Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"

Gilles de Maistre: „Die Welt braucht sanftmütige Menschen“

Wer Kinder hat, kennt sicher mindestens einen Film von Gilles de Maistre. Ob „Ella und der schwarze Jaguar“, „Mia und der weiße Löwe“ oder „Moon, der Panda“, die Filme von Gilles des Maistre und seiner Frau Prune de Maistre ziehen alle Altersklassen in ihren Bann und lösen, dank der Beziehung zwischen den Kindern und den Tieren oft einen „Ich will das auch“- Effekt aus. Was natürlich dazu führte, dass meine Kinder mich anflehten, Gilles im Interview zu fragen, ob sie beim nächsten Film nicht auch mitspielen können.

Bevor der erscheint (ich weiß immerhin schon, an welchem Ort er gedreht wird), habt ihr aber Zeit, euch „Die Legende des Wüstenkindes“ anzuschauen. Der Film über das Kind Hadara, was mit zwei Jahren aufgrund eines Wüstensturms von seinen Eltern getrennt wird und dann zehn Jahre in der Wüste überlebt und von Straußen groß gezogen wird, hat mich länger beschäftigt, als ich vermutete hatte. Denn ich habe mich schon immer wieder gefragt: Wie kann das sein. Dabei will der Film das gar nicht beantworten. Sondern euch für knapp anderthalb Stunden in eine andere Welt eintauchen lassen.

Warum hast du dich entschieden, diesen Film zu machen? Strauße sind ja nicht gerade die erste Wahl, wenn es um einen Kinderfilm geht, oder?

Gilles de Maistre: Es geht nicht wirklich um die Strauße. Es geht darum, die wahre Geschichte eines Kindes zu zeigen, das im Alter von zwei Jahren während eines Sandsturms in der Wüste verloren ging und von der Natur dabei unterstützt wurde, 10 Jahre lang in dieser Umgebung zu überleben. Das war es, was mich an diesem Projekt gereizt hat.

Die Arbeit mit den Straußen war aber tatsächlich ein Pluspunkt. Diese starken, prähistorischen Vögel, 2,5 m hoch und 100 kg schwer, sind beeindruckend. Dass diese Tiere ein Kind retten und zehn Jahre lang beschützen konnten, ich denke, das wird das Publikum sehr überraschen.

Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"
© Photo de Kolorado 2025 – MAI JUIN PRODUCTIONS – STUDIOCANAL – UMEDIA PRODUCTION

In deinem Film sehen wir, wie respektvoll die Tiere und Hadara miteinander umgehen. Ich habe auch gelesen, dass ihr die Tiere für den Film nicht trainiert, bestimmte Dinge zu tun. Wie funktioniert das?

Wir versuchen zunächst, Tiere aus schwierigen Situationen zu befreien und ihnen eine bessere Zukunft zu geben. Der Film ist ein Weg, sie zu retten. Hätten wir die Strauße nicht gerettet, wären sie getötet worden und Menschen hätten sie gegessen. Diese Tiere lebten auf einer Farm, die zur Fleischgewinnung Strauße züchtet.

Wir haben auch Strauße von einer anderen Farm bekommen, bei der die Tiere für ihre Haut gezüchtet wurden, um Taschen und Schuhe daraus herzustellen. Alle Strauße, die du im Film siehst, sollten getötet werden.

Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"
© Photo de Kolorado 2025 – MAI JUIN PRODUCTIONS – STUDIOCANAL – UMEDIA PRODUCTION

Die Tiere haben wir nicht trainiert, weil man Strauße gar nicht gut trainieren kann. Wir würden das aber auch nicht tun. Wir wollen mit ihnen arbeiten, kooperieren, aber sie sollen ihr Leben in Frieden und ohne Tricks verbringen. Der Film ermöglicht das, indem er für alle Kosten bis zum Rest ihres Lebens aufkommt.

Wer den Film anschaut, hat danach sicher eine andere Sicht auf Strauße und Vögel im Allgemeinen. Denn, auch wenn wir das oft vergessen, auch sie können eine Verbindung zu anderen Lebewesen aufbauen. Diese Tiere erinnern uns daran, dass wir alle etwas geben können. Wir Menschen vergessen das nur sehr oft, aber das bedeutet nicht, dass es nicht stimmt.

Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"
© Photo de Kolorado 2025 – MAI JUIN PRODUCTIONS – STUDIOCANAL – UMEDIA PRODUCTION

Du zeigst den Filmemachenden weltweit, dass es einen anderen Weg gibt, als immer mit trainierten Tieren zu arbeiten.

Genau. Hier in Frankreich haben wir da auch viele Diskussionen. Es gibt auch einige Organisationen, die sagen, es wäre besser, wenn die Strauße getötet worden wären, statt bei dem Film mitzuspielen. Das sind allerdings extreme Aktivisten, das weiß ich.

Diese Extreme nehmen aber immer weiter zu. Ich habe „Wüstenkind“ gesehen und gedacht: Ich würde nie wollen, dass eins meiner Kinder dort allein überleben muss. Und gleichzeitig konnte Hadara so frei aufwachsen, wie kaum ein Kind es kann.

Die Welt braucht sanftmütige Menschen. Wir brauchen viel mehr Menschen, die so sind und das in die Welt tragen.

Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"
© Photo de Kolorado 2025 – MAI JUIN PRODUCTIONS – STUDIOCANAL – UMEDIA PRODUCTION

Deine Tochter spielt im Film auch eine Rolle. Deine Frau schreibt die Drehbücher mit dir. Wie erziehst du deine Kinder?

Wir reisen für unsere Filme um die ganze Welt und unsere Kinder sind immer bei uns. Sie gingen schon in Kanada, im Senegal, in Südafrika, in Mexiko oder in der Sahara zur Schule. Wenn wir in Frankreich sind, gehen sie auf eine Montessori-Schule.

Die Schulleiterin ist immer begeistert, wenn wir sagen, dass wir wieder für mehrere Monate unterwegs sind. Sie findet das eine gute Idee. Wir sagen unseren Kindern, dass es uns egal ist, ob sie gut in der Schule sind. Wenn sie in Mathe durchfallen, ist das nicht schlimm. Und das Spannende ist, dass Kinder selbst verstehen, was wirklich wichtig ist.

Wir haben sechs wunderbare und wilde Kinder. Sie lernen jeden Tag so viel, gehen draußen im Schnee spazieren, bauen Hütten. Wir lassen sie ihren eigenen Weg gehen.

Ihr geht auch mit euren Filmen eigene Wege. Es ist also eine Lebensphilosophie.

Wir sind sehr aufrichtig und authentisch, machen alles als Familie. Auch die Filme, die für alle sind, machen wir zuerst für unsere eigenen Kinder. Wir merken, wie viel Erfolg wir mit diesen kleinen, authentischen Dingen haben. Jede Familie kennt das. Wir wollen nur das Beste für alle, da ist kein Kalkül dabei.

Gilles de Maistre im Interview mit Andrea Zschocher zu "Die Legende vom Wüstenkind"
© Marie Rouge

Wenn du Hadara treffen könntest, was würdest du ihn fragen?

Ich möchte wissen, was an dieser Geschichte wahr und was erfunden ist. Die Geschichte hat Hadara seinem Sohn erzählt, der sie einem Journalisten erzählt hat, der ein Buch darüber schrieb. Aber das ist nur eine Variante der Geschichte.

Es gibt ganz sicher viele Dinge, die sie vergessen haben, einige, die ausgeschmückt sind. Ich würde mit Hadara sehr gern über sein Leben sprechen, auch darüber, wie es für ihn war, in unsere Welt zurückzukehren. Er hat immer in der Wüste gelebt, das bringt natürlich weniger Veränderungen mit sich, als wenn man zurück in eine Stadt gehen würde. Und dennoch war es sicher kein leichtes Leben.

Vielleicht wäre ich auch enttäuscht, wenn ich ihn als Erwachsenen getroffen hätte. Das werden wir nie erfahren.

„Die Legende des Wüstenkindes“ könnt ihr ab 21. Mai im Kino anschauen. Geht gemeinsam mit euren Kindern in den Film und lasst euch einfach mitnehmen von der Geschichte, den Bildern und dem Wind, mit dem alles seinen Anfang nimmt. Ich fand es zunächst etwas schwer, reinzukommen, weil ich, typisch Erwachsene eben, immer überlegt habe, wie das alles denn nun wahr sein kann. Statt mich einfach von der Geschichte mitnehmen zu lassen.

Das ist mein Tipp an euch: Lasst euch auf das Gezeigte ein, hinterfragt weniger beim Schauen. In dem Fall macht es den Film nicht schlechter, wenn ihr euch einfach darauf einlasst und die Beziehung zwischen den Kindern und den Straußen geschehen lasst.


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