Kennt ihr das, dass ihr Filme schaut, bei denen ihr denkt: Will ich mich dem wirklich aussetzen? Handelt es sich dabei um einen Dokumentarfilm, komme jedenfalls ich mir immer auch feige vor. Denn ich muss / darf mir das alles anschauen, während andere das erleben müssen. Deswegen habe ich ein großes Herz für Dokumentarfilme und freue mich, dass ich euch mit „Girls don´t cry“ nicht nur einen Film für Teenager und Erwachsene vorstellen kann, sondern auch noch mit der Regisseurin Sigrid Klausmann darüber sprechen konnte.
Denn wer könnte euch besser Hintergrundinfos über die Protagonistinnen und den Dokumentarfilm an sich liefern, als die Regisseurin? Sie macht außerdem auf Themen, bei denen wir vielleicht alle eher wegschauen, aufmerksam, was schmerzhaft und extrem wichtig ist.
Für welches Alter empfehlen Sie „Girls don’t cry„?
Sigrid Klausmann: Der Film hat eine FSK 12 bekommen, wir empfehlen ihn aber ab 14. Auf die FSK haben wir keinen Einfluss und es gibt ja auch nichts zwischen 12 und 16. Es kommt auch immer auf die einzelnen Jugendlichen an. Wir hatten z.B. in Finnland auf einem Festival drei fitte Siebtklässlerinnen, die haben von dem Film auf jeden Fall profitiert. Sie meinten nach der Sichtung zu mir: „I feel awakened“. Die Jungs in dem Alter sind überfordert, die Themen sind zu weit weg von ihnen. Mein Wunsch ist, dass die Zuschauenden von meinem Film profitieren, deswegen sollten sie ein gewisses Alter und eine gewisse Reife haben.
Gleichzeitig dachte ich beim Schauen, dass die Mädchen, die da gezeigt werden, ja nicht viel älter sind als meine Tochter. Und die halte ich noch von Ihrem Film fern, während die Mädchen so viel durchleiden müssen. Das tun zu können, ist ein echter Luxus, den die Protagonistinnen gar nicht haben.
Die Mädchen im Film sind alle zwischen 14 und 16. Und gerade bei Nancy und Sheelan sind die Geschichten richtig harter Tobak. Unsere Schirmfrau Maja Göpel hat auch zwei Töchter. Mit der älteren wollte sie den Film schauen, hat aber abgebrochen, weil ihr diese Realitäten zu nah gingen. Gleichzeitig fragte sie sich, ob sie zu viel von ihren Töchtern fernhält. Letztlich müssen das immer die Eltern entscheiden. Wir wissen ja, dass Jugendliche im Netz Dinge zu sehen bekommen, die nicht für sie geeignet sind, sie sehen Tötungen, pornographische Darstellungen, in Verbindung mit Gewalt, womöglich gehäuft, die für sie verstörend sein müssen. Das kann niemand wollen. Andere hingegen wachsen abgeschirmt und behütet auf. Es ist so wichtig, dass Kinder und Jugendliche Räume haben, in denen sie darüber sprechen können. Man darf sie damit nicht alleine lassen.
Wie viel möchte man seinem Kind zum Beispiel über Genitalbeschneidung erzählen? Wie viel will man sich selbst damit auseinandersetzen? Denn wenn man sich damit beschäftigt, wird es wirklich gruselig. Es sind weltweit 230 Millionen Frauen und Mädchen davon betroffen, durch Corona ist die Zahl noch mal gestiegen. Der Schutzraum Schule ist weggefallen – das hat die Zahl der Frühverheiratungen, die damit einher geht, in die Höhe getrieben. Und wer denkt, das sei nur ein Thema für andere Länder: Durch die Zuwanderung ist es auch in Deutschland angekommen. Wie wir wissen, lassen auch bei uns Frauen Schönheitsoperationen an der Vagina durchführen. Ich habe gehört, dass es Ärzte gibt, die auch Genitalbeschneidungen durchführen und damit Geld verdienen. Für mich ist das unvorstellbar. Jetzt kann man sagen, dass es dann ja wenigstens unter hygienischen Bedingungen stattfindet. Aber das ist doch kein Argument. Es darf gar nicht stattfinden!
Ich habe in einem Artikel einer Schweizer Zeitung über ein Forschungsprojekt gelesen, an dem 25 Forscherinnen, auch von Universitäten, beteiligt waren. Der Artikel referiert, dass diese Forschenden die Genitalverstümmelung verteidigen und die Kritik daran in die Nähe von Rassismus rücken.
Wenn ich da an die Erzählungen von Nancy aus meinem Film denke, verliere ich den Glauben an den Verstand dieser Forschenden. Wie können erwachsene Menschen zu so einem Ergebnis kommen? Ich kann das nicht nachvollziehen.
Ich glaube aber auch, dass viele mit dem Kulturargument kommen, weil sie sich mit dem Thema und dem Leid, dem so viele Frauen und Mädchen ausgesetzt sind, gar nicht auseinandersetzen möchten. Dann würden sie wissen, dass sie ihr Leben lang darunter leiden.

Sie meinen also, dass manche dann lieber nichts tun, weil man ja eh nicht die ganze Welt retten kann?
Es stimmt ja, man kann nicht die ganze Welt retten. Aber das Gespräch darüber ist so wichtig. Ich habe im Filmgespräch schon Jungs erlebt, die sagen: Was geht mich das an? Ich konfrontiere sie damit, dass möglicherweise Mädchen in ihrer Klasse sitzen, die davon betroffen sind, dass es welche in der Nachbarschaft gibt, vielleicht sogar in der eigenen Familie? Und dass so ein Film Hinweise geben kann, dass es Hilfe für diese Mädchen gibt bzw. dass man ihnen helfen muss.
Das Thema ist ja nicht weit weg. Wir können die Mädchen z. B. in Tansania, auch wenn es da offiziell verboten ist, vielleicht nicht retten, aber die Klassenkameradin hier vielleicht schon. Denn die muss vielleicht in den Sommerferien in ein Land, in dem nicht auf die sogenannte „Cutting Season“ gewartet wird, in der es Männer in den Dörfern gibt, die sagen: „You can cut at anytime.“ Hier in Deutschland etwas von der Welt zu wissen, hinzugucken und anderen die Augen zu öffnen, kann mein Film evtl. leisten. Wir müssen Verantwortung füreinander übernehmen und solidarisch sein, auch mit Menschen, die wir vielleicht gar nicht kennen.
Sie übernehmen Verantwortung, in dem Sie diese Filme machen.
Ja, das sehe ich so, das ist mein Antrieb, mein gesellschaftliches Engagement. Ein Großteil meiner Energie fließt allerdings in die Finanzierung der Projekte, das ist ein echter Kampf. Für „Girls Don’t Cry“ habe ich deswegen auch eine Co-Regisseurin ins Boot geholt, die in unserem Auftrag in drei Länder gereist ist. Anders hätte ich dieses Gesamtprojekt – ich bin ja auch Co-Produzentin mit zusätzlichen Aufgaben, u.a. Fundraising – überhaupt nicht in einem überschaubaren Zeitrahmen stemmen können.
So habe ich z.B. zahlreiche Stiftungen angeschrieben, zusammen mit meinem Mann Veranstaltungen über „199 kleine Held*innen“, unser Gesamtprojekt, gemacht und damit Geld generiert. Eine ganze Reihe von privaten Unterstützer*innen sind ebenfalls seit Jahren an unserer Seite.
Ich bin jetzt 71 Jahre alt, meine Nerven werden dünner, das spüre ich schon. Ich habe genug gekämpft. Was mir niemand nehmen kann, ist der große Reichtum meiner Arbeit der letzten 20 Jahre, die Begegnung mit all diesen jungen Menschen, das Kennenlernen ihrer Lebensräume, Traditionen und Kultur.
Wie haben Sie die Mädchen für den Film gefunden? Es wird ja keine weltweiten Castings gegeben haben, bei denen Mädchen gebeten wurden, ihre Lebensgeschichte auszubreiten.
Nein, natürlich nicht. Ich habe den Stoff schon 2018 entwickelt und ihn damals beim Programm „Der besondere Kinderfilm“ eingereicht. Zum ersten Mal wurden 2018 Dokumentarfilme gefördert, meiner dann aber leider nicht. Hier sind die Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks involviert, aber für Filme wie „Girls Don’t Cry“ gibt es keine Sendeplätze. Vielleicht war das der Grund.
Dann kam Corona, ich habe den Stoff noch mal bei einem Sendeplatz vorgestellt, aber dort hat man überhaupt nicht verstanden, was ich vorhabe.
Mir war und ist es wichtig, Mädchen eine Stimme zu geben. Und nach vielen Jahren, in denen ich Filme für die Zielgruppe 10 bis 13 Jahre gemacht habe, wollte ich in die nächste Altersstufe gehen. Ich wollte mich damit auseinandersetzen, was im darauffolgenden Lebensabschnitt dran ist, was die Mädchen beschäftigt, in der Krise der Pubertät.
Eine Initialzündung, das Projekt dann anzugehen, noch einmal in den Finanzierungskampf zu gehen, war die Geburt unserer Enkeltochter. Ich fragte mich: Wie wird die Welt für sie sein, wenn sie ein Teenager, eine Frau ist? Ich habe dann angefangen, zu den Themen, die für mich hier relevant waren, im Netz zu recherchieren. Einige Themen waren von vornherein gesetzt, z.B. die Genitalbeschneidung. Bei der Recherche habe ich erfahren, dass es Mädchen gibt, die vor Genitalverstümmelung fliehen, z.T. über Ländergrenzen hinweg. Auch die Themen Teenagerschwangerschaft und Schönheitsdruck waren vorne dran. Bestimmte Themen wie Prostitution und Mobbing sind aus verschiedenen Gründen rausgefallen, auch wenn die überall auf der Welt eine Rolle spielen.

Die Geschichte von Sheelan habe ich miteingenommen, weil ich mit der Kultusministerin von Baden-Württemberg, die unser Projekt sehr schätzt, ins Gespräch gekommen bin. Sie wollte wissen, wie es den Töchtern der Jesidinnen geht, die 2015 nach Baden-Württemberg geholt wurden. So habe ich nach und nach meine Themen gefunden und dann angefangen, nach den Mädchen zu suchen. Für Deutschland war es leichter, da gab es schon einen Kontakt.

In Tansania haben wir verschiedene Einrichtungen angeschrieben, und die Leiterin eines Schutzhauses hat mir geantwortet. Sie hat dann Nancy als Protagonistin vorgeschlagen. Denn die Mädchen müssen ja auch etwas mitbringen, sie dürfen nicht zu schüchtern sein, müssen Lust auf so ein Projekt haben.

Ein Aspekt bei der Suche nach geeigneten Protagonistinnen ist auch, dass man Klischees vermeidet. So habe ich z.B. bewusst in Europa nach einer Mutter im Teenage-Alter gesucht. In einer brasilianischen Favela wäre die Suche womöglich leichter gewesen. Durch meine Recherche erfuhr ich, dass die Zahl von Teenage-Schwangerschaften in England im Vergleich zu Deutschland höher ist. Und während Corona stieg sie zusätzlich, weil die Mädchen für die Verschreibung von Verhütungsmitteln zum Arzt gehen müssen und diese Termine nicht so leicht zu bekommen waren. So bin ich in Coventry, England, gelandet.

Südkorea ist das Land mit der höchsten Anzahl an Schönheitsoperationen. Es lastet ein extremer Druck auf jungen Menschen, sowohl hinsichtlich Bildung als auch Schönheit. Die Suizidrate unter Jugendlichen ist sehr hoch, weil sie es nicht schaffen, all diesen Anforderungen zu entsprechen. Wir haben in England und Südkorea Rechercheure eingesetzt, die die Mädchen gefunden haben.

Ich wollte auch ein Transgendermädchen dabei haben, weil ich mal eine Dokumentation auf Arte gesehen habe über eine Familie mit drei Kindern, von denen das Jüngste ein transgender Mädchen war. Die Familie sagte in dem Film, dass es gar nicht nur darum geht, akzeptiert zu werden, sondern ihrem Kind ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie sind auf viele Widerstände gestoßen, beim Ballett, in der Schule. Ich wollte, dass mir eine Jugendliche ihre Geschichte persönlich erzählt und was das für sie, ihre Familie und ihr Leben bedeutet.
Ich sage meinem Publikum auch immer, dass wir gar nicht über Meinungen diskutieren. Ob man lieber langes oder kurzes Haar schön findet, dazu kann man eine Meinung haben. Aber ob jemand trans- oder homosexuell ist, ist einfach ein zu akzeptierender Fakt. Das ist man, oder man ist es nicht. Da muss noch sehr viel Aufklärung betrieben werden. Und das klappt vielleicht am besten, wenn man Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet und eine Betroffene ihnen ganz authentisch im Film darüber erzählt. Deswegen war mir auch diese Geschichte so extrem wichtig.
Sie haben für die Mädchen aber auch eine große Verantwortung. Denn sie öffnen sich und ihr Leben, geben das der Öffentlichkeit, und niemand kann steuern, wie darauf reagiert wird.
Das stimmt. Es ist auch nicht so, dass in dem Alter alle „Hurra“ schreien und bei einem Film mitmachen wollen. Ihnen ist klar, dass sie auch negative Kommentare bekommen können, wenn sie mitwirken. Von daher kann ich ihnen allen nur applaudieren für ihren Mut, in meinem Film mitgewirkt zu haben.
Ich muss ehrlich sagen, ich bin sehr froh, dass dieser Film in der Welt ist. Er wird vielleicht keinen leichten Weg im Kino haben – das Schicksal vieler Dokumentarfilme – aber wir haben ihn schon auf über 50 Festivals gezeigt, wir haben Preise dafür gewonnen, und meine vielen bewegenden Gespräche mit jungen Menschen zeigen mir, dass er wichtig ist.
Mit Dokumentarfilmen wird man sicher nicht reich. Warum machen Sie diese Filme trotzdem?
Wegen des Geldes muss man keinen Dokumentarfilm machen. Vielleicht, wenn man berühmte Persönlichkeiten portraitiert, ist die Reichweite von vornherein größer, lässt sich Geld damit verdienen. Aber mit Filmen, wie ich sie mache, die lange brauchen von der Idee bis zur Fertigstellung, kann man nicht viel Geld verdienen. Mit Glück findet man einen Verleih, einen Weltvertrieb, einen Vertrieb für die nicht-kommerzielle Auswertung. Das haben wir glücklicherweise alles. Für diesen Beruf braucht es Leidenschaft. Die Gespräche mit dem Publikum geben mir auch sehr viel. Man weiß nie, wie das Publikum reagiert, und das finde ich spannend.

Sprechen die Jugendlichen Sie nach dem Schauen des Films denn auch mal an?
Ich biete das immer an, dass man sowohl nach der Vorstellung mit mir reden kann als auch später noch. Ich warte immer noch ein bisschen im Foyer, ob sich noch jemand äußern möchte, der das im Kino vielleicht nicht tun mag. Oft bekomme ich das Feedback, dass Mädchen sehr berührt sind. Dass sie darüber sprechen möchten, weil sie sonst den Raum dafür gar nicht haben.
Man darf nicht vergessen, dass die Jugendlichen, die den Film sehen, Dinge sehen, die sie selbst betreffen. Sie sind gleich alt wie die Mädchen im Film, wissen, auch wenn sie das nicht selbst erleben, wie die Mädchen sich fühlen. Ich hatte queere Mädchen im Publikum, die sich bedankt haben, dass ich die Geschichte von Selenna mit in den Film genommen habe. Da höre ich dann, dass Selennas Mut ihnen Kraft gibt.
Diese Begegnungen und auch Einblicke in andere Lebenswelten ermöglicht der Film. Und via Social Media kann man sich weltweit vernetzen, sich seine eigene Blase suchen. Das hat zwar viele negative Seiten, aber eben auch etwas Empowerndes.
In meiner Jugend hatten wir solche Begegnungsräume gar nicht. Es gab keine Handys, wir mussten uns im realen Raum begegnen. Niemand hat allein vor dem Bildschirm gesessen, es gab nur den direkten Austausch.
Ich frage mich schon, woher die Einsamkeit von Jugendlichen kommt, die Depressionen. Vielleicht ist die massive Handynutzung ein Grund. Und natürlich hat es auch etwas mit dem Zustand der Welt zu tun. Vieles findet nicht mehr in sozialen Räumen statt. Ich mache mir viele Gedanken darüber, was für eine Generation gerade heranwächst. Welche Skills haben sie dann nicht mehr? Sie beobachten die Welt nicht mehr, machen die Erfahrung von Langeweile nicht mehr. Auch wenn das immer anders behauptet wird, selbst die Skills, mit einem Handy umzugehen, sind marginal. Sie können daddeln und ins Netz gehen, WhatsApp verschicken. Aber echte Skills sind sehr wenige vorhanden.
Das ist mir auch während der Dreharbeiten aufgefallen. Ein Drehtag ist oft mühsame Organisation. Wenn es darum geht, eine Szene mit Freundinnen zu drehen, braucht es ewig, bis das kommuniziert ist. Ich habe gemerkt, dass das Handy während des Drehs immer im Hinterkopf war, als wäre das ins Stammhirn gemeißelt. Es gibt immer einen Chat, der eingesehen werden muss, eine Nachricht, die man verpassen könnte.
Aber ich kann doch nicht nur darüber jammern. Es ist, wie es ist. Und die Pubertät war schon immer eine Zeit, in der es einen gewissen Rückzug von der Welt gibt, in der über gewisse Dinge nicht gesprochen wird, die lieber mit Freunden ausgemacht werden. Das war bei meinen Kindern so und bei mir selbst auch.

Trauen wir Kindern und Jugendlichen zu wenig zu? Ich habe beim Schauen von „Girls Don’t Cry“ jedenfalls oft gedacht, dass wir Erwachsene es doch auch nicht besser wissen. Ich treffe Entscheidungen auf Grundlage von Annahmen und habe mehr Lebenserfahrung als meine Kinder. Aber niemand weiß doch alles.
Wir wissen es nicht besser, wir bestimmen einfach nur. Und wir haben Meinungen. Aber wie entstehen denn Meinungen? Erwachsene sind Vorbilder, sie handeln prägend für Kinder. Wenn wir einen guten Ton miteinander haben, wenn wir gut mit unseren Partner*innen, Nachbarn, Freund*innen umgehen, dann nehmen Kinder das mit ins Leben.
Wenn zuhause ein schlechter Ton herrscht, wenn da Männer und Söhne über Frauen und die Töchter bestimmen, dann wachsen die Kinder entsprechend auf. Und es ist verdammt schwer, das Vorbild von Eltern abzulegen, auch wenn man es möchte.
Mein Film ist übrigens nicht nur für Teenager geeignet, auch Erwachsene sollten sich den ansehen. Ich sehe bei den Screenings, wie sich Männer Tränen wegwischen, Frauen mich danach ansprechen. Es ist ein Film über Jugendliche, aber auch Erwachsene haben mit Jugendlichen zu tun und können da etwas für sich mitnehmen und verstehen. Ich wünschte, das deutsche Ticketsystem würde es hergeben, dass man Familientickets für mehrere Generationen anbieten kann.
Ist „Girls don’t cry“ Ihr letzter Film?
Ja, das ist mein letzter Film. Ich bin eine echte Kämpferin, aber ich bin müde von diesem Kampf nach all den Jahren. Zwei unserer drei Kinder leben im Ausland, die möchten wir öfter sehen. Ich bin jetzt über 70, wie lang ist der Rest meiner Lebensschnur denn noch? Mein Mann war auch immer viel unterwegs, wir wollen jetzt Zeit füreinander haben, für uns, für unsere Kinder und die Enkel.
Meine Prioritäten haben sich verschoben. Es heißt nicht, dass ich nichts mehr mache, aber ich werde keinen Film mehr drehen. Ich bin weiterhin für 199 kleine Held*innen unterwegs. Die Begegnungen mit all den jungen Menschen – immerhin habe ich 43 Kurzfilme und zwei lange Dokumentarfilme allein in diesem Projekt gemacht – werden mich für immer begleiten. Sie haben mein Denken verändert, meine Empathie ist gewachsen. Das ist manchmal anstrengend, aber es lohnt sich immer.
Meine/unsere Filme fördern Empathie, die immer mehr verloren zu gehen scheint. Sie fördern die Neugier, öffnen andere Welten, fördern ein besseres Verständnis für die Welt. Genau das brauchen wir. Wir brauchen mehr Diversität, wir müssen verstehen, wie schön diese Mädchen sind. Es geht um innere und äußere Schönheit, es geht um die Kraft von Mädchen. Die dürfen wir auch dank dieses Films entdecken.
„Girls don´t cry“ läuft ab dem 30. April in den Kinos. Wie Sigrid Klausmann sehr richtig festhält: Der Film ist nicht nur für Teenager gemacht, auch Erwachsene können da viel mitnehmen. Wenn eure Kinder also noch zu jung sind oder ihr ihnen nicht alle Themen zumuten möchtet, dann geht ruhig allein ins Kino. Und wenn ihr Lehrer*innen seid und den Film gern in der Schule zeigen möchtet, könnt ihr euch hier melden.

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