Dass das Interview mit Klara Lange überhaupt zustande kam, ist einzig und allein der Tatsache zu verdanken, dass sie sich, obwohl ich den Termin wegen einem ungeplant längeren Arztbesuch verschieben musste, noch Zeit dafür genommen hat. Ich war sehr dankbar dafür, denn ich wollte doch unbedingt mit ihr nicht nur über ihre „Sandra“ in „Plötzlich Schwester“ sprechen, die im Laufe des Films erstmal herausfinden muss, was sie eigentlich wirklich will, sondern auch über Frauenrollen und Freundschaften mit der Schauspielerin sprechen.
Hat zum Glück ja alles geklappt, so dass ich mich freue, dass ihr es jetzt lesen könnt. Und ich bin gespannt, was eure Sicht auf Sisterhood ist. Was macht die für euch aus?
Prollig, herzlich, esoterisch oder gut versichert. Wo ordnest du dich ein?
Klara Lange: Für meine Rolle ist das ja leicht zu beantworten. Und für mich selbst? [Sie überlegt]
Ich muss eine eigene Kombination machen: Herzlich gut versichert.

Heißt das, du hättest auch nicht so ohne Weiteres Sandy, die Rolle von Cosima Heumann, spielen können?
Ich habe in letzter Zeit öfter drüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, hätten wir die Rollen geswitcht. Es wäre auf jeden Fall eine große Herausforderung gewesen. Das suche ich ja auch in meinem Beruf, aber es hätte einiges an Vorbereitung gebraucht, weil diese Rolle nicht so intuitiv zu mir gekommen wäre, wie ich das bei Sandra fühle.
Als ich damals in den Castingraum gekommen bin und Cosima das erste Mal als Sandy erlebt habe, hat das direkt so gepasst. Wir sind mit der ersten Szene eingestiegen, und es hat sich sofort echt und richtig angefühlt. Wir kannten uns ja vorher gar nicht.
Ich muss gestehen, dass mich „Plötzlich Schwestern“ schon überrascht hat. Ich hatte Sorge, dass mir da unterentwickelte Frauenfiguren präsentiert werden, aber das ist überhaupt nicht so.
Das hat mich auch extrem gefreut, als ich damals das Drehbuch gelesen habe. Ich wusste, dass Andrea Sawatzki mitspielt, weswegen es mich gereizt hat, auch mitzuspielen. Denn es war immer mein Traum, mit ihr zu spielen. Das Drehbuch hatte so viel Potenzial, dass ich sofort dachte: Wenn sie zusagt, dann will ich auch dabei sein.
Spätestens als wir die erste Drehwoche hinter uns hatten, wussten wir alle, dass das viel toller wird, als wir uns das jemals hätten vorstellen können. Denn wir hatten die gleichen Ängste wie du, wir wissen doch, wie diese Themen, wie Frauen behandelt werden. Aber hier ist das ganz anders. Umso mehr freue ich mich über eine inzwischen schon beschlossene Fortsetzung.

Weil du es angesprochen hast und wir Frauen manchmal ja nicht so gut im Nein sagen sind: Deine Sandra hat ja durchaus Probleme mit dem Nein-Sagen. Wie kann man denn gut Nein sagen?
Weißt du, was interessant ist: Es hat mir niemand gesagt, dass Sandra ein Problem mit dem Nein-Sagen hat. Und doch spüren das alle.
Ich glaube, Sandra hat ein sehr klares, auch von außen aufgestülptes Bild, wie ihr Leben als Frau abzulaufen hat. Sie glaubt immer zu wissen, was der nächste logische Schritt ist. Sie macht Listen, was sie für die Hochzeit braucht, was man organisieren muss. Und dann bekommt sie immer mehr ein Gefühl dafür, dass das gar nicht alles sein kann.
Das ist der größte Unterschied zwischen uns beiden.
Ich kann in meinem Privatleben sehr gut Nein sagen. Man braucht ein Gefühl dafür, was man selbst wirklich will, was einem gefällt und was nicht. Das zu bekommen ist gar nicht so leicht, denn auch bei mir formt sich das meist aus ganz unterschiedlichen Meinungen und Ideen, wie das Leben auszusehen hat. Wenn man lernt, gut zu unterscheiden, was von außen an einen herangetragen wird und was die eigene Stimme ist, dann klappt das mit dem Nein-Sagen.
Aber genau das ist ja das Problem. Es wird zu jeder Zeit so viel an uns herangetragen. Wie hört man denn da gut auf sich selbst?
Ich sage nicht, dass ich das immer richtig gut kann. Aber ich erinnere mich sehr oft an meine Teenager- und auch Ausbildungszeit. Bei der Ausbildung an der Schauspielschule war ich in Hamburg, da dachte ich, ich mache alles mit, weil das eben dazugehört, wenn man Schauspielerin werden will. Und dann gab es immer mehr Momente, bei denen ich gemerkt habe, dass sich das gar nicht so gut angefühlt hat. Da habe ich überlegt, ob ich das wirklich machen will, und ob die Stimme in mir nicht lauter werden sollte. Das birgt immer die Gefahr, dass man bei Leuten aneckt, aber wie schön ist es, wenn man für sich einsteht und seinen eigenen Weg geht.

Während ich dir zuhöre, überlege ich, ob deine Sandra, wenn sie besser in sich hineingehört hätte, vielleicht gar nicht geheiratet hätte.
Ich finde diese Frage auch spannend. Was wäre passiert, wenn es ein Gespräch gegeben hätte, in dem die Frage aufgeworfen wird, warum sie eigentlich heiraten. Was verbindet die beiden?
Sie liebt ihren Freund und er sie, aber für Sandra ist diese Hochzeit einfach ein weiterer Schritt. Das muss jetzt passieren, weil sie jahrelang zusammen sind. Warum sollte man da nicht heiraten? Es ist der logische Schritt im Erwachsenwerden. Man zeigt den Leuten damit, dass man es ehrlich meint.
[Sie überlegt]
Wenn ich länger darüber nachdenke, ist das eine interessante Frage. Hätten sie wirklich geheiratet, wenn es nur um die beiden gegangen wäre? Oder geht’s nicht doch darum, etwas nach außen zu präsentieren, vielleicht auch darum, die Mutter und die Arbeitskolleg*innen glücklich zu machen. Zu verhindern, dass jemand Fragen zum Thema stellt und wissen will: Wieso seid ihr eigentlich noch nicht verheiratet?
Man spürt, was Sandra wichtig ist. Aber die Hochzeit ist es eben nicht.
Was ihr wichtig ist, verlagert sich. Denn am Anfang ist diese Hochzeit das absolut Wichtigste, trotzdem ihr Vater gestorben ist und da jetzt plötzlich eine andere Familie ist. Der Plan muss durchgezogen werden, die Hochzeit muss perfekt laufen. Und dann kommt Sandy und bringt neue Schwingungen in Sandras Leben, auch neue Gefühle, die sie vorher nie zugelassen hat.
Bisher ging es in Sandras Leben darum, Dinge zu erledigen, etwas abzuarbeiten und Pläne zu verfolgen. Und plötzlich dürfen da Gefühle in ihr hochkommen. Ich glaube, dass Sandra gar nicht alles davon versteht, sie merkt nur, dass sich manches anders anfühlt. Und sie erkennt, dass sie sich auf die Beziehung mit ihrer Schwester einlassen muss, weil die etwas in ihr Leben bringt, was sich wichtig anfühlt, anders als davor.

Wenn du vor der Wahl stehen würdest, wärst du lieber die Person, die nicht weiß, dass der Vater noch eine zweite Familie hat, oder die, die es weiß, ihn aber seltener sieht?
In einer perfekten Welt würden alle offen und ehrlich miteinander kommunizieren, und diese Geheimnisse gäbe es nicht. Wer will denn, dass da mit Ende 20 eine Bombe ins Leben platzt und man alles infrage stellt? Ich hätte lieber das Leben einer Sandra geführt, die schon viel früher von der Zweitfamilie gewusst hätte. Denn dann wäre sie vielleicht schon viel früher an ihren echten inneren Kern rangekommen.
Vielleicht hätte Sandy ihren Vater dann auch öfter gesehen, vielleicht hätten sie das im Patchwork hinbekommen, und alle hätten sich mehr miteinander verbunden. Sandra wäre dann vielleicht früher aus dem großen Schubladendenken herausgekommen und wäre offener gewesen für andere Lebensrealitäten, andere Lebenspläne. Sie hätte vielleicht alles generell ein bisschen lockerer und entspannter gemacht.

Was macht Sisterhood, sowohl familiär als auch im Freundinnenkreis, für dich aus?
Das ist ein wohlig-warmes, sicheres Gefühl. Die Freundschaften aus der Schulzeit sind abgeschlossen, ich weiß jetzt mehr, was mir wichtig ist, was sich gut anfühlt. Die Sisterhood mit wirklich engen Freundinnen bedeutet für mich, dass wir wirklich über alles reden können. Das sind meine Beziehungspersonen, da herrscht teilweise auch noch mal ein ganz anderes Verständnis als in der Familie.
Wir sind ganz unterschiedliche Charaktere, haben aber grundsätzlich ähnliche Erfahrungen als Frauen in dieser Welt gemacht. Man muss sich nicht immer einig sein, aber man hat keine Angst, verurteilt zu werden. Ich kann mit ihnen reden, auch wenn wir gar nicht so viel Kontakt haben. Weil es immer wieder Momente gibt, wo man sich in die Augen guckt und sofort versteht, was bei der anderen los ist. Weil man gleich fühlt.
Wir Frauen erleben auf der Welt oft das Gleiche, auch wenn wir uns unsere Leben ganz individuell aufbauen und gestalten. Aber dieses Grundgefühl, wie es ist, in diesem Moment auf der Welt zu sein, das teilen wir. Mich beruhigt das, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin. Ich habe Menschen, die mich auch ohne Worte verstehen.
Genau dieses Verständnis, diese Unterstützung untereinander braucht es. Suchst du das bewusst, weil es ja auch oft noch diesen Gedanken von „Es kann nur eine Frau geben“ gibt?
Ich suche danach, aber ich befinde mich auch oft in Situationen, wo man dann doch in alte Rollen verfällt oder das bei anderen Leuten beobachtet. Ich habe festgestellt, dass es einen Anstoß braucht, und wenn es nur ein kleiner ist, um daraus aufzubrechen. Deswegen spreche ich solche Themen inzwischen oft an, ich sage deutlich, womit ich mich wohlfühle und womit nicht. Das löst so viele Ängste, auch bei anderen Frauen, weil klar wird, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.
Wir leben in dieser konstruierten Welt, und alle fahren ihre Schiene, niemand will anecken, alle wollen gut dastehen. Das steckt ja auch so in uns drin, ist uns anerzogen worden. Wenn ich diese kleinen Momente wahrnehme, wenn ich merke, dass ich all das auch mal loslassen kann, dann geht es mir besser.
Ich habe zum Beispiel auch gemerkt, dass ich keine Rolle bin. Ich bin Klara, und ich bin so und so. Inzwischen öffne ich mich da auch und sage, was mir wichtig ist, was mich stört. Das macht im ersten Moment Angst, aber ich möchte ja meinen Weg gehen.
Eigentlich ist genau das, dieses Aufmachen und anderen sagen, was einen gerade beschäftigt, ein totales Geschenk.
Ich habe das Gefühl, dass wir Angst haben, uns gegenseitig zuzumuten. Die Sorge, man könnte zu viel sein, mutet der anderen Person zu viel von sich zu, während die ja mit eigenen Themen beschäftigt ist, die ist groß. Dabei sollten wir dafür offener werden. Ich will doch Menschen in mein Leben lassen, ob nun auf privater oder beruflicher Ebene. Das geht nur, wenn ich nicht auf der oberflächlichen, stumpfen Ebene bleibe, sondern emotional offene Situationen für Austausch schaffe. Da werden wir doch alle entspannter. Weil niemand denkt, er oder sie müsste jetzt eine bestimmte Rolle erfüllen. Wir erfüllen alle schon so viel, haben so viele Aufgaben, Termine, Verpflichtungen. Eine emotional offene Kommunikation, bei der man ja abwägen kann, wie tief man gehen möchte, schafft ganz neue Räume. Und davon profitieren alle, weil es unser Zusammenleben leichter macht.
„Plötzlich Schwester“ könnt ihr ab sofort in Web & App vom ZDF sehen. Der Film läuft am 06.08.2026 um 20:15 Uhr im ZDF. Und, das sei auch schon verraten: Es wird mit den Schwestern auf jeden Fall weitergehen. Warum das eine gute Nachricht ist, versteht ihr, wenn ihr den Film gesehen habt.

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