Im Film „Plötzlich Schwester“ spielt Cosima Heumann ihre Sandy mit so einer Wucht und Lebenslust, dass mein Gedanke sofort war: Mit der wäre ich sehr gern befreundet. Weil sie chaotisch ist, einen aber auch in jeder Situation mit ihrem Optimismus mitreißt. Und weil gleichzeitig klar ist: So jemand hat ganz schon viel durchgemacht und sich trotz allem immer wieder für das Gute entschieden. Und solche Menschen, die Leichtigkeit und Tiefe haben, brauchen wir doch alle in unserem Leben, oder?
Mit Cosima Heumann habe ich nicht nur über ihre Sandy und den Film gesprochen, sondern auch über female production, Frauenrollen im Schauspiel und wieso uns manchmal Vorbilder in der Kommunikation miteinander fehlen.
Prollig, herzlich, esoterisch oder gut versichert – wo siehst du dich?
Cosima Heumann: Für mich persönlich ist es prollig-herzlich. [Sie lacht]
Das passt ja auch sehr gut zu deiner Sandy. Was magst du an ihr?
Sie hat etwas Kindliches an sich, das ich sehr mag. Genau wie ihre flummihafte Art. Und außerdem versucht sie, aus jeder Situation das Positive herauszuholen.

Und wie kann man sich genau das bewahren?
Man muss sich sein inneres Kind bewahren. Indem man offen bleibt für die Welt, offen gegenüber Dingen, die passieren. Wenn man aufhört, sich gegen alles im Leben zu versichern und abzuschotten, dann gibt es doch überhaupt erst die Möglichkeit, dass etwas passieren kann.
Wer offen ist, hat die Möglichkeit, an unerwarteten Orten spannende Dinge zu erleben. Das ist doch das Schöne am Leben, dass man nie weiß, was passiert. Mich macht das sehr glücklich.

Wonach suchst du deine Rollen aus?
Ich brauche immer eine Form von Herausforderung. Bei „Sandy“ war die Herausforderung, sie nicht wie „Chantal“ aus „Fack ju Göhte“ zu spielen. Das wäre naheliegend gewesen. Aber ich wollte eine Figur schaffen, die eine gewisse Tiefe mit sich bringt, obwohl sie so überzogen wirkt. Meistens werden solche Figuren dann gar nicht ernst genommen. Aber „Sandy“ ist nicht nur eine Witzfigur, und genau das wollte ich zeigen.
Und wie genau hast du das geschafft? Denn ich empfinde Sandy auch so. Nur, wenn wir ehrlich sind, ist bei vielen Frauenfiguren diese Tiefe, egal wie sehr sich die Schauspielerin bemüht, nicht angelegt. Da bleibt so viel oberflächlich, während das bei männlichen Figuren selbstverständlich mitgedacht wird.
Das Coole war, dass wir eine riesige Female Production waren. Das Drehbuch wurde von einer Frau geschrieben, es gab eine Regisseurin und vier weibliche Hauptrollen. Es gibt ein, zwei männliche Männerrollen, aber die Geschichte wird von Frauen getragen. Und genau deswegen konnte ich diese Tiefe reinbringen.
Im besten Fall sucht man sich natürlich Frauenrollen aus, die etwas zu sagen haben. Das kann jede Rolle sein, auch die am Rand, wenn sie nur den Raum dafür bekommt. Aber um ehrlich zu sein: Dieses Glück muss man als Schauspielerin auch erstmal haben, dass man sich so frei die Rollen aussuchen kann.

Könntest du dir auch vorstellen, mehr in Richtung Regie und Drehbuch zu gehen?
Ich gehe tatsächlich gerade genau in diese Richtung. Da kann ich nur noch nichts drüber erzählen, weil ich da in der ganz frühen Entwicklung bin. Aber es geht um sehr starke Frauenrollen. Genau das Thema, worüber wir gerade sprechen. Gib mir noch ein, zwei Jahre, und dann reden wir darüber!
Bis es so weit ist: Welche Rollen wünschst du dir denn?
Es geht gar nicht um eine konkrete Rolle, die ich mir wünsche. Ich wünsche mir Rollen, die nicht nur die starke oder schwache Frau darstellen, sondern solche, die zeigen, welche Komplexität wir Frauen mit uns bringen. Wie viel Tiefe wir haben. Das muss doch mehr erzählt werden. Und da ist es dann egal, ob das eine Krankenschwester, eine Detektivin oder eine Mutter von drei Kindern ist. Am Ende des Tages bringen alle Frauen Tiefe mit, und das Schönste am Schauspiel ist doch, wenn man die erzählen darf.
Ich habe ja früh angefangen zu spielen, und das waren leider oft diese oberflächlichen Rollen. Das war für mich das Frustrierendste überhaupt. Denn ich wusste immer: Ich habe was zu sagen, ich möchte das gern innerhalb dieser Rolle erzählen, und dann bekommt man diese Möglichkeit gar nicht. Da geht’s dann darum, dass man den nervigen Teenager spielt oder so was.

Sandy ist so total lebensbejahend und sagt eher immer ja. Wie lernt man gut nein zu sagen und für sich einzustehen?
Das ist ein Thema, mit dem ich mich persönlich viel beschäftigt habe. Und ich denke, man lernt, gut für sich einzustehen, wenn man lernt, seine Gefühle zu kommunizieren. Nicht aus einer Bosheit heraus, sondern weil man mitteilt, wie es einem geht. Grenzen setzen, indem man auch anerkennt, dass man selbst gerade keine Lösung hat. Also vielleicht so in die Richtung: „Hey, ich weiß gar nicht, was los ist, aber mir geht’s gerade nicht so gut, und ich würde mich einfach später noch mal melden, wenn ich es besser einordnen kann und bis dahin möchte ich das gerade so nicht.“ Diese Form von Kommunikation lerne ich aber auch erst jetzt.
Wir haben ja auch keine Vorbilder für diese Art der Kommunikation.
Genau das! Es wird uns eher vorgelebt, dass wir stark sein müssen, unsere Gefühle nicht zeigen dürfen. Lieber zu allem Ja und Amen sagen. Meine Figur Sandy ist einerseits so positiv und lebensbejahend, andererseits merkt man aber auch, dass sie ganz schön viel mit sich rumschleppt. Sie will, dass alle glücklich sind, dann geht’s ihr schon irgendwie auch gut.
Genau das kennen doch viele Frauen. Deswegen ist es ja so wichtig, zu lernen, die eigenen Gefühle zu kommunizieren.
Aber wie gelingt das gut, ohne dass man sofort als „sensibel“ oder „anstrengend“ gelabelt wird?
Es ist wirklich schwer. Ich glaube, es ist wichtig, dass man lernt, sich selbst zuzuhören. Wir leben in Zeiten, in denen durch die Handys, durch Social Media eine konstante Beschallung stattfindet, unsere Konzentration immer schwächer wird. Deswegen müssen wir erst mal wieder entdecken, wie man sich selbst und einander besser zuhört.

Sandra und Sandy entdecken irgendwann ihre Schwesternschaft. Was macht gute Sisterhood aus?
Der Film handelt ja von Familie und zeigt auch, dass Familie nicht immer bedeuten muss, dass man mit diesen Personen groß geworden ist. Familie kann auch plötzlich entstehen. Familie bedeutet, dass man geliebt wird, wie man ist und egal wer man ist. Du wirst einfach akzeptiert. Das macht Sisterhood aus. Und das bedeutet nicht, dass man blutsverwandt sein muss.
Meine Freundinnen sind auch Sisterhood. Ich weiß, ich werde so sehr geliebt dafür, wer ich bin, ich muss mich eben nicht verstellen, obwohl mein Beruf ja mit sich bringt, dass ich in andere Rollen schlüpfe. Natürlich gibt es eine Persona, die ich auf dem roten Teppich bin. Aber abseits davon bin ich Cosima und erlebe mit meinen Schwestern, biologisch oder nicht, echten Zusammenhalt.
Diese Persona, ist das, was dich an deinem Job am wenigsten interessiert?
Ja, das Darstellen der Public Persona interessiert mich nur insofern, als dass es eben zu meinem Beruf dazugehört. Es ist wichtig, dass ich auf Events und rote Teppiche gehe. Aber mich interessiert in erster Linie nur, dass ich in andere Rollen hineinschlüpfen darf, dass ich Figuren spiele, die auch eine Vorbildfunktion haben.
„Plötzlich Schwester“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF sehen. Der Film läuft am 06.08.2026 um 20:15 Uhr im ZDF. Und, das sei auch schon verraten: Es wird mit den Schwestern auf jeden Fall weitergehen. Warum das eine gute Nachricht ist, versteht ihr, wenn ihr den Film gesehen habt.

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