Wer an den Alpinisten Simon Messner denkt, kommt vermutlich nicht umhin, auch an seinen Vater, Reinhold Messner zu denken. Den Namen dürften die meisten kennen, was ihr mit ihm verbindet, ist sicher individuell. Deswegen ist „Aus dem Schatten“, der Film, der aktuell in ausgewählten Kinos läuft und in dem ihr Simon nicht nur dabei zuschauen könnt, wie er sich mit seinem Vater auseinander setzt, sondern vor allem mit einer Expedition auf einen Berg, der noch nie bestiegen wurde, so lohnenswert.
Im Interview habe ich Simon Messner als jemanden wahrgenommen, der sehr viel nachdenkt, der neugierig auf die weißen Flecke unserer Weltkarte ist, der aber auch sehr genau weiß, wo er hingehört. Ich sage es ja immer wieder, und auch bei diesem Interview wurde es deutlich: Menschen beim Denken zuzuhören, ist für mich ein absolutes Privileg. Simon Messner lässt euch an seinen Gedanken über Bergsteigen, Ängste und Umkehren teilhaben. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
In „Aus dem Schatten“ heißt es: „Expedition ist 80% akklimatisieren und warten“. Was machst du denn in diesen 80%?
Simon Messner: Wahrscheinlich sind die 80% sogar noch etwas zu tief gestapelt. Dieses Warten macht einen sehr demütig. Denn die Sorgen und Ängste kommen ja nicht, wenn man morgens früh zur Tour aufbricht. Die kommen beim Warten, im Schlafsack im Zelt liegend. Man liefert sich diesen Sorgen und Ängsten aus. Ich finde das eine durchaus heilende Erfahrung.

Und wie sorgst du dafür, dass die Gedanken nicht in die falsche Richtung gehen? Denn wenn du in eine Abwärtsspirale gerätst, dann lähmt das ja.
Das ist eine sehr gute Frage, die aber sehr schwierig zu beantworten ist. Es kann passieren, dass diese Ängste schon vor dem Aufstieg so groß werden, dass man sich gar nicht traut, überhaupt zu starten. Und dann macht es absolut Sinn, und das habe ich über die Jahre auch erst lernen müssen, darauf zu hören und eben nicht loszugehen.
Wir haben ein Bauchgefühl und darauf kann man hören. Beim Bergsteigen geht ganz viel über Erfahrung. Und Erfahrung ist letztlich das Gefühl, das entsteht, weil man über viele Jahre etwas sehr häufig gemacht hat. Darauf kann man vertrauen.
Es hilft, sich gut zu kennen. Und im Vorfeld alle Unsicherheiten so gut wie möglich zu klären. Wenn man vor Ort ist, sollte man im Geiste die Wand, vor der man steht, schon mehrmals durchstiegen haben. Das hilft.

Ist Bergsteigen für dich Therapie?
Für mich ist es ganz eindeutig auch Therapie! Ich habe mich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich glaube, Bergsteiger sind schon sehr spezielle Menschen. Sie sind Suchende, und für den einen oder anderen ist das sicher auch Therapie.
Ich schätze das Gebirge für das, was es ist. Es ist nicht gut oder böse, es ist einfach da. Und es ist dadurch sehr, sehr ehrlich. Um das zu verdeutlichen: Wenn ein Stein herunterfällt, dann ist es meine Entscheidung, ob ich zu dieser Zeit an diesem Ort bin. Ich muss mit den Konsequenzen leben. Für mich ist das etwas sehr Wohltuendes, weil mir vor Augen geführt wird, dass ich für mein Tun verantwortlich bin. Ich muss mit dem leben, was ich entscheide.
Ich will jetzt nicht allen raten, ins Gebirge zu fahren, aber ich habe das Bergsteigen auch nur dadurch gelernt, in dem ich es ausprobiert habe. Ich war am Anfang sehr naiv, habe oft umkehren müssen und das hat mich Demut gelehrt. Und die ist mir geblieben.
Weil du das Umkehren ansprichst: Ich fand es so wichtig, dass im Film gezeigt wird, dass ihr umgedreht seid. Nicht, weil ihr gescheitert seid, sondern weil ihr aktiv die Entscheidung getroffen habt: Das ist zu gefährlich, das ist es nicht wert. So etwas sehen wir heute im Film eigentlich nie und darüber sprechen wir auch wenig.
Danke, dass du das sagst. Ich muss aber gestehen, dass ich schon auch damit gehadert habe. Obwohl es richtig war umzudrehen. Scheitern, umzudrehen, das ist ein Teil des Bergsteigens und der wird wirklich zu selten erzählt.
Gerade bei solchen Expeditionen auf unbestiegene Berge in sehr abgelegenen Gegenden muss man sich vor Augen führen, dass durchschnittlich von drei Versuchen vielleicht einer gelingt. Vielleicht ist die Statistik auch noch krasser.
Deswegen ist es wichtig, dass dieses Umdrehen gezeigt wird. Ich weiß aus der Erfahrung auch, dass man über sich selbst am meisten beim Umdrehen lernt. Aber es ist nicht einfach. Überleg mal: Man hat Wochen an Planung, an Training, an Vorbereitung investiert, natürlich auch gewisse Geldmittel, um dann im schlimmsten Fall 200 m unter so einem hohen Gipfel umzudrehen. Das ist sehr schwierig fürs Ego.
Ich würde nie sagen, es war umsonst, aber gefühlsmäßig war es das schon. Nichts im Leben ist umsonst, aber theoretisch bin ich den langen Weg und dieses Risiko „ganz umsonst“ eingegangen. Und dann erinnere ich mich daran, dass Umdrehen ja nicht bedeutet, dass man aufgibt, es bedeutet, dass man wiederkommen kann.

Und doch nehme ich wahr, dass Umdrehen eher mit Versagen einhergeht. Was überhaupt nicht stimmt. Ich schüttele aber auch den Kopf, wenn ich sehe, wie manche den Berg herunterjoggen, weil es da um Zeiten geht, um Rekorde und höher, schneller, weiter.
Ich staune bei ganz vielen Sportarten, zu denen mir der Bezug fehlt, wie hoch das Niveau da ist. Aber, weil du das Runterjoggen vom Berg ansprichst: Hier in Südtirol geht es selten geradeaus. Meistens geht es entweder nach oben oder nach unten. Ich bin hier aufgewachsen, schon als kleiner Bub musste ich, wenn ich mein Pferd besuchen wollte, ein paar hundert Meter den Berg hoch- oder runterjoggen. Man ist einfach viel schneller dort.
Es ist energetisch übrigens auch sinnvoll den Berg runterzujoggen, weil man viel weniger Kraft braucht. Man muss natürlich abrollen können, man muss seinen Körper gut kennen und trittsicher sein, aber ich finde es schön, wenn ich am Nachmittag noch schnell eine Route klettere und dann vor der Dunkelheit den Berg runterjogge.
Ich staune aber auch über die Schwierigkeiten, die heute geklettert werden. Dabei geht es für mich beim Bergsteigen gar nicht nur darum. Wenn man etwas an Erfahrung gesammelt hat, dann weiß man, dass es an manchen Stellen am Berg wichtig ist, schnell zu sein, weil es sonst gefährlich wird. Davor und danach kann ich rasten, aber wenn ich mich auf bestimmten Abschnitten bewege, dann ist es wichtig, da schnell durch zu kommen. Wer Erfahrung und Kondition hat, der kann Gefahren allein dadurch reduzieren, dass er möglichst wenig Zeit in der Wand verbringt. Genau diese Erfahrung fehlt aber vielen. Die lassen sich dann vielleicht sogar zu viel Zeit.
Nehmen wir mal die Ortler Nordwand, da brauchen Seilschaften oft einen ganzen Tag. Die fangen morgens um 4:00 Uhr an und sind da, bis es dunkel wird. Diese Wand ist aber sehr gefährlich. Da hängt ein riesiger Eisbalkon drüber, der kann in zwei Wochen brechen, nächstes Jahr oder jetzt. Das weiß man nicht. Meiner Meinung nach sollte man da nur klettern, wenn man schnell ist. Am besten ohne Seil, denn die Eiswand ist nicht schwierig, sondern einfach nur lang. Man reduziert die Gefahr um ein Vielfaches, wenn man hier schnell durch ist.

Dein Ziel ist es, das sagst du auch im Film, dahin zu gehen, wo noch nie jemand war. Warum?
Das ist eine gute Frage. Vielleicht steht an erster Stelle gar nicht das Bergsteigen als solches, sondern dieses Abenteuer, etwas zu sehen, was noch nie jemand gesehen hat. Es gibt nur noch ganz, ganz wenige unentdeckte Orte auf unserer Welt . Vor 100 Jahren hatte unsere Weltkarte noch ein paar kleine weiße Flecken mehr. Jetzt ist sie überall erfasst. Wir leben in einem Zeitalter, in der man zu jeder Zeit theoretisch visuell überall sein kann. Vielleicht ist da in mir eine Sehnsucht nach dieser alten Zeit.
Es gab für den Film verschiedene unbestiegene Berge, zwischen denen wir uns entscheiden mussten. Der ausschlaggebende Punkt war für uns, dass es von dem Berg, an dem wir es versucht haben, nur ein einziges Foto gab. Und auch nach dem haben wir lange gesucht. Das hatte einen großen Reiz. Niemand kann es einem abnehmen, dass man da selbst hingehen und sich das anschauen muss.
Und wie stellt ihr sicher, dass ihr den Ort so hinterlasst, wie ihr ihn vorgefunden habt? Denn beim Mount Everest ist das ja kolossal gescheitert. Für die entlegenen Ecken, an denen ihr euch aufhaltet, übernehmt ihr ja auch die Verantwortung.
Das ist eine wichtige Frage, für die Antwort muss ich aber ein bisschen ausholen. Ich habe das Basislager am Mount Everest gesehen, habe da auch gedreht. Du musst dir vorstellen, da sitzen in der Saison 6000 Menschen. Man braucht zwei Stunden, um das zu durchqueren. Es gibt Internetcafés, Hotelzelte mit Luxusbetten und Klimatisierung. Das hat mit Bergsteigen, wie ich es verstehe, überhaupt nichts zu tun.
Beim klassischen Bergsteigen stelle ich mir eine Aufgabe, von der ich nicht weiß, ob es am Ende klappt oder nicht. Es geht darum, zu testen und zu sehen: Wie funktioniere ich in der Höhe? Bei Kälte? Ich muss mir vorstellen, dass der Weg, den ich gehe, möglich ist.
Was am Everest passiert, ist konträr dazu. Es geht nur um den Gipfel, komme was wolle. Und das ist für fast alle möglich, die das Geld dafür haben. Wir haben an diesem Berg heute zwei Arten von Menschen. 50 % sind Leute, die eine Dienstleistung anbieten: Führer, Bergführer, Infrastruktur. Und die anderen 50 % sind Leute, die all das brauchen, weil sie sonst absolut verloren wären.
Das führt zu sehr viel Müll, weil es diese Infrastruktur braucht. Es braucht Fixseile, es braucht zwei, drei Hubschrauber, die am Everest dauernd zirkulieren. Es braucht Sauerstoffflaschen und wer weiß wie viele tausend Zelte. Das ist absurd.
Was wir versuchen, ist etwas ganz anderes. Wir haben keine Hilfe, wir tragen alles, was wir brauchen, in unseren Rucksäcken selbst. Wir verzichten auf vieles. Wir haben zum Beispiel für die paar Tage keine Zahnbürste dabei. Das klingt vielleicht blöd, weil eine Zahnbürste keinen Platz wegnimmt. Aber wenn man viele kleine Sachen mitnimmt, ist das auch Gewicht. Unsere Rucksäcke haben so schon gut 23 kg. Wir hatten zwei Camping-Gaskartuschen dabei, die irgendwann leer sind. Natürlich nehmen wir die, wie allen Müll, der anfällt, wieder mit zurück. Es fällt bei uns aber kaum Müll an. Ich nehme mein Zelt, meinen Schlafsack, alles wieder mit nach Hause und nutze das weiter.
Das Einzige, und das möchte ich nicht verschweigen, was umweltschädlich ist, sind die weiten Reisen. Um nach Asien zu kommen, ist man auf ein Flugzeug angewiesen. Das produziert mehr schädliche Gase, als die meisten vielleicht wahrhaben wollen. Dazu müssen wir stehen. Ich versuche das so viel wie möglich zu reduzieren, fahre nicht zweimal im Jahr auf Expedition, sondern, wenn überhaupt, maximal einmal alle zwei Jahre. Und das ist schon sehr viel. Und wenn ich das Flugzeug benutze, dann bleibe ich auch möglichst lange an einem Ort.

Es geht den meisten Menschen am Everest vermutlich aber auch eher ums Prestige und weniger um das Bergsteigen an sich. Es geht darum, auf dem Gipfel ein Foto und Videos von sich zu machen und zu sagen: Ich kann’s mir leisten.
Der Everest ist ein Extrembeispiel und du hast recht, es geht ums Prestige. Es geht darum, zu sagen: Ich war am Everest. Jeder auf der Welt versteht, was das bedeutet, weil es der höchste Berg ist, ein Rekord an sich. Noch kann man damit angeben, aber ich glaube, auch das ist im Wandel.
Die Bergsteigerszene rümpft schon länger die Nase darüber. Wenn Menschen erzählen, dass sie da waren, gehen manche schon auch auf Abstand. Die Höhe ist ja nur ein Aspekt beim Bergsteigen. Aber es geht auch um Schwierigkeiten und Exposition.
Du bist viel in der Natur, bist früh schon Risiken eingegangen und hast das Umkehren gelernt. Was möchtest du Menschen mitgeben, die noch auf dem Weg sind?
Das ist eine ganz schwierige Frage. [Er überlegt]
Ich möchte jungen Leuten raten, wenn sie ihren Traum, ihre Leidenschaft gefunden haben, es jetzt zu machen. Die Zeit kommt nicht zurück! Ich bin heute unglaublich froh, dass ich, bevor ich Vater geworden bin, so viel ausprobiert habe. Hätte ich das nicht getan, würde es mir im Rückblick sicher fehlen. Die Chancen, dass ich im Alter unzufrieden gewesen wäre, sind relativ hoch.
Mein großes Glück ist es, dass ich so viel ausprobieren konnte, dass ich es jetzt weniger vermisse. Ich habe als junger Alpinist viele Fehler gemacht, war relativ naiv, wie alle anderen auch. Ich habe Fehler gemacht, die mich in ein Gewitter getrieben haben, ich habe mal in einer Lawine festgesteckt. Das hätte alles schlecht ausgehen können. Retrospektiv betrachtet habe ich dadurch auch Demut gelernt. Demut gegenüber der Natur, denn das ist es, wo es uns hinzieht, Natur ist in uns Menschen drin. Ich habe auch mal eine Weile in der Stadt gelebt, aber ich glaube, das, was wir heute machen, ist zu einseitig. Es ist nicht natürlich. Wir Menschen sind nicht dazu gemacht, den ganzen Tag vor Maschinen zu sitzen und da reinzutippen. Es gibt mehr als das.
„Aus dem Schatten“ läuft ab morgen, 7. Juli 2026 in ausgewählten Kinos. Schaut ihn euch unbedingt an, ich mochte nicht nur, dass eben mal gezeigt wird, dass umkehren manchmal die beste Entscheidung ist, und das auch dazu so viel Mut gehört. Ich empfinde es als ein extrem wichtiges Zeichen (auch wenn ich Simon den Aufstieg natürlich gegönnt habe), dass gezeigt wird: Nicht jedes Abenteuer gelingt. Nicht jeder Berg kann zu jeder Zeit von jedem bestiegen werden. Umkehren ist mutig, und wir brauchen mehr Menschen, die nicht nur höher, schneller, weiter leben, sondern auch sagen: Das hier, das klappt heute nicht, egal wie sehr ich mir das eigentlich wünsche.
Ich bin gespannt, welche Fragen der Film in euch auslöst, schreibt sie mir doch gern.

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