Maxim Mehmet im Interview mit Andrea Zschocher

Maxim Mehmet: „Das Wichtigste sollte es sein, die Person so zu nehmen, wie sie ist“

Natürlich wollte ich mit Maxim Mehmet über seine Rolle Henk Cassens in „Friesland“ sprechen. Immerhin feiert diese Serie mit „Schiffe schrotten“ aktuell Jubiläum. Aber irgendwie sind wir dann relativ schnell bei Themen wie Beziehung, den anderen verändern wollen und Streitkompetenzen gelandet.

Wie siehts denn da bei euch aus? Kennt ihr den Wunsch, euren Partner, eure Partnerin manchmal verändern zu wollen? Und wenn ja, wie geht ihr damit um?

Maxim, was hast du in all deinen Jahren bei „Friesland“ über Leer und die Umgebung gelernt?

Maxim Mehmet: Ich habe die Gegend und die Leeraner lieben gelernt. Ich musste mich an den Wind gewöhnen, weil es da ständig zieht, egal zu welcher Jahreszeit. Am Ende eines Drehtags bin ich manchmal komplett fertig. Mit dem Wind werde ich mich wahrscheinlich nie so ganz anfreunden können. Und ich mag es auch hügeliger, das Land ist mir ein bisschen zu flach. Aber abgesehen davon habe ich die Gegend sehr ins Herz geschlossen.

Kommst du denn gut mit diesem eher Eigenbrötlerischen klar? Dieses eher wenig und gleichzeitig dadurch ganz viel sagen?

Ich finde das einen sehr guten Charakterzug. Manchmal würde ich mir da gern etwas abgucken, weil ich doch eher zu viel als zu wenig rede. [Er lacht]

Aber ich kann gar nicht bestätigen, dass die Leute dort wirklich so kurz angebunden sind. Sie haben sicher eine gewisse Art von Humor, der eher trocken ist und gut zur Serie passt. Aber die Menschen, die ich getroffen habe, die verhalten sich auch nicht wie in der Bierwerbung, die verständigen sich mit mehr als nur Nicken.

Maxim Mehmet im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Willi Weber

Ich frage mich gerade, wollen wir situativ nicht immer das sein, was wir gerade selbst nicht sind?

Ja, wahrscheinlich. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Ich mag das sehr an Henk Cassens, dass er sich nicht so viele Gedanken macht. Der hat eigentlich ein ganz gutes Selbstbewusstsein und macht sich wenig Gedanken um viele Dinge. Er ist zufrieden mit dem, was er hat und wie er ist. So wäre ich schon manchmal auch ganz gern, denn im wahren Leben bin ich anders. Da ist das Spielen dieser Rolle dann wie Ferien von mir selbst.

Das ist bei dem Partner, der Partnerin, die man fürs Leben wählt, ja auch so. Da wählt man manchmal das Gegenteil von sich selbst und das macht einen dann nach einiger Zeit wahnsinnig. Da steht man dann da und fragt sich: Wieso bist du so ganz anders als ich? Genau das ist dann ja aber die Herausforderung, dass man nicht versucht, den anderen zu ändern, sondern zu erkennen, dass das gar nicht so schlecht ist, dass wir so unterschiedlich sind.

Ich kenne das schon auch, dass ich mich manchmal frage: Wie sind wir in Beziehungen oder auch Freundschaften denn hier hingekommen? Ich glaube nur, dass es wichtig ist, das dem Anderen nicht zum Vorwurf zu machen. Denn der war im Zweifelsfall ja schon immer so.

Genau das. Man hat es am Anfang anders gesehen. Ich habe beim Coaching gelernt, dass es drei Phasen der Beziehung gibt. Erst ist man verknallt und alles brennt. Jede Emotion läuft auf 120 %. Dann kommt die Phase, wo man sich fragt, warum der Partner, die Partnerin so anders ist, als man selbst gedacht hat. Und in der dritten Phase versucht man, sein Gegenüber aktiv im eigenen Sinne zu verändern. Das ist doch bezeichnend, oder?

Ich gebe dir recht, das Wichtigste sollte es sein, die Person so zu nehmen, wie sie ist. Das ist nicht immer einfach, aber es ist die Grundvoraussetzung, wenn man es schaffen will, zusammenzubleiben.

Maxim Mehmet im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Marius Becker

Vielleicht hilft es, wenn man es schafft, sich Auszeiten für sich selbst zu nehmen. Weil einem dann wieder bewusst wird, dass man genau diese Beziehung, diesen Menschen und auch das Familienleben ja genauso wollte.

Auf jeden Fall. Ich empfinde die Drehzeit tatsächlich auch als eine Auszeit. Die Arbeit kommt dann zu Hause. Meine Frau hat definitiv den schwereren Part. Sie muss den Laden hier am Laufen halten, während für mich beim Film alles organisiert wird. Da wird mir gesagt, wann ich wo sein muss, sogar meine Abholung und auch das Essen wird organisiert. Ich muss vielleicht mal ein Müsli fürs Wochenende kaufen, aber das war’s dann auch. Es ist ein extremer Unterschied zwischen Drehalltag und Familienleben.

Brauchst du diesen Ausgleich, dass beides möglich ist? Oder könntest du auch nur noch Familie leben?

Diese Frage könnte meine Frau wahrscheinlich besser beantworten. Aber ich kann sagen, dass sie nach einer bestimmten Zeit schon sagt, dass ich unausstehlich werde, ganz gereizt. Dann schlägt sie auch vor, dass ich mal wieder arbeiten sollte. [Er lacht]

Ich selbst merke das nicht so sehr, nur, dass mir meine Arbeit fehlt. Aber das vor allem, weil sie mir so viel Spaß macht. Ich verbringe die Zeit, die ich zu Hause bin, sehr gern und intensiv mit meiner Familie. Und dann drehe ich seit diesem Jahr vier Folgen im Jahr „Friesland“. Das sind zweimal je ca. zehn Wochen. Ich bin also ungefähr fünf Monate im Jahr gar nicht zu Hause. Da sehe ich das schon als meine Aufgabe, den Anschluss an meine Kinder, meine Familie nicht zu verlieren. Das bedeutet: Wenn ich da bin, dann versuche  ich das so auch zu genießen. 

In meiner Recherche habe ich in Zusammenhang mit „Friesland“ mehrfach das Wort „Schmunzelkrimi“ gelesen, was ich vorher gar nicht kannte. Wie guckst du auf diesen Begriff?

Ich finde es bedauerlich, dass man unser Format in so eine Kategorie miteinbezieht. Ich verstehe schon, was gemeint ist, aber ich finde den Begriff nicht gut und eher fehlgeleitet. Im besten Fall bieten wir doch eine gute Mischung aus Krimi und gutem Humor, der aus der Situation heraus entsteht. Wir alle sind mit einer großen Ernsthaftigkeit dabei, da ist gar nichts aufgesetzt.

Wir kennen uns alle inzwischen schon sehr gut und sind da eingespielt miteinander, natürlich können wir uns da Bälle zuwerfen. Das ist doch etwas Tolles.

Vielleicht hilft es Zuschauern dabei, einzuordnen, was sie da zu sehen bekommen. Dass sie wissen, das wird kein Sonntagabend-Hardcore-Krimi, keine schwere Kost, kein Weltuntergang. Bei uns gibt es gute Unterhaltung.

Mich erinnert diese Diskussion an die über Hoch- und Unterhaltungsliteratur. Da denke ich mir immer: Ist doch egal, Hauptsache, die Leute lesen. Ich finde das sehr irritierend, dass so viel bewertet und gelabelt wird, wenn es doch darum geht, dass Menschen sich mit Themen beschäftigen.

Ja, das stimmt. Zumal „Friesland“ jetzt auch schon recht lange Bestand hat. Ich weiß nicht, ob da wirklich noch viele Leute neu dazukommen, nur aufgrund einer willkürlich vergebenen Kategorie. Wir haben eine tolle, große Fanbase und die schalten ein, ob da nun Schmunzelkrimi drübersteht oder nicht. Ich halte das also nicht unbedingt für notwendig, solch eine Einordnung zu geben.

Maxim Mehmet im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF/Michael Kötschau

Was wünscht du dir für Henk für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass er in viele konfliktreiche Situationen kommt. Denn auch wenn ich die Produzentin davon unbedingt ausnehmen möchte, scheinen einige Verantwortliche manchmal an diesem Schmunzelkrimi-Thema zu hängen. Und da sind Konflikte zwischen den Figuren in der Story nicht so gern gesehen. Angeblich würde das Leute beunruhigen, die würden sich dann beim Schauen nicht so wohlfühlen. Dabei ist doch das Gegenteil der Fall. Eine Geschichte wird doch dann spannend und lustig wenn es unterschiedliche Haltungen gibt und man diese dann miteinander austrägt.

Deswegen wünsche ich mir als Schauspieler, dass es mehr Konflikte in der Geschichte gibt. Jetzt in der Jubiläumsfolge gibt es das zwischen meiner Kollegin Süher [gespielt von Sophie Dal] und mir, und mich freut das. Auch, weil ich das einen sehr nachvollziehbaren Konflikt finde, bei dem man beide Seiten so gut verstehen kann. Da kann man dabei zusehen, wie sie damit umgehen und sich am Ende freuen, wenn die Kollegen sich wieder versöhnen. Insofern wünsche ich mir mehr gut motivierte Streitthemen für Henk für die Zukunft.

Während ich dir zugehört habe, denke ich: Vielleicht ist das ja auch ein Problem in unserer Zeit. Wenn wir anderen nicht mehr beim Streiten zuschauen, verlernen wir vielleicht selbst auch immer mehr, mit Konflikten umzugehen und konstruktive Lösungen zu finden.

Da könntest du recht haben. Darum gehen Leute ja ins Theater. Das gibt es, seit Menschen denken können, und hier werden schon immer gesellschaftliche Themen gespiegelt. Da lernen wir zwangsweise Konfrontation und Kommunikation. Es ist also durchaus ein Modell zu sagen: Ich schaue zu, wie die anderen das machen!

Aber vielleicht ist der Ansatz auch ein bisschen zu didaktisch? [Er überlegt]

Menschen wollen zugucken und etwas für sich mitnehmen, aber sie wollen auch unterhalten werden. Überleg mal: Dostojewski ist hoch unterhaltsam, und trotzdem ist das, was da erzählt wird, zutiefst wahr und menschlich. Vielleicht sollten wir dieser Art, Geschichten zu erzählen, mehr nacheifern.

Ihr könnt Maxim Mehmet in seiner Rolle als Henk Cassens am 11. März 2026, 20:15 Uhr im ZDF in „Friesland: Schiffe schrotten“ erleben. Alternativ könnt ihr diese und weitere Folgen von Friesland jederzeit in Web & App des ZDF anschauen.


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