Ich mag es, mich auf Welten einzulasen, zu denen ich noch keine Berühungspunkte hatte. Im Fall von den Interviews zu „4 Blocks Zero“ war es die Welt von „4 Blocks“. Ich weiß, dass diese Serie extrem erfolgreich war und von so vielen extrem geliebt wird. Aber ich habe sie nie gesehen. Ich bin erst jetzt mit „4Blocks Zero“ eingestiegen und wirklich hooked. Und das liegt nicht nur an der wirklich guten Serie, sondern auch an den Gesprächspartnern, mit denen ich mich über die Serie, über Emotionen, Respekt und Träume austauschen konnte.
Soufiane El Mesaudi spielt den jungen „Abbas Hamadi“ und ich habe ihm seine Suche nach dem eigenen Platz im Leben sofort abgenommen. Diese Unsicherheit, das Scheiße bauen und vielleicht auch nicht weiter wissen, das kennen viele. Ich auf jeden Fall. Luis Vorbach spielt den jungen Vince, der sich nach der Aufmerksamkeit seines Vaters sehnt und gleichzeitig wenig Regeln kennt. Die beiden Schauspieler haben in „4 Blocks Zero“ gar nicht so viele Berühungspunkte miteinander, im Interview hats aber extrem gut gepasst.
Wie groß sind die Fußstapfen in die ihr tretet?
Soufiane El Mesaudi: Die sind riesig groß. Ich glaub, mein Fuß passt da zweimal rein. „4 Blocks“ war so ein riesiger Erfolg, ich war selbst ein großer Fan. Ein schöner Zufall ist auch, dass Abbas immer meine Lieblingsrolle war und ich ihn jetzt spielen darf.
Hast du dich dann im Casting explizit auf ihn beworben?
Soufiane El Mesaudi: Nein. Wir wussten beim Casting am Anfang ja noch gar nicht, worum es geht. Es hieß nur, dass es um eine Serie für einen Premium-Streamer ging. Meine Rolle hieß erst Arif und dann Ahmed, wenn ich mich richtig erinnere.
Luis Vorbach: Meine Rolle hieß erst Viktor, glaube ich. Kurz vor dem Casting hat mich Özgür Yildirim, einer der beiden Regisseure, angerufen und mir gesagt, dass es um das Prequel von „4 Blocks“ geht und ich für die Rolle Vince Kerner gecastet werde, die Frederick Lau in „4 Blocks“ spielt.
Soufiane El Mesaudi: Ich habe diesen Anruf verpasst und bin dann zum ersten Konstellationscasting gegangen. Da wusste ich immer noch von nichts. [Er lacht] Der Regisseur kam dann zu mir und meinte: „Dir fehlt noch eine Info. Deine Rolle ist Abbas aus ‚4 Blocks‘.“
Nach außen hin habe ich versucht, cool zu bleiben, aber innerlich bin ich ausgerastet. Die Leute fragen mich auch immer, wie sehr ich mich gefreut habe. Meine Freude war minimal. Ich hatte viel mehr Respekt.

Wie habt ihr diesen Respekt dann abgelegt, um eure Rollen zu euren eigenen Rollen zu machen?
Luis Vorbach: Ich kann nur für mich sprechen, aber der Vince, den ich verkörpere, ist ein ganz anderer Vince als der, den wir aus „4 Blocks“ kennen. Es liegen auch einfach ein paar Jahre zwischen den Geschichten, die erzählt werden.
Vince entwickelt sich zum krassen Draufgänger, aber es sind noch so viele Fragen offen,gerade was die Freundschaft von Ali und Vince betrifft,und ich liebe die Herausforderung, diese Vorgeschichte zu erzählen. Die Messlatte liegt hoch. Es war von Anfang an klar, dass wir daraus was Geiles machen müssen, weil „4 Blocks“ so gut war. Der Druck, es mindestens genauso gut zu machen, ist also hoch.
Soufiane El Mesaudi: Ich wusste ja, dass ich Abbas Hamady spiele, der in „4 Blocks“ ein kaltblütiger Mörder ist. Aber so war er ja nicht immer. Der Abbas, den ich spiele, der ist ein sehr emotionaler Mensch. Und so bin ich auch. Meine Emotionen sind meine größte Schwäche, aber auch meine größte Stärke. Ich bin Emotion pur auf zwei Beinen und davon habe ich auch Abbas ganz viel gegeben.

Warum sind Emotionen Schwäche?
Soufiane El Mesaudi: Emotionen können auch Schwäche sein. Ich habe ja gesagt, dass sie meine größte Schwäche und meine größte Stärke sind. Beides stimmt. Schwäche ist es, wenn man z. B. aus Liebe falsche Entscheidungen trifft.
Dann hast du falsche Entscheidungen getroffen, aber das ist aus meiner Sicht keine Schwäche.
Luis Vorbach: Wenn man emotional ist oder sich jemandem gegenüber offenbart, dann macht man sich angreifbar. Sich jemandem anzuvertrauen, macht verletzlich. Man muss sich sicher sein, dass die Person das nicht ausnutzt. Aber das weiß man vorher ja nie genau. Deswegen stimme ich Soufiane schon zu, dass Emotionen auch Schwäche sein können. Aber an sich sind sie etwas total Schönes und Wichtiges und definitiv eine Stärke.
Wir müssen uns doch aber einander anvertrauen, sonst fühlen wir uns ziemlich allein. Und wir können nur finden, wer wirklich zu uns passt, wenn wir uns anderen gegenüber öffnen.
Luis Vorbach: Das stimmt. Aber wer macht sich gern angreifbar?
Soufiane El Mesaudi: Ich verstehe, was du meinst, und das stimmt. Aber gleichzeitig empfinde ich es auch als Schwäche, wenn man seine Emotionen nicht immer kontrollieren kann. Wenn man z. B. in einer Situation überreagiert, aggressiv oder traurig wird, dann zeigt man Schwäche.

„4 Blocks Zero“ ist eine Serie über Familie. Nicht nur bei den Hamadys, auch bei Vince geht es um die Anerkennung durch den Vater.
Luis Vorbach: Vince’ Vater verhält sich seinem Sohn gegenüber respektlos. Und das gibt Vince ihm dann zurück.
Soufiane El Mesaudi: Ich bin der Meinung, dass man immer Respekt gegenüber seinen Eltern haben sollte.
Luis Vorbach: Ja, stimme ich dir voll zu, aber die Eltern müssen auch Respekt gegenüber den Kindern haben. Vince’ Vater nimmt ihn nicht ernst. Er sieht seinen Sohn nur als jemanden, der Stress macht. Und das stimmt. Aber er beschäftigt sich nicht damit, den Grund dafür zu suchen. Er setzt sich nicht mit seinem Sohn auseinander. Und das ist für mich respektlos.
Wenn man ein Kind hat, sollte man mit ihm auch Zeit verbringen wollen, sich für das Kind interessieren. Das macht Vince’ Vater nicht.
Ibrahim sagt in der Serie: „Angst verhindert nicht den Tod, sie verhindert das Leben“. Wie steht ihr zu diesem Satz?
Soufiane El Mesaudi: Angst verhindert nicht immer das Leben. Angst kann auch vor dem Tod schützen. Denn so wird man nicht einfach vom Auto überfahren, sondern guckt nochmal, bevor man über die Straße geht.
Luis Vorbach: Ich finde, den Satz darf man nicht zu ernst nehmen. Es stimmt schon, wer vor vielem Angst hat, traut sich nicht mehr. Und dann wird das Leben verhindert.
Soufiane El Mesaudi: Wer sich aus Angst nichts mehr traut und nichts mehr umsetzt, der hat dann ein ziemlich langweiliges Leben. Was hast du dann davon gehabt, dass du 90 Jahre gelebt hast, aber nie ein Risiko eingegangen bist? Man muss sich, trotz Ängsten, auch etwas trauen, sonst verpasst man das Leben.
Um das Leben nicht zu verpassen, braucht man Träume und Wünsche. Was wünscht ihr euch für euer Leben?
Soufiane El Mesaudi: [Er überlegt]
Ich möchte im Leben inneren Frieden haben, finanzielle Sicherheit und gesund bleiben. Das ist die Basis von allem, mehr braucht es nicht. Wenn ein Mensch nicht gesund ist, dann hat er nichts. Dann ist egal, was sonst in diesem Leben passiert, das beeinflusst alles.
Luis Vorbach: Bei mir ist es ähnlich. Über Gesundheit und gewissen inneren Frieden brauchen wir gar nicht diskutieren. Ich glaube, das wünscht sich jeder. Was ich mir auch wünsche, ist Zuneigung. Ich könnte nicht auf Dauer allein sein. Das wäre mir zu traurig und zu einsam. Wenn es so kommen würde, dann hätte ich vermutlich irgendwann 30 Hunde und würde mit ihnen auf einem riesigen Grundstück leben.
Wenn ich so darüber nachdenke, dann wünsche ich mir auch Rollen, die mich in meinem Beruf herausfordern. Ich wünsche mir, genug zu tun zu haben. Denn nichts zu tun zu haben, das ist schlimm für mich. Da geht’s gar nicht ums Geld, obwohl das schön ist, aber ich würde auch weiter arbeiten, selbst wenn ich finanziell ausgesorgt hätte. Ich will etwas zu tun haben, will mich gebraucht fühlen.

Ihr seid beide nicht in den 90ern groß geworden. Wie war das für euch am Set, die Klamotten von damals anzuziehen und diesen Lifestyle zu imitieren?
Luis Vorbach: Total cool. Die Klamotten machen natürlich super viel aus. Und es gab diese ganzen kleinen Details. Du musst aber auch wissen, dass wir beide total auf Autos abfahren und das hat das alles für uns noch ein bisschen cooler gemacht. Soufiane hatte damit natürlich mehr zu tun, aber mich hat das in eine Zeit zurückkatapultiert, die ich eigentlich nicht kenne. Das Set war wirklich krass, es gab so viele alte Sachen zu entdecken. Ich habe mich wie in einer anderen Zeit gefühlt.
Soufiane El Mesaudi: Die Leute schwärmen ja immer von den 80er- und 90er-Jahren, was für eine wunderschöne Zeit das gewesen ist, was ich alles verpasst habe. „4 Blocks Zero“ hat mir das Gefühl gegeben, die 90er doch ein bisschen erleben zu können.
Unsere Sets sahen so sehr nach der Zeit aus, die Autos, die Klamotten. Ich habe mich teilweise wirklich gefühlt, als würde ich da leben und habe diese Erfahrung dankbar angenommen.
Luis Vorbach: Und es gab auch super viele Stories von anderen Crewmitgliedern aus der Zeit, was die damals so gemacht und erlebt haben. Manche davon finden sich jetzt auch in der Serie. Aber mehr verrate ich nicht. [Er lacht]
Obwohl natürlich auch nicht alles nur super war. Die Baseballschlägerjahre, die in der Serie durchaus auch eine Rolle spielen, die werden halt nur gern ausgeklammert.
Luis Vorbach: Sich diese Roughness in der Serie anzugucken, ist etwas ganz anderes als eine Doku darüber zu sehen, weil es eine Geschichte ist. Baseballschläger, an denen noch zusätzlich Nägel befestigt sind und mit denen aufeinander eingeschlagen wird, das kann niemand gut finden.
Soufiane El Mesaudi: Natürlich ist Gewalt nie zu befürworten. Aber Menschen schauen sich das in Filmen und Serien gern an. Was ist denn die bestlaufenden Shows auf HBO? „Game of Thrones“. Das war so krass erfolgreich. „Once Upon a Time in Hollywood“ von Tarantino oder „Die Bluthochzeit“, alles Filme, die voller Gewalt sind. Und super erfolgreich …
Luis Vorbach: … weil die Leute das sehen wollen.
Aber warum sehen viele so gern Gewalt?
Soufiane El Mesaudi: Weil’s beim Zugucken ein cooles Feeling ist.
Luis Vorbach: Ich glaube, der Mensch sucht einfach immer einen Kick. Szenen mit Action und Blut, die man sicher zuhause anguckt und nicht live im Park daneben steht, während das passiert, geben das.
Das gilt ja auch für Horrorfilme. Da schlachten sich Leute gegenseitig ab, aber in echt hat doch niemand Lust, die ganze Zeit Angst zu haben. Es mag ein paar Psychopaten geben, die sich das angucken und die das nicht berührt, aber die allermeisten Menschen empfinden dabei etwas. Und da sind wir wieder bei den Emotionen, über die wir gesprochen haben, und die man eben fühlen will.
Soufiane El Mesaudi: Gewaltbilder bringen spannende Emotionen, wenn sie gut gemacht sind. Wenn du dir eine Liebesgeschichte anschaust, macht dich das vielleicht auch liebevoll, wenn du den oder die richtige*n Partner*in an deiner Seite hast.

„4 Blocks Zero“ zeigt sehr eindrücklich den Umgang mit Geflüchteten. Mich hat das alles sehr wütend gemacht, aber auch mit der Frage konfrontiert: Wie viel hat sich seit den 90er-Jahren eigentlich geändert?
Luis Vorbach: Ich sehe da leider noch viele Parallelen. Die Serie trifft es ziemlich genau. Sie passt ganz gut zu der aktuellen Situation in Deutschland.
Soufiane El Mesaudi: Ich bin froh, dass sie gerade jetzt rauskommt und hoffentlich die ein oder andere Diskussion anregt. Sie kann aufzeigen, wo wir hingucken müssen, stellt Fragen danach, wie wir als Gesellschaft zusammenleben und wie wir zusammenhalten. Wir zeigen den Rassismus, mit dem die Familie zu kämpfen hatte, dass sie nicht arbeiten durften. Denn wer eine Duldung hat, die nur über zwei Monate geht, der bekommt keine Arbeit.
Weil du genau das Thema ansprichst: Da hat sich ja wenig verändert. Die Szenen auf dem Amt in der Serie, die könnten sich genau so heute auch abspielen.
Soufiane El Mesaudi: Mir ging es vor kurzem auf dem Amt auch so. Ich wollte meinen Künstlernamen eintragen lassen, damit ich meine GEMA-Mitgliedschaft anmelden kann. [Soufiane ist nicht nur Schauspieler, sondern auch als Rapper SAFO bekannt] Und was ich erlebt habe, ist sehr nah an dem dran, was wir in „4 Blocks Zero“ zeigen. Es gab in den 90ern unterschwellige Vorurteile und mit denen wurde ich auch jetzt wieder konfrontiert. Es hat sich fast nichts verändert. Ich habe für mein Anliegen nicht mal einen Termin bekommen, weil ich erstmal per Mail nachweisen soll, dass ich bekannt genug bin, bevor man diesen Aufwand betreibt. Es wurde lieber auf der Tastatur rumgetippt, als mit mir zu reden.
Ich spreche da nie drüber, weil es sonst direkt heißt: Das ist das erste, worüber ihr redet. Aber du hast gefragt.
Ich finde die ganze Situation schlimm und will die mit meiner Aussage nicht schmälern, aber weißt du, was mich gerade gleichzeitig wütend und traurig macht? Dass du sagst „worüber ihr redet“. So, als wärst du nicht Teil der gleichen Gesellschaft, so, als gäbe es ein „wir“, zu dem ich gehöre, und ein „ihr“, zu dem du gehörst. Ich weiß, woher das kommt, und doch macht es mich so wütend.
Soufiane El Mesaudi: Ich finde es schrecklich, dass ich immer wieder sagen muss, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Ich bin Deutscher.
Und doch habe ich im Laufe der Jahre so oft Situationen erlebt, in denen ich gemerkt habe, dass ich als Mensch mit Migrationshintergrund anders behandelt werde als andere. Und dann traut man sich irgendwann nicht mehr, was zu sagen. Denn wenn ich in die Diskussion gehe, den Vorwurf erhebe, dass ich so behandelt werde, weil ich aussehe, wie ich aussehe, bekomme ich Ausreden. Oder Antworten, die verletzen.
Manchmal, wenn ich nichts gesagt habe, habe ich mich danach darüber geärgert. Weil ich es hingenommen habe. Aber ich habe einfach gelernt, mich solchen Situationen zu entziehen, mich nicht immer zu erklären. Denn wenn ich merke, dass mein Gegenüber eine vorgefertigte Meinung hat, dann kann ich mir den Mund fusselig reden, da wird nichts ankommen. Also spar ich mir die Zeit. Und natürlich macht mich das teilweise sehr traurig. Aber ich möchte nach solchen Begegnungen nicht immer traurig oder wütend sein. Also drehe ich mich weg und gehe.
Ich hoffe, dass „4 Blocks Zero“ auch ein Bewusstsein für solche Situationen schafft.
„4 Blocks Zero“ könnt ihr ab sofort exklusiv bei HBO Max streamen.Jeden Freitag gibt es einen neue Folge durch die ihr tiefer in die Vorgeschichte der Familie Hamady eintauchen könnt. Ich mochte die Serie wirklich sehr, auch wenn ich eigentlich sehr zartbesaitet bin (und einige Szene durch meine Hände geschaut habe).
ich mag es ja sehr gern, wenn Entertainment nicht nur unterhält, sondern einen auch zum Nachdenken anregt. Und der Umgang mit Geflüchteten, den ihr in der Serie seht, der hat sich meiner Meinung nach nicht wirklich verbessert. Und das sollte uns allen zu denken geben. Und zum Handeln bewegen. Ich bin Soufiane El Mesaudi so dankbar, dass er seinen Schmerz geteilt hat, auch wenn mich sein Erleben sprach- und hilflos macht. Ich der festen Überzeugung bin, dass wir EINE Gesellschaft sein. Und wir auch so handeln müssen, deswegen ist jede dieser Erzählungen eine zuviel. Aber nicht, weil wir weghören sollten, wir müssen immer zuhören und lernen. Sondern weil es sie in unserer Gesellschaft nicht geben sollte. Wir müssen besser aufeinander aufpassen.
Das Interview mit Tareq Nassery zur Serien findet ihr ebenfalls auf dem Blog

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