Als ich Lilith Stangenberg als „Anna Nowak“ im Kieler „Tatort“ gesehen habe, dachte ich: Cool, endlich mal eine ganz andere Frauenfigur. Und natürlich wollte ich genau darüber mit der Schauspielerin sprechen. Denn wie viele von euch inzwischen wissen, bin ich ja immer auf der Suche nach Frauenfiguren fern ab von Klischees und Zuschreibungen.
Im Interview hat Lilith Stangenberg dann auch über ihre zwangzigjährige Theatererfahrung, Arbeiten mit Rollen und was uns alle ausmacht gesprochen.
Wie blickst du auf deine Figur Anna?
Lilith Stangenberg: Sie ist eine Frauenfigur, wie sie selten existiert. Sie ist rau, verwegen, lasterhaft. Nicht perfekt. Solche Rollen werden sonst eher von Männern gespielt. Ich habe versucht, sie auch von der Körpersprache eher „männlich “ zu spielen, angelehnt an bestimmte Typen, die ich kenne. Und ich habe während des Drehs abends immer „Columbo“ geguckt.
Als Person ist Anna ja sehr idealistisch. Sie hat hohe moralische Ansprüche, einen Glauben an Gerechtigkeit. Und trotzdem handelt sie sehr ambivalent. Da ist ihr charakterlich-idealistisches Rückgrat auf der einen Seite und ihre desolaten selbstzerstörerischen Persönlichkeitsstrukturen auf der anderen Seite. Das macht sie abgründig. Sie ist gleichzeitig charakterstark und charakterschwach. Ich fand genau das spannend an ihr. Oft stehen die Figuren moralisch auf der richtigen Seite. Aber Anna ist verwegen, die macht Fehler, verrennt sich, handelt auch mal nicht im Einklang mit dem Gesetz. In den 70er und 80er Jahren gab es mehr von solchen Figuren, aber damals meistens für Männer.
Durch diese Superhelden-Filme sind wir von diesen brüchigen, sündhaften Charakteren leider selten geworden. Aber ich glaube, wir sehnen uns nach denen. Die Menschen sind doch satt von der Oberfläche. Menschen sind so komplex, unsere Gehirne, unsere Psychologie, unsere Psyche ist total tief. Ich glaube, Menschen sind dem Oberflächlichen überdrüssig.

Anna bricht mit Konvention und ist einfach sie selbst. Wie schafft man das? Wie machen wir uns nicht abhängig vom Gefallen anderer und gehen unseren eigenen Weg?
Ich glaube, dass jeder Mensch etwas hat, das nur ihm gehört. Wir alle sind mit einer Besonderheit geboren, jeder Einzelne von uns ist anders als alle anderen.
Und doch versuchen wir unser ganzes Leben lang, uns anzupassen und so zu sein wie all die anderen um uns herum. Wir arbeiten gegen das an, was uns von allen anderen unterscheidet. Dabei sind unsere Eigenarten im Grunde das Wertvollste, was wir haben.
Anna kann sich mit diesen neoliberalen zeitgeistigen Werten wie Karriere, Geld, Erfolg, Familie, nicht identifizieren. Sie besitzt die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen, zwingt sich nicht in dieses gesellschaftliche Korsett aus Geldverdienen und Karriereleiter. Sie zieht weg aus Berlin, wo sie ja vielleicht hätte Karriere machen können, um mit ihrer Freundin in Kiel zusammenzuarbeiten. Freundschaft bedeutet ihr mehr, ist ihre Erlösung.

Wie vereinbarst du die Suche nach dieser Tiefe in den Rollen mit der Tatsache, dass Schauspielerei ein Beruf ist, von dem du auch leben willst?
Ich spiele ja seit über 20 Jahren auch Theater, führe eine Art berufliches Doppelleben. Ich bin von der Bühne zum Film gekommen.
Bisher war ich sehr privilegiert und hab noch nie eine Rolle nur wegen des Geldes angenommen. Ich habe immer nur Rollen gespielt, die ich wirklich spielen wollte. So wie jetzt Anna Nowak.
Setzt du dich, weil du vom Theater kommst, anders mit Rollen auseinander als jemand, der vom Film kommt?
Das würde ich so nie sagen, eher glaube ich, dass es wirklich zwei sehr unterschiedliche Berufe sind, Theaterschauspiel und Filmschauspiel.
Ich habe sehr jung, mit 17, am Theater angefangen. Mit 19 war ich schon im festen Engagement und habe quasi nur für die Bühne gelebt. Damals war mein Gefühl, dass ich mich bewaffnen muss für die Bühne, dass ich in den Kampf ziehe. Als sehr junge Schauspielerin hatte ich die Vorstellung, dass die Bühne eine Art Boxring ist und der Zuschauerraum mein Todfeind.
Später in meinen ersten filmischen Arbeiten, besonders beim Dreh von „Wild“ mit Nicolette Krebitz, habe ich gelernt, dass ich meine Waffen vor der Kamera ablegen muss. Die Arbeit vor der Kamera ist eine Art Seelenstriptease, da häutet man sich. Während ich mich auf der Bühne bewaffne, meine Worte zu meinen Kugeln werden.
Diese Erfahrung hat sich wiederum sehr auf meine Theaterarbeit ausgewirkt. Ich finde diese Art Intimität, die die Kamera verlangt aber im Grunde schwieriger. Aber vielleicht ist das auch nur meine Antwort für den Moment.

Ich finde das spannend, weil jedes Gespräch nur eine Momentaufnahme ist. Würden wir in sechs Monaten wieder miteinander sprechen, wäre es vermutlich ein anderes Gespräch, weil wir alle uns ständig verändern. Auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.
Jede Vorstellung im Theater ist ja anders. Aber es herrscht immer eine andere Stimmung, bei den Zuschauenden und bei einem selbst.
Beim Film habe ich immer gedacht, wenn der fertig ist, ist er fertig. Aber das stimmt nicht. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass auch ein Film sich immer wieder verändert. Denn der Film ist anders, je nach Stimmung, in der du ihn guckst und wer noch im Kinosaal sitzt. Du kannst einen Film zweimal gucken, und zu jedem Zeitpunkt wird es ein anderer Film sein. Man sagt ja auch, dass ein Kunstwerk nur so klug ist wie sein Betrachter. Du siehst das was du kennst.
Warum ist Kunst wichtig für uns?
Weil wir die Realität verstehen wollen. Kunst kreiert eine eigene Wirklichkeit, sie hilft uns, uns zu verstehen und macht uns ein Angebot. Sie zeigt, wie wir Beziehungen herstellen können, sie kann uns Mut machen und da abholen wo wir stehen.
Ich glaube, hätte ich bestimmte Filme nicht gesehen, wäre ich ein anderer Mensch.

Welche Filme wären das denn?
„Pippi Langstrumpf“ in meiner Kindheit. „Lady Snowblood“ in meinen 20ern, Toshiro Mifune in „die Sieben Samurai“. Generell haben mich früher japanische Samuraifilme sehr beeinflusst.
Ich schaue gern gebrochene, ambivalente Menschen im Film an, die sich rächen. Die übermenschliche Kräfte entwickeln. Ich suche nach Antiheldinnen. „Mademoiselle“, ein Film mit Jeanne Moreau, hat eine ganz gemeine Antiheldin, die aus einem großen Schmerz heraus sehr bösartig und niederträchtig handelt. Und sie fliegt nie auf. Das ist eine interessante gesellschaftliche Analyse.
Ich glaube, dass wir Menschen sehr durchlässige Wesen sind. Alles, was wir an uns heranlassen, was wir konsumieren, dazu werden wir. Früher habe ich immer gedacht, dass ich alles spielen kann, egal wie dunkel, schattig oder grausam es ist. Ich kann das durch mich durchlassen und spielen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Unterbewusstsein aber nicht unterscheiden kann, ob ich etwas spiele oder ob es mir wirklich widerfährt.
Meine Zellen, mein Unterbewusstsein, mein Körper, der durchlebt das trotzdem. Das ist auch nicht schlimm, ich bin fest von dieser theatralischen Katharsis überzeugt. Ich glaube, man muss Dinge auf der Bühne machen, um sie nicht im Leben zu machen. Und trotzdem habe ich gemerkt, dass es sich auswirkt auf mein Leben. Also man kann alles spielen, aber man muss sich klar darüber sein.
Wie blickst du auf Social Media? Denn das lassen fast alle an sich heran.
Das Internet ist vergiftet. Man verliert sich eigentlich sofort darin und fragt sich 30 Minuten später, was man eigentlich gemacht hat. Dieses Scrollen, diese vielen banalen Informationen, das verfolgt mich manchmal in meinen Träumen. Das geht in uns rein, aber da kommt nichts Kreatives bei mir raus.
Früher gab es mehr Geheimnisse, da haben öffentliche Personen ihr Privatleben beschützt oder verschleiert. Heute geben wir freiwillig und hemmungslos alles preis. Vielleicht kommen wir irgendwann wieder zum Geheimnis zurück? Ich möchte jedenfalls durch meine Arbeit wirken, nicht durch irgendwelche Posen.
Der Kieler „Tatort“, in dem Lilith Stangenberg mitspielt, könnt ihr in einer Doppelfolge am 11. und am 18. Oktober jeweils um 20:15 Uhr in der ARD anschauen. Alternativ findet ihr beide Filme auch in der Mediathek.
Das Interview mit Thea Ehre zum Tatort findet ihr ebenfalls auf der Seite.

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