Annemarie Nacir zu Palestine 36 im Interview mit Andrea Zschocher

Annemarie Jacir: „Menschen sind unglaublich widerstandsfähig. Wir werden immer Wege finden zu überleben“

Ich werde immer wieder in Interviews überrascht. Meist von den Aussagen meines Gegenübers, wenn sie sich wirklich aufs Gespräch einlassen, manchmal von den Umständen, unter denen wir Interviews führen, manchmal durch die Orte, an denen wir uns begegnen. Das Interview mit der Regisseurin Annemarie Jacir hat mich nicht nur überrascht, weil wir einen Zoomcall zwischen Palästina (genauer kann ich es euch nicht sagen) und Berlin geführt haben, sondern auch, weil das Gespräch insgesamt von großer Ernsthaftigkeit, Hoffnung und Interesse geprägt war.

Ich habe „Palästina 36“ geschaut und soviel Neues gelernt, dass es mir auch gereicht hätte, mich bei Annemarie Jacir einfach nur für diese neue Kenntnisse zu bedanken. Aber stattdessen hat sie sich viel Zeit genommen und wir haben über Palästina, Widerstand, Schweigen und Kraft gesprochen. Ich freue mich sehr, wenn ihr mir nach dem Schauen des Kinofilms schreibt, ob ihr danach auch direkt mit der Recherche begonnen habt.

Warum war es für Sie wichtig, den Film in Palästina zu drehen?

Annemarie Jacir: Der Hauptgrund ist, dass es im Film sehr um das Land, um diesen Ort geht. Außerdem leben die meisten, die am Film beteiligt sind, hier. Palästina ist unsere Heimat.

„Palästina 36“ ist ein Ensemblefilm mit vielen Charakteren. Und einer der Hauptcharaktere ist der Ort selbst. Deswegen war es für uns auch sehr schwierig, als wir einen Teil der Dreharbeiten ins Ausland verlegen mussten. Wir konnten nichts dagegen tun. Mir ist es sehr wichtig, dass wir in unserer Arbeit authentisch sind.

Annemarie Nacir zu Palestine 36 im Interview mit Andrea Zschocher
© Philistine Films

Ich habe nach dem Schauen angefangen zu recherchieren, weil ich wenig bis nichts über Palästina in diesen Jahren wusste. Was wollen Sie, dass Menschen aus dem Film mitnehmen?

Ich fände es toll, wenn die Leute, so wie Sie, mit dem Recherchieren beginnen. Ich mache das auch, wenn ich Filme sehe, über deren Geschichte oder Hintergrund ich wenig weiß. Aber im Idealfall sollte ein Film auch ohne all dieses Wissen funktionieren.

Wenn man sich auskennt, dann wird man den Film vielleicht auf eine bestimmte Art und Weise sehen, wird Nuancen und Details verstehen. Aber es ist nicht nötig alles zu wissen. Ich habe deswegen auch am Anfang keine Erklärungen oder Hinweise eingeblendet. Ich möchte, dass mein Film eine eigenständige Erfahrung ist.

Wenn man neugierig wird, dann kann man ja nach dem Schauen des Films weiter recherchieren. Es gibt so viele Arbeiten von Akademiker*innen und Historiker*innen, es gibt so viel Wissen über diese Periode. Das Wissen ist da draußen, und ich hoffe, dass mein Film Leute ermutigt mehr wissen zu wollen.

Haben Sie Sorge, dass Menschen den Film nicht schauen wollen, weil sie nichts darüber wissen und sich damit nicht auseinandersetzen wollen?

Es gibt viele Leute, die so denken. Aber es gibt auch so viele, die neugierig sind, gerade jetzt. Als der Film in Frankreich veröffentlicht wurde, sagte der Verleih mir, dass sie erstaunt waren, wie viele junge Leute im Publikum waren. Ich glaube, das wird in Deutschland ähnlich sein.

In Frankreich gibt es eine sehr junge Generation, die in diesen Film geht, Menschen, die normalerweise nicht ins Kino gehen. Ich hatte erwartet, dass vor allem Menschen kommen, die schon ein bisschen was wissen, die neugierig sind. Dass es jetzt eine ganz andere Gruppe von Menschen ist, macht mich sehr hoffnungsvoll. Ich finde das inspirierend.

Annemarie Nacir zu Palestine 36 im Interview mit Andrea Zschocher
© Philistine Films

Glauben Sie, dass Ihr Film den Menschen aus Palästina ein Gefühl von Heimat gibt?

Ja! Ich habe den Film ja schon dem palästinensischen Publikum gezeigt, und die Reaktionen darauf waren wirklich interessant. Es gibt Leute, die sagen: „Endlich ist das auf der Leinwand zu sehen. Bisher gab es das nicht!“ Palästinenser*innen in der Diaspora und palästinensische Geflüchtete sprechen immer darüber, wie erstaunlich es ist, ihr Zuhause, ihre Heimat wiedersehen zu können. Auch die Archivbilder sind für viele interessant.

Es haben viele aus der älteren Generation „Palästina 36“ gesehen. Ich kam neulich mit einer Frau ins Gespräch, die mir berichtete, dass ihr Vater nie über das ganze Trauma gesprochen hat, das er damals erlebt hat. Er sprach nie über seine Vergangenheit, über seine Geschichte. Er kam, um den Film zu sehen, und seitdem, so erzählte die Frau, hat er nicht mehr aufgehört, darüber zu reden. Die ganze Familie hat sich versammelt, und er spricht ununterbrochen, berichtet über all die Dinge, über die er Jahrzehnte geschwiegen hat.

Diese Resonanz von den Palästinenser*innen zu erfahren, die den Film mit ihren Eltern und Großeltern schauen, und dann wird da plötzlich etwas aufgebrochen und besprochen, das ist für mich etwas ganz Besonderes.

Ich habe den Film angesehen, und auch wenn es nicht ums Vergleichen geht, durchaus an meinen Opa im KZ gedacht. Und daran, dass die Brutalität und der Schmerz des Krieges immer gleich aussehen. Das ändert sich nie.

Ich weiß genau, was Sie meinen. Der Schmerz, das Nicht-darüber-sprechen-Können, was Menschen durchgemacht haben, das begleitet alle auf der Welt. Ich verstehe auch Ihren Schmerz. Meine Eltern haben das auch erlebt. Mein Vater spricht die ganze Zeit darüber. Durch ihn wusste ich über ´36 Bescheid, ich wusste über ´48 Bescheid, über die Nakba und all das, über 1967. Er redet darüber, informiert alle.

Meine Mutter spricht nie darüber. Niemals. Sie ist wirklich stoisch, was das angeht, und ich glaube, sie kann gar nicht darüber reden. Wir müssen Wege finden, darüber zu sprechen, ohne dass wir Druck ausüben. Filme und Kunst können dazu beitragen, dass Menschen anfangen, über Erlebtes zu sprechen.

Dieser Film ist keine historische Dokumentation, wir erzählen nicht die Geschichte nach. Und doch sagen wir so viel. Es ist eine Geschichte, die hoffentlich etwas in den Menschen aufschließt.

Annemarie Nacir zu Palestine 36 im Interview mit Andrea Zschocher
© Philistine Films

Eine große Frage, aber: Wie besiegen wir all den Hass in der Welt?

Sie kennen die Antwort!

Es ist die Liebe. Es ist immer die Liebe. Dieser Film wurde mit Liebe gemacht. Wir haben diesen Film wirklich im dunkelsten Moment unserer Geschichte gedreht, jeder Tag war schmerzhaft. Jeder Tag war unmöglich. Und doch haben wir mit Beständigkeit einen Film gedreht, haben Ausdauer gezeigt.

Diese Ausdauer ist auch Liebe. Die Liebe zum Leben. Die Liebe zueinander. Das ist es, was uns vorantreibt. Das ist es, was uns als Crew angetrieben hat. Liebe ist es, was uns als Volk antreibt. Liebe ist das, was uns in der Welt antreibt, in der wir leben, wo alles auf Spaltung beruht. Es gibt so viel Spaltung und Trennung, und es ist die Liebe, die all das ablehnt.

Yusuf ist hin- und hergerissen zwischen seinem Leben in Al-Basma und der Arbeit in der Stadt.Ein Gefühl, mit dem wir uns alle identifizieren können. Können wir Frieden darin finden, zerrissen zu sein?

Ja, Yusuf ist hin- und hergerissen — er sieht Möglichkeiten in einem Leben in der Stadt, versteht dann aber, dass er nicht ignorieren kann, was geschieht, wenn er sich selbst treu bleiben will. Und ich denke, alle Figuren sind auf irgendeine Weise zerrissen. Khuloud, die Journalistin, der kleine Junge Kareem und auch Khalid in seiner Arbeit im Hafen und dann in seiner Entscheidung, sich dem Aufstand anzuschließen.

Wenn jemand zerrissen ist, gibt es einen Moment, in dem er mit einer Entscheidung konfrontiert wird. Für mich werden alle Figuren mit diesem Moment der Entscheidung konfrontiert. Sie treffen Entscheidungen in dem Glauben, dass diese ihnen helfen werden, Frieden, Würde oder Gerechtigkeit zu finden.

Annemarie Nacir zu Palestine 36 im Interview mit Andrea Zschocher
© Philistine Films

Die Figuren im Film erleiden unvorstellbares Leid. Wie werden wir widerstandsfähiger in einer Welt, die uns so sehr herausfordert? Wie gehen wir mit Ungerechtigkeit um?

Menschen sind unglaublich widerstandsfähig. Wir werden immer Wege finden zu überleben. Mein Volk ist der Beweis dafür. Jeden Tag sehen wir unglaubliche Geschichten von Menschen, die unvorstellbare Gewalt ertragen haben und dennoch weiterhin Hoffnung haben und für das Leben und die Liebe kämpfen. Aber das bedeutet nicht, dass dies nicht mit einem sehr hohen Preis verbunden war. Besonders für Kinder.

Die schrecklichsten Dinge geschehen gerade jetzt, und die ganze Welt hat einen Genozid live auf ihren Handys verfolgt und nichts gesagt. Der Schmerz und die Gewalt, die die Überlebenden ertragen mussten, haben lebenslange Auswirkungen.

Ich weiß nicht, was ich auf die Frage antworten soll, wie wir mit Ungerechtigkeit umgehen, außer zu sagen — für mich selbst — dass ich niemals schweigen werde und Ungerechtigkeit niemals normalisieren werde.

Wie gehst du als Filmemacherin damit um, dass es sicher auch die Erwartungshaltung gibt, dass du Palästina repräsentierst und vielleicht auch das heutige Leben dort erklären musst?

Ich repräsentiere Palästina nicht. Jeder Film den ich mache, repräsentiert nur die Figuren in diesem Film, repräsentiert nur diese bestimmte Geschichte. Es gibt Millionen und Abermillionen von Geschichten.

In dem Moment, indem eine Künstlerin oder ein Künstler das Gefühl hat, ein ganzes Volk zu repräsentieren, reduziert er oder sie die Geschichten dieses Volkes auf etwas Eindimensionales.

Die Frauen im Film sind alle sehr stark und kraftvoll. Warum scheint die Welt zu vergessen, wie stark Frauen sind?

Ich nehme an, es ist derselbe Grund, warum die Welt die Geschichten der Kolonisierten und der Marginalisierten ignoriert hat. Wenn diejenigen an der Macht auch diejenigen sind, die die Geschichte kontrollieren, hören wir die anderen Seiten nicht. Frauen gehören dazu, besonders in einer Branche, die lange von Männern dominiert wurde.

Die Frauen im Film sind ganz normale Frauen. Aber weil wir so sehr ausgelöscht oder unsichtbar gemacht wurden, stechen sie in einem Film wie diesem stärker hervor.

„Palästina 36“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Der Film lohnt sich, weil er eine Historie beleuchtet, von der ich vorher wenig Kenntnis hatte. Wenn Filme es schaffen, Welten und Blickwinkel zu öffnen, dann ist das extrem wertvoll.

Ich habe den Film im Original mit Untertiteln geschaut und rate euch, wie immer, dazu, das, nach Möglichkeit auch zu tun. Man taucht meiner Meinung nach viel mehr in die Geschichte ein.


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