Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher

Jan Krauter: „Ich beschäftige mich viel mit Fragen der Solidarität“

Mit Jan Krauter über Sympathie, Moral und Milliardäre zu diskutieren, macht wirklich sehr viel Spaß. Weil euch der Schauspieler dazu anregt, weiter zu denken, umzudenken und mal da hinzuschauen, wo wir sonst vielleicht nicht so hingucken: Nach oben, zu denen, die, wie Jan Krauter richtig bemerkt, die Macht haben, das Leben von Millionen Menschen zum Besseren zu verändern. Und es nicht tun.

Grund fürs Interview war seine Rolle „Georg“ in „Fang mich doch“, einem Film über einen Mann, der sein ganzes Leben verzockt, weil er eine Kita um ihr Geld betrügt. Mich hat der Film auch lange nach dem Gucken noch beschäftigt, genauso wie die Frage von Jan, ob ein Jogurtbecher nun wirklich noch eine Pappumrandung gebraucht hat. Mehr zu diesem Gedanken findet ihr auch im Interview.

Ich habe deinem Georg zugesehen und die ganze Zeit gedacht: Krieg doch mal dein Leben gebacken! Wie viel Sympathie hast du für ihn, immerhin spielst du ihn ja.

Jan Krauter: Ich habe schon eine Menge Mörder und Psychopathen gespielt, da ist das mit der Sympathie so eine Sache. [Er lacht]

Man braucht vor allem Empathie für die Figuren. Mir fällt es leichter, empathisch mit jemandem zu sein als ihn sympathisch zu finden.

Ich kann an Georg einige Sachen verstehen, aber bei Vielem kann ich nicht mitgehen. Ich verstehe nicht, wie man seine Familie, seine Tochter und die Frau verzocken kann. Und all das für Statussymbole?

Ich bin jemand, der vollkommen von diesem Gedanken befreit ist. Ich brauche keine Statussymbole, um mich gut zu fühlen. Ich bin damit nicht groß geworden, hatte nie irgendwelche Markenklamotten. Diese Uniformen der kapitalistischen Gesellschaft waren mir meistens wurscht.

Deswegen war meine größte Arbeit auch die, mich gedanklich in diese Welt einzuarbeiten. „Boah, geiles Auto, geile Klamotte“, sowas geht mir total ab. Finde ich solche Autos manchmal beeindruckend? Ja. Aber ich komme wunderbar ohne einen Maserati aus.

Was ich liebe, sind Dinge, die gut funktionieren. Eine Pfanne, in der das Ei nicht anbrennt, sowas finde ich toll. Aber ich muss mich nicht mit materiellen Dingen aufwerten, das gibt mir nichts. Georg Sommer sind diese Sachen aber wichtig. Und deswegen war es meine größte Gedankenleistung, mir das anzunehmen.

Ich frage mich inzwischen aber auch: Geht’s dem wirklich um die Statussymbole? Hat der wirklich einen Sozialneid? Oder hat er nicht einfach Minderwertigkeitskomplexe? Der hat doch ein Loch in sich, das durch nichts gefüllt werden kann.

Auf die Gefahr hin, dass Menschen das jetzt weit hergeholt finden: Dieses Loch, das nehme ich auch bei einem Trump oder einem Musk wahr. Die haben nicht genug Liebe abbekommen, nicht genug Aufmerksamkeit gekriegt. Und das hat so ein schwarzes Loch in sie gerissen, das könnte auch eine Weltherrschaft nicht füllen.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Christoph Assmann

Ich finde das nicht weit hergeholt. Dein Georg agiert für mich aus einem Hunger nach Anerkennung, ohne, dass es je genug sein wird. Es gibt eine Sexszene im Film, die ich nicht weiter spoilere, in der das für mich sehr deutlich wird.

Diese Szene zu drehen war für mich wahnsinnig spannend, weil ich sehr darauf bedacht war, genau das zu zeigen. Der strampelt sich permanent ab, hechelt einem Bild hinterher, das ja gar nicht das eigene ist. Es gibt immer etwas, das er will, aber das sind nicht eigene Wünsche, sondern angenommene, weil er in der Werbung etwas sieht, weil er glaubt, dieses oder jenes gehöre dazu.

Diese Sexszene sollte ja nicht zeigen: Jetzt hat er’s geschafft, jetzt läuft’s bei ihm. Sondern vielmehr darstellen, dass auch das eine gegenseitige Nutznießerschaft ist. Jule, gespielt von Friederike Kempter, interessiert sich nicht für den Menschen Georg, die interessiert sich für den Ausflug, fürs kleine Abenteuer.

Georg selbst genießt es in dem Moment auch nicht. Der guckt, ob er alles richtig macht, ob’s toll aussieht, ob es wirkt, wie er denkt, dass es wirken müsste. Da geht es wieder um Erwartungshaltungen. Es ist ein permanenter Leistungs- und Erfüllungsdruck, der einen eigentlich daran hindert, irgendetwas zu genießen. Genau deswegen glaube ich, Georg kann machen, was er will, er wird sich immer weiter abstrampeln, aber er wird nie ankommen. Er wird nie genießen können. Weil er durch all seine Versuche, glücklich zu sein, komplett das Glücklichsein oder wenigstens die Zufriedenheit verpasst.

Georgs Leben und diese Szene lassen sich beide gut mit „I can’t get no satisfaction“ beschreiben. [Er lacht]

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Stefan Erhard

Menschen wie Georg werden also nie zufrieden sein?

Es wird nie reichen. Es wird immer ein neues Ding geben, auf das er zusteuert. Ich verstehe nicht, warum es Menschen wie Musk nicht damit probieren, der Messias zu sein. Der ist Milliardär. Der könnte so viele Probleme auf der Welt lösen und unendliche, überschwängliche Liebe der Weltbevölkerung erfahren. Warum macht so jemand das nicht?

Meine Antwort darauf: Ich glaube, es geht Menschen wie ihm darum, immer etwas Neuem hinterherzujagen. Erst will er der Coolste unter den Millionären sein. Und dann der Hippste und Tollste unter den Milliardären. Der muss immer weitermachen, deswegen reicht das enorme Vermögen auch hinten und vorne nicht. Weil es immer die größere Yacht sein muss, die neueste Rakete, es hört einfach nie auf.

Ich glaube, dass unendliches wirtschaftliches Wachstum gar nicht möglich ist. Ich glaube, das wird irgendwann kollabieren. Diametral dazu können Wünsche aber unendlich wachsen. Dafür gibt es kein Limit, das hört und hört nicht auf. Manchmal denke ich, dass wir gesetzlich verankern sollten, wie viel ein Mensch maximal besitzen darf. Lasst uns doch eine Obergrenze dafür festlegen. So reich zu sein wie Musk, das ist für den menschlichen Verstand nicht zu verarbeiten. Niemand sollte so reich sein dürfen.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Christoph Assmann

Es gibt ja auch Studien, die genau das belegen, dass du ab einem bestimmten Punkt durch Reichtum nicht mehr glücklicher wirst.

Man kann sich dann doch auch nicht mehr spüren. Man verliert sich als Mensch darin. Wir wissen doch, dass Menschen Koordinaten im Leben brauchen, Confinements, Beschränkungen, damit sie überhaupt zurechtkommen. Wenn es diese Confinements nicht mehr gibt und du in den Gott-Modus gehst, weil du so reich bist, dass du theoretisch alles kaufen kannst, dann erlebst du doch den totalen Kontrollverlust.

Ich vergleiche das mal mit einem Online-Computerspiel. Ihr spielt das zusammen, aber einer von euch bescheißt. Das macht ihn unverwundbar, das macht ihn zum Gott in diesem Spiel. Was dann passiert, ist immer das Gleiche: Irgendwann fängt diese Person an, freizudrehen. Aus Langeweile fängt sie an, Scheiße zu bauen. Und dann wird’s plötzlich für alle gefährlich, weil alle versuchen, ein Stück davon abzubekommen. Und dann ist das Spiel für alle versaut.

Als Multimillionär oder Milliardär befindest du dich doch in genau dem Modus. Du langweilst dich zu Tode und nichts bedeutet dir mehr etwas. Nichts hat einen Wert, es gibt kein Gegengewicht mehr. Und diese Menschen riskieren nichts. Sie müssen auf nichts aufpassen, haben keine Angst, etwas zu verlieren. Weil sie sich alles kaufen können.

Es hat nichts einen Gegenwert, aber es fehlt auch die Gegenwehr. Denn die meisten Menschen, die so reich und mächtig sind, umgeben sich auch nur mit Ja-Sagern.

Das finde ich so interessant. Denn Shakespeare hat immer andere Figuren gezeichnet. Der hat gezeigt, dass die Könige die am meisten lieben, die ihnen auch mal widersprechen. Die Mächtigen haben sich bei ihm Narren an die Seite geholt und schätzen die dafür, dass sie ehrlich sind und nichts von ihnen wollen.

Es würde diesen Menschen also guttun, sich andere an die Seite zu holen, die ihnen kompromisslos ihre Meinung sagen.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Omri Aloni

Deswegen ist seine Frau Mara für Georg auch die beste Partnerin.

Sie durchschaut seinen ganzen Scheiß. Wenn er da mit dem Anzug und dem Auto ankommt, dann fragt sie ihn, was mit ihm los ist. Sie kann das sofort aushebeln und ihn entlarven. Mara, gespielt von Pina Bergemann, ist eine ganz tolle Frau, die ihn kennt und so nimmt, wie er ist. Die macht wahnsinnig viel mit, bei dem wohl die meisten sagen würden: Also ich wäre da schon längst weg.

Warum bleibt sie denn bei ihm? Denn ich bin auf jeden Fall Team „Mara, hau ab, du bist viel zu gut für Georg!“. Ich habe auch lange überlegt, ob er wirklich für seine Tochter da ist, oder ob auch das nur gespielt ist. Denn wenn er ein guter, liebevoller Vater ist, dann kann ich verstehen, dass sie deswegen bei ihm bleibt.

Das ist interessant, dass du das so sagst. Denn ich habe zwei Themen mit Georg. Zum einen sollen die Leute sich von ihm aufs Glatteis führen lassen. Sie sollen ihn toll finden, sich von ihm verführen lassen. Die Zuschauenden sollen in dieselbe Falle tappen wie seine Opfer. Sollen denken: Der ist so charmant und wortgewandt, witzig und schlagfertig, lustig und nett und so gut mit seiner Tochter. Die sollen da andocken und sich fallen lassen, bis sie irgendwann merken: Nein, jetzt kann ich das nicht mehr.

Und dann ist da diese Beziehung zu seinem Kind, die ich ganz schlimm und auch missbräuchlich fand.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Stefan Erhard

Kannst du das genauer erklären?

Ich finde sein Verhalten ganz schlimm, weil das alles nichts mit der Tochter zu tun hat. Er hat maximal elterliche Reflexe: Wenn das Kind fällt, dann greift er zu. Aber eigentlich spricht er doch immer mit seinem inneren Kind. Wenn er der Tochter dieses „Think big“ eintrichtert, redet er doch eigentlich mit sich selbst.

Das ist alles reflexiv, die Tochter ist im Endeffekt austauschbar. Er sagt, er sucht für seine Tochter die beste Kita. Aber es geht nicht um sie, es geht am Ende immer nur um ihn. Im Grunde missbraucht er sie als Ausrede, als Legitimation.

Ich habe eher gedacht: In einer Welt, in der es so viele Väter gibt, die ihren Kindern Gewalt antun, körperliche Übergriffe, ist sein Verhalten nicht das Schlimmste.

Ja, das stimmt. Er erfüllt halt immer ein Bild, das er von sich hat. Georg macht ja schon sehr auf Instagram-Daddy. Und im Moment kriegt er das mit der Tochter noch ganz gut hin, weil sie ja auch noch nicht mehr Bedürfnisse hat, als dass ihr Vater sich für sie interessiert und sie aus der Kita abholt. Das schafft er und es passt zu seinem Bild. Er idealisiert, alles wirkt nach außen wie aus einem Magazin oder auf Pinterest. Er schauspielert da sein Leben.

Glaubst du, dass dieser Film einem deswegen so nachhängt, weil es um eine Kita geht, oder würde das auch in einem anderen Rahmen funktionieren?

Kita ist ein Thema mitten aus unserem Leben. Das geht in unsere Vorgärten. Man merkt jaleider auch durch die Pandemien und Kriege dieser Welt, dass Themen uns nur dann berühren, wenn sie in unserem Vorgarten landen. Deswegen schockiert die Kita da auch so.

Das ist doch das Geniale an dem Buch: Es ist so unerwartet und trifft uns am eigenen Herd und in unserem eigenen Sicherheitsempfinden. Unsere eigene Unbedachtheit und Sorglosigkeit werden uns hier vor Augen geführt. Es ist nicht der Coup am Geldtransporter oder in Fort Knox, es geht hier nicht wie bei „Ocean’s 11″ zu. Im Film geht’s nicht um eine große Firma, sondern um Leute, die gar nicht wissen, wie viel Geld sie da rumliegen haben, und es fällt erstmal gar nicht auf, dass es fehlt. Das packt uns alle, weil es uns auch zwingt, über Überprivilegiertheit nachzudenken.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Stefan Erhard

Beim Zuschauen denkt man schon oft: Wohlstandsverwahrlosung ist bei den Figuren echt ein Thema.

Ja genau. Und dann kann man sich selbst ja auch mal hinterfragen. Was erachte ich als selbstverständlich? Wo bin ich unsolidarisch, wo habe ich mich vielleicht ein bisschen zu sehr daran gewöhnt, dass mir nichts passiert? Wo bin ich meinen Mitmenschen gegenüber unaufmerksam? Habe ich mich schon so daran gewöhnt, dass mir eh nichts passiert? Langweilen wir uns nicht vielleicht auch, weil uns nichts passiert? Sind wir deswegen anfällig für Menschen, die uns alles Mögliche versprechen?

Könnte die Erkenntnis nicht auch sein, dass man im eigenen Leben eine andere Balance herstellt? Vielleicht, in dem man sich ein bisschen mehr Abenteuer zurück ins Leben holt und eine Versicherung weniger hat.

Jan Krauter zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Christoph Assmann

Wie sieht’s denn mit deinem moralischen Kompass aus? Welche Werte tragen dich durchs Leben?

Uff. [Er überlegt]

Ich würde es nicht unbedingt moralisch nennen, eher Selbsterhaltungstrieb. Ich beschäftige mich viel mit Fragen der Solidarität. Wie gehen wir in Zeiten des Klimawandels miteinander um? Wie solidarisch ist der öffentliche Straßenverkehr? Denn Verkehr ist in vielen Regionen Deutschlands ein großes Thema. Wie umsichtig sind wir in kleinen Dingen, wie dem Ein- und Aussteigen in Zügen, miteinander? Mich beschäftigen diese Themen sehr.

Ich kann im Auto sehr wütend werden und frage mich dann: Liegt es daran, dass jemand vor mir das Reißverschlussprinzip nicht beherrscht, oder ist der Schmerz doch größer? Ich würde auch den Leuten, die beim Thema Klimaschutz immer „Gutmenschen“ brüllen, gern entgegnen, dass es nicht um Gutmenschen geht. Sondern um Selbsterhaltung. Ich halte es weder für clever, noch für nachhaltig, die eigene Spezies zu verarschen.

Ich glaube, unser Weg kann nicht sein, eine Pappumrandung auf einen Plastikjoghurtbecher zu kleben und den jetzt als recyclingfähig zu deklarieren. Wir verschlimmern doch nur das Problem. Vorher war’s nur Plastik, jetzt verschwenden wir auch noch Pappe. Über solche Dinge denke ich nach.

„Fang mich doch“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Am 31. August läuft der Film um 20:15 Uhr auch im ZDF.

Ich bin sehr gespannt, wie ihr auf Georg und die anderen Kitaeltern blickt und freue mich auf euer Feedback.


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