Wie wandlungsfähig Schauspieler sind, erkennt man selbst ja am besten daran, dass man sich plötzlich beim Schauen eines Films dabei erwischt, dass man denkt: Ist das der aus dem Film? Bei Johannes Hegemann kam der Moment für mich tatsächlich erst nach dem Ende von „Olivia“, weil ich dann dachte: Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Und weil ich kurz davor „Friedas Fall“ gesehen habe, kann ich bestätigen: Zwei sehr sehr unterschiedliche Rollen, aber ja, beide wurden von Johannes gespielt.
In „Olivia“ spielt er Olivia Jones und mir hat das beim Zuschauen so viel Spaß und Schmerz gleichzeitig bereitet. Freude darüber, dass es Menschen gibt, die so unbeirrt ihren Weg gehen, die soviel Güte und Herzenswärme haben und Schmerz, weil Ausgrenzung und Ablehnung so real sind. Johannes Hegemann spielt Olivia mit soviel Selbstbewusstsein und gleichzeitig Zartheit, dass klar ist: Wir brauchen viel mehr Männer, die sich in Minirock und mit Lippenstift wohlfühlen. Im Interview gehts aber nicht nur um Outfits, sondern tatsächlich vor allem um die schmerzhaften Themen.
Du trägst im Film so viele tolle Outfits. Welches war dein Lieblingsoutfit?
Johannes Hegemann: Tolle Frage! Die Antwort ist aber ganz schön schwer, die Rolle hat so viele tolle Outfits.
Und ich dachte noch, die Frage ist leicht. Ich wollte dich erst fragen, welche Lippenstiftfarbe dir am besten gefallen hat.
Da weiß ich die Unterschiede gar nicht mehr, ich fand, die sahen alle toll an mir aus. Ich habe vorher noch nie Lippenstift getragen und war direkt begeistert, wie gut das aussieht. Und so ging es mir auch bei den Outfits. Die sind doch alle super.

Wenn ich unbedingt eins wählen muss, dann vielleicht das, wo ich als Olivia so stolz über den Kiez spaziere und telefoniere, das pink-schwarze. Das war ein wirklich tolles Teil. Oder der Glitzer-Minirock, als Olivia in den Bus einsteigt? Das war auch mega cool.
Das Outfit war mein liebstes, weil ich mich da mal wieder gefragt habe: Wieso hat die Gesellschaft so viel Angst vor Männern in Miniröcken?
Das weiß ich leider auch nicht. Dass die Gesellschaft Angst vor Männern hat, das verstehe ich, da ist ja auch was dran. Aber Angst vor Männern in Miniröcken? Why? Weil sie bezaubernd aussehen?
Das ist schon irre, dass es Menschen gibt, die mehr Angst vor Männern haben, die mit ihrer Geschlechtsidentität spielen, die sich auch mal ein bisschen femininer geben und sich eher weiblich gelesen anziehen, als vor gewöhnlichen Männern.
Ich kenne tatsächlich keine Frau, die Angst vor schwulen Männern oder vor Männern in Frauenkleidern hat, aber viele, die Angst vor heterosexuellen Männern haben.
Vielleicht kommt die Unsicherheit und der Hass der Männer auf Männer in Röcken daher, dass sie an diesem archaischen Bild von Männlichkeit festhalten. Es glauben noch zu viele an die starke, leidensfähige, unemotionale Männlichkeit. Das ist so bescheuert. Diese Idee geht gegen jedes schöne, friedliche Zusammenleben.
Ich glaube, Männer sind oft unsicher, wenn sie merken, dass sie teilweise nicht in dieses Bild passen. Anstatt aber diese Unsicherheit zu embracen und sich zu freuen, dass sie Emotionen, Weichheiten und Unsicherheiten zulassen können, versuchen sie lieber, das wegzudrücken, um einem starren, harten Bild gerecht zu werden.
So entsteht die Idee, man dürfe sich nicht zeigen, wie man ist. Und um diese Gefühle nicht hochkommen zu lassen, gehen sie dann in die Aggression und auch Konfrontation mit anderen, die mehr bei sich sind. Auf eigene Unsicherheiten mit Ablehnung und Boshaftigkeit zu reagieren, ist sicher nicht der richtige Weg.

Neulich las ich den tollen Satz in „Alpha Boys“ von Aurel Mertz*: Aktuell bin ich heterosexuell. Und ich dachte: Wieso nutzen wir das nicht öfter? Sexualität und Vorlieben können sich doch ändern, warum sind wir da nicht offener?
Ein toller Satz, den kannte ich noch nicht, danke.
Ich glaube, Sexualität ist, wie vieles andere auch, ein Spektrum. Auf diesem Spektrum gibt es verschiedene Verteilungen, und wenn man dem sehr offen begegnet, wird man auch spüren, dass die eigene Sexualität sich erstens wandelt und zweitens sehr breit gefächert ist.
Es braucht natürlich Mut, sich dem bewusst auszusetzen und sich selbst zu hinterfragen. Niemand muss sich dem aussetzen, niemand muss experimentieren. Aber es ist doch eine tolle Entwicklung, dass es möglich ist, wenn man das will.
Und Biografien, Menschen und Persönlichkeiten wie Olivia Jones sind eine große Bereicherung. Sie leistet da so viel Pionierarbeit, nimmt Leute an die Hand und zeigt: Es ist alles okay, man darf sich ausprobieren, man darf anders sein als alle um einen herum. Sie zeigt, dass man mit Mut, Selbstvertrauen und Freude auch den Sachen nachgehen kann, die unserem heteronormativen gesellschaftlichen Bild nicht entsprechen.
Ich habe sie nie getroffen, aber das, was ich bei ihr immer von außen draufguckend wahrgenommen habe, ist eine große Güte und Herzenswärme, eine Zugewandtheit zu Menschen.
Ich finde das wahnsinnig beeindruckend. Olivia wird zu Recht für ihren Mut und ihre Mentalität, sich nicht kleinkriegen zu lassen, immer gepriesen. Sie kann auf Menschen zugehen, stellt sich dem Dialog ganz offen und schafft auch dadurch eine gesellschaftliche Akzeptanz.
Ich habe eine Kieztour mitgemacht und mich wirklich gefreut zu sehen, dass da Menschen in ihr Universum eintauchen, die gar nichts mit einer progressiven Großstadtbubble gemeinsam haben. Da kommen Leute, die sie einfach interessant finden, und sie geht auf die Menschen zu und bleibt immer offen. Wie toll ist das?

Du sagst im Film als Olivia den Satz: „Ich mach das, bis es euch gefällt.“ Würde ein heterosexueller Mann das sagen, ich hätte schon Angst. Aber bei Olivia und ihren Bemühungen, ihre Show auf die Bühne zu bekommen, zeugt es vor allem vom absoluten Willen und einem tollen Glauben an sich selbst.
Sie hat ein extremes Grundvertrauen, dass das, was sie anzubieten hat, etwas Bereicherndes und Schönes ist. Und sie kann auch nicht anders. Natürlich steckt in Olivia/Oliver eine echte Rampensau-Persönlichkeit, ein Geltungsdrang. Da müssen wir nicht drüber diskutieren. Aber das gehört zum Showgeschäft ja auch dazu. Man braucht die aufrichtige intrinsische Motivation, mit dem, was einem selbst gefällt, was man toll findet, auch andere sensibilisieren und anderen begegnen zu wollen.
Spannend, dass du als Schauspieler diesen Geltungsdrang direkt relativieren möchtest. Denn es ist ja auch total okay, dass man sich wünscht, gesehen zu werden.
Du hast recht, das ist absolut okay. Ich frame das vermutlich direkt, weil man immer eine Bescheidenheit erwartet. Weil man im besten Fall immer nur hehre Gründe hat, vielleicht noch gesellschaftlich relevante. Aber das ist auch Quatsch. Ich bin Schauspieler, natürlich will ich Geschichten erzählen, will Spaß daran haben, mit den Geschichten Horizonte zu erweitern. Aber ich will auch ganz banal auf der Bühne oder im Rampenlicht stehen, weil ich das liebe.
Es ist trotzdem ein schmaler Grat. Denn diese ständige Sucht, sich selbst zu profilieren, kann auch in etwas Unangenehmes umschlagen. Es gibt Leute, denen man gern dabei zuschaut, weil sie bei sich bleiben. Und es gibt die, bei denen man merkt, sie tun es nur für die anderen. Wenn es nur noch um Profilierungssucht geht, darum, kurzfristig Applaus einzuheimsen, und es total beliebig wird, dann wird es durchaus unangenehm. Das sieht man aber primär auf Social Media.
Mich ärgert das schon, wenn mit billigsten Strategien kontroverse Themen besprochen werden, um möglichst viele Likes einzuheimsen.

Einer der schönsten Sätze, die ich je gehört habe, sagt Olivia im Film zu einem anderen Mann. Du sagst: „Ich wäre vor allem an deinen Schultern interessiert, zum Anlehnen.“ Wie toll ist das bitte? Warum sagen wir das so selten zu anderen?
Stimmt, das ist ein toller Satz. Der ist ein bisschen sexy-flirty und gleichzeitig drückt er aus, warum man gern mit Menschen zusammen ist. Wir suchen Geborgenheit, Zweisamkeit, Schönes. All das ist in diesem Satz.
Der Satz verlangt den Mut, sich zu öffnen. Und gleichzeitig ist er so ein schönes Angebot ans Gegenüber. Was für eine Ehre, wenn man auserwählt wird, die Schulter zu sein, an die sich jemand anlehnen möchte.
Das ist ein schöner Gedanke, an diese Perspektive habe ich gar nicht gedacht. Wenn jemand sich an deine Schulter anlehnen möchte, dann gibt man das ja auch gern. Ich finde es interessant, dass dieser Satz bei dir hängen geblieben ist. Ich fand den auch schön, als ich ihn gelesen habe, aber ich dachte eher, dass es einfach ein guter Dialog ist. So tief wie du habe ich da gar nicht drüber nachgedacht. David Ungureit, der Drehbuchautor, hat da tolle Arbeit geleistet.
Dann verrate mir doch gern den Satz, der bei dir hängen geblieben ist.
Es ist gar nicht unbedingt ein einzelner Satz. Für mich war die Szene im Kreiswehrersatzamt eine, die mich lange beschäftigt hat. Ich habe mich natürlich an Olivias Biografie orientiert, wollte ihre Entwicklung ganz natürlich spielen. Es gab diese zaghafte, jüngere Person, die sich erst selbst finden muss, die weiß, was sie will, aber sich darin immer noch sucht. Für mich war dieser Moment im Kreiswehrersatzamt der, in dem für mich Olivia Jones geboren wird, mit ihrer Selbstverständlichkeit, ihrer Art, ihren Weg zu gehen, ihr Ding zu machen. Einen einzelnen Satz kann ich dir nicht sagen, aber diese Szene mag ich unglaublich gern.

Ich weiß nicht, wie es mit deinen Erfahrungen in Bezug auf Prügeleien steht, aber auch wenn die beim Film natürlich durchchoreografiert sind, wie gehst du damit um?
Diese Prügelszenen sind mir beim Dreh tatsächlich sehr nahe gegangen. Das macht etwas mit einem, auch wenn es nur gespielt ist. Natürlich sind das alles mega nette Kerle, Sebastian Doppelbauer [er spielt Günther Boll] ist jemand, den ich sehr gut kenne. Im Spiel verprügelt der mich, greifen mich auch andere Schauspieler bei der Szene auf der Reeperbahn an. Und die können alle super nett sein, aber wirklich angenehm zu drehen ist das dann trotzdem nicht. Für niemanden. Auch den anderen am Set ging das beim Zugucken nah, immer wieder diese Gewalt zu sehen.
Und die Gewalt ist ja im Alltag da. Ich stehe dieser Verrohung oft hilflos gegenüber.
Ich glaube, man muss das auf zwei Ebenen, aus zwei Blickwinkeln betrachten. Zum einen gibt es durchaus Fortschritt, auf den wir aufpassen müssen, damit er nicht wieder verloren geht. Wir müssen weiter dafür kämpfen, brauchen auch rechtliche Verbesserungen zum Schutz vor digitaler sexueller Gewalt, ein Thema, das gerade hochaktuell ist. Seit den 80er-Jahren hat sich schon einiges getan, ist verbessert worden. Aber wir müssen das beschützen.
Im täglichen Zusammenleben, da muss ich dir recht geben, ist das Klima rauer geworden. Das war schon mal besser. Queere Personen merken, dass es wieder mehr Aggressionen gibt. Es ist furchtbar, wie rückläufig unsere Gesellschaft hier ist.
Hast du Olivia zur Vorbereitung eigentlich getroffen?
Ich habe eine Kiez-Tour mitgemacht, und wir haben uns einmal per Zoom getroffen und lange miteinander geredet. Das war gut für mich, da durfte ich alles fragen. Wir haben da auch sehr intime Dinge besprochen, und ich bin ihr sehr dankbar für diesen Austausch.
Es war aber nie mein Anliegen, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, sie tagelang zu begleiten. Denn vielleicht wäre da sonst zu viel Ehrfurcht gewesen. Ich hätte Sorge gehabt, dass ich alles perfekt machen muss. Ich wollte ja auch ein Stück weit meine eigene Interpretation in den Film einfließen lassen.
Olivia war da total cool. Sie hat gesagt: „Mach mal, Junge, mach.“ Sie hat mich gar nicht unter Druck gesetzt, war total entspannt. Mir hat auch ihr Mantra geholfen: „Ich vertraue dir, ich finde dich gut.“
„Olivia“ läuft am 13.Mai um 20:15 Uhr im ZDF. Ihr könnt den Film ab sofort in Web & App vom ZDF streamen.
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