Als ich mit Florian Stetter im letzten Jahr ein Interview zu „Katharina Tempel“ gemacht habe, haben wir am Rande auch über seinen Film von 2015, „Nackt unter Wölfen“ gesprochen. Es war wirklich nur ein Nebensatz, aber ich meinte damals: Vielleicht schaue ich mir den Film dann jetzt doch mal an. Es ist nicht so, dass ich Filme über Nazis, über den Holocaust meide. Ich finde sie extrem wichtig und schaue sie, so oft sie eben erscheinen.
Und doch habe ich „Nackt unter Wölfen“ nie gesehen. Weil mir die Thematik zu nahe ist. Mein Opa war von 1939 bis zur Befreiung in Buchenwald inhaftiert, dieses KZ ist also näher an meiner Familie dran. Deswegen ist dieses Interview sehr viel näher an mir dran, als ich das normalerweise gewohnt bin. Der Grund dafür war aber nicht nur mein Opa, sondern auch Florian, der sich auf dieses Gespräch eingelassen und den Raum dafür geöffnet hat. Dafür kann ich ihm gar nicht genug danken.
Danke, dass du mit mir über „Nackt unter Wölfen“ sprichst und ich durch unser Interview gezwungen war, mir diesen Film endlich anzuschauen.
Florian Stetter: Wie ging es dir damit?
Es war schwierig, weil mir dieser Ort irgendwie vertrauter ist. Weil das Grauen, das ihr da zeigt, die Realität meines Opas war. Ich kann mich da viel weniger distanzieren als bei anderen Filmen zu diesem Thema.
Es ist unbegreiflich, weil wir wissen, dass das alles mehr oder weniger genauso passiert ist. Es gab dieses Lager, es gab diese Brutalität, es gab diese abgemagerten Menschen, dieses Elend. Die Wärter, das Grauen.
Ich habe beim Drehen auch immer wieder innegehalten und gedacht: Was mache ich hier eigentlich? Das ist alles so schlimm, und ich kann dem doch gar nicht gerecht werden. Denn unser Film kann noch so gut sein, er wird die Realität niemals zeigen können. Das wäre auch völlig vermessen.
Wir können versuchen uns dem Ganzen mit Wahrhaftigkeit anzunähern, wir können uns dieser Situation, die wir darstellen, ausliefern und ein bisschen zeigen, wie es gewesen sein könnte, aber wir werden niemals zeigen können, wie es wirklich war.
Ich frage mich aber: Ist das, was wir uns vorstellen, schlimmer als die Realität oder milder?
Ich weiß es nicht, weil ich die Realität von damals nicht kenne. Ich kenne sie genauso wenig wie du. Der Horror dessen, was da passiert ist, ist unermeßlich. Wir würden daran zugrunde gehen, wenn wir es schaffen würden, uns wirklich vorzustellen, wie es damals war.
Wir können das nicht einfach zur Seite schieben und sagen: Das war eben so, jetzt geht’s weiter, schauen wir nach vorn. Es gibt Menschen, die sagen, dass es doch genug ist, dass das alles so lange her ist. Aber es ist für immer das Erbe unserer Nation. Deswegen ist Aufarbeitung auch so wichtig.

Die Zeitzeugen sterben, deswegen mache ich mir durchaus Sorgen darüber, dass die Menschen und ihre Schicksale vergessen werden. Mein Opa ist schon seit einigen Jahren tot, der als „Kind von Buchenwald“ bekannt gewordene Stefan Jerzy Zweig, auf dem „Nackt unter Wölfen“ ja lose basiert, ist 2024 gestorben. Sind Filme eine gute Alternative zu Zeitzeugen? Und braucht es mehr Filme, damit wir nie vergessen?
Wenn ich mir die jüngere Generation anschaue, dann glaube ich schon, dass Medien und Filme auf jeden Fall wichtig sind, um sie gut zu erreichen. Besser jedenfalls, als die Leute zu irgendwelchen Schautafeln zu schicken, auf denen steht, was passiert ist.
Je lebendiger Wissen und Geschichte vermittelt werden, je besser auch die Sprache der jungen Leute gesprochen wird, desto einfacher ist es, dem zu folgen. Sie kommunizieren nun mal via Social Media, dann kann man das auch nutzen. Ist doch gut, wenn sie da auch Informationen finden, wenn da Umsetzungen zum Thema stattfinden.
Es geht ja nicht darum, etwas zu konservieren, es funktioniert doch auch, wenn man neue Wege, eben auch digitale, geht. Das heißt ja nicht, dass man nicht trotzdem noch zu den Gedenkstätten fährt.
Mein Vater führt heute manchmal Schulklassen durch Buchenwald und geht auf ihre Fragen ein. Da entstehen so viele Gespräche, deswegen würde ich immer befürworten, dass diese Art der Begegnung erhalten bleibt.
Ich hatte in Regensburg einen sehr engagierten Geschichtslehrer, der mit uns, ich meine in der neunten Klasse, nach Mauthausen gefahren ist. Wir haben uns natürlich darauf vorbereitet, aber es ist alles Theorie, bis man an diesem Ort steht. Für mich war das als Jugendlicher alles weit weg, auch wenn die Nazizeit damals nicht so weit zurücklag wie heute. Als ich dann vor Ort in Mauthausen war, wurde aus der Theorie, aus dem Geschichtsunterricht plötzlich Realität. Ich habe da begriffen, dass das alles wirklich passiert ist. Dass in diesem Ofen Menschen verbrannt wurden. In dem Moment habe ich verstanden, dass so etwas nie wieder passieren darf. Mir ging das so unter die Haut, ich bin dann erst mal in die Kapelle auf dem Gelände gegangen, um mich zu sammeln.
Natürlich war das schrecklich, und gleichzeitig hat mir das gut getan. Weil ich da wirklich begriffen habe, dass all das wirklich geschehen ist.

Du hast gesagt, dass du dir, vor dem Ofen stehend, vorstellen konntest, was damals passiert ist. Ich verstehe, was du meinst, und gleichzeitig kann ich das nicht. Meine Vorstellungskraft reicht dafür nicht aus, auch dann nicht, wenn ich es in Filme sehe, um zu begreifen, dass Menschen so etwas getan haben.
Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Ich habe aber ein Gefühl dafür bekommen, als ich da stand. Mir ist klar geworden, dass da Menschen verbrannt wurden und dass das real ist, dass das wirklich passiert ist. Es ist unvorstellbar, zu wissen, dass das eine Realität ist, das macht Angst. In diesem Sinne konnte ich es mir vorstellen. Aber es bleibt unbegreiflich.
Das Buch von Bruno Apitz war Pflichtlektüre in der DDR, den Film von Frank Beyer von 1963 kennen auch alle. Wie viel Druck hast du gespürt, als du für den Film zugesagt hast?
Ich hatte als Wessi keinen blassen Schimmer davon, ehrlich gesagt. Wenn ich ein DDR-Kind gewesen wäre, wäre das natürlich ganz anders gewesen. Als ich meinen Freunden, die aus der DDR kommen, davon erzählt habe, haben einige sofort abgenickt und gesagt, dass sie da gar keine Lust drauf haben, weil das Pflichtprogramm in der Schule war.
Mir war aber vor dem Casting gar nicht klar, dass es eine Geschichte über Buchenwald ist. Die Casterin Nina Haun hat mich angerufen und gesagt, ich muss das lesen, sie hätte das Gefühl, dass das eine Rolle für mich ist. Und mir war klar, wenn sie das sagt, dann hat das Substanz. Also habe ich das Buch gelesen und war zutiefst berührt. Ich wollte das unbedingt machen. Aber den historischen Kontext, den Film von Frank Beyer, das alles kam erst später für mich.
Ich wollte mich erst mal frei und sozusagen „unbelastet“ dem Casting aussetzen. Ich habe zusammen mit Peter Schneider gespielt, es musste ja getestet werden, ob das mit uns Beiden funktioniert. Ich habe den Regisseur Philipp Kadelbach kennengelernt, was auch toll war, und als es dann wirklich losging, habe ich mir den Background erarbeitet, mich eingelesen und den Frank-Beyer-Film natürlich geguckt.
Der ist aber eher wie ein Theaterstück, sehr streng erzählt, eigentlich ein Lehrstück. Ich kann verstehen, wenn Menschen dieses Nüchterne mehr lieben. Weil sie vielleicht auch keine Musik dabei wollen, sondern das Nackte, Pure, gerade bei diesem Thema. Das ist für mich absolut legitim. Obwohl ich sagen muss, dass in unserem Film ja auch nicht übermäßig viel Musik ist, wir haben auch kein Rührstück gemacht, das einen unbedingt zu Tränen rühren möchte. Das kommt bei dem Thema auch von allein.
Der Film von Frank Beyer hat für viele auch etwas mit Identität zu tun. Und der Widerstand wird da auch anders erzählt als bei uns. Damals wurde sich mehr auf den kommunistischen Widerstand konzentriert, die Buchvorlage ist ein bisschen komplexer. Wir haben uns mehr daran orientiert und den internationalen Widerstand in den Fokus gerückt. Es waren eben nicht nur die Kommunisten, die im Lager aktiv waren. Der Drehbuchautor Stefan Kolditz hat das Thema aufgemacht, was wichtig war.

Für mich war der Moment, den ich in „Nackt unter Wölfen“ am schwersten aushalten konnte, der, der direkt vor dem Tor spielt. Das ist eine Szene, der die meisten vermutlich gar nicht so viel Bedeutung schenken, aber für mich war das kaum zu ertragen. Weil ich wußte, da, wo ihr gedreht habt, da ist mein Opa jahrelang jeden Tag lang gegangen, auf seinem Weg zur Zwangsarbeit in der Autowerkstatt.
Ich kann gut verstehen, dass es dich Überwindung gekostet hat, diesen Film überhaupt anzuschauen. Für viele von uns war die Szene an der Rampe beim Drehen einer der schlimmsten Drehtage. Die allermeisten Szenen sind ja nicht in Buchenwald entstanden, aber diese eben schon. Man kann in einer Gedenkstätte aus gutem Grund keinen Film drehen, es ist richtig, dass wir dort nicht gedreht haben und es auch gar nicht durften.
Wir haben in einem ehemaligen sowjetischen Straflager in Tschechien, knapp eine Stunde von Prag entfernt, gedreht. Da wurde das alles entsprechend für den Film dazu gebaut, modelliert, sodass die Zuschauenden das Gefühl bekommen, es könnte Buchenwald sein.
Aber die Szene an der Rampe, die Ankunft, die durften wir vor Ort drehen, weil das ja auch etwas weiter vom Lager entfernt ist. Und trotz der Entfernung haben wir alle gespürt, dass das schrecklich ist, was wir gerade tun. Es fühlt sich falsch an, hier zu drehen. Hier haben Menschen das Grauen erlebt, und wir spielen das jetzt. Das ist absurd. Und gleichzeitig wichtig, beinahe zwingend, denn wenn wir diesen Film schon machen, dann müssen wir auch daran glauben, dass wir hier den bestmöglichen Film machen. Und dann gehört das dazu.
In der Hoffnung, dass wir damit dazu beitragen können, dass dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Ich weiß nicht, ob das vergleichbar ist, aber als ich während der Gedenkfeier auf dem Appellplatz stand, ein paar Monate, nachdem ich mir das Bein gebrochen hatte, hatte ich vom Stehen Schmerzen. Und ich kam mir so lächerlich und peinlich vor, weil ich dachte: Jetzt reiß dich mal zusammen. Du kannst dich demnächst wieder hinsetzen, du kannst jederzeit gehen, wenn es gar nicht mehr geht. Mein Opa konnte das nicht. Ich habe mich vor mir selbst sehr geschämt. Und dachte gleichzeitig: Gut, dass ich mich schäme! Die Alternative wäre ja, gar nichts zu fühlen. Und das wäre viel schlimmer!
Genau das habe ich mir auch gedacht. Und es ist gut, dass wir das denken, dass wir uns dem stellen, was passiert ist. Daran ist ja auch nichts Leichtes. Das ist kein Museumsbesuch, wo man sich hinsetzt und ein Kunstwerk betrachtet und dann wieder nach Hause geht. Solch ein Besuch geht einem, wenn man es zulässt, für immer unter die Haut. Und das ist richtig so.
Wir haben beim Filmen einen Widerstand überwinden müssen, weil diese Gedenkstätte ein Ort der Stille ist. Wir haben dort ja nur kurz gedreht, ein oder zwei Tage, und auch nur außerhalb des Lagers. Alle waren extrem konzentriert, es herrschte eine große Ruhe beim Dreh. Mich hat das berührt, diese gemeinsame Achtsamkeit, der Respekt dem Ort gegenüber.
Für die Dreharbeiten war natürlich alles weiträumig abgesperrt, sodass ihr nicht gestört wurdet. Ich überlege nur gerade, wie sich das angefühlt haben könnte, wenn da jemand zufällig in diese Szene gelaufen wäre, 70 Jahre später.
Es war ein Nachtdreh, was schon mal sehr geholfen hat. Und dann war es natürlich sehr gut abgesperrt. Es wußten ja auch alle Bescheid, dass dort gedreht wurde. Der Leiter von Buchenwald musste das ja auch freigeben, die Behörden und die Polizei waren informiert.
Die Szenen in der Effektenkammer und viele weitere wurden gar nicht weit von der Innenstadt Prags gedreht, in der Nähe eines lebendigen Viertels in einem alten Fabrikgebäude. Da mussten die Komparsen in ihren Naziuniformen schon sehr aufpassen, dass sie da nicht plötzlich aus Versehen im Kostüm auf die Straße laufen.
Nico Hofmann und Benjamin Benedict, der Produzent, haben da ein tolles Team aufgestellt, das mit sehr viel Sorgfalt agiert hat. Auch die tschechischen Co-Produzenten Mia Film waren großartig. Die haben zusammen Drehbedingungen und einen Rahmen geschaffen, der diesem schwierigen Thema, bei dem Menschen auch schnell dünnhäutig reagieren, gerecht wurde.
Wenn ich früher mit anderen über Großeltern geredet habe, dann hatten auch meine Klassenkamerad*innen Widerstandsämpfer, Großeltern im KZ in ihren Familien. Mir ist erst viele Jahre später aufgefallen, dass das gar nicht sein konnte …
Es wäre ja schön, wenn es so gewesen wäre. Ich glaube auch, dass es schwer ist, mit dem Wissen umzugehen, dass du einen Täter in deiner Familie hast. Wenn du weißt, dein Urgroßvater war nicht das Opfer, der war ein Täter. Es ist sicher nicht leicht, einen Weg zu finden, eine Familie zu sein, wenn du das weißt.
Vielleicht wird es leichter, je mehr Generationen damit umgehen? Mein Vater hatte einen ganz anderen Bezug zu seinem Vater, ich habe einen zu beiden und einen anderen zu meinen Kindern. Weil ich anders davon betroffen bin als mein Vater es war. Und weil meine Kinder ihren Urgroßvater gar nicht mehr kennengelernt haben.
Ich glaube, das braucht Zeit. Menschen sind auch immer recht schnell beim Anklagen der eigenen Eltern und Großeltern. Da werden Vorwürfe gemacht, warum bestimmte Dinge so und so gemacht wurden. Die Generationen unserer Großeltern kamen aus dem Krieg, hatten eventuell Fluchterfahrungen.
Meine Mutter kommt aus dem Sudetenland, die musste fliehen, als sie ungefähr vier Jahre alt war. Meine Oma ist mit drei Kindern allein aus Tschechien geflohen, kam in ein bayrisches Auffanglager. Wir können uns nicht vorstellen, was das bedeutet. Und natürlich hat das Einfluss auf die Erziehung. Solche Erlebnisse prägen nicht nur die eigene Biografie, sondern auch die der Kinder. Und das wird weitergegeben. Die Zeiten waren damals viel magerer, es war viel schwieriger, überhaupt zu überleben. Das wissen wir heute zum Glück gar nicht mehr.

Ja und nein. Denn auch heute sind ja Menschen auf der Flucht. Ich muss immer an unsere tollen syrischen Nachbarn denken, von denen ich so viel gelernt habe. Und über die andere sich beschwert haben, weil sie den Müll nicht entsprechend der deutschen Vorgaben getrennt haben.
Ich glaube, da spielen Ängste mit rein. Die Leute trauen sich nicht, in den Kontakt mit Fremden zu gehen und regen sich deswegen lieber über solche Lappalien wie die Mülltrennung auf. Es ist so schade, dass viele sich nicht trauen, ins Gespräch zu kommen. Wir könnten es so gut miteinander haben, uns auch in unseren Fremdheiten befruchten und feststellen, wie viele Gemeinsamkeiten wir miteinander haben. Denn im Kern sind wir alle nicht weit voneinander entfernt.
Natürlich gibt es unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Lebensweisen, unterschiedliche Länder. Ich will das nicht kleinmachen, aber letzten Endes sind wir alle Menschen, und diese Tatsache verbindet uns grundsätzlich miteinander.
Etwas, das ich auch total absurd und unbegreiflich finde, ist, dass ich weiß, dass immer auch mal Schicksale der KZ-Häftlinge verglichen werden, so nach dem Motto: Wer war denn schlimmer dran, wer hat mehr gelitten? Ich finde das absurd und unfassbar, weil niemand da ein gutes Leben hatte. Und Leid sollte nie verglichen werden.
Es war für alle schlimm, alle mussten leiden. Wenn da einer mal eine Ration mehr Essen bekommen hat, mehr Wasser, ein bisschen mehr Spielraum hatte, dann ist das trotzdem nicht gut.
Es ist auch etwas anderes, wenn die, die es erlebt haben, untereinander vergleichen, wer welche Privilegien warum und wofür bekommen haben mag. Auch unter den Häftlingen wird es vermutlich welche gegeben haben, die Erleichterungen hatten. Aber es steht uns, die wir das nicht erlebt haben, nicht zu, darüber zu urteilen. Das Einzige, was wir sehen können, sind Opfer. Jedes Opfer hat eine eigene Geschichte, wir dürfen uns nicht anmaßen, darüber zu urteilen, wer mehr oder weniger gelitten hat. Das ist absurd!
Der 8. Mai hat als Tag der Befreiung einen wichtigen Platz in der deutschen Historie. „Nackt unter Wölfen“ mit Florian Stetter kam 2015 in die Kinos. Ihr findet den Film nach wie vor überall, könnt ihn streamen oder, so wie ich, aus der Bibliothek ausleihen.

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