Das Interview mit David Brizzi hätte ruhig noch länger dauern können. Weil man mit ihm so schön über all die Themen unserer Zeit sprechen kann. KI, Androiden, mögliche Zukunftssorgen und das Vermissen von echtem Kontakt in Zeiten möglicher Einsamkeit. Ganz schön viel für ein Interview? Vielleicht. Aber gleichzeitig alles Themen, die in David Brizzis neuer Serie „Stardust Hotel“ auch vorkommen.
In der spielt David den Androiden Adam, der einen Ticken zu menschlich wird, sich vor Updates fürchtet und der sich, wie wir alle, Gemeinschaft wünscht. Die Serie könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek streamen.
Was ist dir in Hotels wichtig?
David Brizzi: Sauberkeit. Ein schönes Bad, eine gute Dusche. Und, dass die Kissen nicht zu weich und nicht zu groß sind. Ich bekomme manchmal Nackenschmerzen, wenn die nicht so sind. Das wären meine Non-Negotiables, wenn es um Hotels geht. Allerdings weiß man im Vorhinein ja nicht, was man bekommt, deswegen fühlen sich Hotelbesuche manchmal ein bisschen wie Lotto spielen an.
Könntest du dir vorstellen, dass du als Gast im „Stardust Hotel“ einchecken würdest?
Auf jeden Fall. Ich wüsste allerdings nicht, wie ich diese Erfahrung dann im Nachhinein finde. Der Ausblick, den das Hotel auf die Erde bietet, der ist natürlich ein Alleinstellungsmerkmal, für das ich in der Zukunft, in der die Serie spielt, sicher zahlen würde.
Am Set waren all diese tollen Räume, da hat das Setdesign wirklich tolle Arbeit geleistet. Mein liebster Ort war das große Bullauge, in das man sich hineinsetzen konnte. Nia sitzt da in einer Einstellung drin und ich dachte mir: Dafür würde ich in dem Hotel nächtigen. Das ist wunderschön. Es hat mich an meine Kindheit erinnert, wenn ich mit meinen Eltern ins Aquarium gegangen bin und durch diese Bullaugen die Fische beobachten konnte.

Und was glaubst du, was wäre dein Highlight im Stardust Hotel, abgesehen vom Ausblick?
Vermutlich wäre es die Crew. Jeder und jede Einzelne ist auf ihre Art und Weise ganz besonders, auch was den Service angeht. Das ist doch total spannend.
Wenn wir überlegen, dass es die Erde dann in ihrer jetzigen Form ja nicht mehr gibt, dann ist das in die Jahre gekommene Grand Hotel mit seinen staubigen Kerzenleuchtern und dem ganzen Interieur, das wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben, mein Highlight. Für meinen Adam ist das ja auch so. Seine Begeisterung dafür kann ich schon sehr gut nachvollziehen.
Ich finde spannend, dass auch in der Zukunft Menschen das Highlight sind. Weil wir aktuell als Gesellschaft eher an Objekten interessiert sind als am Austausch miteinander.
Das Gefühl habe ich auch. Viele von uns isolieren sich, sind einsam und erleben Gemeinschaft nicht mehr. Dabei ist das unser Sinn. Wir sind so abhängig voneinander. In uns allen steckt der Wunsch, Teil von etwas zu sein. Wir wünschen uns eine Gruppe, in der wir uns aufgehoben fühlen.
Ich glaube, Social Media und das Internet spielen eine große Rolle bei dieser Entwicklung. Deswegen habe ich die Crew erwähnt. Wie toll ist das, in ein Hotel zu kommen und eine Crew zu erleben, die sich wie Familie anfühlt? Das wünschen wir uns doch alle.
Ich fürchte, in der Zukunft könnte die Einsamkeit noch weiter zunehmen, wenn wir als Gesellschaft nicht langsam die Kurve bekommen.
Ich glaube auch, dass es in der Zukunft härter werden wird, weil es ja auch immer mehr Möglichkeiten gibt, die Zeit virtuell totzuschlagen und sich einsam zu fühlen. Wir werden vermutlich noch mehr Medien konsumieren, mit unserem Smartphone in der Virtual Reality abhängen und uns weiter und weiter isolieren.
Wir bewegen uns im Geist in anderen Welten, aber unser Körper ist ja immer noch in der Realität. Diese Diskrepanz auszuhalten, das wird hart. Aber vielleicht kriegen wir ja auch noch die Kurve. Ich möchte optimistisch bleiben.
Wie stehst du denn zu Social Media? Ich weiß aus Interviews, dass es für viele Schauspielende ein zweischneidiges Schwert ist, weil man die Arbeit schon teilen möchte, aber nicht sein Privatleben. Und generell auch unterschiedlich gern Zeit auf den Plattformen verbringt.
Das sehe ich genauso. Ich versuche, möglichst wenig von mir preiszugeben und Social Media nur beruflich zu nutzen. Und ehrlich gesagt fällt mir das wahnsinnig schwer. Nicht, weil ich Schauspieler bin, sondern weil mich als Mensch das ganze Konzept nicht überzeugt. Wir vergleichen uns dadurch permanent.
Für Schauspieler*innen ist es vielleicht noch mal schwieriger, wir leben ja schon in dieser verrückten Welt, aber auch bei uns wird jetzt nach Followerinnen geschaut. Als ich mal für eine internationale Produktion ein Casting gemacht habe, bekam ich eine Mappe mit der Szene, die ich aufnehmen sollte. Da stand auch, wer mitspielt, und bei zwei Schauspielerinnen stand an erster Stelle, wie viele Instagram-Follower*innen sie haben.
Mich schockiert das, ich möchte nicht, dass das die Richtung ist, in die dieser Beruf sich entwickelt. Deswegen kann der Gegenentwurf ja sein, wieder analoger zu leben oder das Smartphone nur dann zu nutzen, wenn man es wirklich braucht. Und nicht ständig Content zu konsumieren. Ich merke auch, dass es Phasen gibt, in denen ich das mehr tue, und dann stelle ich mir eine Sperre ein. Das ist doch erschreckend, dass ich als Erwachsener das brauche, weil ich es allein nicht schaffe. Weil ich mich, wie so viele andere, davon ablenken lasse, statt Dinge zu tun, die mir wirklich was bringen für mein Leben.
Ich will mich doch lieber mit Leuten treffen, mich austauschen, Kaffee trinken, statt aufs Handy zu starren.

Ich habe gerade erst bei einer Veranstaltung wieder festgestellt, wie sehr Menschen an ihrem Handy kleben, statt sich miteinander zu unterhalten. Ich habe Sorge, dass wir verlernen, uns miteinander auseinanderzusetzen, wenn alle nur am Smartphone kleben.
Ich glaube auch, dass man seine Sozialkompetenzen verliert, wenn man die ganze Zeit nur ins Handy guckt, um sich den Content anderer Menschen anzuschauen. Warum schaut man nicht einfach auf die, die direkt in der Nähe sind, in der Bahn, im Café, in der Schlange an der Kasse? Es ist doch absurd.
Du spielst einen Androiden. Wie stehst du eigentlich zum Thema KI-Schauspielende?
Beim Thema KI gibt es ja ganz viel Schwarzmalerei, die auch ihre Berechtigung hat. Es wird in ganz vielen Berufsgruppen zu Umwälzungen kommen. Bei der Schauspielerei kann ich mir aber durchaus vorstellen, dass die Leute wieder analoger werden, dass sie sich erinnern, dass man früher Filme mit echten Menschen gemacht hat, die echte Emotionen transportiert haben. Ich glaube, dass das bleibt. Vielleicht ist es dann eher die Ausnahme als die Regel, aber das Schauspiel mit echten Menschen wird nicht verschwinden.
Ich glaube, dass wir immer den Wunsch haben, Menschliches zu sehen. Das macht uns als Gattung doch auch aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die lieber dauerhaft in artifizielle Gesichter schauen, sich artifizielle Emotionen angucken, als das Echte.
Hast du Angst, dass du in der Zukunft vielleicht einen neuen Beruf ergreifen musst?
Angst ist kein guter Berater. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es meinen Beruf dauerhaft nicht mehr gibt. Und wenn keine Filme mehr mit echten Menschen gedreht werden, dann gibt es immer noch das Theater. Das wird die KI nicht können. Ich glaube, Theater bleibt auf ewig Theater.
Ich bin kein Fan von Schwarzmalerei, ich muss mich mit deiner Frage natürlich beschäftigen, muss Augen und Ohren offen halten und schauen, was passiert. Aber es bringt doch nichts, wenn ich mich jetzt verrückt mache. Ich kann doch nicht darauf hinarbeiten, dass ich irgendwann den Job wechseln muss. Ich liebe meinen Beruf, ich will ihn so lange es geht ausleben. Wenn ich Angst bekomme, dann hat die KI doch gewonnen!
Angst war vielleicht auch das falsche Wort, Sorge trifft es eher. Und ich habe auch weniger Sorge, dass ihr Schauspielenden ersetzt werdet, sondern eher, dass Drehbücher immer schlechter werden, weil sie mit der KI hingerotzt werden. Die Emotionen in der Tiefe spüren, wie wir Menschen das tun, das kann KI gar nicht.
Ich bin kein KI-Experte, deswegen kann ich nur aus meiner persönlichen Sicht darauf antworten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die KI irgendwann auf dem Level von Shakespeare ist.

Wie spielt man einen Androiden?
Ich wollte am Anfang den Begriff Android erst mal besser verstehen und habe mich da belesen. Es handelt sich um eine künstliche Lebensform, was mich erst mal fasziniert hat. Daran konnte ich anknüpfen, denn auch wenn er kein Mensch ist, ist es eine Lebensform.
In den Drehbüchern habe ich dann gelesen, wie er sich, obwohl er ja schon sehr menschlich ist, immer weiter weg vom Roboter bewegt. Adam ist ein Service-Roboter, der Concierge im Grand Hotel. Er kann also mit Menschen umgehen, ist darauf programmiert und dafür gebaut worden. Weil er immer menschlicher wird, habe ich darauf geachtet, dass seine Bewegungen roboterähnlich bleiben. Da war ich sehr präzise. Menschliche Bewegung ist nicht immer zielgerichtet, Adams schon. Auch seine Physis ist nicht menschlich, er steht ganz anders, als Menschen es oft tun.
Die Emotionalität, die er entwickelt, dass er von den Emotionen seines Gegenübers auch überfordert ist, das hat mir beim Spielen am meisten Spaß gemacht. Das ist so ein schöner Widerspruch. Ich spiele eigentlich jemanden, der einen Menschen spielt. Seine Bewegungen unterscheiden sich manchmal von unseren, er nimmt Sachen anders auf, ist meist schneller als die Menschen.
Adam befindet sich auf seinem eigenen Weg zu einer Art Menschwerdung, aber ich möchte nichts spoilern.

Es gibt eine Szene, in der Nia Adam zwingen will, ein Update zu machen. Da mochte ich seine Cheekiness schon sehr, denn das war sehr menschlich. Er entdeckt Emotionen an sich, dabei ist er dafür eigentlich gar nicht gemacht.
Ganz genau. Er erforscht sich da auch und testet sich aus. Ich fand auch von Anfang an spannend, dass Adam eigentlich ein überholtes Modell ist, eine Maschine auf dem Abstellgleis. Denn das Grand Hotel ist ja seit Ewigkeiten schlecht besucht und total heruntergekommen.
Und doch entdeckt Adam das Lernen für sich. Ich habe Adam so angelegt, dass er erkennt, dass da noch mehr sein könnte. Deswegen findet er die Menschen so spannend und ist so stolz darauf, dass er menschlicher ist als andere Androiden. Und deswegen hat er Angst vor einem Update.
Adam liebt seinen Beruf, aber er hat auch verstanden, dass da noch ein bisschen mehr ist. Das gilt ja auch für uns Menschen. Das Leben ist nicht nur Arbeit, es ist auch stehen bleiben und eine Blume anschauen, die Sonne auf der Haut spüren, das Meer rauschen hören. All diese Wunder, die wir erleben und als alltäglich hinnehmen.
Apropos Wunder, vom Stardust Hotel kann man nur noch auf die Erde herunterschauen. Was glaubst du, was würdest du am meisten vermissen, wenn die Erde nicht mehr bewohnt wird?
Auf jeden Fall das Essen. Wer das Essen in der Zukunft sieht, der weiß, dass wir es mal besser hatten. Diese fürchterlichen Cubes, die sind noch schlimmer als Astronautenessen, meinem Gefühl nach. Wenn das die kulinarische Zukunft ist, dann gute Nacht.
Ich wüsste gar nicht, was ich da bestellen soll, weil alles gleich aussieht. Und dann beißt du rein und es schmeckt immer genau nach dieser einen Sache. Dann beißt du in den Cube mit Vanillepudding-Geschmack und dann in den mit Schokosoßen-Geschmack. Das nutzt sich doch sehr schnell ab und wir würden allein durchs Essen als Spezies vermutlich kollektiv depressiv werden.
Hast du als David die Cubes am Set denn mal probiert? Denn Adam isst ja nichts.
Nein, tatsächlich nicht. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, aber ich konnte mir vorstellen, wie es schmeckt, und das hat mir gereicht. Es sieht toll aus, die Ausstattung hat da einen wirklich grandiosen Job gemacht. Allein schon die Idee, Essen so darzustellen. Aber austesten wollte ich es nicht.
Ich mag das an Adam übrigens sehr, dass er auch mal ein Glas in der Hand hat, mit anderen anstößt. Aber er trinkt ja nie davon. Er ist dabei, setzt sich gern dazu, aber er kann mit diesen menschlichen Dingen ja nichts anfangen. Er würde in einem Restaurant wahrscheinlich auch zu Messer und Gabel greifen, aber dann einfach nichts essen.

Ich finde das aber eine gute Charaktereigenschaft. Denn er kommt sich nicht fehl am Platz vor. Er hat auch wenig Angst vor Fehlern, er macht einfach.
Adam hat nur Angst um seine Gäste. Er will, dass sich die Leute gut aufgehoben fühlen. Er hat keine Scham, für ihn ist alles selbstverständlich. Er versucht wie eine Maschine, Sachen zu lernen. Und Lernen heißt immer auch Fehler machen.
Er hat davor aber keine Angst. Er ist nicht perfektionistisch.
Menschen streben nach Perfektion, die sie vielleicht nie erreichen können. Wir streben nach besser, schneller, perfekter, schöner. Das hat es vielleicht auch schon immer gegeben. Das ist wahnsinnig anstrengend, auch, weil man immer hinfallen wird. Und dann wieder aufstehen muss. Wir vergessen nur, dass das Leben weitergeht, wenn wir hingefallen sind.
Die Serie „Stardust Hotel“ könnt ihr ab sofort in der ARD Mediathek streamen. Am 12. Juni laufen die Folgen auch auf ONE, wenn ihr sie lieber linear im Fernsehen schauen wollt.
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