Nancy Mac Granaky-Quaye im Interview zu "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" mit Andrea Zschocher

Nancy Mac Granaky-Quaye: „Wer sich in einem vorgefestigten Rahmen bewegt, geht kein Risiko ein. Man entwickelt dann aber auch kein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, Grenzen zu überschreiten.“

Wie oft habt ihr über die Kunst, die in Museen ausgestellt wird nachgedacht? Ich muss sagen, ich beschäftige mich erst seit wenigen Jahren mit der Frage, wem die Kunst darin eigentlich gehört und wie sie in deutschen Museen gelandet ist. Deswegen finde ich einen Kinderfilm, der sich AUCH damit beschäftigt, sehr wertvoll. Und keine Sorge, eben weil es ein Kinderfilm ist, ist der Zugang zum Thema niedrigschwellig genug und der Film gleichzeitig für alle Altersgruppen auch unterhaltsam. „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ ist ja keine Doku, sondern eben ein Kinderfilm, der direkt mehrere wichtige Themen beleuchtet.

Mit der Regisseurin Nancy Mac Granaky-Quaye habe ich nicht nur über den Film und Museen gesprochen, sondern auch über Freundschaft und Repräsentanz im (Kinder)film. So wichtige Themen, für die ich Nancy Mac Granaky-Quaye sehr dankbar bin.

Museen und Restitution sind große Themen in „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“. Wie blickst du auf Museen?

Nancy Mac Granaky-Quaye: Wenn ich an einem fremden Ort bin, gehe ich sehr gerne in Museen, um die Kultur des Landes kennenzulernen, aber auch in Deutschland besuche ich Museen. Seitdem ich den Film gemacht habe, habe ich mich aber noch mal ganz anders mit dem Thema auseinandergesetzt. Wir wissen, dass es in vielen europäischen Museen, Magazine gibt, in denen „Cultural Belongings“ aus allen möglichen Ländern lagern und die für die Allgemeinheit nicht zugänglich sind. Und auch nicht für die Menschen aus den Herkunftsländern der Werke. Kaum jemand scheint davon zu wissen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, verstehe ich die Diskussionen oft nicht. Denn wenn die Kunst geraubt wurde, warum geben wir sie nicht zurück? Sie gehört uns ja nicht.

Ich befürchte, das liegt daran, dass diese Rückgaben einem Eingeständnis gleichkommen würden, dass Unrecht geschehen ist. Wer die Ausstellungsstücke besitzt, hat auch die Deutungshoheit über die Geschichte. Und wahrscheinlich geht es auch ganz profan darum, Dinge zu „besitzen“. Oft wird behauptet, dass es in den Herkunftsländern der Cultural Belongings keine angemessen ausgestatteten Museen geben würde, dass die Kunst nicht sachgerecht gelagert werden kann.

Nancy Mac Granaky-Quaye im Interview zu "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" mit Andrea Zschocher
© Steffen Junghans

Ich hoffe, dass meine Frage nicht unsensibel ist, aber: Du bist eine POC und hast einen Film gemacht, in dem Gott sei Dank eine POC die Hauptdarstellerin ist, zu einem Thema, das viele Kulturen beschäftigt. Ich freue mich, dass du diesen Film gemacht hast, aber ich frage mich: Warum musstest denn gerade du ihn machen? Ich habe leider oft das Gefühl, dass Betroffene auch noch Aufklärung betreiben müssen, obwohl das meiner Meinung nach andere übernehmen sollten, damit wir einander zur Seite stehen.

In der Schwarzen Community wird oft kritisiert, dass wir per se die Expert*innen für Themen wie Rassismus usf. sein müssen. Ich möchte mir aber gerne aussuchen, ob ich mich zu einem Thema äußere oder nicht. Viel zu oft werden wir in Schubladen gesteckt. Häufig bekomme ich Stoffe mit Schwarzen Hauptfiguren angeboten. Einerseits freue ich mich sehr darüber, weil ich Sichtbarkeit wichtig finde und mich in den Themen meist wiederfinde.

Und andererseits denke ich manchmal: Ich bin doch Deutsche. Ich bin in Deutschland geboren, bin deutsch sozialisiert. Meine Mutter ist weiß, mein Vater war die Hälfte meines Lebens gar nicht da. Ich habe diese andere Hautfarbe und vielleicht auch wegen meines Vaters eine besondere Verbindung nach Ghana. Aber ich kann doch genauso Geschichten mit weißen Menschen inszenieren. Ich bin doch mehr als meine Hautfarbe.

Ich finde diese Schubladen schrecklich, weil sie so einengen. Wir alle dürfen doch größer werden, als wir im Moment sind. Du willst ja vielleicht, auch wenn das gar nichts Schlimmes wäre, nicht dein ganzes Leben Kinderfilme machen, nur weil du es jetzt gerade so gut machst.

Das klingt schön, „größer werden, als wir sind“. Wir haben als Menschen viel mehr Fantasie, als wir manchmal glauben. Wir können alles imaginieren, auch Dinge, die erstmal unmöglich scheinen. Wir müssen uns doch fragen, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln wollen. Welche Möglichkeiten gibt es, außer immer weiter nach rechts zu gehen und unseren Frust auf andere zu projizieren? Wie gleichen wir soziale Ungerechtigkeiten aus, damit wir friedlich zusammenleben können? Wir können doch nicht immer nur alles aussitzen.

Hast du eine Antwort auf die Frage, warum manche Menschen lieber in dieser mentalen Box bleiben, statt sich größer zu denken? Warum manchen die Fantasie fehlt?

Ich glaube, es ist eine Art Sicherheitsdenken. Wer sich in einem vorgefestigten Rahmen bewegt, geht kein Risiko ein. Man entwickelt dann aber auch kein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, Grenzen zu überschreiten. Nicht zu wissen, was jenseits einer Grenze ist, kann sich auch bedrohlich anfühlen. Vielleicht stürze ich ab? Einen Schritt weiterzugehen, erfordert Mut. Und ich möchte auch nicht unerwähnt lassen, dass Algorithmen unser Denken sicherlich auch dahingehend beeinflussen, nicht zu sehr von bestimmten Mustern abzuweichen.

Dein Film vermittelt schon auch Mut. Für wen machst du Kinderfilme?

Ich mache Kinderfilme in erster Linie für Kinder, aber ich freue mich auch, wenn die Eltern der Kinder im Kino auf ihre Kosten kommen. Und dann mache ich Kinderfilme auch für mein jüngeres Ich. Als ich Kind war, gab es solche Filme nicht.

Ich gehe sehr intuitiv ans Filmemachen heran und Humor ist für mich eine Waffe gegen Gleichmacherei und Engstirnigkeit. Ich würde mir große Sorgen machen, wenn nicht mehr gelacht werden dürfte. Bei der Inszenierung des Polizisten-Duos aus Anna Mateur und Julian Janssen war es eine kleine Gratwanderung, weil sie schließlich eine Staatsgewalt repräsentieren. Ein bisschen habe ich dabei Charly Chaplins Humor oder auch den Slapstick von Screwballkomödien im Hinterkopf gehabt.

Nancy Mac Granaky-Quaye im Interview zu "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" mit Andrea Zschocher
© Steffen Junghans

Ich fand insbesondere den Konflikt und die Annäherung zwischen dem Vater, gespielt von Malick Bauer, und dem Großvater, gespielt von Komi Mizrajim Togbonou, sehr wichtig.

Familiäre Konflikte für Kinder verständlich darzustellen, finde ich wichtig. 

Bis zum Start der Dreharbeiten haben wir an der Szene gefeilt, in der Vater und Sohn sich aussprechen, weil sie einer der emotionalen Höhepunkte war. Nach den Proben im Vorfeld haben Malick Bauer, Komi Mizrajim Togbonou und ich weiter intensive Gespräche geführt. Wir haben uns dem, was es am Ende geworden ist, sehr langsam angenähert. Während des Drehs waren das Team und ich so gerührt, dass die ein oder andere Träne vergossen wurde.

Die Szene reißt mir beim Schauen immer wieder den Boden unter den Füßen weg. Ich weine da jedes Mal, weil da auch für mich ganz viel Persönliches drinsteckt. Ich sehe da auch meine Geschichte.

Warum werden Migrationsgeschichten eigentlich so selten in Kinderfilmen erzählt?

Gute Frage, denn 31,1 % der Deutschen haben eine internationale Geschichte. Es gibt so viele Geschichten, die wir erzählen könnten, die noch auf uns warten. Es ist doch super spannend. Wir können so viel voneinander lernen, unseren Horizont erweitern. Ich hoffe sehr, dass da mehr investiert wird, damit wir viel mehr solcher Geschichten sehen.

In unserer Crew gab es auch mehrere Kolleg*innen, die erzählten, dass unsere Geschichte sie an die eigene Familiengeschichte erinnert hat. Viele dieser Erzählungen sind universell und das zeigt doch nur, wie sehr wir uns auch darüber miteinander verbinden können.

Dein Film zeigt, dass Johanna ihre Freund*innen braucht, weil sie es allein gar nicht schaffen würde. Was macht eine gute Freundschaft aus?

Wenn man lange nicht miteinander gesprochen hat, fühlt es sich so an, als seien nur fünf Minuten vergangen, statt mehrerer Monate. Niemand macht der anderen Person Vorwürfe.

Gute Freund*innen können wirklich alles miteinander besprechen, es gibt keine Tabus und man wird auch nicht verurteilt. Sie sind füreinander da, unterstützen, helfen, sprechen gut zu, wenn man das gerade braucht. Und gleichzeitig kann man viel Spaß miteinander haben und miteinander lachen.

Nancy Mac Granaky-Quaye im Interview zu "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" mit Andrea Zschocher
© Francis Oghuma

Wie findet man so gute Freund*innen?

Gegensätze ziehen sich an, aber wenn man spürt, dass die andere Person die gleichen Fragen, ähnliche Interessen und Probleme hat, hilft das vielleicht.

Ich habe meine engsten Freund*innen noch aus der Schulzeit. Wir haben uns damals gefunden.

Im Film gibt es eine Szene, die zu meiner Kindheit auf jeden Fall in Mobbing geendet wäre. In deinem Film wird das ganz anders gelöst. Wie gut, dass sich auch dieses Narrativ endlich ändert.

Ich möchte, dass die Zuschauenden am Ende mit einem guten Gefühl aus dem Film gehen. Deswegen wollte ich auch nicht, dass jemand ausgeschlossen wird. Mir hat mal jemand gesagt, dass es wichtig ist, die Tür immer angelehnt zu lassen. Die Tür sollte nie zugeschlagen werden, sondern immer noch einen Spalt offenstehen, damit es dann irgendwann den Moment gibt, an dem man vielleicht wieder zusammenfindet und einander vergeben kann.

Was wünschst du dir für „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“?

Gerade läuft er auf vielen Festivals, wir sind aktuell in Deutschland und Europa unterwegs. Ich wünsche mir, dass der Film noch weiter ins Ausland reist, vielleicht nach Frankreich, vielleicht auch auf den afrikanischen Kontinent. Ein Traum wäre, dass der Film in Ländern gespielt wird, die vom Kolonialismus betroffen waren. Mich würde interessieren, wie er dort gesehen wird.

„Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ könnt ihr ab 29. Oktober im Kino anschauen. Ich bin mir sicher, dass auch ihr Erwachsenen dabei noch etwas lernen könnt.

Das Interview mit Julian Janssen zum Film findet ihr ebenfalls auf meiner Seite.


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