Johannes Hegemann zu "Frankfurt Mord" im Interview mit Andrea Zschocher

Johannes Hegemann: „Man muss Vorbilder schaffen, die etwas anderes zeigen als Männer aus der Bro- und Manosphere“

Ich habe in diesem Jahr schon einmal mit Johannes Hegemann gesprochen. Er spielte Olivia Jones in „Olivia“, der Film wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie Bester Fernsehfilm ausgezeichnet. In diesem Interview spielen Männlichkeitsbilder tatsächlich wieder eine Rolle, aber auch seine neue Rolle als Ermittler Jakob in „Frankfurt Mord“, die Darstellung von jüdischem Leben in Filmen und die extrem schwer zu beantwortende Frage, ob wir ein Recht auf Kinder haben.

Johannes Hegemann hat sich all diesen Fragen gestellt und ich bin sehr auf eure Meinung zur Kinderfrage gespannt. Und darauf, wie ihr die Beziehung zwischen Jakob und seiner Kollegin Sarah wahrnehmt.

„Frankfurt Mord“ spielt, wie der Name es vermuten lässt, in Frankfurt/Main. Was an Frankfurt ist schön?

Johannes Hegemann: Vieles. Ich kannte Frankfurt vor dem Dreh gar nicht und war positiv davon überrascht, wie gut es mir gefallen hat. Ich war in dem Viertel rund um den Merianplatz, ein diverses, lebendiges Viertel, in dem ich mich sehr wohlgefühlt habe.

Ich mag die Diversität Frankfurts, im besten Sinne des Wortes. Da laufen so viele verschiedene Menschen aus so verschiedenen Lebenswelten herum.Frankfurt ist viel, viel mehr, als nur Hyperreichtum im Bankenviertel und Elend im Bahnhofsviertel.

Johannes Hegemann zu "Frankfurt Mord" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Daniel Dornhöfer

Was hast du während der Dreharbeiten übers Judentum gelernt?

Ich habe vor allem viel über die Frankfurter Gemeinden gelernt. Während der Dreharbeiten stand uns eine progressive jüdische Gemeinde beratend zur Seite, in deren Räumlichkeiten wir auch drehen durften. Marie-Lou Sellem, die die Sarah spielt, hatte für ihre Rolle schon vorher Kontakt zu den Leuten dort.

Mir war nicht bewusst, dass es so umstritten ist, dass es Rabbinerinnen gibt. In jeder Religion gibt es ja Konservative und Progressive, die sich auch mal streiten. Frankfurt hat viele progressive jüdische Gemeinden, was ich vorher nicht wusste. Aber was wissen wir schon wirklich über jüdisches Leben in Deutschland? Wir haben immer noch Polizei vor Synagogen stehen, es gibt nach wie vor Angriffe auf Juden und Jüdinnen.

Jüdisches Leben in einem Krimi als Alltag und mit großer Selbstverständlichkeit zu erzählen, finde ich gut. Wir erzählen über das Judentum in Deutschland, ohne das mit Israel zu verknüpfen. Das ist wichtig, denn Judentum ist nicht gleich Israel, bedeutet keine Unterstützung dieser ultrarechten Regierung. Dass man das überhaupt erklären muss, ist traurig, aber wichtig.

Johannes Hegemann zu "Frankfurt Mord" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Daniel Dornhöfer

Normalerweise bin ich gar kein Fan von diesen Liebe-am-Arbeitsplatz-Geschichten, wie sie so oft im Krimi miterzählt werden. Aber „Frankfurt Mord“ hat da eine neue Perspektive. Ich mochte Jakob sehr, weil er nicht zudringlich wird und trotzdem klar macht, was er von Sarah will.

Ich mag Jakob auch und empfinde das Team als eine Bereicherung für die doch recht große deutsche Fernsehkrimilandschaft.

Es gibt da diesen One-Night-Stand, der dann nicht wirklich klassisch endet. Und dann halten beide das geheim. Jetzt sind da Gefühle, es ist alles ein bisschen spicy, aber auch mit vielen Peinlichkeiten und Tabus. 

Mich hat auch interessiert, dass die weibliche Hauptfigur Sarah älter ist als Jakob, denn das wird selten im Fernsehen verhandelt. Wir alle kennen genügend Beispiele, wo der Typ 20 oder 30 Jahre älter ist, aber umgekehrt spielt das kaum eine Rolle. Diese Version zu erzählen, das hat mich gereizt.

In unserem letzten Interview haben wir auch über Männlichkeit gesprochen und weil mir aufgefallen ist, wie lange ich über deinen Jakob nachgedacht habe, weil er mir eben so positiv auffiel, würde ich gern über dein Männlichkeitsbild sprechen. Mit welchem Bild bist du groß geworden und welches Männerbild willst du repräsentieren?

Ich hatte eine relativ klassische 90er-/00er-Jahre-Kindheit. Es wurde mir nicht vermittelt, dass ich der Mann bin und dieses oder jenes zu sein habe, mein Vater war kein Chauvi, aber im Gesamtbild war es doch recht klassisch. Feminismus wurde jetzt nicht super groß geschrieben. Da hat mich mein Umfeld erst später geprägt. Als Ende der 2010er Jahre diese ganzen gesellschaftlichen Debatten aufkamen, da begann der Wandel meines Männerbildes.

Ich sehe heute sehr viel Verunsicherung bei Männern. Es ist nur bedauerlich, dass die dann in eine aggressive Manosphere-Bubble umschlägt, fast wie ein Backlash. Warum müssen Männer von sich behaupten, dass sie gefühllos und bossy und hart sind? Meiner Meinung nach versteckt sich da sehr viel Unsicherheit hinter.

Ich will das nicht klein machen, will nicht, dass das wirkt, als würde ich unsichere Männer blöd finden oder sie als Opfer sehen. Sich darüber lustig machen, bringt auch gar nichts, denn wir reden zu wenig darüber. Neulich war bei „Hotel Matze“ ein Männerberater zu Gast und ich dachte zuerst: Was soll das denn sein, ein Männerberater? Bei mir ist vor allem hängen geblieben, dass im Feminismus für etwas gekämpft wird. Da wird hinterfragt, wofür wir stehen, was man erreichen will. Und das ist alles sehr empowernd.

Männlichkeit kennt sowas nicht. Männlichkeit definiert sich nur durch die Abgrenzung zu allem, was weiblich ist. Um das mal ganz überspitzt zu formulieren: Alles, was weiblich ist, ist „schwul“. Alles, was „schwul“ ist, ist schlecht. Was für ein Quatsch. Das ist so eine Selbstbeschneidung und da ist auch so viel Leid.

Ich bin froh, dass ich das nicht so stark erleben musste. Dafür waren mein Elternhaus und mein Umfeld dann doch zu progressiv.

Für das Ausleben aller Seiten braucht es aber auch Vorbilder. So wie deine „Olivia“, so wie jetzt dein Jakob.

Es freut mich, dass du das so siehst, danke. Es stimmt, man muss Vorbilder schaffen, die etwas anderes zeigen als Männer aus der Bro- und Manosphere.

Johannes Hegemann zu "Frankfurt Mord" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Daniel Dornhöfer

Vorbilder sind wir auch in Bezug auf Kinder und in „Frankfurt Mord“ ist das ein Thema. Ich weiß, dass das eine schwere Frage ist, aber: Haben wir ein Recht auf Kinder?

Das kann ich in ein paar Sätzen eigentlich nicht beantworten. Ich kann dir aber zwei Gedanken dazu geben.

Zum einen finde ich, dass man sich generell dringend von der Idee verabschieden muss, dass Familie ausschliesslich Vater Mutter Kind bedeutet, und dass das Kind genetisch mit einem verwandt sein muss. Das ist ein etwas veraltetes Familienbild.

Natürlich hat die Reproduktionsmedizin inzwischen viele Fortschritte gemacht, so dass Familie auch ganz anders gedacht werden kann. Es ist doch gut, dass Menschen heute bestimmen können, wann für sie der beste Zeitpunkt für ein Kind ist. Als Frau kann man sein Leben ein Stück weit besser planen, weil nicht mehr alles von einer biologischen Uhr abhängt. Gleichzeitig verstehe ich Leute, die da bremsen, gerade auch vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte.

Denn diese Selektion und auch die Kommerzialisierung von Fortpflanzung, das sind Themen, wo wir nicht so hingucken. Es gibt das Thema Leihmutterschaft, wer es sich leisten kann, zahlt viel Geld um sich ein Kind austragen zu lassen. Da werden das Kind und der weibliche Köper zu einer Ware, für die bezahlt wird.

Ich wünsche mir eine gesellschaftliche Debatte über all diese Themen. Unser Film kommt ohne diese Schwarz-Weiß-Denke daher und wenn das zur Diskussion anregt, dann freut mich das.

„Frankfurt Mord“ läuft am 10.Oktober um 20:15 Uhr im ZDF. Ihr könnt den Film auch jederzeit in Web & App vom ZDF anschauen.


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