Jonny Mahoro im Interview mit Andrea Zschocher

Jonny Mahoro: „Ich hoffe, dass wir zusammen etwas schaffen, das sich nicht mit Geld und Zahlen bemessen lässt, sondern mit dem Herzen“

Wir alle kennen doch den Gedanken, dass wir eigentlich ganz woanders sein müssten. Dass da irgendwas gerade nicht so rund läuft, obwohl wir doch soviel dafür gegeben haben. Dann zweifeln wir, denken, irgendwas ist falsch. Nur, ist es das? Oder ist es nicht einfach nur Leben und wir versuchen uns manchmal einen Reim auf Dinge zu machen, die einfach nur so sind. Ist als Antwort nur maximal unbefriedigend, weiß ich doch auch.

Mit Musiker Jonny Mahoro habe ich nicht nur über Phasen im Leben gesprochen, sondern auch über Druck, für sich selbst einzustehen, die Angst vor One Hit Wondern (ist er nicht, keine Sorge!) und Frustrationstoleranz.

In welcher Phase bist du gerade, Jonny?

Jonny Mahoro: [Er lacht] Das ist eine gute Frage. Ehrlicherweise immer noch in einer Zwischenphase, irgendwo zwischen erwachsen und dem Gefühl, dass Entscheidungen sich jetzt größer anfühlen, und dem Wunsch trotzdem frei und jung und wild sein zu wollen.

Glaubst du, dass diese Zwischenphase je aufhört?

Nein! Diese Erkenntnis ist inzwischen bei mir angekommen. Ich bekomme von Menschen allen Alters das Feedback, dass diese Zwischenphase niemals aufhört. Irgendwie ist das eine schöne und gleichzeitig mühsame Erkenntnis. Ich glaube daran, dass man mit seinen Aufgaben wächst. Jetzt muss ich mich damit nur noch anfreunden.

Ich finde es faszinierend, dass wir alle irgendwann den Dreh im Leben raushaben wollen. Wir wünschen uns Sicherheit, wollen, dass sich Dinge nicht mehr verändern. Aber Veränderung ist doch auch etwas Gutes. Es ist ein Trugschluss, das nur negativ zu sehen.

Natürlich möchte man in Beziehungen und auch finanziell einen Punkt erreichen, der sich sicher anfühlt. Aber für alles andere im Leben gilt: Es ist alles in Bewegung. Ich stehe immer wieder vor Fragezeichen und mir hilft es zu wissen, dass es anderen genauso geht. Wir sind alle nicht viel schlauer als unser Gegenüber. Irgendwie auch tröstlich, oder?

Jonny Mahoro im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Jan Prillwitz

Genau das muss man aber verstehen, dass wir alle nur mit Wasser kochen und niemand alles im Leben raus hat.

Auf jeden Fall. Manchmal wünscht man sich ja, dass man andere Probleme hätte. Aber sind die wirklich besser? Ich weiß es nicht. Ich merke bei solchen Gedanken, dass ich mich mehr damit beschäftige, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein. Und diese Bedürfnisse verändern sich immer wieder.

Letztes Jahr habe ich jede Party mitgenommen, war viel unterwegs und habe gefeiert. Dieses Jahr will ich auch gern einfach nur zuhause chillen. Das kann sich wieder ändern, aber im Moment ist das mein Bedürfnis.

Vielleicht ist das auch die große Aufgabe: herauszufinden, was das Herz sich wünscht und was der Körper braucht. Das ist total individuell. Da muss man wirklich in sich selbst hineinhören. Und das ist viel schwerer, als man denkt.

Was willst du denn in diesem Augenblick?

Ich möchte ganz viel Gesundheit und ehrliche Freude. Diese Freude lässt sich in den banalsten Dingen finden. Und Gesundheit nehmen wir viel zu oft als selbstverständlich hin, aber das ist sie nicht. Mit diesen beiden Dingen lässt sich sehr viel Trouble ausgleichen.

Wie viel Druck verspürst du, dass andere ein Vorbild in dir sehen?

Ehrlicherweise nicht so viel. Ich mache mir da wenig Gedanken, weil mich das sonst stressen würde. Ich bin mir bewusst, dass Leute genauer drauf schauen, was ich mache, und poste deswegen nicht jeden Müll, der mir einfällt. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht über Beziehungen poste und nur sehr wenig über Alkohol.

Mir ist sehr wichtig, dass jeder einen sensiblen und bewussten Umgang mit dem Thema hat, wie es bei mir auch der Fall ist. In dem Sinne spüre ich dann doch Verantwortung, weil ich mitbestimme, was Menschen als normal ansehen.

Jonny Mahoro im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Anthony Miller.

In der 37 Grad-Doku wird das ja noch mal deutlich: Du bist jemand, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Und bei dir hat es geklappt. Deinen Weg könnten sich andere ja auch zum Vorbild nehmen.

Aber das klappt ja nicht. Weil jeder Weg anders aussieht. Ich bin für mich ganz persönlich da, wo ich gern wäre. Aber das muss für jemand anderen ja gar nicht so sein. Es freut mich, wenn meine Geschichte eine Motivation für jemand anderen ist, auch an sich zu glauben, sich etwas zu trauen. Alles, was nach dem ersten Schritt passiert, liegt in der Eigenverantwortung von jedem selbst. Es gibt kein Playbook dafür, es gibt nicht den einen einzigen richtigen Weg. Stattdessen gibt es hunderttausend Wege.

Wenn man sich meine musikalische Entwicklung anguckt, dann sieht man, dass ich seit 2019 versuche, meine Musik zum Laufen zu bringen. Und es hat erst im letzten Jahr geklappt, dass es halbwegs zum Laufen gekommen ist. Jetzt gibt es etwas Aufmerksamkeit von der Masse. Aber das ist ja noch nicht das Ende.

Ich würde also allen raten, die einen Beruf suchen, der sie reich oder berühmt macht, in dem sie erfolgreich sein wollen, nicht auf Musik zu setzen. Denn dieser Weg ist weder einfach noch frustrationsfrei. Musik sollte man nur machen, wenn man wirklich Bock darauf hat, nicht, weil man unbedingt Erfolg haben will.

Bei mir ging es schon immer um Musik, ich weiß ehrlicherweise gar nicht genau warum. Ich habe einfach nie aufgehört, Musik zu machen. In den entscheidenden Momenten hat mich dann immer auch meine Familie aufgemuntert und motiviert, es doch noch mal zu versuchen, aber es war nicht immer einfach.

Ich denke, ganz viele Musiker*innen werden das unterschreiben, dass dieser Beruf extrem viel aus Frustrationstoleranz besteht. Denn 90 % der Dinge, die man sich vornimmt, klappen nicht. Oder nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Die 10 %, die klappen, die machen Spaß und machen all das andere wieder wett.

Jonny Mahoro im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Jan Prillwitz

Aber diese 90 %, von denen du sprichst, die sieht man von außen eher nicht. Da werden nur die 10 % gezeigt, und das verführt dazu, sich in Illusionen zu verlieren.

Das stimmt. Ich habe einmal ausführlich darüber gepostet, aber sonst recht wenig. Es gibt eine Fotoslide, die zeigt, was die letzten sechs Jahre passiert ist: Ich wurde von meinem Label gedroppt, hatte keine Lust mehr auf Musik, hatte ein neues Label und wurde wieder gedroppt. Gleichzeitig wurde mir das Herz gebrochen, ich war im Auslandssemester und ziemlich lost.

Ich habe es dann allein probiert, das hat gut geklappt. Ich habe meine erste Tour gespielt – danach wollte mich aber keine Sau mehr sehen. Ich hatte keinen Job mehr, weil ich alles in die Musik gesteckt habe. Von einer Newcomer-Tour kann man nicht leben. Ich war total frustriert. Und dann kam „Zwischenphase“.

Dieser Song hat mich auf ein neues Level gebracht, aber es bleibt ein Auf und Ab. Ich bewerbe mich seit Jahren für Support und bekomme trotzdem Absagen. Ich habe Kosten, muss meine Krankenkasse zahlen, und dann passiert manchmal gar nichts. Vor zwei Jahren habe ich vielleicht 10 oder 20 Konzerte gespielt. Davon zu leben ist hart.

Jetzt gerade ist das anders, es sind aber auch viel mehr Leute daran beteiligt. Das heißt, die Erwartungshaltung steigt, am meisten bei mir selbst. Es gibt wirklich niemanden, der sich so viel Stress und Druck macht, der so viel von sich fordert, wie ich von mir selbst. Und das ist natürlich anstrengend. Aber am Ende des Tages würde ich meinen Job gegen nichts in der Welt eintauschen.

Ich war in letzter Zeit krank und konnte nicht arbeiten. Und ich war so froh, als es wieder ging. Ich denke dann wirklich: „Geil, ich darf durchs Land fahren, um 30 Minuten zu spielen und zu hoffen, dass das Publikum mich ganz okay findet.“ I love what I am doing.

Ich liebe das Songschreiben und die Konzerte, weil ich dort sehe, wofür ich gearbeitet habe. Wenn ein Song nicht so gut läuft, ist es live schön zu sehen, was er bei den Leuten auslöst.

Mein Song „Marmeladenglas“ lief zum Beispiel im Verhältnis erst mal nicht so gut. Ich habe mich dann ein paar Monate nicht um den gekümmert und dann entdeckt, dass der auf Instagram und TikTok ganz groß geworden ist. All die Mummys haben da ihre süßen Sommer-Recaps mit gepostet, das war so mega schön!

Am Ende mache ich genau deswegen Musik. Ich freue mich, wenn sich Menschen wegen meiner Songs weniger einsam fühlen, wenn sie mit mehr Liebe von meinen Konzerten nach Hause gehen, als sie gekommen sind. Solange ich das erreichen kann, werde ich unterwegs sein.

Hast du Angst, dass du für immer „Zwischenphase“ singen wirst, dass deine anderen Songs nie an den heranreichen werden?

Das ist eine gute Frage. Einerseits ist dieser Song mein mit Abstand größter. Alles wird daran gemessen. Und du darfst nicht vergessen: Dieser Song hat mein Leben verändert. Ich bin wirklich dankbar für den Song. Er hätte auch zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Er hat mich vor der Arbeitslosigkeit und so viel mehr gerettet. Ich möchte mich von „Zwischenphase“ nicht distanzieren, aber ich will auch nicht immer daran gemessen werden.

Mir hilft das Zitat eines Rappers namens Russ. Songwriting ist wie das offene Meer. Manchmal kommen hohe Wellen und dann entsteht ein richtig guter Song. Danach kommen kleinere Wellen und manchmal lange gar keine. Man muss darauf vertrauen, dass wieder Wellen kommen.

Ich habe „Zwischenphase“ und „Ich lieb mich nicht“ an zwei Tagen hintereinander geschrieben, das sind meine Wellen. Und dann passiert erst mal nichts. Dieser Zustand kann eine Woche anhalten, einen Monat oder auch zwei Jahre. Man muss die Gewissheit haben, dass irgendwann wieder Wellen kommen. Mir hilft dieses Bild, es beruhigt mich. Ich weiß, dass ich sehr gute Songs schreiben kann, die Menschen berühren.

Ich habe sicherlich auch noch ein paar Songs, die bisher noch nicht aufgefallen sind. Aber das war bei „Zwischenphase“ auch so. Der lag neun Monate in meiner Dropbox, ich fand ihn zu schlecht, um ihn damals auf Tour zu spielen. Manche Dinge brauchen einfach Zeit.

Warum ein Song am Ende erfolgreich ist, hat mit einer Ansammlung verschiedener Faktoren zu tun, die, selbst wenn ich den Song geschrieben habe, manchmal außerhalb meiner Kraft und Verantwortung liegen. Ich habe für „Zwischenphase“ vier Wochen Promo gemacht. Und erst nach diesen vier Wochen haben sich die Leute angefangen, dafür zu interessieren.

Ich habe ganz sicher auch andere Songs geschrieben, die mindestens so gut sind wie „Zwischenphase“. Mein Ziel ist es, noch möglichst lange weiter diesen Job zu machen, immer neue Songs zu schreiben.

Ich habe riesigen Respekt vor Leuten, die sich seit 10, 15 oder 20 Jahren in diesem Geschäft halten. Wenn man das schafft, hat man viele gute Songs. Es werden bessere kommen als „Zwischenphase“. Und auch welche, die nicht so laufen. Aber das heißt nicht, dass sie keinen Impact haben.

Jonny Mahoro im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/ Anthony Miller.

Wie fühlt es sich an zu wissen, dass du Songs schreibst, die Leute berühren und die ihre ganz eigene Geschichte mit ihnen verbinden?

Das ist ein unfassbares Privileg und ein richtiges Geschenk. Ich weiß, dass ich an Zahlen gemessen werde, dadurch entsteht auch ein Druck. Der kommt von mir, der kommt von außen und der ist auch finanzieller Natur. Aber all das vergesse ich, wenn ich Musik machen darf.

Ich glaube, dass ich den Fans manchmal gar nicht genug gerecht werde. Denn sie sind es, die mir das alles überhaupt erst ermöglichen. Ich hoffe, dass es für sie ein schöner Trade ist, dass wir gemeinsam die Musik erleben, dass wir alle diese Emotionen teilen. Das, was man auf einem Konzert erlebt, das ist nie austauschbar. All das, was ich bisher erleben durfte, das kann mir niemand mehr nehmen. Wenn irgendwann niemand mehr zu meinen Konzerten kommt, dann habe ich all diese Erinnerungen, die ich gemeinsam mit den Fans erschaffen habe. Das bleibt für immer. Davon werde ich meinen Enkeln erzählen. Und ich hoffe, dass es den Leuten, die auf meine Konzerte kommen, auch so geht. Dass wir zusammen etwas schaffen, das sich nicht mit Geld und Zahlen bemessen lässt, sondern mit dem Herzen.

Die „37°Leben“-Doku, die als Dreiteiler unter dem Thema „Phase“ steht, und in der auch Jonny und sein Werdegang beleuchtet werden, könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF schauen. Alternativ läuft sie auch am 19. April, 26. April und 3. Mai 2026, jeweils um 9.03 Uhr, im ZDF.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert