In seiner Rolle als „Onkel Heiner“ schlüpft Dominic Raacke immer mal wieder in ein neues Kostüm, verfällt aber nie in eine Klischee. Ich finde das extrem wichtig der queeren Community gegenüber, die meiner Meinung nach so oft damit konfrontiert ist, die (überhaupt nicht lustige) Punchline zu sein, oder ein vermeintlich schriller Nebencharakter, der oder die halt auch irgendwie da ist. Bei „Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ ist das nicht der Fall.
Wir sprachen aber auch über Familie, übers Verlaufen im Leben und wie wir mutiger werden können. Sich daran zu erinnern, dass man nicht von heute auf morgen um jeden Preis mutig werden muss, ist doch ein sehr guter Anfang, oder?
Welches Kostüm von Onkel Heiner hat Ihnen am besten gefallen?
Dominic Raacke: Da gab es eine malvenfarbene Hose, die mir gut gefiel. Onkel Heiner ist ein farbenfroher Typ, da ist er gar nicht so weit von mir entfernt. Seine Halstücher sind weniger mein Ding, aber derzeit absolut im Trend. Ich mochte mein Kostüm und es hat mir geholfen die Figur zu entwickeln.
Endlich mal eine Komödie, bei der das Kostüm nicht total abdreht und gut zu den Figuren passt. Das war jedenfalls mein Gedanke.
Das freut mich zu hören. Für mich ist das Kostüm der Beginn einer Rolle. Ich traf im Vorfeld Produzent und Regisseur, aber die erste echte Annäherung mit der Figur findet für mich bei der Kostümprobe statt. Da taste ich mich an die Rolle ran.

Wie gehen Sie damit um, wenn das Kostüm so gar nicht zu Ihrer Vorstellung von der Rolle passt?
Dann beschwere ich mich und sage, dass ich das nicht anziehen möchte. [Er lacht]
Nein, im Ernst, wir gehen dann in die Diskussion und suchen nach Alternativen, manchmal sagt auch die Regie noch etwas dazu. Es ist wichtig, das Kostüm ganz konkret an- und damit auszuprobieren. Auf einem Foto mag etwas toll aussehen, was in Realität eine ganz andere Wirkung hat. Wir gehen das Kostüm dann Szene für Szene durch, ein Prozess, der mir immer viel Spaß macht. Ich habe kein Problem damit mich ständig umzuziehen, denn manchmal macht man eine Entdeckung. Am Haken sieht die Jacke völlig uninteressant aus, dann zieht man sie an und denkt, „Wow – genau richtig!“
Sind Sie im Leben auch so experimentierfreudig, oder nur am Set?
Ich glaube, Schauspielende müssen nichts anderes sein, als offen für alles. Das ist generell für Menschen eine gute Eigenschaft. Bei uns ist es die Bedingung. Man muss eine Offenheit allem gegenüber haben und bereit sein, sich alles erstmal anzugucken und bereit sein, sich einzulassen. Wer offen ist, eröffnet Möglichkeiten. Wer verschlossen ist, kommt an vieles gar nicht ran.
Sie haben also keine Berührungsängste?
Beim Film auf jeden Fall nicht. Onkel Heiner ist eine Rolle, die ich noch nicht gespielt hatte. Ich fand ihn schön erzählt, und obwohl es eine kleine Rolle ist, hat er seine Wichtigkeit, als Mentor der Hauptfigur. Er hat seine Erfahrungen gemacht und sein Leben nochmal total umgekrempelt. Heiner versucht seiner Nichte Mut zu machen.

Heiner und Caro arbeiten auch zusammen und sind ein gutes Team im Leben. Wie erleben Sie Familie?
Man hat mir immer gesagt, ich sei ein Familienmuffel. Irgendwann wurde mir diese Rolle zugewiesen, noch als ich ein kleiner Junge war. Wenn wir essen gegangen sind, zum Beispiel, bin ich wohl oder übel mit und saß dann am Tisch und habe in mein Heft gekritzelt. Ich war dabei, aber irgendwie auch nicht. Für mich sein und gleichzeitig die Nähe der Herde zu spüren, das war ein perfekter Zustand. Mein Lieblingsbild dazu, ist die Erinnerung an Besuche bei meiner Oma. Wenn ich müde wurde, haben sie das Sofa zur Wand umgedreht und mich hineingelegt. So konnte ich nicht rausfallen und war gleichzeitig ganz nahe am Geschehen. Der Rest der Familie hat gequatscht und gelacht, während ich ganz friedlich weggeschlummert bin – das war für mich Glückseligkeit!
Wie funktionieren gute Familienbande?
Indem man aufeinander aufpasst und für die anderen da ist. Es gibt doch nichts schöneres als Familie. Und die sollte man beschützen.
Es ist ja auch eine Überlebenstaktik, die in uns allen steckt. Familie ist das Erste, worin du eingebunden bist. Und wenn das funktioniert, wenn du dich in dem Verbund sicher fühlst, dann kannst du weitergehen, raus in die Welt. Weil du den Rückhalt hast, die Sicherheit, die dir nur die Familienbande geben kann.
Meine Geschwister leben verteilt auf der Welt, wir begegnen uns nicht so oft und mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn wir uns treffen. Zuletzt war es eine Hochzeit, die ja generell auch eine Vergrößerung von Familie ist. Da verbinden sich dann zwei Clans miteinander. Das ging mir so ans Herz, dass ich geweint habe.
Nicht jede*r hat das Glück, solche Familienbande zu erleben. Dann ist es sicherlich hilfreich zu wissen, dass man dieses Gefühl auch aus einer selbstgewählten Familie ziehen kann.
Auf jeden Fall. Im Rückblick war ja auch in meiner Familie nicht alles schön. Ich habe jetzt zwei schöne Bilder geteilt, weil sie mir in warmer Erinnerung sind. Aber es gab natürlich auch harte und traumatische Erlebnisse, das gehört zur Menschwerdung dazu. Wir alle verlaufen uns auf dem Weg durchs Leben, machen Fehler, gehen Umwege, aber: that’s life!
Heiner hat 30 Jahre gebraucht, um seinen Weg zu korrigieren. Wie kriegen wir das vielleicht ein bisschen schneller hin und lernen, unseren Weg zu gehen?
Indem man auf sich selbst hört. Man spürt die eigenen Bedürfnisse, auch wenn man sie öfter mal wegdrückt. Man merkt dann, etwas stimmt nicht, auch wenn man nicht genau weiß, was es ist. Auch da heißt es wieder, offen zu sein und sich daran zu erinnern, dass so viel möglich ist. Wir engen uns manchmal mental zu sehr ein, glauben, dass wir vieles nicht können oder nicht dürfen. Aber das stimmt nicht.
Was dabei helfen kann, das Leben zu meistern, ist Gemeinschaft. Nehmen wir mal die queere Community. Da spürt man, dass das wirklich eine Gemeinschaft ist. Die halten zusammen, weil sie so viel durchgemacht haben, sie unterstützen sich gegenseitig. Sich eine Gemeinschaft zu suchen, kann sehr hilfreich sein. Um da hinzukommen brauchst du Mut und Eigeninitiative. Am Ende geht es doch darum, herauszufinden, was man wirklich möchte. Dafür muss man Fehler machen können.
Wie hat denn Ihre Familie reagiert, als Sie gesagt haben, dass Sie Schauspieler werden wollten?
Anders, als Sie mit dieser Frage implizieren. [Er lacht] Die fanden das okay. Ich komme ja aus einer Künstlerfamilie. Mein Vater meinte, ich sollte eine Banklehre machen, damit ich dann besser mit Geld umgehen kann, falls ich mal welches verdiene. Wie sie sich denken können, habe ich die Banklehre nicht gemacht. Und, was soll ich sagen, aus mir ist dann ja doch noch was geworden. [Er lacht]
Ich bin sehr froh, dass meine Eltern so frei und offen waren, zu sagen: Wenn das deine Passion ist, wenn das wirklich in dir steckt, dann mach das. Ein Widerstand kann aber auch gut sein. Denn wenn sie mich nicht unterstützt hätten, hätte ich gesagt: Passt nur auf, ich beweise euch, dass ich das kann. Widerstand setzt ja auch Energie frei.
Sie haben schon angesprochen, dass Onkel Heiner seinen Weg erst später im Leben geht, eine Weile braucht, um sich zu öffnen. Wie werden wir weniger ängstlich vor der Zukunft?
Wir werden mutig, indem wir Sachen ausprobieren. Und wenn du dich heute nicht traust, dann komm morgen wieder und versuche es erneut. Man muss nicht sofort mutig sein, man kann sich da auch rantasten.
Sie haben Kinder, Sie wissen, dass die oft Angst vor Dingen haben. Gerade vor neuen Sachen, die sie noch nicht kennen. Das kann der Kindergarten oder die Schule sein, das sind ja so erste Initialgeschichten im Leben.
Mal muss einer rennen und sofort ins Wasser springen, mal muss man eine ganze Weile herumlaufen und Dinge von allen Seiten betrachten. Dann wird der kleine Zeh hineingetunkt, dann die Hand, und schließlich geht man ins Wasser.
Hilfreich, um mutig zu werden, ist, ohne Druck an Dinge ranzugehen. Man darf sich Sachen annähern und die Angst in Begeisterung verwandeln. Die Freude, wenn man etwas überwunden hat, die ist doch ganz besonders groß.
„Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF anschauen. Am 30. August läuft der Film um 20:15 Uhr im ZDF.
Die Interviews mit Chiara Schoras und Sarah Bauerett zum Film findet ihr ebenfalls auf dem Blog.

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