Arnaud Binard im Interview zu "Manipulation" mit Andrea Zschocher

Arnaud Binard: „Ich wünsche mir, dass Menschen verstehen, wie schwer es ist, ein Mensch zu sein“

Manche Interviews gehen mir auch nach dem Gespräch noch lange nach, weil ich über das Gesprochene weiter nachdenke, weil ich mit einem „Ja, und…“ zurückbleibe, weil ich das Gefühl habe, dass die Zeit nicht gereicht und ich gern noch soviel mehr gefragt hätte. Das Interview mit Arnaud Binard ist solch eines. Dabei hatte der Schauspieler eigentlich reichlich Zeit mitgebracht. Aber wer mich so nah an seine Gedanken heranlässt, der provoziert ja eigentlich auch nur, dass ich weiter und weiterfragen will (deswegen, wundert euch nicht über das etwas abrupte Ende, es ging mir einfach wirklich die Zeit aus).

Ich wünsche euch ganz viele erhellende Momente mit diesem Interview und hoffe, ihr fühlt euch beim Lesen mit der Welt verbunden. Denn wie Arnaud Binard es so richtig sagt: Manchmal ist es ganz schön schwer, ein Mensch zu sein. Aber wir sind in diesem Gefühl und in der Liebe alle miteinander verbunden. Schreibt mir, wenn ihr mögt, gern eure Gedanken und Fragen zum Interview, ich freu mich drauf.

Was hat dich an der Figur Ivan interessiert, dass du zugesagt hast, ihn zu spielen?

Arnaud Binard: Als Schauspieler ist es immer interessant, einen Charakter zu spielen, der sich entwickelt. Ich mag die Tatsache, dass Ivan nach einer Wahrheit sucht und sich entwickelt. Dabei bleibt er ein Idealist. Menschen, die so sind, finde ich einfach sehr interessant.

Würdest du dich selbst als Idealisten bezeichnen?

Ich würde mich als einen Suchenden bezeichnen. Ich versuche jeden Tag ein bisschen mehr darüber zu erfahren, was es bedeutet, am Leben zu sein. Wir sind doch nur diese paar Augenblicke auf der Erde, was bedeutet das für uns? Ich finde diese Fragen so interessant.

Ist das idealistisch? Ich weiß es nicht. Ich liebe es, Dinge infrage zu stellen, über unsere Existenz nachzudenken.

Ich liebe Fragen und denke bei jedem Interview: Ich bin froh, nicht auf deiner Seite zu sitzen. Denn du musst immer wieder so tun, als hättest du diese Fragen noch nie gehört.

Ja, ich muss mich in jedem Interview neu erfinden. Das ist Teil meines Berufes. Ich spiele ja auch als Schauspieler immer wieder die gleiche Szene, so lange, bis der Regisseur zufrieden ist. Und das passiert selten beim ersten Take. Ich muss also versuchen, jedes Mal eine Art von Singularität zu finden, einen Moment, den es vorher nicht gab. Und gleichzeitig alle Punkte zu erfüllen, die immer gleich sein müssen. Das ist auch eine Art von Suche und Entwicklung.

Ich möchte, dass Menschen sich weniger allein fühlen, wenn sie Interviews wie das hier mit dir lesen. Weil ich weiß, wir teilen all diese Gefühle, auch die Schmerzen, das Suchen nach Antworten.

Da bin ich voll und ganz bei dir. Wir glauben alle, dass nur wir allein und verzweifelt sind, aber niemand ist allein. Es stimmt eher das Gegenteil, denn wir sind alle miteinander verbunden, durch diese kleine Stimme in jedem Einzelnen von uns, die sagt: Du bist nicht gut genug. Wir haben das Gefühl, dass diese Stimme die Wahrheit sagt, dass wir sie beschwichtigen können, wenn wir ihr gut zuhören. Aber das stimmt nicht.

Der „Daimon“, wie diese innere Stimme früher genannt wurde, fordert uns heraus, unsere Entscheidungen und uns selbst infrage zu stellen. Wir sind aufgrund dieses inneren Monologs nie weit voneinander entfernt. Wir sind uns dessen nur oft nicht bewusst.

Und doch werden Schauspielende ja oft idealisiert. Zu euch blicken so viele Menschen auf und glauben, ihr hättet keinerlei Zweifel oder Schmerz.

Wir ignorieren alle viel zu oft, dass jede*r von uns mit Konflikten zu tun hat. Ich kann niemandem eine Lektion erteilen, das steht mir nicht zu. Aber ich wünsche mir, dass Menschen verstehen, wie schwer es ist, ein Mensch zu sein.

Wir alle haben die gleiche Kraft in uns, teilen sie miteinander. Es ist die Kraft der Liebe.

Und doch schrecken Menschen davor zurück, wenn man empathisch auf sie eingeht. Wer mit offenem Herzen durch die Welt geht, hat es manchmal besonders schwer, weil es Menschen braucht, die mit einem auf der gleichen Wellenlänge sind.

Dabei sind solche Menschen ein Geschenk. Das ist eine sehr christliche Einstellung zum Leben. Man gibt, ohne etwas zurückzuerwarten. Das ist Liebe. Und reine Liebe ist am Ende des Tages nicht verhandelbar. Man erwartet für seine Empathie und Zuneigung keine Gegenleistung, und das ist etwas, das wir nur lieben können.

Aber weil heute alles ein Tauschgeschäft, ein Deal ist, sind Menschen das nicht mehr gewohnt und reagieren mit Misstrauen und Abschottung.

Da hast du recht. Im Französischen sagen wir „Réification du monde“ dazu. Alles ist ein Objekt, wird darauf reduziert, ein Objekt zu sein. Und mit einem Objekt kann man handeln. Dein Gedanke ist sehr weise, ich sehe das genauso wie du.

Ich habe das Gefühl, dass alles eine Frage davon ist, wie viel man dafür geben oder davon nehmen kann. Was das Objekt ist, ist beliebig, es kann ein Gegenstand oder auch Daten sein. Menschen sind dafür aber viel zu abstrakt. Was zwischen uns geschieht, ist doch eher Energie, Chemie, Anziehung, aber doch kein Deal.

Ich finde es immer spannend zu sehen, wen man auf dem Weg seines Lebens trifft. Manchmal passt es perfekt. Aber meistens muss man ein bisschen kämpfen. Auch das ist part of the deal. Wenn wir nur Leute treffen würden, mit denen wir gut auskommen, wo bliebe dann die Arbeit? Wo die Entwicklung?

Vielleicht ist das auch Teil meiner Antwort auf deine erste Frage: Ich wurde zu Ivan geführt, weil er sich entwickelt, so wie wir alle das unser ganzes Leben lang tun.

Arnaud Binard im Interview zu "Manipulation" mit Andrea Zschocher
© Balda Film

Du hast schon so viele Interviews gegeben, Kontakt mit Journalist*innen gehabt. Ist etwas davon in Ivan eingeflossen?

Ich sehe ihn eher als einen Kämpfer, eine Art romantischen Revolutionär. Er will, dass die Menschen die Wahrheit erfahren, auch über das Fehlverhalten der anderen. Ivan ist aber weniger ein Journalist, mehr ein Ermittler. Deswegen ist mein Kontakt mit der Presse nicht bewusst in die Figur eingeflossen.

Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass ab einem gewissen Punkt in der Karriere viele Dinge in das Schauspiel mit einfließen. Das ist nicht alles bewusst, manches hat man erlebt, und das kommt dann Jahre später in einer Rolle verändert wieder zutage. Wer von außen auf meine Figuren schaut, sieht manchmal mehr darin, als ich zeigen wollte.

Und oft besteht meine Arbeit als Schauspieler ja auch darin, mehr zu verbergen als zu zeigen. Früher, als ich mit der Schauspielerei angefangen habe, habe ich oft zu viel gezeigt. Am Anfang wollte ich sichergehen, dass die Leute wirklich verstehen, dass ich sehr, sehr traurig oder sehr, sehr wütend oder sehr, sehr glücklich bin. Es ist ein Prozess, das zu reduzieren.

Jetzt fühle ich viel mehr, bin manchmal fast schüchtern mit meinen Emotionen. Und die Charaktere behalten auch viel mehr für sich. So ist jedenfalls mein Ansatz im Schauspiel, wenn mir vom Projekt nicht eine bestimmte Richtung vorgegeben ist.

Angefangen hat alles bei „Sous le soleil“ , auf deutsch als die Serie „Saint-Tropez“ bekannt, oder?

Ja, das war meine erste Arbeit, was die Kinematografie betrifft. Davor war ich Bühnenschauspieler. Aber das war für die Pariser Szene nicht relevant. Die Agenten, die Produzenten, niemand kannte mich, weil es ihnen egal war, was außerhalb von Paris passierte.

Frankreich ist bei diesem Thema sehr speziell. Für viele gibt es nur Paris und sonst nichts. Ich habe mich in dieser Welt immer wie ein Fremder gefühlt, als Ausländer im eigenen Land. Dabei liebe ich Paris, ich liebe die Stadt und manchmal sogar die Menschen dort. [Er lacht] Aber ich komme nicht aus Paris, das ist nicht meine Stadt. Und das lassen sie mich spüren. Das ist so seltsam.

Arnaud Binard im Interview zu "Manipulation" mit Andrea Zschocher
© Ronny Heine / Filmwelt

Du bist international gefragt, hast auch bei „Emily in Paris“ mitgespielt. Hast du nie Zweifel gehabt? Und wie bleibst du dir und deiner Kunst treu, egal was bei diesen teilweise riesigen Produktionen passiert?

Ich bin Schauspieler, ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit. Das ist der Beruf, für den ich mich entschieden habe, das ist das, was ich kann. Ich habe neben meiner Arbeit am Theater auch studiert, weil ich immer dachte, dass ich meinen Eltern eine solide Ausbildung schulde.

Ich wollte mir selbst treu sein, das war für mich die Schauspielerei, und gleichzeitig sah ich mich gezwungen, meine Eltern zu beruhigen. Ihnen immer zu versichern, dass ich einen richtigen Job habe, dass das alles schon klappen wird. Irgendwann habe ich verstanden, dass wir uns alle nur etwas vorgespielt haben. Sie haben die besorgten Eltern gespielt, die sie irgendwann gar nicht mehr waren, weil sie ja gesehen haben, dass ich meinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei verdienen kann. Und ich habe ihnen vorgespielt, dass ich etwas anderes möchte, als Schauspieler zu sein.

Ich habe in meiner Karriere auch Rollen gespielt, um meine Familie zu ernähren, unser Leben aufzubauen. Mein Wunsch, ein Zuhause zu schaffen, hat mich auf eine gewisse Art gezwungen, auch mal Figuren zu spielen, die ich mir selbst gar nicht unbedingt anschauen würde. Und gleichzeitig habe ich jeder dieser Figuren mein Bestes gegeben, habe sie mit ganzem Herzen gespielt. Ich bin meiner Kunst immer treu geblieben.

Es ist ein großes Glück für mich, in diesem Beruf arbeiten zu können. Manche schauen abfällig auf bestimmte Projekte, sagen „oh, nur eine Telenovela“ oder lehnen Projekte ab, weil sie glauben, das sei unter ihrem Niveau. Ich habe das nie getan, ich habe nie wie die französische Bourgeoisie auf Rollen herabgeschaut. Ich bin ein Schauspieler, ich werde dafür bezahlt, so zu tun als ob. Für mich ist das magisch. Und diese Rollen haben es mir auch ermöglicht, neue, andere Rollen zu spielen.

Wenn ich im Ausland drehe, nehme ich das alles auch ganz anders wahr. Die Menschen dort sehen das nicht so, die erkennen, dass ich professionell bin, dass ich pünktlich bin und eine gute Leistung abliefere. Da mache ich Castings, und es interessiert nicht, welche Rollen ich schon gespielt habe, weil niemand so denkt, wie manche im französischen Filmbusiness.

Im Ausland ist man nicht so von oben herab, da werden viele Leute zum Casting eingeladen, weil man kein Talent verpassen möchte. Man will den richtigen Schauspieler für die Rolle finden, egal, was der sonst gespielt hat. Frankreich ist der einzige Ort auf der Welt, wo Leute manchmal aus Prinzip sagen: „Nein, ich will den nicht sehen, ich gebe dem keine Chance.“

Ich kann denen nur sagen: Ich habe es trotzdem geschafft, 30 Jahre lang meinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei zu verdienen. Ich habe immer gearbeitet. Ich gehe meinen Weg ohne jedes Bedauern. Für mich ergeben sich jetzt so viele Dinge, ich kann mich gar nicht beschweren. Ich habe großartige Rollen in tollen Projekten. Es sind keine französischen Projekte, aber das ist kein Problem für mich.

Für mich muss die Mischung stimmen. Ich möchte die Freiheit haben, Dinge zu tun, weil sie mir wichtig sind. Und wenn ich Dinge mache, die mich weniger interessieren, dann möchte ich dafür gut bezahlt werden. Dafür gebe ich dann immer mein Bestes.

So ist es bei mir auch gewesen. Wenn es mit der Schauspielerei gar nicht geklappt hätte, hätte ich auch etwas ganz anderes gemacht. Habe ich jede Rolle, die ich gespielt habe, geliebt? Nein, ich hätte mir manchmal auch andere Sachen gewünscht. Aber ich habe meinen Beruf immer geliebt und die Rollen mit all meinem Können gespielt. Es war meine Aufgabe, an Figuren, die mir nicht so gut gefallen, etwas zu finden, wo ich mein Herz reinstecken konnte. Ich wollte nie eine Rolle spielen, bei der ich nur funktioniere.

Ich bin im Spiel in jedem Moment präsent. Ich suche auch in jeder Wiederholung die Singularität, suche nach dem Neuen, Unbekannten. Wenn ich das nicht mehr finde oder mich gar nicht mehr auf die Suche begebe, dann muss ich aufhören. Bisher ist das noch nicht vorgekommen, und so geht mein Weg immer weiter, und ich freue mich darüber.

Du hast ja auch zwei Produktionsfirmen, die dir dabei helfen, noch mehr Projekte zu verfolgen, die dich inspirieren.

Das stimmt. Bei beiden Produktionsfirmen war die Idee, eine Möglichkeit zu finden, freier zu werden. Ich wollte Stoffe produzieren und filmen, die mir und uns wirklich wichtig sind. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich die Firma gegründet habe, aber nicht wirklich aktiv für sie arbeite.

Ich habe die Firma mit jungen Regisseuren, Kameramenschen, Cuttern gegründet, Filmschaffenden, die gerade von der Schule kamen und keine andere Perspektive hatten, als Scheißjobs am Set zu übernehmen. Zu denen habe ich gesagt: Okay, ich baue meine eigene Firma auf, wollt ihr mitmachen? Wir werden alle umsonst arbeiten müssen, und das ist eigentlich kein guter Plan. Aber ihr bekommt Anteile an der Firma, ihr seid von Anfang an die Besitzer der Produkte, die ihr in eurer Freizeit aufbauen werdet. Und das hat funktioniert.

Meiner Meinung nach ist der einzige Weg, wie man überhaupt von Leuten verlangen kann, dass sie kostenlos arbeiten, sie in sich selbst investieren zu lassen. Sie müssen die Rechte an ihren Werke behalten, müssen sich einen Namen machen dürfen. Aber so arbeitet eigentlich niemand in Frankreich. Hier ist es üblich, dass die Leute für sehr wenig Geld arbeiten, weil sie Kinofilme machen wollen. Das läuft, etwas übertrieben formuliert, alles unter dem Motto: Sei dankbar, dass ich dich umsonst für mich arbeiten lasse.

Ich wollte das mit der Produktionsfirma anders handhaben, und es funktioniert. Wir sind eine Firma, mit der Menschen wirklich ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe nicht einen Euro davon angefasst, aber die Menschen verdienen damit Geld und können andere anständig für ihre Arbeit bezahlen.

Du veränderst also Stück für Stück eine Industrie, in der eigentlich nur die arbeiten und Geld bekommen, die sich schon einen Namen gemacht haben.

Ganz genau! Diese progressive Veränderung macht mich sehr zufrieden.

Ihr könnt Arnaud Binard aktuell als „Ivan“ in „Manipulation“ sehen. Der Film läuft momentan im Kino. Ihr könnt die Interviews mit Regisseur David Balda und Schauspieler Heino Ferch zum Film gern ebenfallls lesen.

Ich freue mich auf eure Gedanken und Fragen zum Interview, schreibt mir gern.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert