Nikolaus Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz

Nikolaus Benda: „Wir alle dürfen uns selbst verwirklichen, haben unsere Sehnsüchte.“

In das Interview mit Nikolaus Benda bin ich mit einem Versprecher gestartet. Ich habe ihn nämlich fragen wollen, was er an seiner Figur Jonas mag, habe stattdessen aber gefragt, was er an Nick mag. Das sorgte für einige Irritationen, die ich am Ende tatsächlich auch fürs Interview genutzt habe. Denn wie selten loben wir uns eigentlich selbst? Vermutlich viel zu wenig. Dabei, so sagt Nikolaus Benda es ja selbst, ist es total wichtig, sich nicht zu vergessen.

Grund fürs Gespräch waren die beiden neuen Folgen „Merz gegen Merz“, die ihr ab sofort in Web & App vom ZDF schauen könnt. Aber erst, nachdem ihr mehr über Nikolaus, Männlichkeitsbilder und Trennungen erfahren habt, ok?

Was magst du an Jonas?

Nikolaus Benda: Ich finde, Jonas ist ein sehr loyaler, humorvoller Typ. Der stürzt sich in Sachen rein, ohne sie bis zu Ende zu denken. Das ist nicht immer von Erfolg gekrönt, aber es hat zumindest eine Lebendigkeit, die ich schätze. Ich freue mich immer, Jonas zu begegnen, weil er für Überraschungen gut ist. Jonas ist mit vollem Herz dabei, mit dem kann man Pferde stehlen gehen. Ist er der durchdachteste und reflektierteste? Sicherlich nicht. Aber er ist auch nicht dumm. Er ist einfach jemand, der ein bisschen mehr im Moment lebt als andere. Ich finde das sehr sympathisch.

Aber spannend ist ja, dass extrem viele Frauen in Filmen so dargestellt werden und das dann nicht unbedingt sympathisch ist.

Ich empfinde es als Bereicherung, dass es jetzt auch mal ein Mann ist. Ralf Husmann hat diese Figur so mehrdeutig geschrieben, und ich bin dankbar, dass ich Jonas spielen darf.

Ich bin in meiner Karriere schon einigen Figuren begegnet, die in diese Richtung gehen oder zumindest Anlagen davon haben. Vor Jahren hatte ich mal eine Art Initiationsmoment bei „Cyrano de Bergerac“. Ich habe Christian gespielt, den besten Freund von Cyrano, aber auch seinen Gegenspieler. Denn Cyrano ist nicht gerade ein ansehnlicher Typ, der hat keinen Erfolg bei Frauen, ist aber sehr belesen, kann gute Texte schreiben. Christian ist das Gegenteil. Der sieht gut aus, ist aber literarisch überhaupt nicht begabt. Die beiden schließen sich zusammen, der eine gibt seine Literaturfähigkeiten und sein Talent, Texte zu schreiben, dazu, der andere das gute Aussehen. Das führt dann zum Erfolg bei Frauen, ist aber natürlich auch zum Scheitern verurteilt.

Mir hat diese Figur viel Freude gemacht, weil sie mir den Freiraum gegeben hat, jemanden zu spielen, der eben nicht der Schlauste ist, der eher unterschätzt wird. Das empfinde ich bei Jonas auch so. In diese Freiräume kann man dann ja ganz viel reinmogeln. Ich bediene die Oberfläche, aber durch die Hintertür zeige ich, dass der gar nicht doof ist, dass der unerwartete Seiten an sich hat. Wer ständig unterschätzt wird, hat die Chance, alle zu überraschen.

Nikoluas Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz
© ZDF/ Brendan Uffelmann

Ich sehe deinen Punkt, und gleichzeitig finde ich es interessant, dass man einer männlichen Figur diese Mehrdeutigkeit zutraut, Frauen aber nicht. Eine Frau in deiner Rolle wäre in den meisten Fällen einfach nur etwas dümmlich, schlicht, tumb.

Mir ist bewusst, dass ich hier aus der privilegierten Situation eines Mannes spreche. Es gibt mittlerweile einige tolle Gegenbeispiele, aber du hast Recht, das Narrativ, aus dem wir kommen, da ist noch ganz viel Luft nach oben.

Ich versuche, vielleicht auch dank meines Alters, in Rollen eine Sensibilität einzubringen und ein anderes Männlichkeitsbild mitzuprägen. Das ist nicht immer offensichtlich, wirkt manchmal wie ein Zufall, aber ich nutze das strategisch. Ich möchte, dass Männer gezeigt werden, die Emotionen zulassen, die sich selbst gut kennen, die mit Sensibilität in vielen Situationen agieren.

Mein Jonas ist ja auch ein Gegenpol zu Erik Merz, der Figur von Christoph Maria Herbst. Der macht ganz andere Sprüche, steht ganz anders da. Aber du hast Recht, für Männer ist es sehr viel einfacher. Eine Frau muss immer unter Beweis stellen, was sie kann, während Männer das ganz nonchalant einfließen lassen.

Ich finde es wichtig, das in den Fokus zu rücken, damit Menschen für solche Themen sensibilisiert werden. So wie du ja auch sagst, es braucht unterschiedliche Männlichkeitsbilder. Du hast gesagt, du hast mehrere Rollen in diese Richtung gespielt, macht das was mit dir? Wünschst du dir das anders?

Ich finde es schwierig, wenn Menschen mich mit einer Figur verwechseln, die ich spiele. Aber ich arbeite in verschiedenen Segmenten, komme vom Theater und spiele da auch viel. Das hat mich sehr geprägt und auch sozialisiert.

Am Theater spiele ich ganz andere Figuren als im Film oder Fernsehen, werde da ganz anders besetzt. Ich bin sehr privilegiert, kann mir, was ich beim einen vermisse, beim anderen holen und so auf Wechselwirkungen vertrauen.

Natürlich habe ich viele Sehnsüchte und Wünsche, es gibt Sachen, die ich sehr gern ausprobieren möchte. Ich will nicht klagen, dass nicht alles klappt, weil mir vieles so viel Spaß macht. Ich wurde in meiner Anfangsphase öfter in eine Schublade gesteckt. Ich habe mich da sehr gegen gesträubt und kann sagen, dass ich in meiner Laufbahn bisher zum Glück sehr diverse Rollen spielen durfte.

Nikolaus Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz
© Jeanne Degraa

Und welche Rolle würdest du gern spielen?

Ich habe ganz viele tolle Ideen von Rollen, die ich im Moment noch nicht spiele. Es gibt so viel Schönes, das wird aber noch kommen, wenn die Zeit reif ist. Ich kann das nicht herbeizwingen.

Bei Jonas war das übrigens auch so. Als ich die Einladung zum Casting bekommen habe, habe ich gedacht, dass die eigentlich jemand ganz anderen suchen. Jemanden, der mindestens zehn Jahre jünger ist als ich, einen jungen Liebhaber für die Anne Merz, die Rolle von Annette Frier. Ich habe mich sofort für zu alt gehalten, habe aber trotzdem ein Castingvideo aufgenommen, in dem ich einfach Spaß hatte, auch getanzt habe. Und dann hat das geklappt.

Sie haben also etwas in mir gesehen, das auch eine Möglichkeit war, wie dieser Jonas sein könnte. Über die letzten Filme ist zwischen den beiden Figuren Anne und Jonas auch eine Beziehung gewachsen, die über eine kurze Affäre hinausgeht. Zu sehen, dass das möglich ist, dass ich es geschafft habe, gegen die ursprüngliche Idee anzuspielen, das macht mich stolz.

Nikolaus Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz
© ZDF/ Brendan Uffelmann

Du spielst Jonas aber auch jünger, als du im wahren Leben bist. Denn in der Realität trennen Annette Frier und dich gar nicht so viele Jahre, wie es bei „Merz gegen Merz“ den Anschein hat.

Das stimmt. Ich habe meine Figur über die Folgen ja auch besser kennengelernt und betrachte sie jetzt aus einem gewissen Blickwinkel. Jonas ist schon sehr berufsjugendlich, das bietet auch viel Comedy und darum geht es natürlich auch. Ich habe großen Spaß daran, dieses Junggebliebene zu spielen, vielleicht, weil das auch in Facetten in mir selbst angelegt ist.

Wie verlieren wir diese Jugend in uns denn nicht?

Ich glaube, das hat was mit Beweglichkeit, mit Offenheit und mit einer Neugierde zu tun. Neugierde darauf, immer weiterzukommen, weiterzulernen, offen zu sein für Neues. Schauen, was um einen herum und in der Welt geschieht und sich dazu in Beziehung zu setzen.

Das hat vermutlich auch mit meinem eigenen Werdegang und meinen Kindern zu tun. Ich bin mit 22 zum ersten Mal Vater geworden, mitten im Studium. Ich bin mit meinem Sohn ein stückweit mitgewachsen, sicher auch aus einer Überforderung heraus. Und ich habe das immer als eine Chance gesehen.

Meiner Tochter, die heute 17 ist, höre ich sehr genau zu. Ich will wissen, was sie zu sagen hat, lerne so viel von ihr und bewundere, wie sie durch ihr Leben geht. Hinzuhören, was junge Menschen zu sagen haben, wie sie die Welt sehen, wie sie auf uns blicken und sich dazu in Beziehung zu setzen, das hält selbst jung.

Ich war Dozent für Schauspiel an der Hochschule in Leipzig. Beim Unterrichten habe ich gemerkt, dass ich an einem ganz anderen Punkt im Leben bin als meine Schüler*innen und dass ich das auch ausfüllen muss. Ich muss mich einerseits abgrenzen, aber ich muss auch zuhören können, um etwas von der Welt mitzubekommen.

Nikolaus Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz
© ZDF/ Brendan Uffelmann

Bei „Merz gegen Merz“ ist Trennung immer mal wieder ein Thema. Wie trennt man sich gut?

Das ist eine sehr gute Frage.

Ich weiß es nicht und kann auch keine Ratschläge geben. Ich glaube, man kann sich nur gut trennen, wenn man gut miteinander ist. Ich habe mal gelesen, dass der Mensch, mit dem man zusammen ist, in dem Moment genau der Richtige für einen in dem jeweiligen Leben ist. Negative Menschen würden sagen: Man bekommt, was man verdient, aber man darf das ja auch positiv sehen.

An einem bestimmten Punkt im Leben wollte man mit diesem Menschen zusammen sein und hat sich dann innerhalb der Beziehung weiterentwickelt. Es gibt wie bei einer Acht immer wieder Auseinandersetzungen und ein Zusammenfinden, mal ist es ganz toll, mal kracht es. Wenn man entscheidet, dass man sich trennen möchte, dann muss das in erster Linie eine emotionale Trennung sein. Nur so kann das eigene Leben weitergehen. Dafür muss man loslassen können, auch all die schwierigen, herausfordernden Sachen in der Beziehung, die zur Trennung geführt haben. Und man muss akzeptieren, dass man trotzdem verbunden bleibt. Gerade wenn es Familie, Kinder gibt, dann ist das schwierig, da prasselt viel auf einen ein und ändert das Leben komplett. Aus genau diesem Grund muss man eben gut miteinander sein.

Man muss verstehen, dass man sich selbst und auch dem Gegenüber zugestehen muss, sich weiterentwickeln zu wollen. Wir alle dürfen uns selbst verwirklichen, haben unsere Sehnsüchte. Wenn man es schafft, die gemeinsam anzugehen, ist das ideal. Und wenn nicht, dann ist es nur fair, an einem Punkt zu erkennen: Wir können diesen Weg nicht mehr als Liebespaar weitergehen. Aber wir bleiben eine Einheit, weil wir zusammen so viel erlebt haben, weil wir Kinder haben, weil wir uns haben.

Ich erlebe allerdings, dass die meisten Paare eher darin verhaftet sind, sich gegenseitig zu beschuldigen. Sie befreien sich nicht, sondern bleiben verhaftet in ihren Problemen. Das kann dann keine gute Trennung werden.

Nikolaus Benda im Interview mit Andrea Zschocher zu Merz gegen Merz
© ZDF/ Brendan Uffelmann

Was du gerade beschrieben hast, trifft auch auf die Trennung von den eigenen Eltern zu. Und setzt gleichzeitig voraus, dass man gut zu sich selbst ist. Wie kann man das denn sein?

Annehmen und Verzeihen spielen da eine ganz große Rolle. In meinem Beruf ist das ja noch mal ein spezielleres Thema. Wir haben ja „nur“ uns selbst, was gleichzeitig ganz schön viel ist. Wir werden immer mit uns selbst konfrontiert, mit dem, was uns zugeschrieben wird, wofür wir kritisiert werden. Wir können uns nicht so weit distanzieren, wie andere Berufe das können.

Deswegen ist es wichtig, zu lernen, sich zu verzeihen. Man scheitert nicht, nur weil man einen gewissen Punkt nicht erreicht hat. Es ist okay, wenn Dinge nicht klappen. Wenn man mal ein Casting vergeigt, eine Vorstellung, eine Begegnung mit jemandem oder einen Konflikt mit der Partnerin. Sich dann selbst zu sagen, dass das auch okay ist, dass es kein Weltuntergang ist, ist ein erster Schritt. Natürlich fühlt sich das doof an. Aber es ist nicht das Ende.

Das Scheitern ins Leben zu integrieren, zu erkennen, dass das nicht per se schlimm ist, ist wichtig. Scheitern macht uns menschlich, es bildet unseren Charakter. Wir sollten nicht alle negativen Gefühle von uns wegschieben, sondern das, was uns an uns nicht so gut gefällt, annehmen lernen.

Am Anfang habe ich dich gefragt, was du an Jonas gern magst. Weil es so viel schwerer ist, sich selbst zu loben, möchte ich jetzt noch wissen, was du an dir selbst magst.

Das ist eine wirklich schwere Frage. Über Figuren redet es sich viel einfacher.

[Er überlegt] Ich mag an Nick, dass er ganz viel Energie hat. Ich mag seinen Humor. Und ich merke, dass ich das Gefühl habe, dass das eitel klingen könnte. Aber die Sachen kann ich so stehen lassen.

Deine Frage ist spannend, weil wir uns selbst so oft bekritteln, uns sagen, was wir nicht gut gemacht haben. Aber ganz frei sagen: „Das war gut“ , das machen wir viel zu selten. Dabei müssen wir all die guten Sachen doch mitnehmen für die Zeiten, in denen es nicht so läuft. Wir sollten uns selbst und unser Leben mehr feiern.

„Merz gegen Merz Geständnisse“ könnt ihr heute um 20:15 im ZDF und jederzeit in Web & App vom ZDF schauen. „Merz gegen Merz Entscheidungen“ findet ihr ebenfalls schon jetzt in Web & App vom ZDF, ausgestrahlt wird der Film erst am 20. August um 20:15 Uhr im ZDF.


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