Ich wiederhole mich, aber ich kann euch „Couscous und Geheimnisse“ nur sehr ans Herz legen. Geht ins Kino, da ist es schön kühl, und schaut euch diesen Film an, der nicht nur Lust auf Kochen, Herzensgerichte und Austausch mit Freund*innen macht, sondern euch auch mit der Frage konfrontiert, wann, wieso und für wen ihr eigentlich lügt.
Mit all diesen Fragen im Gepäck (und der ebenso großen danach, was Familie eigentlich bedeutet, und ob man je die Erwartungen seiner Eltern erfüllen kann), habe ich mich ins Gespräch mit dem Regisseur von „Couscous und Geheimnisse“, Amine Adjina, begeben. Mir hat das Interview, trotz Sprachbarriere, weil mein französisch einfach nicht gut genug ist und wir einen (ganz tollen) Übersetzer brauchten, sehr großen Spaß gemacht. Und wie siehts aus, wann habt zum letzten Mal gelogen?
Warum dieser Film? Wie bist du auf den Stoff, auf das Thema gekommen?
Amine Adjina: Ich habe diesen Film gemacht, weil er sich mit für mich ziemlich intimen Fragen auseinandersetzt. Wenn man, wie ich, aus einer doppelten Kultur stammt und dann noch diese besondere und einmalige Beziehung zwischen Frankreich und Algerien existiert, dann ist das extrem komplex. Und genau diese Komplexität hat mich interessiert.
Es gibt nicht nur die Geschichte von Mehdi, es gibt auch die Geschichte von den anderen Figuren, die alle ihre eigenen Geschichten haben. An der Mutter bündeln sich die Fragen des Exils. Der Film spürt der Lüge nach. Ich wollte auch wissen: Lügen wir, um andere zu schützen? Mir sind diese Themen sehr wichtig. Ich möchte, dass wir mehr über diese intimen Fragen sprechen. Und am besten können wir das meiner Meinung nach, wenn wir alles durch das Prisma der Komödie betrachten.

Was ist denn deine Antwort auf die Frage, ob wir lügen, um andere zu schützen?
In unserem Leben benutzen wir alle an einem gewissen Punkt die Lüge. Die Frage ist immer nur, in welchen Abstufungen wir mit der Lüge umgehen. Man kann lügen, um etwas zu verschweigen. Man kann lügen, weil man versucht, andere zu schützen. Man kann aber auch einfach lügen, um sich mit gewissen Dingen nicht auseinanderzusetzen, aus Angst, dass dann alles um einen herum zusammenbricht.
Ist Film nicht immer auch eine Lüge?
Auf jeden Fall. Mir macht das auch wirklich großen Spaß, die Wahrheit im Falschen zu entdecken. Nimm das Beispiel aus dem Film: Mehdi erklärt seiner falschen Mutter in der Bar seine Liebe. Das hätte er auch seiner echten Mutter gegenüber tun können. Hat er aber nicht. Mehdi spricht also eine Wahrheit aus, und gleichzeitig ist es eine Lüge.
Für mich ist das Kino ein idealer Ort, um mich gewisser Lügen zu bedienen, während ich gleichzeitig die Wahrheit verbreite.

Wie schwer fällt es dir, den Film nicht zu nah an dich heranzulassen?
Das fällt mir sehr leicht, weil die Fiktion so mächtig ist. Ich kann mir Dinge ausdenken, einen Rahmen für Figuren schaffen, in dem sie sich offenbaren können. Die Figuren sind überhaupt nicht wie ich und sie sind es gleichzeitig doch. Ich kann mich dank ihnen mit Fragen und Themen auseinandersetzen, die mich beschäftigen.
Das heißt, Film ist für dich auch Flucht?
Es kann eine Form von Flucht sein. Für mich ist Film deswegen so spannend, weil wir vor etwas flüchten können und uns gleichzeitig auf ganz intime Weise mit Figuren und Fragen beschäftigen, die wir ans Leben stellen.
In „Couscous und Geheimnisse“ werden sehr viele Themen verhandelt. Es geht um Integration, um Generationskonflikte, um Familie. Wie hast du es geschafft, dass der Film trotzdem so leicht daherkommt, ohne etwas ins Lächerliche zu ziehen?
Ich wollte eine Karte Frankreichs zeichnen, bei der verschiedene Generationen und ihre Herkünfte gezeigt werden. Jede Figur hat ihre eigene Wahrheit und steht dafür ein. Beim Theater habe ich genau das auch immer versucht zu zeigen, dass jede für sich auch eine Bedeutung hat. Es gibt keine wichtigen und unwichtigen Figuren oder Haltungen.
Diese Idee ist für mich politisch, weil jeder die eigene Haltung verteidigt. Es geht darum, einen Dialog zu schaffen, in dem jede Meinung, jede Haltung berechtigt ist, solange ein Gespräch entsteht.
Schaffen wir es, aus all diesen individuellen Wahrheiten eine Gemeinschaft zu formen?
Mein Film versucht das. Es ist die Geschichte eines jungen Koches, der sich in seine Küche geflüchtet hat, sich dort auch versteckt und versucht, alle und alles voneinander zu trennen. Ab einem gewissen Punkt funktioniert das nicht mehr. Man braucht die Möglichkeit des Dialogs, dafür steht für mich das Restaurant.
In diesem Film war es mir auch wichtig zu zeigen, dass jede Figur mit einem Ort verbunden ist. Denn für mich sind Orte wie Figuren.

Essen ist auch ein zentrales Thema. Einmal wird Mehdi gefragt, wo das Algerische in seiner Küche ist. Denn Essen hat auch viel mit Identität zu tun.
Natürlich habe ich mir ganz bewusst das Essen und diese Küche ausgesucht, weil ich mich in diesem Universum sehr gut auskenne. Mein Bruder ist Koch. [Er lacht]
Mehdi fehlt etwas auf seinem Teller, ein Element, das ihm nicht mitgegeben wurde, etwas, das zu ihm gehört, aber ihm nicht vermittelt wurde. Essen hat nicht nur mit Identität zu tun, sondern auch viel mit Sinnlichkeit und auch mit Erinnerung.
Wir erinnern uns alle an unsere Kindheit, an ein gewisses Essen, das wir geliebt haben. Essen ist der kleinste gemeinsame Nenner.
Was bedeutet Identität für dich?
Identität verändert sich, ist immer in Bewegung. Wir sind nicht der gleiche Mensch, der wir vor 10 Jahren waren.
Ich habe einen Fuß in zwei Kulturen. Da ist die algerische Kultur, die meine Eltern mir mitgegeben haben. Sie haben mit mir Arabisch gesprochen, algerische Gerichte für mich gekocht. Und dann ist da meine französische Identität. Ich bin in Paris geboren, liebe die französische Bistrokultur. Ich bin eine Fusion, das macht mich aus und ich finde das wichtig.
Meine Mutter hat für uns gekocht, und wenn wir zusammen gegessen haben, war das auch eine Möglichkeit, in den Dialog zu treten. Das ist für mich wichtig. Ich kenne auch die Momente, wenn ich allein vor dem Fernseher esse, aber auch die, wo sich alle versammeln und zusammen sind. Für mich ist diese Dualität das Interessante.

Im Film haben alle Erwartungen an Mehdi, besonders aber seine Familie. Welche Erwartungen hatten deine Eltern denn an dich, und konntest du dich davon befreien?
Eltern erwarten immer etwas von ihren Kindern. Und die Kinder sind dazu verurteilt, mit diesen Erwartungen irgendwie klarzukommen. Man kann sie erfüllen, sich anpassen, einen eigenen Weg einschlagen oder alles komplett ablehnen.
Ich bin künstlerisch tätig. Das ist von meiner Familie eigentlich sehr weit weg. Es ist auch nicht das, was meine Eltern sich für mich gewünscht haben. Und doch sind sie jetzt sehr glücklich. Ich glaube, die Geschichte, die ich im Film erzähle, ist für sie ein Echo ihrer eigenen.
Wie haben sie denn auf „Couscous und Geheimnisse“ reagiert?
Sie waren wirklich sehr gerührt. Meine Mutter fand besonders komisch, dass da diese falsche Mutter aufkreuzt. Mein Vater mochte die soziale Dimension des Filmes sehr. Er hat zu mir gesagt: „Du sagst die Wahrheit.“ Es geht dabei für ihn vor allem um die harte Arbeitsintegration in Frankreich. Denn es stimmt, obwohl der Film mit großer Leichtigkeit daherkommt, hat er diese wichtige soziale Dimension.

Was bedeutet Familie für dich?
Wow. Was für eine große Frage!
Die Familie ist der Sockel, auf dem alles steht. Aus dem bin ich erwachsen. Ich komme aus einer sehr großen Familie, meine Eltern haben viele Geschwister und ich viele Cousins und Cousinen. Das macht Familie sehr komplex. Es gibt so viele Ereignisse und Dramen. Und gleichzeitig ist Familie ein wunderbarer Motor für Geschichten. Man kann an Familie fast ein bisschen ersticken, wenn man kein gutes Gleichgewicht findet. Ich glaube, mir ist das gelungen.
Was ist dein Lieblingsessen?
Eines meiner Lieblingsessen ist Lubia. Das ist ein algerisches Gericht mit weißen Bohnen und Fleisch. Das Fleisch ist sehr lange gekocht und dadurch sehr zart.
„Couscous und Geheimnisse“ könnt ihr ab sofort im Kino anschauen. Das Interview mit Clara Bretheau, die im Film die Lea spielt, findet ihr ebenfalls auf dem Blog.

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