Kreativität ist Teil meines Charakters. Ich werde immer eine kreative Vision haben.
Wenn mir, Gott bewahre, irgendwas Schlimmes passieren sollte und ich nicht mehr imstande bin, gewisse Dinge zu tun, dann weiß ich trotzdem, dass meine Kreativität bleibt. Weil sie Teil meiner Seele ist. Selbst wenn ich aufhören sollte, Musik zu machen, werde ich weiterhin kreativ sein. Das wird nie aufhören.
Weil echte Kreativität auch etwas ist, das man für sich selbst tut, oder?
100 %. Es geht um Selbstverwirklichung. Es geht um dieses Gefühl von Selbsterfüllung, von der Freude, die man fühlt, wenn man etwas Kreatives geschaffen hat. Das kann auch in einem Töpferkurs oder etwas Ähnlichem sein.
Es geht bei Kreativität nicht um die Bestätigung anderer, sondern um meine eigene Bestätigung. Ich glaube, kein Mensch könnte mich so kritisieren, wie ich mich selbst kritisiere. Deswegen lache ich auch immer über Kommentare, weil ich denke: Ist das euer Ernst? Das ist nichts im Vergleich zu dem, was ich mir selbst manchmal sage!
Und wie kommst du aus diesem schlechten Self-Talk wieder raus? Denn ich glaube, das kennen sehr viele.
Also, ganz wichtig: Das ist kein Dauerzustand, sonst hat man ganz andere Issues. Aber es kommt eben vor. Und ich glaube, ein Teil davon, kreativ zu sein, ist dieser Talk. Man ist selbst seine größte Kritikerin. Das ist einfach meine Überzeugung.
Kreativ zu sein bedeutet, dass du nie an einen Punkt kommst, wo du der Meinung bist, dass das, was du geschaffen hast, perfekt ist. Denn Perfektion wäre das Ende der Kreativität. Kreativ zu sein und sich selbst zu kritisieren, das gehört irgendwie zusammen. Aber man muss es in einem gesunden Rahmen halten. Man kann nicht sein Leben hassen, nur weil einem mal nicht gefällt, was man gemalt, gebastelt oder geschrieben hat.

Deswegen brauchen wir auch gute Freund*innen und Familie, die uns immer wieder daran erinnern, dass wir gut sind, wie wir sind.
Ich finde Mental Stability extrem wichtig. Ich glaube, dass kreative Menschen eher dazu neigen, mental zu erkranken. Deswegen ist mir eine gewisse Infrastruktur wichtig. Ich brauche Menschen und Dinge, die mich auffangen, wenn ich zu sehr in meinem eigenen Film bin. Das geht anderen Künstler*innen sicherlich auch so.
Wir kennen das doch alle, dass wir manchmal zu sehr in unserer Bubble gefangen sind, dass da nur noch ganz bestimmte Dinge existieren. Und dann ist es extrem wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir alle ein ganz normales Leben haben. Und dass das wichtiger ist als alles andere.
Bertha hat Snoop, Arnie und Barney haben sich. Was macht eine gute Freundschaft aus?
Eine gute Freundschaft macht aus, dass man sich manchmal Dinge verzeihen kann. Es braucht die Einstellung, dass es Grenzen gibt, aber wenn die dann doch mal überschritten werden, dann wirft man nicht sofort alles hin.
Ich habe seit 16 Jahren eine Freundinnenclique, und wir machen alles zusammen, können nicht ohne einander. Und ich bin so froh darüber. Neulich haben wir überlegt, was passieren müsste, damit wir nicht mehr befreundet sind, und uns sind nur die allerschlimmsten Sachen eingefallen. Und wir waren so froh darüber, weil klar ist, dass uns eigentlich nichts mehr trennen kann.
Man kommt in langen Freundschaften irgendwann an einen Punkt, an dem einem schon so viel Quatsch passiert ist, an dem man sich schon so viel gegenseitig verziehen hat, dass man einfach weiß: Niemand ist perfekt. Wir vergessen das nur manchmal, und gute Freundschaften erinnern uns daran. Wir können uns aufrichtig beieinander entschuldigen und uns noch eine Chance geben. Das würde ich in einer romantischen Partnerschaft nicht machen, aber in Freundschaften, die mir wichtig sind, schon.
Freund*innen geben dir so viel, alle kümmern sich umeinander. Sie motivieren dich und fordern dich auch mal auf, selbstlos zu handeln. Das ist doch auch eine Motivation fürs Leben.
„Arnie & Barney – Retten das Wasser“ könnt ihr ab 3. September im Kino anschauen. Kauta geht im Januar 2027 auf Tour, Tickets könnt ihr bereits jetzt kaufen.
Die Interviews mit LukasBS und Tim Oliver Schultz findet ihr ebenfalls auf dem Blog.

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