Leonard Kunz im Interview zu "Adams Acht" mit Andrea Zschocher

Leonard Kunz: „Es geht um Zusammenhalt, Ehrgeiz und darum, was möglich wird, wenn Menschen anfangen, füreinander zu kämpfen“

„Adams Acht“ ist einer dieser Filme, der einen mitreißt, selbst wenn man vom Rudersport gar keine Ahnung hat. Weil nicht nur die wahre Geschichte des Ratzeburger Ruderclubs und Karl Adams so beeindruckend ist, sondern weil es um Träume, Zusammenhalt und Teamgeist geht. Und, weil dieser Film durchaus eine Parabel auf unsere heutige Zeit ist.

Mit Leonard Kunz, der im Film Manfred Rulffs spielt, einen Ruderer, der es nicht immer leicht hatte, habe ich nicht nur über seine Figur gesprochen, sondern auch über Lektionen in Demut, Vorbereitung auf die Rolle und wieso man immer an sich selbst glauben sollte.

Was magst du an deiner Figur?

Leonard Kunz: Manfred Rulffs ist eine Legende im deutschen Rudersport und ich bin wirklich dankbar, dass ich ihn spielen konnte. Mich macht das persönlich stolz, dass ich jemanden spielen darf, der im echten Leben so viel geleistet hat, der von ganz unten kam. Es ist ein Privileg, einen Olympiasieger zu spielen. Ich habe immer davon geträumt, dass ich mal einen Leistungssportler spielen kann und dass es jetzt Manfred Rulffs ist, ist eine besondere Ehre.

Warum ist es so eine große Ehre?

Er gibt, gemeinsam mit Moritz [gespielt von Nick Romeo Reimann], absolut alles dafür, dass dieses Team gewinnt. Manfred Rulffs kommt aus bitterarmen Verhältnissen und sieht in Karl Adam eine Vaterfigur. Die fehlt ihm zuhause. Da gibt es vier Schwestern, um die er sich kümmern musste, weil der Vater gestorben ist und die Mutter eigene Probleme hat. Das wird im Film nicht gezeigt, aber für mich war das wichtig. Als Schauspieler denke ich das in meinem Spiel ja mit.

Im Gespräch mit den Töchtern von Manfred Rulffs habe ich noch vieles über ihn erfahren, über seine Verzweiflung. Er wollte seine Familie stolz machen, das war sein Antrieb. Er wird von Moritz von Groddeck gepiesackt, aber ich glaube, das war auch, um alles aus ihm rauszuholen. Aber er vertraut ihm auch, er weiß, dass sie sich gegenseitig brauchen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen und die besten der Besten zu werden.

Es ist doch interessant, dass die acht Menschen, die da in diesem Boot sitzen, alles dafür tun, als Mannschaft Erfolg zu haben. Es gibt beim Rudern keinen Solopreis. Egal wie unterschiedlich die waren, wie sehr sie sich vielleicht auch gehasst haben, sie haben all die Wut als Energie benutzt, um ihren Traum, bei Olympia zu rudern, zu leben. Am Ende kanalisiert sich alles in diese Höchstleistung.

Ich habe nach den Dreharbeiten noch mal länger darüber nachgedacht, dass da acht Männer zusammen in einem Boot sitzen und wie eine Maschine funktionieren müssen. Sowas gibt es in kaum einer anderen Sportart. Stell dir doch mal vor, bei der Tour de France würden alle auf Tandems fahren, ein Tandem pro Mannschaft. Das ist unvorstellbar.

Es gab so ein großes Vertrauen zwischen denen, so viel Konzentration. Das [Ruder]blatt musste bei allen gleichzeitig ins Wasser eintreten. Natürlich ecken die auch mal aneinander. Im Film zeigen wir da wenig von, aber das gehört dazu.

Leonard Kunz im Interview zu "Adams Acht" mit Andrea Zschocher
© Majestic

Und sie packen das alles beim Rudern zur Seite, weil sie ein gemeinsames Ziel haben. Was für ein Idealbild für eine Gesellschaft.

Genau darum geht’s. Wir sitzen alle in einem Boot. Das macht den Film ja auch so aktuell. Wir sehen in „Adams Acht“ acht junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Alle wissen: Wir schaffen es nur gemeinsam. Wir sitzen alle in einem Boot. Das Bild lässt sich auf die Gesellschaft übertragen. Wir zeigen Deutschland, wir zeigen Verhältnisse zwischen Ost und West, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir zeigen, dass es funktionieren kann, wenn alle das gleiche Ziel haben. Wir alle wollen das Beste für dieses Land, dann müssen wir auch erkennen, dass das nur gemeinsam geht.

Aber vielleicht ist es einfacher zu wissen, was das Ziel ist, wenn man zusammen in einem Ruderboot sitzt? Haben wir vielleicht in Deutschland gar kein gemeinsames Ziel mehr?

Im Film sage ich: „Ich rudere nicht für Deutschland. Ich rudere für Karl, ich rudere für meine Mutter, ich rudere für unsere Mannschaft und für mich.“ Was aus diesen acht Ruderern schließlich als Mannschaft entsteht, ist zu einem großen Teil Karl Adam zu verdanken. Er schafft es, dass wir an etwas glauben, das vorher unmöglich schien. Und genau dieser gemeinsame Glaube schweißt uns zusammen.

Wir haben mit dem Film ja auch gerade den Publikumspreis auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gewonnen. Das hat mich total gefreut. Mich haben auch die Reaktionen im Publikum sehr gefreut. Denn obwohl die Menschen ja wissen, dass Adams Acht gewinnen, fieberten sie mit, haben nach dem ersten Rennen applaudiert. Zu erleben, dass ein Film sowas schafft, das macht mich stolz.

Es gibt auch gar nicht so viele Sportlerfilme in Deutschland. Ich liebe diese Art von Filmen und bin deswegen total gespannt darauf, wie der Film aufgenommen wird, auch in der Welt. Denn wie viele Filme gibt es über den Rudersport?

Leonard Kunz im Interview zu "Adams Acht" mit Andrea Zschocher
© Majestic

Euer Film ist wirklich einer der wenigen, der auch etwas für den Rudersport tun könnten.

In anderen Ländern, Kanada oder England, ist Rudern so viel größer als in Deutschland. In den USA ist es ein Nationalsport. Ich bin gespannt, wie Ruderer weltweit auf das, was wir da spielen, gucken werden.

Wie hast du dich rudertechnisch auf die Rolle vorbereitet? Ich nehme mal an, dass du vorher nicht rudern konntest.

Ich hatte drei Monate Rudertraining. Und ich muss schon sagen, dass es ein Glück war, dass ich die Zeit dafür hatte. Klar ist es auch immer eine Frage davon, wie viel man in eine Rolle geben möchte. Aber es war immer mein Wunsch, einen Leistungssportler zu spielen, deswegen habe ich das möglich gemacht. Und möglich machen bedeutet, dass ich fünf bis sechs Mal die Woche trainiert habe. Ich habe mir dazu auch einen Personal Coach geholt, denn ich hatte die Statur nicht, ich hatte auch das Gleichgewicht nicht.

Es braucht unfassbar viel Konzentration um zu rudern. Dass es am Ende so gut geklappt hat, liegt auch daran, dass ich immer daran geglaubt habe, dass ich es schaffen kann. Denn das ist alles nicht so leicht. Du fängst zu dritt auf dem Ruderboot an, dann zu zweit und irgendwann sitzt du alleine im Boot. Das ist das Schwerste, weil man ein unglaublich gutes Gleichgewicht braucht. Das Boot ist extrem leicht und reagiert auf jede noch so kleine Bewegung.

Es war auch eine Lektion in Demut, denn vor einer Ferienschülergruppe Dreizehnjähriger vom Wannseer Ruderclub ins Wasser zu fallen, ist keine Freude. Es gehört dazu. Und Dranbleiben gehört auch dazu, an sich selbst zu glauben.

Ich habe beim Rudern gelernt, dass das Boot deine Stimmung unmittelbar spiegelt. Wenn du nicht bei dir bist oder mit den Gedanken woanders, merkst du das sofort. Die Schläge sitzen nicht mehr, das Boot wird unruhig – und im schlimmsten Fall landest du im Wasser.

Nick hat das mal so schön formuliert: Wenn du einen Fehlschlag hast und darüber nachdenkst, wie du den nächsten besser hinbekommst, hilft dir das nicht. Und wenn du einen super Schlag gemacht hast und von dir selbst begeistert bist und glaubst, der nächste wird genauso gut, dann wird es auch nichts. Man muss immer genau in dem Moment sein, in dem man ist. Schlag für Schlag, Sekunde für Sekunde. Nur darauf kannst du dich konzentrieren. Man darf nicht abschweifen. Man muss auch akzeptieren, wenn die Tagesverfassung nicht so gut ist. Es ist, wie es ist. Sich zu ärgern oder zu verkrampfen hilft nichts. In Überheblichkeit zu verharren auch nicht.

Leonard Kunz im Interview zu "Adams Acht" mit Andrea Zschocher
© Majestic/Wanda Dujour

Was hast du denn von den Ruderern gelernt, die mit dir im Boot saßen?

Sehr viel. Sie wussten, wie man rudert, hatten aber wenig Erfahrungen mit Schauspiel. Bei mir war das umgedreht. Sie haben uns alle mittrainiert, weil wir eine Gruppe werden wollten. Till Neumann, der in der Mitte des Bootes saß, hat uns sehr viel geholfen. Der hat uns immer wieder zu Pausen gezwungen, auch wenn wir dachten, wir bräuchten keine.

Man ist beim Rudern die ganze Zeit so hochkonzentriert und spürt einen wahnsinnigen Druck. An den Rudertagen, an denen wir die Szenen gedreht haben, habe ich nicht ans Spielen gedacht. Da war mein Gedanke immer nur: Hoffentlich macht meine Hand die richtige Bewegung. Ich hoffe, es sieht so aus, wie es aussehen muss.

Und natürlich gibt es Druck von der Produktion. Ich hatte das Gefühl, dass mir da nicht so viel Vertrauen geschenkt wurde, was mir dann zusätzlichen Druck macht. Aber ich habe an mich und das Team geglaubt. Deswegen bin ich jetzt auch so stolz auf das, was wir geschaffen haben.

Woher kam der Druck denn?

Der kam aus verschiedenen Richtungen. Aber du musst dir vorstellen, dass wir ja auch mit dem Originalboot, in dem sie Europameister geworden sind, gedreht haben. Ich hatte Sorge, dass da etwas kaputt gehen könnte. Ich wollte da kein Loch rein machen und hatte Angst, dass die Winde nicht mehr funktioniert.

Und das Budget vom Film war jetzt auch nicht so groß.

Wenn ich dir so zuhöre, dann erkenne ich aber durchaus Parallelen zwischen dir und deiner Figur.

Natürlich! Er will, dass alle stolz auf ihn sind und ich will das auch!

Dieser Film war eine Chance für mich. Wann kriegt man denn das Angebot, so eine Rolle zu spielen? Natürlich gebe ich als Schauspieler, dessen größter Wunsch es ist, mal so einen Sportler zu spielen, alles. Ich habe da meine Kraft komplett reingegeben.

Hätte ich mich da so reinhängen müssen? Vielleicht nicht. Ich habe da viel mit Nick drüber gesprochen. Wir hätten ja nicht mit den Ruderern abhängen müssen, wir hätten uns zurückziehen können und die Gruppe machen lassen, was sie machen sollten. Aber wir beide wollten, dass das funktioniert und haben deswegen auch nach den Dreharbeiten, wenn wir eigentlich total erschöpft waren, noch Leute miteinander verbunden. Es ist ja auch selten, dass sich die Schauspielenden am Set alle so gut miteinander verstehen. Das haben wir schon wirklich gut gemacht. Und ich muss sagen, für mich war der ganze Dreh eben auch eine Erfahrung in Demut.

Leonard Kunz im Interview zu "Adams Acht" mit Andrea Zschocher
© Majestic

Was bedeutet Demut für dich?

Das ist eins der wichtigsten Themen für mich. Demut und Dankbarkeit.

Kannst du dich selbst gut in Filmen sehen? Weil Schauspielende damit ja sehr unterschiedlich umgehen. Manche gucken super kritisch auf sich in Filmen, andere können sich gar nicht ertragen, manche schauen sich gern an. Wie ist es bei dir?

Wenn ich einen Film, in dem ich mitspiele, das erste Mal gucke, dann schaue ich nur danach, ob ich alles richtig gemacht habe.

Aber mittlerweile schaue ich mich wirklich gern an. Ich gucke mir gerne zu, ich lache auch gern über mich. Ich sitze im Kino und finde mich dann manchmal wirklich lustig. Das hat aber gedauert.

Für mich hat sich im letzten Jahr viel verändert. Ich weiß auch, dass ich vor drei oder fünf Jahren anders gespielt habe als heute, diese Entwicklung gehört ja dazu. Deswegen gucke ich liebevoll auf meine älteren Filme und bin stolz auf das, was ich kann.

Es wird auch andere Phasen geben, so ist das eben mit dem Selbstvertrauen. Aber für diesen Film bin ich wahnsinnig stolz auf mich und meine Leistung. Ich wusste, dass wir alle eine gute Leistung gebracht haben, dass wir einen unfassbar tollen Cast haben.

Ich glaube, die Menschen können sich auf einen Film freuen, der weit über den Rudersport hinausgeht. Es geht um Zusammenhalt, Ehrgeiz und darum, was möglich wird, wenn Menschen anfangen, füreinander zu kämpfen. Und trotzdem macht der Film einfach unglaublich viel Spaß und Hoffnung.

„Adams Acht“ läuft ab sofort im Kino. Was Leonard sagt, dass man mitfiebert, obwohl man das Ende doch schon kennt, dem kann ich nur zustimmen. Zusätzlich finde ich die Ost-Westgeschichte auch super spannend. Und außerdem machen die Bilder auch einfach großen Spaß, die Naturaufnahmen sind super gelungen.


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