Doris Dörrie im Interview zu "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Andrea Zschocher

Doris Dörrie: „Es wird uns furchtbar auf die Füße fallen, wenn wir merken: Ich war oft in meiner Lebenszeit gar nicht wirklich anwesend in meinem Leben.“

Ein Interview mit Doris Dörrie ist per se ein Erlebnis, weil sie sich nachdenklich auf Fragen einlässt und gleichzeitig selbst den Austausch sucht. Ich kannte tatsächlich, bevor ich mich mit ihren Filmen beschäftigt habe, ihre Bücher. „Leben Schreiben Atmen„* kann ich euch als Reflexionsübung nur wärmstens ans Herz legen. Und behaltet im Hinterkopf: Es geht nicht darum, das möglichst schnell durchzuarbeiten, sondern als Hilfestellung, im Moment zu bleiben. So jedenfalls habe ich es genutzt.

Im Interview, das wir anlässlich ihres neuen Films „Frau Winkler verlässt das Haus“ geführt haben, sprachen wir auch über genau dieses im Moment sein. Und über KI, über Eltern-Kind-Beziehungen, das Aushalten von Nichtwissen und die Frage, wie wir eigentlich mit dem Alter umgehen. Ich sag ja, das Interview war ein Erlebnis.

Weil die Frage in Ihrem Film vorkommt: Wer sind Sie, wenn niemand zuschaut?

Doris Dörrie: Tja, wenn man das wüsste… Es ist eine ewige Frage. Man kann sehr lange über eine Antwort meditieren und doch keine Antwort finden. Wer sind wir alle wirklich? Das ist eine Frage, die man, glaube ich, nicht beantworten kann.

Und wie halten wir das aus, dass wir diese Antwort nicht haben?

Ich glaube, man kann durch diese Frage sehr gut untersuchen, inwieweit man abhängig von Zuspruch und Anerkennung anderer ist. Man kann sich damit beschäftigen, was das Vergleichen, der Blick von außen mit einem macht. Vielleicht merken wir, dass wir mehr Einsamkeit spüren, als wir zugeben wollen, weil uns nicht genügend Menschen zuschauen. Wir können durch diese eine Nichtantwort sehr viele andere Fragen und Antworten finden.

Ich suche auch Antworten auf die Frage: Warum reden wir so wenig über den Tod?

Wir reden wenig über den Tod, weil wir uns so fürchten. Wir reden über die drei großen Ängste, die wir alle haben, Krankheit, Alter und Tod, aus großer Furcht nicht. Und je weniger wir darüber reden, desto mehr verdrängen wir, desto mehr fürchten wir uns. Aktuell sind wir in der Jugendwahn- und Longevity-Falle gefangen. Da versuchen 20-Jährige schon, das Altern zu verhindern, bevor es überhaupt kommt. Wie groß muss die Angst vorm Alter sein, wenn 20-Jährige sich Botox spritzen lassen?

Wir müssen uns als Gesellschaft auch fragen: Warum ist denn die Angst so groß? Vielleicht hat es damit zu tun, dass alte Menschen so schlecht behandelt werden. Vielleicht haben wir zu Recht Angst davor, zu altern. Dass wir nicht mehr gesehen werden, schlecht versorgt und gepflegt werden, schlecht sterben dürfen. Aber Angst ist kein guter Ratgeber. Je mehr wir die Angst wegdrücken wollen, umso mächtiger wird sie.

Doris Dörrie im Interview zu "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Andrea Zschocher
© Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany/ Mathias Bothor

In „Frau Winkler verlässt das Haus“ geht es auch um selbstbestimmtes Sterben. Die Tochter kann nicht aushalten, dass die Mutter sagt, dass sie ihren Tod bestimmen möchte. Dabei ist das ein großes Geschenk, entscheiden zu dürfen, wann man wie sterben will.

Ich finde, das Recht auf den eigenen Tod sollte ein Menschenrecht sein. In Deutschland haben wir inzwischen die Möglichkeit des assistierten Suizids.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Ich glaube, dass es wirklich schwierig ist, den richtigen Punkt zu finden. Wirklich Abschied zu nehmen und wie Frau Winkler zu sagen: „Auf Wiedersehen Wolken, auf Wiedersehen Himmel, auf Wiedersehen Vögel.“ Sich wirklich bewusst zu machen, dass das das letzte Mal ist, dass man das alles wahrnehmen wird.

Und eine Frage, die mich auch beschäftigt, ist, ob sich Frau Winkler so sehr als Ballast empfindet, dass sie sich genötigt fühlt, zu sterben? Das ist eine schwierige Balance.

Wir können uns den Tod nichts vorstellen, es ist noch niemand zurückgekommen  und hat berichtet, wie das dann so ist, tot zu sein. Wir haben fast alle Angst vorm Sterben.

Die Beziehung zwischen Emi und ihrer Mutter ist nicht frei von Trauma. Und trotzdem dachte ich: Wie schön, dass da jemand ist, der will, dass die Mutter am Leben bleibt. Wieso machen wir uns so selten bewusst, was für ein Geschenk Familie auch sein kann?

Familie bedeutet immer auch Konflikt und Reibung, leider auch oft Gewalt. Aber auch wenn  das nicht so ist, definieren wir uns eher aus einem Mangel heraus, statt aus Reichtum. Familie kann man als Reichtum empfinden, aber wir sind inzwischen so sehr darauf geeicht, immer den Mangel zu suchen, dass wir das nicht sehen. Wir schauen stattdessen lieber, was uns noch fehlt zum Glücklichsein.

Das ist gefährlich, denn dadurch, dass dieses Mangeldenken schon zur Autobahn in unserem Gehirn geworden ist, und wir immer danach schauen, was wir gern noch hätten und angeblich brauchen, sehen wir das Gute nicht mehr. Wir müssten viel mehr üben, das zu sehen.

Doris Dörrie im Interview zu "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Andrea Zschocher
© Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany/ Mathias Bothor

KI spielt in „Frau Winkler verlässt das Haus“ auch eine große Rolle. Ich fand das sehr gut dargestellt, weil sie so viel lebensnaher ist als das, was ich von KI bisher mitbekommen habe.

Die KI wird stündlich schlauer und orientiert sich immer mehr an all dem, was sie über uns weiß. Für mich war eine der Fragen im Film, wie KI uns wirklich unterstützen kann. Ich habe versucht, so neugierig und offen wie möglich damit zu sein und auch wirklich zu gucken: Was hätte es denn für Vorteile, wenn wir mit so einem Roboter zusammenleben, wenn wir alt, allein, einsam, krank sind? Hat das nicht auch was für sich?

Und gleichzeitig wollte ich auch die Gefahren aufzuzeigen. Ich finde es nicht gut, wenn wir KI komplett ablehnen. Sie ist ja schon da und wird immer brisanter. Wir wissen inzwischen, dass KI-Agenten miteinander kommunizieren. Vielleicht stellen die irgendwann fest, dass wir Menschen unnötig sind? Was bedeutet das für uns? Und was passiert, wenn wir anfangen, wie eine KI zu denken? Denn die KI denkt ja immer logisch folgerichtig. Ich merke, dass Menschen sich auch immer öfter fragen: Was ist der Nutzen, was ist der Gewinn, was kommt dabei raus? Aber wir müssen uns doch auch fragen: Was macht uns als Menschen aus?

Was ist Ihre Antwort auf die Frage? Was macht uns aus?

Für mich ist es das Spiel. Sich hochkonzentriert und selbstvergessen im Augenblick aufhalten. Für mich ist Spielen auch die Definition von Glück.

Dass in meinem Film ausgerechnet der Roboter Frau Winkler dazu verhilft zu spielen, kann auch passieren. Es ist ja möglich, dass wir auch mit KI wieder Lebenslust bekommen, obwohl wir schon auf den Tod zugehen. Warum nicht? „Solange wir nicht tot sind, sind wir noch am Leben“, das sagt der Roboter ja auch. Mich interessiert genau diese Ambivalenz der Dinge.

Doris Dörrie im Interview zu "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Andrea Zschocher
© Mathias Bothor

Die Tochter Emi hat wenig Zeit zum Spielen, die befindet sich in der Rush Hour des Lebens und hetzt von Mutter zum Job zur Tochter und hat für nichts so richtig Zeit. Haben Sie einen Rat für Menschen, denen es genauso geht?

Ich kann immer nur zu mehr Faulheit raten. Meine Tochter hat, als sie klein war und aus dem Schulbus stieg, fast ängstlich  gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Weil ich immer Pläne hatte. Was sie aber wirklich wollte, war aber einfach gar nichts mit mir machen. Sie wollte einfach nur auf dem Teppich sitzen und nichts machen. Das habe ich mir damals sehr zu Herzen genommen.

Ich finde, dieses Gar-nichts-Machen, das fehlt uns. Nicht noch gleichzeitig aufs Telefon gucken und Mails checken, während wir eigentlich mit den Kindern auf dem Teppich sitzen sollten. Es ist schwer, sich das zurückzuholen, dieses Gar-nichts-Machen, aber es ist so wichtig. Denn aus diesem vermeintlichen „nichts“ können Dinge erst entstehen.

Wenn wir dauernd irgendwo anders sind – und mit dem Handy sind wir ja auch nicht wirklich anwesend – dann ist die Frage: Wo sind denn die Luftlöcher, in denen Dinge entstehen können?

Ich bin ein großer Verfechter von Langeweile, weil in der Langeweile Dinge entstehen können. Wenn man das immer sofort abschafft und aufs Handy schaut, was soll da passieren?

Und gleichzeitig wird man zur Außenseiterin, wenn man als Einzige nicht aufs Handy schaut. Da kann man mit anderen nicht in Verbindung treten, weil die anderen alle am Handy kleben. Und das ist inzwischen ja in jeder Generation so.

Ich kann da nur Mut zusprechen, es trotzdem zu versuchen. Ich war auch die Außenseiterin, weil wir keinen Fernseher hatten.  Ich habe damals die Fernsehzeitschriften aus dem Altpapier geholt und die Beschreibungen von den Fernsehfilmen und -serien auswendig gelernt. So konnte ich so tun, als hätte ich sie gesehen.

Wer weiß, vielleicht ist die eigene Phantasie auch besser als das, was man hätte sehen können?

Doris Dörrie im Interview zu "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Andrea Zschocher
© Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany/ Mathias Bothor

Der Roboter Pawlowitsch fragt Frau Winkler, wofür sie dankbar ist. Sie antwortet, dass sie dankbar dafür ist, dass er jetzt da ist und sich um sie kümmert. Ich glaube, wir vergessen manchmal, wie dankbar wir für unser Leben sein können. Es fehlt manchmal an Demut, weil wir so viel als so selbstverständlich wahrnehmen.

Der Roboter ist ja auch wirklich schlau. Sie sagt auf seine Frage ja erst: „Wofür soll ich denn dauernd dankbar sein?“ Sie fühlt sich erpresst. Müssen wir dauernd dankbar sein? Und dann sagt er: „Nicht dauernd, sondern immer wieder.“ Was eben bedeutet: Jetzt in diesem Augenblick kann ich dankbar sein, dass der Regen aufgehört hat und die Sonne wieder scheint. Oder auch anders herum. Das sind dann keine großen Dinge.

Aber man kann immer wieder punktuell gucken: Was ist jetzt in diesem Moment etwas, wofür ich dankbar sein könnte? Das addiert sich dann. Das ist auch ein Training, man übt das so lange, bis es ein Automatismus wird und man erkennen kann: Eigentlich ist das hier doch sehr schön.

Sie haben so viel geschaffen, sind extrem erfolgreich als Autorin, Regisseurin, Drehbuchautorin. Gibt es etwas, bei dem Sie sagen: Das möchte ich gerne noch erreichen?

Ich mag dieses Wörtchen „noch“ nicht. Das verbiete ich mir, denn es setzt mich ja sofort wahnsinnig unter Druck. Ich kann nur versuchen, möglichst bei mir zu bleiben und mich dann für das zu entscheiden, was mir wichtig ist.

Ich könnte natürlich sagen, ich möchte gern noch alle Länder Afrikas besuchen oder in die Atacama-Wüste oder in die Antarktis. Wenn ich dann aber jetzt in diesem Moment überlege: Was ist wichtig? Dann ist es all das nicht.

Entschuldigung, es stimmt, „noch“ klingt direkt nach To-do-Liste, worauf meine Frage aber gar nicht abzielte.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ein permanentes Fear of Missing Out (FOMO) unsere Lebensgrundlage ist. Wir leben mit dem Gefühl, wir müssen noch dieses und jenes unbedingt machen, weil wir sonst etwas Wichtiges verpassen.

Die Frage, die viel wichtiger ist, ist: Wann verpassen wir unser Leben? Ich glaube, jeder Blick aufs Telefon ist da eine Gefahr. Diese erschreckende Bilanz der Bildschirmzeit, wo wir uns fragen müssen, wo wir in der Zeit eigentlich wirklich waren? Wir erinnern uns nicht, wo wir in der Zeit waren.

Wir erinnern uns aber gut an  Zeiten, in denen wir nichts gemacht haben, außer vielleicht im Garten gesessen zu haben. Oder in denen wir spazieren gegangen sind. Einen Apfelkuchen gegessen haben. Daran erinnert man sich auch körperlich ganz anders. Dieses Körpergedächtnis ist es, was Erinnerungen ausmacht. An die Zeit, die wir am Handy verbracht haben, haben wir kein Körpergedächtnis.

Ich hoffe, dass wir ein anderes Bewusstsein dafür entwickeln, denn das wird uns sonst furchtbar auf die Füße fallen, wenn wir merken: Ich war oft in meiner Lebenszeit gar nicht wirklich anwesend in meinem Leben.

„Frau Winkler verlässt das Haus“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Ich bin gespannt, welche Fragen der Film bei euch auslöst. Wenn ihr wollt, erzählt mir sehr gern davon.

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