Um die erste Frage im Interview mit Chief Creative Officer (CCO) von Pixar Animation Studios, Pete Docter und Senior Vice President of Development, Lindsey Collins zu verstehen, braucht es vielleicht etwas Kontext: Ich trug zum Interview Socken mit den „Alles steht Kopf „-Figuren, ein Film, an dem auch Pete Docter beteilitig war und den Lindsey Collins natürlich auch kennt (deswegen auch ihre grandiose Antwort!). Meine Kinder geben mir eigentlich nicht Aufträge für Interviews mit, aber in dem Fall war klar: Finde direkt an der Quelle heraus, warum es kein Ennui-Merchandise gibt. Denn ich war Anfang des Jahres in World Disney World und nicht mal da gab es Ennui. Und ich kann berichten, dass die Kinder mit der Antwort jetzt überraschend zufrieden sind.
Natürlich sollte sich das Interview aber vor allem um den neuen Film „Toy Story 5“ drehen, der diese Woche in den Kinos startet. Ich war bisher gar nicht sooo ein großer Toy Story Fan, aber diesen Film kann ich wirklich allen empfehlen. Ich bin mit meinen Kindern aus Versehen (it happens!) 10 Minuten zu spät zur Vorstellung erschienen, und es kullerten im Nachgang Tränen. Nicht, weil sie jetzt den ganzen Film nicht verstanden haben, denn das war nicht der Fall, sondern weil ich ihnen 10 Minuten in dieser schönen Welt geklaut habe. Ein besseres Kompliment kann es eigentlich für einen Film nicht geben, oder? Also seid pünktlich zum Filmstart vor Ort und schreibt mir nach dem Lesen vom Interview gern, wie ihr das bei euch mit der Medienzeit regelt.

Bevor wir über Toy Story 5 sprechen, muss ich einfach noch über Ennui aus „Alles steht Kopf 2″ sprechen. Meine Kinder fühlen sie sehr und haben mich beauftragt, nachzufragen, warum es von Ennui leider überhaupt kein Merchandise gibt.
Pete Docter: Wir arbeiten daran. [Er lacht]
Lindsey Collins: Weil sie Ennui ist, sie hat einfach keine Lust darauf. [Sie lacht]
Sie möchte einfach nicht Modell sitzen.

Warum geben Bonnies Eltern Bonnie eigentlich immer wieder das Lilypad? Meine Kinder wachsen ohne viel Medienkonsum auf und ich fand diesen Punkt deswegen nicht besonders glaubwürdig.
Pete Docter: Also deine Kinder wachsen fast ohne Medien auf? Das ist beeindruckend. Und so schwer.
Lindsey Collins: Ich bin mir sicher, dass sie den Film anschauen werden und dir dann sagen: Siehst du, das müssen wir alles aushalten. [Sie lacht]
Pete Docter: Sie wollen sie einfach abhängig machen. [Er lacht] Das ist selbstverständlich nur ein Scherz!

Lindsey Collins: Wir haben ja eine Geschichte, die wir erzählen wollen. Es geht nicht darum, dass wir nur Medienkritik üben. Vielmehr nehmen wir in „Toy Story 5″ auf, was wir alle im Alltag sehen, das Gute und das Schlechte. Und wir alle haben ja keine gute Beziehung zu diesen Geräten. Wir haben den Vater, der dauernd am Smartphone hängt und scrollt. Das kennen wir alle doch auch, wir haben auch manchmal das Telefon in der Hand und sagen gleichzeitig unseren Kindern, sie sollen aufhören an ihrem Gerät zu daddeln.
Es geht darum, zu zeigen, dass das kein Kinderproblem ist. Denn das ist es nicht. Eltern sind genauso abhängig von Geräten, wenn nicht sogar noch mehr. Wir haben versucht, es sehr ausgewogen darzustellen, dass wir alle, jung und alt, komplizierte, herausfordernde Beziehungen zu unseren Tech-Geräten haben.

Es gibt eine Szene im Film, direkt nachdem Bonnie mit Online-Mobbing in Kontakt kommt und ihre Mutter mit ihr darüber spricht. Wir haben mit Expert*innen darüber gesprochen, uns beraten lassen, wie Eltern in solch einer Situation vorgehen sollen, was sie sagen sollen.
Es gab dann auch eine Version, in der Bonnie Lilypad direkt wieder an sich nimmt und sich damit beschäftigt. Für die Story brauchten wir diese Beschäftigung auch, Lilypad muss mitgenommen werden. Wir waren uns aber einig, dass ein Kind nach solch einem Erlebnis nicht sofort wieder das Gerät in die Hand nehmen würde. Deswegen ist es in dem Fall logischer, dass ihre Mutter das Lilypad mitnimmt.

Wir haben auch viel damit herumexperimentiert, was Lilly eigentlich kann und was sie nicht kann. Sie ist ja sehr eigenständig in ihren Handlungen, aber was sie wirklich für Bonnie tun kann, ist sehr limitiert. Es war ein sehr langer Prozess, bis wir bei dieser Fassung gelandet sind.

Ich finde es extrem wichtig, dass wir mehr über Tech im Kinderzimmer sprechen und freue mich daher sehr, dass Toy Story 5 diese Diskussion nun mitvorantreibt.
Lindsey Collins: Es geht auch nicht darum, nur darüber zu reden, sondern tatsächlich auch eigene Worte dafür zu finden. Es soll eben nicht nur darum gehen, pessimistisch auf diese Entwicklung zu schauen und alles zu verbieten, sondern wieder ins Gespräch miteinander darüber zu kommen, wie man seine Phantasie und Vorstellungskraft einsetzen kann. Denkt doch mal daran, wie viel ihr lernt, wenn ihr spielt, was da alles möglich ist. Daran zu erinnern, ist wichtiger als immer nur Sachen zu verbieten und zu sagen: Tech ist schlecht.
Wir haben das absichtlich so geschrieben, dass Menschen erkennen können, dass das Gegengift zu all dem Virtuellen, zu all dem Tech, die eigene Vorstellungskraft, das Spielen und die Phantasie ist. Wenn man sieht, wie Bonnie und Blaze sich mithilfe ihrer Phantasie Welten erschaffen, dann regt das hoffentlich auch viele andere dazu an, mehr zu spielen. Und dann werden die Gespräche doch hoffentlich auch besser, weil sie nicht mehr von Verboten getrieben werden, sondern von einem offenen Dialog und dem Angebot, verschiedene Dinge auszuprobieren.

Gehört es zum Erwachsenwerden dazu, dass wir irgendwann die Spielzeuge aus der Hand legen? Oder könnten wir für immer spielen?
Pete Docter: Ich glaube, niemand musst allen Spaß aufgeben. Wenn man das will, ergeben sich hier und da doch immer die Gelegenheit zum Spielen. Unsere Vorstellungskraft ist doch immer bei uns, unsere Phantasie verlässt uns ja nicht. Wir sind nur selbst dafür verantwortlich, sie auch zu benutzen. Ich selbst kenne das auch, dass ich mich aktiv der Versuchung, nach meinem Smartphone zu greifen, widersetzen muss. Dabei ist es ziemlich cool, einfach nur dazusitzen und seinen Gedanken nachzuhängen.
Lindsey Collins: Ich glaube, wir zwei sind auch der beste Beweis dafür, was passieren kann, wenn man den Großteil des Tages auch als Erwachsene einfach spielen und frei denken kann. Wir sind umgeben von Menschen, denen es genauso geht, die wollen alle spielen. Für uns ist das unser Job und deswegen können wir nur raten: Macht einfach mit. Macht eure eigenen Filme.

„Toy Story 5“ läuft ab 23. Juli in den Kinos. Ich wünsche euch, neben dem absoluten Spaß, den dieser Film macht, auch viele schöne Gespräche im Nachgang über das Gesehene. Bei mir zuhause hat er tatsächlich länger nachgehallt. Bei mir vor allem, weil ich besser reflektieren konnte, wie sich das für Kinder eben auch anfühlt, wenn sie kein eigenes technisches Gerät haben, über das sie frei verfügen können. Ich finde es großartig, wenn Filme sowas auslösen können und einem eben einen ganz neuen Blickwinkel bieten.
Mich interessiert total, wie ihr das mit dem Medienkonsum handhabt, deswegen, schreibt mir gern.

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