Kani Lapuerta im Interview mit Andrea Zschocher

Kani Lapuerta: „Man muss nicht alles sofort mit einer Identität verknüpfen, vieles darf erstmal sein“

Mit „Niñxs“bringt Regisseur und Drehbuchautor Kani Lapuerta gerade einen Dokumentarfilm über ein Transmädchen in die Kinos. Ein wichtiges Thema, wie ich finde, weil unsere Welt leider immer dazu neigt, Vielfältigkeit zu unterdrücken und auf Gleichförmigkeit zu setzen. Jeder Film, der sich dieser Gleichmachung entgegenstellt, der zeigt, wie wichtig und bereichernd Diversität ist, ist in meinen Augen ein Gewinn.

Mit „Niñxs“ verfolgt Kani Lapuerta auch genau dieses Ziel: Zu zeigen, wie wichtig es ist, dass wir alle uns frei entfalten können. Im Interview sprechen wir nicht nur über Karla, die natürlich der absolute Mittelpunkt des Films ist, sondern auch über die bewusste Entscheidung, den Schmerz nicht zu zeigen und warum wir Menschen immer in Schubladen stecken (und das dringend aufhören muss).

Wie haben Karla und du euch kennengelernt?

Kani Lapuerta: Wir haben uns 2014 kennengelernt, ihre Eltern haben bei einem kleinen queeren Filmfestival gekocht. Karla war einfach ein kleines Kind, das zwischen all diesen verrückten Leuten herumrannte. Mich hat das sehr erstaunt, so ein kleines Kind in einem Raum mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu sehen. Wir freundeten uns an und mir kam die Idee, dass ich diese Art aufzuwachsen, wie Karla sie erlebt hat, gern begleiten wollte. Mir war gar nicht bewusst, dass Kinder auch so aufwachsen können wie Karla, so frei und ohne Zwänge, so anders, als ich das erlebt habe.

Als ihr euch getroffen habt, wusstest du also nicht, dass Karla ein Transmädchen ist, das sich zur Transfrau entwickelt.

Nein, ich wusste es nicht. Ich war einfach erstaunt, ein Kind zu treffen, das so viele verschiedene Möglichkeiten hat. In meiner Generation existierte das nicht. Als ich der ersten Transperson meines Lebens begegnete, war ich 20 Jahre alt.

Ich wusste nicht, dass Karla eine Transfrau werden würde, aber ich wusste, dass sie anders war, weil sie von so vielen unterschiedlichen Menschen umgeben sein durfte.

Für mich ging es auch nie darum, dass Karla trans ist. Es ging um die Freiheit, die ein Kind braucht, um die Welt auf seine eigene Art und Weise zu erkunden. Es geht darum, dass es Erwachsene braucht, die das begleiten, die keinen Wert auf Identitätsbekundungen legen, sondern ein Kind dabei unterstützen, der eigenen Neugier nachzugehen. Man muss nicht alles sofort mit einer Identität verknüpfen, vieles darf erstmal sein.

Eine Mutter aus dem Trans-Kollektiv sagte zu mir: „Wenn dein Kind sich als Ninja-Turtle anziehen will, dann ist das für alle okay. Zieht es ein Kleid an, ist es ein Drama und alle denken, etwas ganz Schreckliches passiert.“ Sie denken dann auch, dass das irgendwie beeinflusst sei, dass das Kind einen Schaden nimmt. Es ist doch einfach schön, wenn ein Kind experimentieren kann, wenn es mal ein Kleid trägt, mal auf einen Baum klettert und alles ein Spiel ist. Es muss nicht alles immer etwas bedeuten.

Kani Lapuerta im Interview mit Andrea Zschocher
© missingFILMs

Hast du eine Botschaft an Eltern?

Das ist eine große Verantwortung, die du mir gibst.

Versucht, eure Kinder zu begleiten, Hand in Hand mit ihnen durchs Leben zu gehen und euren eigenen Geist zu öffnen. Eltern können so viel von ihren Kindern lernen. Kinder lernen von ihren Eltern, aber andersrum funktioniert das auch. Erwachsene sollten sich auch von ihren Kindern überraschen lassen, das ist doch etwas sehr Schönes.

Im Film sagt Karla, sie möchte einen positiven Film über Transmenschen, weil in allen anderen Filmen Transpersonen immer nur dramatisch dargestellt werden, sie entweder sterben oder als Sexworker*innen enden. Und doch ist auch Karlas Realität ja nicht nur positiv. Warum hast du dich bewusst entschieden, das kaum zum Thema zu machen?

Es gibt kleine Funken davon, aber wir wollten eine andere Erzählweise zeigen. Wir sind es leid, Trans-Charaktere zu sehen, die nur leiden, die nur über ihr Trans-Sein erzählt werden oder ein Objekt der Darstellung sind, gesehen durch Augen, die uns nur leiden oder bei Operationen sehen wollen. Viele Menschen interessieren sich nicht dafür, ob wir träumen, lieben oder einen Job haben wollen. Mit dem Film wollten wir den Blick öffnen und uns in eine kreative Rolle versetzen, anstatt nur eine Marionette zu sein. Wir wollten in der Lage sein, uns selbst zu präsentieren und uns andere Leben vorzustellen.

Das verstehe ich. Es ist leider eine grausame Realität, dass man Konsequenzen spürt, wenn man aus der Gesellschaft heraussticht. Du wolltest einen anderen Blick. Aber was ist mit all dem Schmerz?

Ich empfinde eine große Verantwortung, weil es die Geschichte eines Kindes ist. Karla hatte kein ideales Leben und viele Schwierigkeiten. Aber wir glauben fest an die Kraft von Erzählungen. An die Macht des Kinos, Dinge zu ändern. Wenn man eine Geschichte erzählen kann, kann sie auch wahr werden.

Aus Respekt vor Karla und ihrer Familie wollten wir nicht über all die schwierigen Dinge sprechen. Der zweite Grund ist, dass wir selbst die Themen setzen und bestimmen können, wie wir gesehen werden wollen.

Kani Lapuerta im Interview mit Andrea Zschocher
© missingFILMs

In Deutschland reden wir viel über die Gefahren von Social Media. Wie stehst du dazu? Denn dein Film zeigt auch, dass es für Karla eine große Stütze ist, dass sie sich mit anderen auf der ganzen Welt vernetzen kann.

Für diese Generationen von Trans-Menschen sind die sozialen Medien ein riesiger und wichtiger Teil ihres Lebens. Wir können an einem abgelegenen Ort leben, ohne uns allein zu fühlen, weil sie jetzt mit anderen Menschen virtuell einen Alltag teilen und sich austauschen können.

Früher fühlte man sich wie die einzige Person auf der Erde, die so lebt und denkt und fühlt. Jetzt können sich Leute weltweit vernetzen, Erfahrungen und Werkzeuge austauschen, um sich nicht allein zu fühlen. Natürlich ist Social Media auch problematisch. Für viele Jugendliche hat es aber auch positive Aspekte, weil sie so Gemeinschaft spüren können.

Warum ist es so schwer, die Menschen einfach sein zu lassen, wie sie sind?

Das ist eine sehr große Frage. [Er überlegt]

Ich denke, wir Menschen wollen alles kontrollieren und in Boxen stecken. Wir haben Angst vor Überraschungen oder Spontaneität. Wir denken, wir müssten alles verstehen, anstatt die Dinge einfach fließen zu lassen. Ob das als Antwort ausreicht, weiß ich nicht. Aber es ist sicher ein Teil davon.

„Niñxs“ könnt ihr ab sofort im Kino schauen. Der Regisseur und Drehbuchautor Kani Lapuerta befindet sich auf Kinotour in Deutschland, so dass ihr vor Ort direkt mit ihm auch ins Gespräch kommen könnt. Ich habe den Halt in Berlin leider verpasst, finde aber, dass man aus Kinoabenden, bei denen die Filmschaffenden anwesend sind, immer noch mal ganz besonders sind. Die Daten findet ihr auf der Website vom Verleih.


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