Wie groß ist eure Liebe zum Meer? Ich muss gestehen, dass meine Sehnsucht nach Meer immer extrem groß ist. Ich liebe es zu jeder Jahreszeit, habe aber gleichzeitig auch echt Respekt davor, weil es einfach soooo riesig ist. Laura Dekker kennt sich auf dem Meer sehr viel besser aus als ich, immerhin hat sie als Jüngste die Welt umsegelt und lebt auch heute immernoch auf einem Boot.
Wir haben anlässlich des neuen „Vaiana“ Live Action Films, der ab 9. Juli in allen Kinos zu sehen sein wird, und den ich mir auch UNBEDINGT ansehen will, miteinander gesprochen. Denn Laura ist nicht nur ein Fan von „Vaiana“, sie ist auch genauso abenteuerlustig und mutig wie die Meeresprinzessin.
Siehst du Parallelen zwischen dir und Vaiana?
Laura Dekker: Wir teilen die Liebe zum Ozean.
Als ich „Vaiana“ zusammen mit meiner Schwester und meiner Mutter geschaut habe, hat meine Mama geweint und als ich wissen wollte, was los ist, sagte sie: „Dieses Mädchen ist genau wie du. Sie will einfach raus aufs Meer, will nur weg und die Welt sehen.“
Ich verstehe Vaiana also sehr gut. Sie ist abenteuerlustig, will wissen, was da noch in der Welt ist. In den Punkten sind wir uns sehr ähnlich.

Die meisten Menschen lieben das Meer. Aber unterschätzen wir es nicht auch viel zu oft?
Man muss immer sehr viel Respekt vor dem Ozean haben. Das Schöne an der Natur, am Meer, ist ja, dass der Wind, die Wellen und Strömungen nichts von einem wollen. Die sind so stark, einfach nur für sich.
Egal wie groß dein Boot ist, ob 7, 12 oder 100 m, im Vergleich zum Ozean ist alles klein. Weil das Meer so überwältigend groß ist. Und hier unterwegs zu sein, ist für mich immer etwas Besonderes, weil ich den Wind, die Wellen und Strömungen nutzen kann, um an andere Orte zu segeln, etwas Neues zu entdecken. Ich liebe das mehr als alles andere. Aber ich würde das Meer nie unterschätzen. Manche Menschen behaupten, sie hätten das Meer erobert. Ich glaube nicht, dass es sich überhaupt erobern lässt. Es ist immer eine Zusammenarbeit. Man muss das Meer verstehen und viel Respekt vor ihm haben.
Du bist also dem Meer, der Natur gegenüber eher demütig? Ich finde es wichtig, dass wir uns, wenigstens ab und zu, darauf besinnen, dass es Dinge gibt, die größer sind als wir selbst.
Der Ozean macht mich sehr demütig. Ich liebe das Meer und die Natur genau deswegen auch so sehr. Für mich ist die Natur ein Teil meines Lebens und zwar jeden Tag. Aber Menschen in der Stadt haben das viel weniger, die spüren das nicht so sehr im Alltag. Ich lebe auf einem Schiff, aber wenn ich mal ein paar Tage in einer Wohnung bin, dann wundere ich mich immer, dass ich so wenig vom Wetter mitbekomme. Das irritiert mich.
So viele Menschen kämpfen gegen die Natur, es ist zu viel Sonne, zu viel Wind, zu viel Hitze. Wir vergessen, dass wir immer mit der Natur zusammenarbeiten müssen.
Vaiana und du, ihr folgt beide einem Ruf. Aber was ruft dich denn da, dass du sagst, ich muss in die Welt hinaus?
Ich möchte wissen, was es da draußen noch gibt. Ich möchte entdecken, auch in mir selbst. Meine Weltumsegelung hat viel damit zu tun, mich selbst zu entdecken. Ich wollte wissen, was ich kann, wo meine Grenzen sind. So hat das bei mir angefangen.
Bei Vaiana ist es am Anfang ähnlich, aber sie hat ein Ziel, eine Aufgabe. Die hat sie angenommen, was mich sehr bewegt. Mir ist die Verbindung zur Natur wichtig, aber den Glauben an sich selbst, dass man etwas tun kann, von dem man vorher nicht weiß, ob es wirklich klappt, das ist wirklich mutig. Diese Abenteuerlust in sich zu entdecken, das ist doch schön.

Kann Abenteuerlust nicht auch gefährlich werden?
Ich glaube, Abenteuer wird gefährlich, wenn man nicht mehr über die Konsequenzen nachdenkt. Wenn man Bedenken einfach zur Seite schiebt und keine Angst mehr hat.
Menschen bezeichnen mich immer mal wieder als „fearless“, als angstfrei. Aber das stimmt nicht. I am not fearless! Ich habe ganz viel Angst und das ist auch gut. Wer keine Angst hat, macht sich keine Gedanken. Der überlegt nicht, ob weitermachen oder abbrechen der richtige Schritt ist. Ich wäge immer ab. Natürlich mache ich oft weiter, aber ich kenne die Konsequenzen, denke viel darüber nach.
Was möchtest du Jugendlichen, die dir vielleicht nacheifern wollen, mit auf den Weg geben?
Bleibt bei euch selbst. Das ist das Wichtigste. Social Media hat so einen starken Einfluss auf Jugendliche, genauso wie Eltern, Schule, Freundschaften. Alles prasselt auf die Kinder ein und da man selbst zu bleiben, ist total schwer. Aber achtet darauf, was euer Herz, euer Gefühl euch sagt. Welchen Traum verfolgt ihr?
Darauf zu hören, ist das Wichtigste, denn sonst verliert ihr euch in der Welt. Träume sollten nicht verloren gehen. Dafür muss man sich selbst fühlen, an sich selbst glauben. Und manchmal muss man dafür auch eine Weile weggehen und wieder zu sich selbst finden.
Es ist extrem wichtig zu wissen, dass man Fehler machen kann. Niemand ist perfekt, niemand macht alles richtig. Fehler sind wichtig, um aus ihnen zu lernen. Man muss sich aus der Komfortzone herausbewegen. Be uncomfortable, das wird schon werden.

Warum ist die Angst vor Fehlern so groß?
Angst vor Fehlern behindert das Lernen. Fehler sind doch kein Problem. Wenn man etwas nicht probiert, lernt man gar nichts. Natürlich hat man am Anfang keine Ahnung und macht mehr Fehler. Aber uns von der Angst lähmen zu lassen, behindert, dass wir etwas lernen.
Hattest du, als du allein unterwegs warst, Angst?
Natürlich habe ich Angst gehabt. Ich habe darüber nachgedacht, was ich mache, wenn etwas passiert. Was, wenn mein Ruder kaputtgeht? Was, wenn ich ein Loch ins Schiff bekomme? Über diese Sachen habe ich nachgedacht. Aber auch, weil mir das Sicherheit gegeben hat. Ich wusste, wenn ich diese Szenarien durchgehe, dann weiß ich im Ernstfall, was zu tun ist. Ich habe das Risiko angenommen. Andere wollten weiter zur Schule gehen und lernen, ich wollte machen, was mein Herz mir sagte. Ich bin nur einmal auf dieser Welt, ich wollte von ihr lernen.

Deine Weltumsegelung als jüngste Seglerin aller Zeiten wurde vom Guinness World Records nicht anerkannt. War dir dieser Rekord überhaupt wichtig?
Nein! Hätte ich es deswegen gemacht, hätte ich diese ganze Reise ganz anders gestaltet. Es ging mir immer nur um eine sehr persönliche Reise. Ich wollte mich herausfordern, wollte die Welt und die Menschen kennenlernen. Ich wollte, wie Vaiana, andere Inseln entdecken. Ich wollte wissen, was da draußen alles auf mich wartet, das war mein Grund zu segeln.
Irgendwann sagte jemand zu mir, dass ich die jüngste Weltumseglerin bin. Ich hatte da vorher noch nie an diesen Rekord gedacht. Es wurde wirklich erst dann ein Thema, als ich im Pazifik war und überlegt habe, wo ich hinsegeln will. Ich stand zwischen der Entscheidung, nach Neuseeland zu segeln, wo ich herkomme und unbedingt hinwollte, oder eben die Route weiterzuverfolgen und die Weltreise zu beenden. Da hat der Rekord dann schon eine Rolle gespielt, dass ich eben nicht nach Neuseeland abgebogen bin. Aber es war niemals der Grund, warum ich diese Reise gemacht habe.
Was willst du noch entdecken?
Wir segeln heute mit Kindern und Jugendlichen durch die Welt, ich entdecke also immer noch ganz viel. Ein Ort, den ich gern mit einem eigenen Boot besegeln möchte, ist die Antarktis. Auch Patagonien und Japan reizen mich. Es gibt so viele Orte, an die ich noch segeln will.

Wie stellst du sicher, dass du an den Orten, die du besegelst, die Natur achtest? Denn Reisen, wenn auch vielleicht nicht mit dem Segelboot, ist selten gut für die Umwelt.
Auf einem Schiff lebt man mehr mit der Natur. Wir haben für den Strom Solarpaneele auf dem Schiff, machen unser eigenes Wasser aus dem Salzwasser. Wir sind, wenn du so willst, unsere eigene kleine Insel. Wir versuchen, wenig Müll zu produzieren, weil wir das ja auch so lange mit uns rumschleppen, bis wir wieder an Land sind. Nachhaltig leben, nichts verschwenden, Dinge reparieren, das sind große und wichtige Themen für uns.
Bevor ich etwas kaufe, überlege ich sehr genau, ob wir das wirklich brauchen. Ich will nichts Überflüssiges besitzen, nichts wegschmeißen und dann wieder neu kaufen. Das ist, wenn man so mit der Natur lebt, aber auch einfacher. Denn ich sehe ja, wie viel Müll inzwischen in den Meeren treibt.
Wir sind vor Kurzem von der Karibik zu den Azoren gesegelt und mich hat sehr überrascht, wie viel Müll und Plastik da im Meer treibt. Ich segle seit mehr als 15 Jahren und nehme wahr, wie der Müll immer mehr wird. Wie das Klima sich ändert. Ich sehe die Veränderungen, für mich ist das ein großes Thema.
Macht es dich wütend, diesen Müll zu sehen?
Wütend ist das falsche Wort. Ich finde es beängstigend. Ich fühle mich hilflos. Denn ich verstehe, dass Menschen, die nicht so mit der Natur leben, das unterschätzen. Sie leben ihr Leben und irgendjemand sagt ihnen, dass da draußen auf dem Meer Müll schwimmt. Das hat wenig mit ihrem Alltag zu tun, sie sehen das ja nicht. Da fühlt sich das dann oft wie ein Verbot an, als würde jemand über sie bestimmen. Ich verstehe das.
Deswegen ist wütend auch nicht der richtige Ausdruck. Ich will, dass die Menschen verstehen, dass wir diese Probleme haben, dass es wichtig ist, mehr darauf zu achten, in diesem Moment. Wir müssen die Natur respektieren und uns klarmachen: Am Ende wird die Natur immer gewinnen. Wir sind nicht stärker als die Natur. Statt dagegen anzukämpfen, müssen wir lernen, mit der Natur zusammenzuarbeiten, sie zu unterstützen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir in die richtige Richtung gehen und immer mehr Fortschritte machen.
„Vaiana“ in der Live Action Version läuft ab 09.Juli überall im Kino. Den Animationshit „Vaiana“ und auch „Vaiana 2“ könnt ihr jederzeit bei Disney+ abrufen.

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