Tobias Oertel zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher

Tobias Oertel: „Im Leben muss es immer die Möglichkeit zum Scheitern, zur Hässlichkeit, zum Zerbrochensein geben.“

Für das Interview mit Tobias Oertel habe ich eine etwas riskante Einstiegsfrage gewählt. Denn wie moralisch jemand ist, ist nicht gerade ein Smalltalk-Thema. Aber in „Fang mich doch“ geht es viel um Moral und das Fehlen davon, da erschien mir die Frage schon ganz angebracht. Die Wahrheit ist nur auch: Es hätte auch schief gehen können. Denn nicht jede*r reagiert so offen und gelassen darauf, wie Tobias Oertel.

Der Schauspieler hat sich auf alle Gedankengänge eingelassen und so konnten wir nicht nur über seine Figur Anton sprechen, sondern auch über Social Media, Reflexion und Erkenntnisse.

Wie moralisch bist du?

Tobias Oertel: Was für eine Einstiegsfrage! Ich bin sehr moralisch, manchmal zu sehr. Manchmal stolpere ich darüber auch selbst und bin sehr judgy, wenn ich Leute beobachte, die meinem moralischen Index nicht entsprechen. Ich versuche aber, auf eine gute Art judgy zu sein.

Was heißt denn judgy sein in dem Fall genau? Sprichst du die Leute an, oder bist du das nur so für dich im Stillen?

Das meine ich mit der guten Art. Ich versuche judgy mit mir selbst und mitfühlend im Außen zu sein. Wenn ich judgy im Außen bin, dann will ich das erkennen und es besser machen. Ich will lernen, mich zu hinterfragen, das, was es bei mir auslöst, als Spiegel zu benutzen und zu erkennen, worum es eigentlich wirklich geht. Denn die Frage ist doch immer: Bin ich selbst so viel besser? Ich verurteile ja offensichtlich gerade auch jemanden, dabei will ich das doch eigentlich gar nicht.

Tobias Oertel zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Christoph Assmann

Jetzt bin ich mit meiner Frage mal judgy: Was interessiert deinen Anton denn im Leben? Seine Frau ist es ja schon mal nicht.

Aber hat sich das nicht vielleicht auch umgedreht? Inwiefern interessiert sie sich denn noch für ihn?

Ich glaube, er ist in sich gefangen, hat sich in sich zurückgezogen. Der teilt nichts mit anderen, traut sich nicht zu sagen, was ihn bewegt, weil er glaubt, dass niemand ihm helfen könnte. Anton denkt, er hat die Probleme exklusiv für sich. Ich glaube, er hat sich ein imaginäres Gefängnis gebaut, aus dem er nicht mehr herauskommt, auch wenn er das natürlich sehr gern möchte. Deswegen wirkt er, als sei er gar nicht präsent, weil er keine Möglichkeit findet, mit seinem Problem klarzukommen.

Georg hat seine eigene Agenda, aber er rüttelt ihn ja schon ein bisschen wach.

Absolut. Beide spielen nicht mit offenen Karten, gehen auf Messers Schneide. Ich glaube, dass sich Anton deswegen auch so rumschubsen lässt, weil er Angst hat, aufzufliegen. Georgs Flucht ist dann ein Spiegel für Anton selbst, er muss ja erkennen, dass er selbst nicht besser ist.

Meine Figur erkennt ja schon recht früh, dass mit Georg irgendwas nicht stimmt, weil er selbst etwas verbirgt. Ganz nach dem Motto: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Ich habe bei allen Figuren, außer Georgs Frau, gedacht: Meine Güte, was sind denn das für Eltern? Da ist mir wirklich niemand sympathisch. Wie ist denn dein Blick auf diese Kita-Gemeinschaft?

Ich glaube, dass es denen allen in ihrem Leben zu gut geht. Sie haben keine existenziellen Probleme und geraten darüber in eine Monotonie oder vielleicht auch Langeweile, aus der heraus sie alles moralisch und gesellschaftlich richtig machen wollen. In diesem Überanspruch, alles perfekt machen zu wollen, vergessen sie, um was es wirklich geht. Und sie vergessen auch, was sie alles haben. Sie scheitern an ihren eigenen viel zu hohen gesellschaftlichen und moralischen Standards. Genau das macht den Film für mich zu einer Komödie. Diese vermeintlichen Gutmenschen zu sehen, die alles überkorrekt machen wollen und dabei Dankbarkeit, Bescheidenheit und das Echte im Leben vergessen.

Tobias Oertel zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Stefan Erhard

Die sich dafür aber Socken für 200 Euro kaufen …

Die darauf achten, dass alles politisch korrekt ist und dem scheinbaren Zeitgeist entspricht und damit weit übers Ziel hinausgehen. Ich frage mich, woher das in dieser Gesellschaft kommt. Denen geht es einfach viel zu gut. In Ermangelung existenzieller Probleme erschaffen sie sich selbst welche.

Und schauen über die vielen Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, hinweg.

Auf diese Kita-Eltern im Film trifft das auf jeden Fall zu. Die Eltern da sind so gut situiert, der obere Teil der Wohlstandsgesellschaft, die kennen nichts anderes. Der Film erzählt von Menschen, die sich in ihren Privilegien verloren haben und das echte Leben nicht mehr sehen.

Es gibt im Film eine Sexszene, in der das sehr deutlich wird. Für mich war die ein Schlüsselmoment. Weil es nur um die Performance ging, nicht um echtes Gefühl und in sich selbst hineinspüren, sondern nur ums Außen.

Da sind wir dann aber bei einem anderen Thema, das meiner Meinung nach aber den gleichen Ursprung hat: Instagram. Die sozialen Medien lassen uns wahrscheinlich immer narzisstischer werden, weil es nur noch um die Repräsentation im Außen geht, darum, instagrammable zu sein. Wir zeigen etwas von uns und wollen Bestätigung von Außen, wenig hat noch einen echten Wert aus sich selbst heraus.

Und wir zeigen keine Wertschätzung mehr dem Leben gegenüber, weil es nur noch um narzisstische Befriedigung geht. Im Leben muss es immer die Möglichkeit zum Scheitern, zur Hässlichkeit, zum Zerbrochensein geben. Das gehört zu uns. Wir bekommen die Chance zu Wachstum, zum Erwachsenwerden und zum Erreichen von inneren Transformationen aber nur im Verborgenen. Echtes seelisches und emotionales Weiterkommen gedeiht nicht auf Social Media, das passiert im Dunklen.

Wie ist denn dein Umgang mit Social Media? Denn beruflich kommt man ja eigentlich nicht mehr dran vorbei.

Wenn ich es für den Job nicht bräuchte, hätte ich keinen Account mehr. Ich poste privat nicht auf Instagram. Und ich beobachte, dass in den sozialen Medien oft Themen besprochen werden, die da eigentlich nicht hingehören. Nicht jedes Thema muss in dieser Öffentlichkeit breitgetreten werden und damit unnötig viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich beteilige mich nicht an diesen Diskussionen.

Jeder Mensch hat einen gewissen Kompass in sich, weiß, was sich richtig und falsch anfühlt. Genau damit spielt Social Media meiner Meinung nach. Denn die meisten Menschen merken doch, dass es sich falsch anfühlt, so viel Zeit mit diesen Medien zu verbringen. Aber sie machen es trotzdem, weil eine Suchtstruktur im Gehirn angesprochen wird.

Die Ausschüttung von Dopamin und Serotonin bekommen wir über das Angucken der kurzen Videos, über das Wegwischen, dadurch, dass immer sofort etwas Neues kommt. Menschen unterwerfen sich freiwillig dieser Suchtstruktur, weil sie das Feedback, das andere ihnen auf den Plattformen geben, brauchen. Und so macht man vielleicht mehr und mehr von sich öffentlich, als man je wollte, weil es immer weitergehen muss. Der Mechanismus dieser Medien unterscheidet sich doch nicht wirklich von anderen Drogen. Du bekommst einen Kick, ob du dir eine Zigarette anmachst, ein Bier trinkst oder Social Media nutzt.

Tobias Oertel zu "Fang mich doch" im Interview mit Andrea Zschocher
© ZDF / Christoph Assmann

Diesen Kick, den du beschreibst, der wird auch Schauspielenden oft unterstellt. Dass ihr diesen Beruf ergreift, weil ihr die ganze Zeit Bewunderung und Feedback bekommen möchtet. Wie sieht es da bei dir aus? Wenn du es dir nicht über die Likes holst, brauchst du die Bewunderung dann nicht? Oder bekommst du sie auf einem anderen Weg?

Das ist eine spannende Frage. Ich glaube schon, dass jeder, der den Beruf des Schauspielers ergreift, in irgendeiner Art und Weise gesehen werden möchte. In jüngeren Jahren war das auch ein großer Motor für mich, diesen Beruf zu ergreifen.

Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass die Befriedigung aus dem Gesehen-werden, aus dem Applaus-bekommen eine relativ kurze Halbwertszeit hat und dann immer wieder erneuert werden muss. Das ist auch eine Form von Abhängigkeit, Appreciation im Außen zu bekommen, Bestätigung zu brauchen. Ich habe erkannt, dass das nicht gesund für meine Seele, für mich als Mensch ist.

Dann habe ich angefangen, aus mir selbst heraus eine Form von Zufriedenheit zu generieren. Da bin ich auf einem Weg, denn es bleibt eine Lifetime-Challenge. Ich werde nie die Ziellinie erreichen, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass man einfach losläuft und schaut, wie weit man mit dieser Einstellung im Leben kommt. Inzwischen kommt die Wertschätzung und die Anerkennung aus mir selbst, und das stimmt mich zufrieden.

Um das zu konkretisieren: Wenn ich einen schwierigen Moment in mir oder im Leben habe, einen Moment der Dunkelheit oder des Mangels, dann laufe ich nicht mehr weg. Ich schaue mir an, mit welcher Form von Inkohärenz ich in meinem Leben konfrontiert bin, und begegne dem. Wenn ich das geschafft habe, dann empfinde ich Anerkennung für mich selbst, weil ich diesem Schrecken begegnet bin und das überwunden habe. Und diese Anerkennung motiviert mich dann weiterzumachen. Da kommt aber nichts von außen, das muss aus mir selbst kommen.

Das bedeutet, dass du sehr reflektiert durch dein Leben gehst? Woher hast du den Mut genommen, dir selbst so zu begegnen, dich mit deinen vermeintlichen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen?

Ich kann nicht behaupten, dass ich das schon kann. Deswegen habe ich die Ziellinie betont. Ich versuche, darin besser zu werden, und ich versuche genau das, was du ansprichst, zu üben, eben weil es so schwierig ist. Ich schaffe das nicht zu 100 %, aber wenn es mir mal gelingt, ist das ein Moment von innerer Wertschätzung oder Genugtuung. Weil ich gespürt habe, dass ich etwas wirklich durchgestanden habe.

Letzten Endes ist es vielleicht auch eine Frage von Disziplin. Wie stark kann ich einem negativen Gefühl meiner selbst begegnen und wie sehr kann ich das aushalten, bis es weggeht? Ich glaube, wir schauen oft darauf, was uns das Leben so gibt oder bringt. Wir müssen erkennen, dass wir im Wesentlichen nicht beeinflussen können, was uns im Leben widerfährt. Wir haben aber einen Einfluss darauf, wie wir mit dem, was uns passiert, umgehen. Mein Tipp wäre also: Guckt hin, was ihr aus dem macht, was euch das Leben gibt.

Also nicht schicksalsergeben zu sagen: So ist es eben, sondern sich daran erinnern, dass wir unser Leben gestalten können?

Ich versuche anzuerkennen, dass alles, auch wenn es noch so schmerzhaft ist, in mein Leben kommt, damit ich etwas lerne. Und es muss mit einem gewissen Schmerz kommen, weil ich sonst nicht erkennen würde, dass ich etwas lernen muss. Das ist nicht schicksalsergeben. Das ist anerkennen, dass in allem die Aufforderung steckt, noch mal nachzudenken, ob die Handlungsmotivation die richtige ist oder ob es Verbesserungsbedarf am eigenen Handeln gibt.

Es geht nicht um das Außen, sondern darum, ob dein Antwortverhalten auf Situationen das Richtige ist. Ich kann nicht beeinflussen, was das Leben mir bringt, aber ich kann meine Antwort darauf beeinflussen.

„Fang mich doch“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF streamen. Am 31. August läuft der Film um 20:15 Uhr auch im ZDF.

Ich bin sehr gespannt, wie ihr auf die Kitaeltern blickt und freue mich auf euer Feedback.


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