Ein Interview mit Kritik zu beginnen, ist vielleicht nicht die beste Idee. Aber ich stehe dazu, der Filmtitel „Mama ist die Best(i)e“ wird dem Film leider überhaupt nicht gerecht. Lara Mandoki hat sich auf das Gespräch über gewöhnungsbedürftige Titel, ihre Filmfigur und generell Frauenfiguren im Fernsehen aber trotzdem eingelassen.
Außerdem haben wir über Ungarn, Hoffnung und Frauen-Netzwerke gesprochen. Ein Interview, das euch hoffentlich inspiriert.
„Mama ist die Best(i)e“ – Warum hat dieser gute Film so einen schrecklichen Namen?
Lara Mandoki: Ich weiß es nicht. Aber ich finde den Titel auch gewöhnungsbedürftig. Das ist leider manchmal so. Dahinter stecken tolle Filme, kluge Serien, und dann wird ein infantiler Titel gewählt. Das kann den Einschaltimpuls kaputt machen, wie ich finde.
Ich habe in dem wunderbaren Film „Wenn Papa auf der Matte steht“ mitgespielt. Ein schöner Film, der auf dem Festival in Ludwigsburg lief. Aber der Titel schreckte ab. Das haben uns auch die Gäste auf dem Filmfest gespiegelt.
Ich finde, der Titel kann genauso viel kaputt machen wie übermäßiger Einsatz von Musik.
Ja, da muss man auch aufpassen. Es ist sicher auch Geschmackssache, aber manchmal wirkt es, als würde man den Schauspieler:innen nicht glauben und vertrauen. Statt „ich liebe dich“ sagt die Musik „Ich liebe dich wirklich wirklich wirklich wirklich wirklich wirklich wirklich sehr“. Für mich verliert die Szene dann an Kraft. Wir spielen doch die Emotion in der Szene, sie ist im Drehbuch vorgesehen. Das ist die Aufgabe an uns Schauspielende.
Und das wird dann in der Regel den Schauspielenden angelastet, dass sie dann „zu dick auftragen“. Dabei liegt es an der Musik, die im Nachhinein eingefügt wurde und auf die sie keinen Einfluss haben.
Ja, das kann frustrierend sein.

Abgesehen von dem Titel, ist der Film wirklich interessant. Die Figuren sind allesamt sehr eigenwillig. Was magst du an Henny, warum wolltest du sie spielen?
Dieser Film ist Gesellschaftssatire, die in einer halb realen Welt spielt. Das allein ist schon herausfordernd und spannend und mir total positiv aufgefallen. Dieses Genre ist eines, das ich bisher selten bedient habe. Die verschiedenen Zeitebenen und auch verschiedenen Milieus, die auch durch Henny reinkommen, das Gefängnis und dann die absurden Schlosssituationen auf der anderen Seite. Auch Hennys Kostümchen, das ist doch alles toll.

Auch toll sind die Frauenfreundschaften, die ihr verkörpert. Was macht gute Frauenfreundschaft für dich aus?
Frauen sind über Jahrhunderte hinweg dazu erzogen worden, in Konkurrenz miteinander zu stehen, in erster Linie um die Gunst und Aufmerksamkeit von Männern. Religion spielte da auch lange rein, der Gedanke, dass die Frau dem Manne dient, das ist per se einfach extrem frauenfeindlich.
Ich engagiere mich sehr viel auf Frauen-Netzwerk-Veranstaltungen, privat aber auch innerhalb meiner Branche. Für mich ist das ein wichtiges Thema. Wir haben jahrhundertelang zugeschaut, wie Männer sich vernetzt haben und dadurch einflussreich und mächtig wurden. Es gilt nun mal: „Gemeinsam sind wir stark“.
Wir Frauen lernen das jetzt. Es ist doch sehr inspirierend, wie viel Kraft, Macht und Stärke von Frauen ausgeht, wenn sie sich vernetzen, sich solidarisieren. Wir lernen, dass wir überall hingehören, wo die Männer schon lange sind. Meinem Gefühl nach ist unser Miteinander aber auch komplexer, hat eine andere Qualität. Wir sind sehr gut im Zuhören, entwickeln eine unglaubliche Schwarmintelligenz, die unsere Gesellschaft braucht, und es ist für mich sehr bereichernd, Teil dieser Bewegung zu sein.
Wir müssen uns aber noch sichtbarer machen, noch mehr für Belange einstehen, die gesellschaftlich relevant sind. Ich glaube, in unserer Branche sind wir durchaus noch weit weg von Gleichheit. Ich sage nur „Gender Pay Gap“…
Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir uns auf die Suche machen müssen nach Antworten und alternativen Lösungsvorschlägen. Wir können uns nicht nur im Kampf gegen etwas aufhalten. Wir können Missstände punktuell benennen, aber wir müssen vor allem Alternativen schaffen. Alternative Netzwerke, alternatives Miteinander, alternative Narrative und Geschichten.
Schreibst du Drehbücher, um die Narrative aktiv voranzutreiben?
Nein, da bin ich leider absolut unbegabt. Ich habe eine Produktionsfirma gegründet, die erstmal nur auf ein Projekt bezogen war. Aber ich könnte mir langfristig durchaus vorstellen, Filme zu produzieren. Momentan drehe ich zu viel und bleibe fokussiert auf das Schauspiel. Der Beruf macht mich immer noch sehr glücklich.
Aber mir ist es wichtig, mich nicht immer nur zu beschweren, sondern ich möchte Lösungsansätze entwickeln. Wir können nicht über die Titel von Filmen meckern und dann nicht zeigen, dass es auch gute Alternativen gibt. Man muss in die Verantwortung gehen. Schaut nach Ungarn. You can do it, wenn du die Verantwortung übernimmst!
Wir Ungar*innen sind ein kleines Völkchen, für das man sich in den letzten 16 Jahren vielleicht auch nicht ganz zu Unrecht immer wieder rechtfertigen musste. Und jetzt hat dieses kleine Land Trump und Putin mit demokratischer Kraft gezeigt, welche Kraft Zusammenhalt in der Gesellschaft haben kann. Das rührt mich ungemein. Dieses siebenstündige Konzert, bei dem über 100.000 Menschen waren, wo ungarische Musiker*innen performt haben, Gedichte vorgetragen wurden, das war unglaublich, eine friedliche demokratische Revolution.
Meine Großeltern und auch mein Vater sind aus politischen Gründen aus Ungarn geflohen. Vielleicht gehöre ich zur ersten Generation, die zurückgehen könnte. Ungarisch ist meine Muttersprache, ich bin mit ungarischen Narrativen aufgewachsen. Das ist ganz klar ein Teil meiner Identität. Und doch sehe ich mich vor allem als Europäerin.

Du hast gerade die Musik und die Gedichte angesprochen. Ich weiß, dass manche Kunst und Kultur als nice to have empfinden. Ich frage mich immer: Wo wären wir denn, wenn wir das nicht hätten?
Das ist eine super komplexe Frage und gleichzeitig ist sie unglaublich relevant. Für ARTE habe ich in einer polnisch-deutsch-französischen Koproduktion mitgewirkt, die für mich zum Wichtigsten gehört, was ich je gemacht habe. „Spaltung der Welt“ hieß die Serie, ich habe Hedwig Höß gespielt und drei Wochen im Original-Wohnhaus der Familie Höß in Auschwitz gedreht. Das hat mich als Mensch sicherlich verändert. Auch in Bezug auf mein Verantwortungsgefühl, was Europa und die Demokratie angehen. Wenn man die Gleise in Auschwitz entlangläuft und sie irgendwann enden, das macht etwas mit einem. Auch wenn man keine Deutsche ist. Oder vielleicht gerade, weil man keine Deutsche ist, das kann ich nicht genau sagen.
Gleichzeitig habe ich jetzt sieben Jahre den „Erzgebirgskrimi“ gedreht und war viel im Erzgebirge, eine Region, in der die AfD von Anfang an sehr stark war. Das auszuhalten war ein Balanceakt, auch wenn ich die Region und die Menschen sehr mag, und vor den Menschen, die dort für Demokratie kämpfen, von denen es durchaus viele gibt, sehr großen Respekt habe.
Man kann an Ungarn sehen, was ein illiberales System mit den Menschen macht und auch wie man durch Kultur in einer Gesellschaft Brücken schlagen kann. Kunst und Kultur haben in vielen Teilen Europas einen etwas anderen Stellenwert in der Gesellschaft als in Deutschland. Ungarn ist ein Land, das Kunst und Kultur absolut in der Identität verankert hat, mehr als z.B. Deutschland. So empfinde ich es zumindest.
Wie schaust du auf die deutsche Kulturlandschaft?
Ich denke, der 2. Weltkrieg hat eine Lücke hinterlassen, sowohl was die Vertreibung und Ermordung vieler Künstlerinnen und Kulturschaffenden anbelangt, als auch bezogen auf all die Kunst und all die Filme, die in dieser Zeit nicht mehr gemacht wurden. Aus Berlin kamen die erfolgreichsten und progressivsten Filmemacher der 1920er Jahre. Bis zur Machtergreifung war Berlin eigentlich auch das Zentrum des Films.
Vieles, was kreativ, andersdenkend, experimentell war, war plötzlich nicht mehr da. Wir brauchen für eine Demokratie aber konfrontative, zur Diskussion anregende Filme, im Fernsehen und im Kino. Das gilt übrigens auch für den Journalismus. Guter, fundierter, differenzierter, komplexer Journalismus, der manchmal auch diskutierbar ist und schwer auszuhalten, ist existenziell für die Demokratie. Denn in ihm spiegelt sich die Gesellschaft. Hier werden Individualschicksalen Räume gegeben, werden Empathiebrücken gebaut. Das ist seine existenzielle Aufgabe.
Meine feste Überzeugung ist: Ein Land, in dem Kunst und Kultur nicht relevant sind, hat ein Problem mit seinem Demokratieverständnis.
Und doch erleben wir das ja immer wieder. Es gibt in deinem und in meinem Beruf Kürzungen, weniger Investitionen, mehr Streben nach Sicherheit, in dem Kreativität nicht immer aufblühen kann. Wie schaffen wir diese Räume?
Ich kenne keine allgemein geltende Formel. Ich kann nur sagen, wie ich es versuche, was ich denke, was funktionieren könnte.Indem wir gemeinsam Netzwerke schaffen, in denen Plattformen und Ideen wachsen dürfen. Gerade für die deutsche Kultur, auch für die Filmkultur, ist es extrem wichtig, sich europäisch zu vernetzen, sich von Europa inspirieren zu lassen, denke ich. Das ist doch ein unglaublicher Schatz, den wir da haben.
Die Familie im Film ist absolut furchtbar. Nun kann man sich nicht aussuchen, in welche Familie man hineingeboren wird. Aber eine Wahlfamilie kann sich jeder aussuchen. Wie finden wir die?
Das ist eine wahnsinnig schöne und wertvolle Frage!
Ich glaube, man trifft immer wieder Menschen, bei denen man sich denkt: Wow, diese Beziehung, auch im freundschaftlichen Sinne, die möchte ich gern intensivieren. Wir sprechen die gleiche Sprache, haben ähnliche Fragen, verstehen uns, ohne immer über alles zu reden. Das hat ganz bestimmt mit ganz viel Glück zu tun, wahrscheinlich auch mit viel Arbeit an sich selbst. Denn erst, wenn man seinen eigenen Wert erkennt, sich seines Selbstwerts sicher ist, kann man offen für andere Menschen sein.
Die Wahlfamilie zu finden ist eine Mammutaufgabe und ein Prozess, was ein ganzes Leben andauern kann. Aber das macht ja nichts. Ich habe den Plan, mit meinen Freund*innen in einem Haus zu wohnen, meine Enkel*innen kommen mich besuchen und halten mich jung und ich kann jederzeit die Tür aufmachen und zu meiner 90-jährigen Freundin gehen und fragen, ob wir einen Tee trinken wollen. Das ist für mich die beste Vorstellung eines guten Lebens.
Wie überwindet man denn vielleicht auch die eigene Einsamkeit und macht sich auf die Suche nach diesen ganzen tollen Menschen, die zu einem passen? Denn ich muss immer wieder daran denken, was für ein großes Glück das ist, Freund*innen fürs Leben zu finden.
Die Frage kann ich nur aus meiner eigenen Erfahrung beantworten. Mein Tipp ist, seinen Leidenschaften und Talenten nachzugehen. Wir alle haben das, auch wenn wir das nicht glauben. Wenn wir in uns hineinhören, finden wir immer etwas, das wir wirklich gern tun oder lernen möchten. Damit würde ich anfangen. Denn vielleicht kann daraus ein Hobby oder eine Begegnung entstehen, weil man einen Ort findet, an dem sich Gleichgesinnte aufhalten. Das kann Stricken sein oder Vögel beobachten. Ich denke, es hilft sich rauszugehen, denn zuhause wird man leider niemanden Neuen kennenlernen.
„Mama ist die Best(i)e“ läuft am 18. Mai um 20:15 Uhr im ZDF. Alternativ findet ihr den Film ab sofort auch in Web & App vom ZDF.

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