Manchmal führe ich Interviews und bin selbst davon überrascht, wo sie hinführen. Nicht, weil ich schlecht vorbereitet wäre, sondern weil mein Gegenüber den Mut hat, in ein Gespräch einzusteigen, dass uns ganz weit weg vom Film und hin zu gesellschaftlich wichtigen Themen trägt. Manuel Rubey hat sich darauf eingelassen, und ich feiere noch immer, wie cool er meinen nur laut geäußerten Gedanken, der wirklich überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte, aufgenommen hat und dem ganzen Interview damit eine neue Wendung gegeben hat.
Die Zeiten sind herausfordernd, aber sie werden ja nicht weniger herausfordernd, nur weil wir schweigen. Deswegen rate ich euch: Lasst euch auf das Interview mit Manuel über Schauspiel, toxische Männlichkeit und Social Media ein.
Bevor wir über Severin und „Mama ist die Best(i)e“ sprechen, muss ich über einen eher irritierenden Zufall sprechen. Im März lief „Makellos“ in der ARD, ein Film, in dem du den Lover von Adele Neuhauser spielst. Jetzt seid ihr Mutter und Sohn. Wie komisch war diese Zusammenarbeit für euch?
Manuel Rubey: Es gibt manchmal interessante Überschneidungen, die man nicht weiter bewerten sollte. Aber ich kann sagen: Wir haben zuerst die Mutter-Sohn-Geschichte gespielt. Gott sei Dank, sonst wäre es vielleicht etwas schräg gewesen.
Zum Glück mögen wir uns aber und haben ein ähnliches Humorverständnis. Wir haben also viel darüber gesprochen und auch gelacht. Es sind die Blüten unseres absurden Berufs. Ich hätte mir für beide Rollen keine bessere Spielpartnerin wünschen können.
Ich gehe an meinen Beruf sehr spielerisch heran, nicht wirklich „Method Acting“-mäßig. Ich führe den Beruf aus, greife auf Handwerkszeug zurück. Ich will das nicht kitschig werden lassen. Allzu tiefenpsychologisch sollte man dieses Thema also eher nicht angehen. [Er lacht]

Was hat dich an Severin gereizt, dass du zugesagt hast?
Ich befinde mich gerade in einer Phase, in der mir solche dunklen Rollen ständig angeboten werden. Sie werden immer bösartiger, sodass es schwieriger für mich wird, Rollen zu finden, die ich auch mag. Aber ich muss bei jeder Rolle etwas finden, ich brauche wenigstens eine kleine Übereinstimmung, bei der ich andocken kann. Ich will meine Figur auch in ihrer Bösartigkeit im Notfall verteidigen können. Bei Severin war das zugegeben nicht ganz einfach, aber er hat mir trotzdem wahnsinnig viel Freude gemacht.
Auch „Ewig Dein“ war eine dunkle Rolle. Reizt dich das Komödiantische eigentlich noch?
Ich liebe Komödien und mache zusammen mit Simon Schwarz ein Bühnenprogramm, das ganz klar Komödie ist. Für mich ist das die Königsklasse, aber ich liebe die Bandbreite meines Berufs sehr.
Ich will dir noch etwas zu „Ewig Dein“ erzählen, weil es so bizarr war: Wir waren auf einem Krimi-Festival eingeladen, und ich hatte das Gefühl, dass man mich dort mit meiner Figur verwechselt hat. Die Jury hatte eine ganz ablehnende Haltung, fand, dass der Film zu sehr die Vergewaltiger-Position verteidigt habe. Dabei verherrlicht er das doch gar nicht.
Ich hatte das Gefühl, dass sich dieser Film politisch rechtfertigen musste, weil die Menschen Fiktion und Realität nicht auseinanderdividiert bekommen. Das nimmt ganz bizarre Dimensionen an. Wir bilden mit unseren Filmen das Leben und auch das Grauen ab. Wenn wir anfangen, das moralisch zu bewerten, wo kommen wir da hin? Ich möchte mich nicht für die Stoffe rechtfertigen.
Das Schöne an meinem Beruf ist ja, Dinge auszuloten, die mit meinem sonstigen Leben sehr wenig zu tun haben.

Das sagen sie alle. Und dann kommen Dinge ans Licht.
Bitte keine Sippenhaftung hier! Aber du hast recht, es ist schrecklich. Ich bin schon lange der Meinung, dass es in allen Berufsgruppen Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher gibt. In letzter Zeit zeigt sich das zugegebenermaßen häufiger, vor allem auf der männlichen Seite.
Entschuldige meinen Einwurf, das hat ja wenig mit dir zu tun. Ich habe nur in den letzten Wochen gemerkt, wie viel Wut mich erfasst, weil wir wissen, dass es nie all men sind, aber eben immer Männer. Und weil so viele schweigen oder über den grenzüberschreitenden Witz lieber lachen, statt sich zu positionieren.
Es ist ein strukturelles Problem, das es schon so lange gibt. Ich bin da auch ein bisschen ambivalent. Einerseits finde ich, dass Männer die Schnauze halten und Frauen jetzt sprechen lassen sollten. Gleichzeitig können Männer nicht so tun, als wären sie nicht Teil der Lösung. Es ist heikel, weil gerade auf Social Media schnell alles so extrem wird. Wenn man nichts sagt, wird man zum Problem, sagt man was, ist man es auch.
Ich habe vor Jahren mal gesagt, dass man spätestens als Vater von Töchtern zum Feministen werden muss, für mich war das schlüssig. Von Feministinnen wurde mir das übel ausgelegt. Der Vorwurf war: „Du musst also erst eine Tochter bekommen …“
Ich glaube, letztlich muss es auch gesetzlich geregelt werden.
Du sagst, es gibt in allen Berufsgruppen Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Haben Männer im Kulturbetrieb trotzdem eine besondere Verantwortung, weil sie eine so große Bühne haben? Und gibt es für dich öffentliche Figuren, die du als Gegenentwurf siehst? Männer, die dir in dieser Frage Hoffnung machen?
Menschen haben im Kulturbetrieb eine größere Verantwortung, finde ich. Da es aber häufig Männer sind, die sich was zu Schulden kommen lassen, müssen wohl auch vor allem die Männer darauf hingewiesen werden. Es gibt zum Glück viele Männer, die mir Hoffnung machen.
Ich habe neulich in einem Interview mit Serkan Kaya darüber gesprochen, dass ich es leichter finde, feministische Töchter zu erziehen als nicht-toxische Söhne. Denn das Männlichkeitsbild ist immer noch so hart, wer empathisch ist, wird gleich als „Loser“ oder „Weichei“ beschimpft.
Ich finde es ganz grauenvoll. Ich habe zwei Töchter, kann bei der Erziehung von Söhnen nicht mitreden. Aber ich finde es schon lange wichtiger, Söhne zu erziehen, als Töchter zu beschützen. Ich verstehe nicht, was da los ist. Diese grauenhafte Rückständigkeit hat sicher auch mit Social Media zu tun. Da werden Typen von jungen Leuten abgefeiert, das verstehe ich nicht.
Unabhängig von meinen Kindern finde ich die Dimension, dass junge Männer damit aufwachsen, dass Sexualität so aussieht, wie sie sie aus Pornofilmen kennen, fatal. Das kann nicht gut ausgehen.
Ich höre von Zwölfjährigen, dass sie planen, zu behaupten, lesbisch zu sein, um von Jungs in Ruhe gelassen zu werden.
Das ist sehr schlau, aber uneingeschränkt schrecklich.
Es tun sich aktuell auf mehreren Ebenen Abgründe auf, dass einem, wie wir in Wien sagen, der Schmäh ausgeht. Man verliert den Humor. Was soll man denn gerade noch sagen?

Du hast gesagt, du findest es wichtiger, Söhne zu erziehen als Töchter zu beschützen. Was möchtest du (jungen) Männern heute konkret mitgeben?
Dass Andrew Tate ein dummer Komplexler ist. Das Gleichberechtigung eine tolle Sache ist, und, dass es aber auch ihr Recht ist aufgrund von Jungsein, überfordert sein zu dürfen.
Was hast du deinen Kindern im Umgang mit Social Media beigebracht?
Zum Glück sind die sehr selbstständig in dieser Frage. Wir haben vor ein paar Jahren im Urlaub mal eine Woche handyfrei ausprobiert. Sie haben die ersten 24 Stunden kaum mit uns gesprochen, dann haben sie es durchgezogen. Ich war derjenige, der heimlich auf dem Klo noch Mails gecheckt hat. Deswegen habe ich die vorsichtige Hoffnung, dass sie als sogenannte Digital Natives das alles besser im Griff haben als ich. Ich bin da einfach sehr suchtanfällig und muss mich da wirklich zügeln.

Weil du dein Bühnenprogramm mit Simon Schwarz angesprochen hast: Die Top-Suchanfrage für Manuel Rubey ist: „Manuel und Simon, sind die ein Paar?“
Ich spiele ja gern mit Identitäten und lasse das so stehen. Die Leute sollen denken, was sie wollen. Vielleicht hilft es irgendwem.
Das einzig Tröstliche ist doch, dass diese Suchanfragen jetzt auch Männer betreffen. Früher ging das nur Frauen so, dass Menschen etwas über deren Privatleben herausfinden wollten. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass das jetzt bei mir auch die meistgesuchte Frage ist.
Wann hast du zuletzt gemerkt, dass du selbst in alten Mustern gedacht oder gehandelt hast und dich korrigiert?
Als ich mich mal wieder beschweren wollte, dass gefühlt nur ich die Küche putze und die Wäsche wasche und mir siedend heiß einfiel, dass meine Frau dafür den allergrößten Teil des Mental Load über hat.
„Mama ist die Best(i)e“ läuft am 18. Mai um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ findet ihr den Film ab sofort auch in Web & App vom ZDF. Den Film „Makellos: Eine kurze Welle des Glücks“ könnt ihr in der ARD Mediathek anschauen. Und „Ewig Dein“ findet ihr ebenfalls noch in Web & App vom ZDF. Für mehrere Stunden TV-Unterhaltung mit Manuel Rubey ist also gesorgt.

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