Das Interview mit Lotte ist mir so gut in Erinnerung, obwohl wir es schon vor einiger Zeit geführt haben, weil die Sängerin so eindrücklich von ihrem Weg zum neuen Album „Lotte“ berichtet hat. Denn sie hatte eine Vision, wie dieses Album sein soll, und auch davon, was sie nicht mehr will. Dem nachzujagen, das wissen wir alle, ist nicht einfach, weils mit vielen Zweifeln und Sorgen einhergeht. Lotte hat sich denen gestellt und herausgekommen ist ein Album, dass sich wirklich hören kann (am besten natürlich auch direkt auf ihrer Tour, die sie ab 14. September in viele Städte Deutschlands bringt)
Schreibt mir gern, welcher Song vom selbstbetitelten Album euer Favorit ist.
Wie war der Weg zum neuen Album?
Lotte: Es war ein langer und befreiender Weg, der viele Stationen hatte und aufregend war. Ich bin so richtig aus dem Hamsterrad ausgestiegen, wenn du Touren, Album rausbringen und dann die nächste Tour – Musik mit Zeit- und Erfolgsdruck – so bezeichnen möchtest.
Statt das zu machen, habe ich mir Zeit gelassen, habe überlegt, wie mein Album klingen soll, wie der Prozess sich anfühlen darf, wie ich sein will, wie mein Leben aussehen soll. Dafür bin ich sehr lange auf die Suche gegangen, war in Wien, Kopenhagen, Hamburg und in Nashville. Am Schluss bin ich in London gelandet. Ich finde, dieses Zeit lassen, das hört man meinem Album an. Es ist zeitlos.
Ging das Zeit-Lassen für dich auch mit Ängsten einher?
Es ist schon ein bisschen ein Aussteigerleben, was ich da mit meiner Musik gerade führe.
Ich wollte ja kein Rockstar werden und das auch gar nicht beruflich machen… Durch Zufall und mit Glück kam es dazu, und da habe ich beschlossen, dass es sich dann eben auch richtig anfühlen muss. Musik ist für mich wie eine beste Freundin. Ich liebe es, mich darin entfalten zu können, einen Ort zu haben, an dem ich einfach sein kann, wie ich bin, mit all dem Licht und Schatten in mir. Musik zu machen ist schon fast etwas Therapeutisches für mich, ein Ort, wo ich mit allem, was ich bin, dazugehöre.
Aufgeben oder Leute finden, die meinen Wunsch nach Freiheit verstehen und keine Angst vor Unkonventionalität haben, das waren die einzigen Optionen für dieses Album.
Ich wollte keine 3:30-Radiohits mehr schreiben, sondern nach Musik suchen. Und in und mit Jules, meinem Produzenten in London, habe ich das gefunden. Diese Art, Musik zu machen, ist ganz anders als alles, was ich bisher kannte. In Deutschland lief es bisher so, dass wir morgens ins Studio gehen und abends nach Hause. Wenn ich in London bin, dann lebe ich eine Woche im Studio und wir machen Tag und Nacht Musik. Wenn da mal drei Tage nichts kommt, macht das niemanden nervös, dann essen wir eben und gehen mit dem Hund raus.
Und dein Label wurde gar nicht nervös?
Ich habe mir die Freiheit genommen, bei mir zu sein. Und natürlich gibt es Leute, die das vollkommen verrückt finden. Alle Algorithmen sind tot, die Fans fragen sich, ob ich jemals nochmal Musik rausbringen werde. Aber meine Fans sind so toll. Es kamen schon immer mal wieder Nachfragen, wann das Album kommt, aber auch viel Verständnis.
Ich weiß, dass ich den Leuten viel Geduld abverlangt habe. Aber ich musste diese Grenze ziehen, weil ich gelernt haben, dass Freiheit nichts ist, was dir gegeben wird. Freiheit muss man sich nehmen.
Ich musste fühlen, wann ich bereit bin, das Album zu veröffentlichen. Und das kann ich nur mit meinem Bauchgefühl erklären. Bei Musik hast du ja keinen Punkt, an dem du sagen kannst: Bis dahin ist es fertig. Du kannst 3 Stunden für einen Song brauchen, oder drei Jahre. Wenn es nach den Plattenfirmen geht, gibt es dieses Datum natürlich, aber ich habe da nicht mitgemacht. Das Album ist zu 100 % so, wie ich es haben wollte. Deswegen heißt es auch „Lotte“, weil es in jeder Hinsicht einfach ich bin. Ich saß komplett am Steuer und das fühlt sich so gut und richtig an.
Wo hast du die Stärke dafür hergenommen, das alles so zu entscheiden? Denn das ist ja nicht einfach, sich gegen alle anderen zu stellen und für sich einzustehen.
Ich bin keine Mutter, aber meine Musik ist mein Baby. Und ich hatte das Gefühl, ich muss das beschützen. Ich bin davon überzeugt, dass Kunst und der moderne Konsum, diese Idee von Musik, dass nach 10 Sekunden die Hook da sein muss, weil es sonst auf den Algorithmus nicht funktioniert, sich torpedieren.
Bei diesem Album bin ich zur Löwin geworden. Ich habe drei Alben so gemacht, wie alle es mir empfohlen haben. Und ich wusste, wenn ich dieses Album nicht so mache, dass ich zu 100 % dahinter stehen kann, dann kann ich auch einfach aufhören. Ich bin davon überzeugt, dass Musik einen sicheren Raum braucht, um zu entstehen. Kunst braucht Freiheit und auch Mut. Dann kann sie hoffentlich einen Unterschied machen. Gerade auch hier im eher ängstlichen Deutschland, wo man am liebsten macht, was alle anderen machen und was schonmal gut funktioniert hat. Ich wollte in die Vollen gehen und genau das habe ich dann auch getan.
Ich glaube, meine Eltern haben mir da auch viel Resilienz und Selbstvertrauen mitgegeben. In meiner Familie sind alle so.

Du hast gerade schon gesagt, dass du in deiner Musik sehr persönlich bist. Wie gehst du damit um, dass du das ja mit so vielen Menschen teilst?
Das neue Album ist sehr intensiv und voller persönlicher Themen. Es gibt so viele Themen, bei denen man denkt, dass man da nicht drüber reden kann. Für mich ist es total heilsam, da ein Licht drauf zu scheinen. Denn dann kann ich mich nicht mehr verstecken.
Auf dem Album geht’s viel um Freiheit, um Selbstbestimmung, und das war im Entstehungsprozess ja auch so. Ich wollte das ans Licht holen, zeigen, was ich mich sonst nicht traue zu zeigen. Ich kann das nicht anders als heilsam beschreiben, dass ich mich so zeigen kann, wie ich bin. Wie kann mich jemand dafür angreifen? Mir kann doch niemand einen Vorwurf daraus machen, dass ich bin, wie ich bin.
So zu sich zu stehen, das ist schwierig, mir gelingt das mit der Musik aber sehr gut. Wenn ich im Studio bin, dann muss ich mich ja auch nicht erklären. Da sitzt mir ja kein Reporter gegenüber und fragt, warum ich jetzt über diese Themen schreibe. Ich schreibe aus einem Bedürfnis heraus, und dann kann ich ja immer noch entscheiden, ob ich das rausbringe oder nicht. Alles, was ich für dieses Album getan habe, entstand aus einem sicheren Ort heraus.
Ich empfinde es als befreiend, so für mich einzustehen, wie ich es auf diesem Album getan habe.
Gab es denn einen Song, bei dem du gehadert hast, ob du den rausbringen willst?
Nein, tatsächlich nicht. Ich habe eine Weile für den Weg gebraucht, wusste nicht, wo ich anfange. Aber ich bin so nah an der Musik, da passiert so wenig außerhalb von mir, da stehe ich vollkommen dahinter, bin damit verbunden.
Mein Bedürfnis nach Freiheit, meine ganzen Fragezeichen, das ist 1:1 mein Leben im Moment. Ich dachte, dass ich mit 30 in meinem Leben angekommen wäre, vielleicht eine Familie hätte, zumindest eine funktionierende Beziehung. Ich dachte, ich wüsste, wie dieses Leben funktioniert, was ich vom Leben will. Und jetzt ist meine Realität eine andere. Ich weiß nicht, wer ich bin, weiß nicht wie dieses Leben funktioniert. Alle meine Fragezeichen auszuhalten, das ist gerade meine Hauptaufgabe.
Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten, weil ich das wichtig finde. Und all das merkt man meinem Album an. Auf dem letzten Album habe ich auch viele schwierige Themen angesprochen. Mich hat das extrem beschäftigt, ich war viel bei der Therapie. Es ist so viel in meinem Leben passiert, dass ich nicht anders konnte, als ein Album darüber zu schreiben.
Die Antworten der Fans darauf waren so lieb. Das Einzige, was an Kritik kam, war, dass manche nicht verstanden haben, dass ich weiter freizügig war, trotz dieser Themen. Für manche war das ein Widerspruch. Aber die allermeisten Reaktionen waren sehr positiv, viele haben sich bedankt, weil sie sich durch „so wie ich“ gesehen und weniger allein damit gefühlt haben. „Ich habe nie die Worte dafür gefunden, mit dem Song hast du sie für mich gefunden“, war etwas, das oft kam.
Wie schaffst du es, mit so vielen offenen Fragen zu leben, ohne daran zu verzweifeln?
Ich finde es mutig, in diese Fragen reinzugehen und auf mich zu gucken. Ich überlege, wie ich bin, wenn ich nicht versuche, so zu sein, wie ich als Kind dachte, dass ich sein würde. Das ist auch beängstigend, weil ich doch geglaubt hab, ich hätte die Antworten auf einige Fragen schon gefunden. Ich hatte Ideen davon, wie das Haus aussieht, in dem ich lebe, wie die Partnerschaft aussieht, die ich führe. Und jetzt habe ich all das nicht, alles ist anders. Ich hinterfrage und das macht Angst. Und gleichzeitig ist es gut, weil ich die Chance habe, herauszufinden, was ich wirklich will. Statt mich nur mit Sachen zufrieden zu geben. Und hoffentlich wache ich so nicht eines Tages in einem Leben auf, das sich fremd anfühlt.
Zu sich stehen erfordert Mut. Aber Kompromisse machen auf Dauer nicht glücklich, wenn man zu viel opfert.
Ich schaue, wo das alles hinführt. Die Kompromisslosigkeit habe ich privat gelebt, jetzt ist sie auch beruflich ein Teil von mir. Ich bin sehr gespannt, wie das neue Album mit den Leuten connected. Es ist ja auch ein neuer Sound, den es so in Deutschland nicht gibt. Das ist nichts Typisches, was man schon ganz oft gehört hat. Meine Inspiration kommt von den Hippies aus den 60ern und 70ern. Damals waren die Leute sehr frei und neugierig auf alles. Da wurden Konventionen über den Haufen geworfen, das merkt man auch in der Musik. Die Songstrukturen sind ganz anders, die Themen auch. Und es passt so gut zu meinem Leben. Es ist so viel offen bei mir, ich weiß nicht, wie das alles ausgeht. Ich kann nur sagen, dass es sich jetzt für diesen Moment richtig anfühlt.
Warum ist es okay, immer wieder von vorne anzufangen?
Ich glaube, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht daran, dass man einen langen, beschwerlichen Weg gehen muss und dann irgendwann am Ziel ankommt. Ich glaube sehr viel mehr an den Moment. Das klingt bestimmt nach Hippie, aber ich bin glücklich, wenn ich mit mir im Reinen bin. Wenn ich merke, dass ich zu einer Situation nicht passe, dann darf ich was anderes machen.
Man darf immer weiter suchen, Veränderungen gehören zum Leben unbedingt dazu. Wir wachsen doch immer weiter. Wenn’s gut läuft, verändert sich dein Umfeld mit dir. Und wenn nicht, dann darfst du neu gucken. Das bedeutet nicht, dass man sofort alles hinwirft, wenn etwas nicht so läuft. Aber es bedeutet, dass man sich hinterfragen kann. Ich bin jetzt drei Jahre an meinem Traum mit diesem Album drangeblieben. Das war kein Zuckerschlecken, das war auch richtig hart zwischendrin. Aber ich habe mich auf die Veränderungen eingelassen, habe auf den Moment und meinen Weg vertraut.
Ich glaube auch, immer nur den geraden Weg nehmen zu wollen, ist eine Illusion. Wir wissen doch alle nicht, was die Zukunft bringt. Man glaubt, man hat die Person fürs Leben gefunden. Aber niemand bleibt so, wie er immer war. Wenn man da nicht mitgeht, sich mitverändert, verpasst man die nächste Version der großen Liebe und auch von sich selbst. Man wird sich immer wieder neu ineinander verlieben und sich neu entdecken müssen. Man darf sich fragen: Wer bin ich eigentlich? Und wer ist mein Gegenüber?
Ich glaube, Langzeitbeziehungen scheitern auch daran, dass nur eine Person sich entwickelt und die andere an einem bestimmten Bild festhält. Man muss wach bleiben und im Leben voll da sein. Dann sieht man, wie reich und schön das alles ist.
„Alles hier ist neu für mich, ich hoffe, ich bereue es nicht“ heißt es in einem Song auf dem Album. Wie finden insbesondere Frauen ihren Weg im Leben?
Ich weiß nicht, ob ich das gut beantworten kann. Ich bin ja selbst noch auf der Suche. [Sie überlegt]
Mir tut der Austausch mit anderen Frauen gut, die sich auch suchen. Wenn ich unsicher bin oder Fragen habe, dann spreche ich das bei ihnen an. Es tut doch gut, sich gegenseitig zu unterstützen. Wir alle brauchen Menschen, die uns den Rücken stärken und auch mal sagen „You got this, girl“.
Zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass man sich Hilfe suchen darf, das gibt mir Kraft, wenn ich dann meinen Weg gehe. Wir alle brauchen Orte, an denen wir uns fallen lassen und weich sein dürfen, an denen wir zweifeln, ohne das Gefühl zu haben, dass das jetzt schwach wäre. Diese Unterstützung braucht es, um den eigenen Weg zu gehen.
Ich bin umgeben von einem so coolen Team von Frauen, die so viel machen. Die verstehen und unterstützen mich, das hilft mir auch extrem.
Warum brauchen wir Kunst?
Das ist eine wirklich große Frage. [Sie überlegt]
Es gibt diese Zeile aus einem „The Velvet Underground“ Song: „her life was saved by RocknRoll“. Kunst macht uns frei und ich glaube, Kunst nimmt uns auch an. Sie kann uns das Gefühl geben, nicht allein zu sein mit dem was wir fühlen, suchen, träumen, verstecken. Wir brauchen Kunst, weil wir uns durch sie mit uns selbst und mit anderen verbinden können. Bei diesem Album hatte ich das Gefühl, dass Kunst mich sehr frei macht, dass ich wirklich zeigen kann, wer ich bin. Dass ich über alles schreiben kann und damit gesehen werde. Das ist so wertvoll, weil wir am Ende alle nur geliebt werden wollen, so wie wir sind.
Das vierte Album von Lotte, das selbstbenannte „Lotte“ könnt ihr ab dem 21. August überall streamen. Außerdem geht die Sängerin ab 14. September 2026 auf große „Wenn du tanzen willst“ – Tour. Noch sind Karten verfügbar. Schreibt mir gern, welcher Song euer Lieblingssong ist.

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