Rea Garvey im Interview zu Song Trip Sápmi mit Andrea Zschocher

Rea Garvey: „Wenn Menschen zusammenkommen, dann entstehen magische Funken“

Die größte Schwierigkeit beim Interview mit Rea Garvey? Sich nicht komplett von seinen Gedanken mitreißen zu lassen. Eigentlich haben wir uns nämlich verabredet, um über „Song Trip“ und seine Reise zu den Sampí zu sprechen. Und klar ging es im Interview auch viel um Musik. Aber genauso um Kindererziehung, um Social Media und warum jeder Mensch im Raum die klügste Idee haben kann, ungeachtet der Jobbeschreibung. Und ich habe gelernt, dass man offensichtlich auch in deutschen Medienmärkten handeln kann.

Die zweite große Herausforderung war übrigens, das Zitat für die Überschrift auszusuchen. Denn Rea Garvey hat einfach so viele gute, wichtige, schlaue Sachen gesagt, dass ich mich schwer entscheiden konnte. Also schreibt mir gern, welcher Gedanke bei euch am meisten hängen geblieben ist, ich freu mich drauf!

Was bedeutet dir Musik?

Rea Garvey: Musik ist seit meiner Teenage-Zeit die Bahn, auf der ich mich bewege. Sie hat mich immer auf meine nächste Reise geschickt. Für mich ist Musik my bag of magic tricks.

Ich weiß, dass ich nicht der beste Musiker bin, ich habe das auch nicht studiert. Ich kenne wirklich unglaublich tolle Musiker, aber auf die bin ich nicht neidisch. Bei mir klingt es manchmal vielleicht ein bisschen komisch. Aber es klingt trotzdem gut.

Musik hat mich immer genau dahin gebracht, wo ich sein wollte. Die glücklichsten Momente meines Lebens sind durch Musik entstanden. Weil sie Menschen zusammenbringt, etwas in ihnen aufmacht. Es ist eine Fusion aus Hoffnung und Freude und dem Wissen, dass man immer wieder aufstehen und weitermachen kann. Ich bin jemand, der nicht so einfach aufgibt. Das versuche ich auch anderen vorzuleben. I know it’s fucked up sometimes, aber wir machen weiter.

Musik erweckt das Gute in Menschen, ist eine Flamme der Hoffnung und der Freude, aber auch der Trauer. Sie ist ein Magnifier [Lupe], der es dir erlaubt, deine Emotionen zu erleben, ohne dass du wieder am Boden liegen musst. Und sie gibt allem einen positiven Anstrich.

Rea Garvey im Interview zu Song Trip Sápmi mit Andrea Zschocher
© ZDF/Stefan Cordes

Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass Musik auch manipulieren kann.

Ich glaube, man wird dann manipuliert, wenn man manipuliert werden will. Du kannst dich dafür entscheiden, nicht manipuliert zu werden. Das ist heute aber gar nicht mehr so einfach. Weil wir alle so sehr in unseren Gedanken sind, so vieles gleichzeitig passieren lassen. Wir vergessen manchmal, Dinge zu hinterfragen.

Mir wurde neulich meine Tasche mit meinem Pass geklaut. Dann bekam ich morgens einen Anruf von Interpol, ich dachte wirklich kurz, dass das echt sein könnte, dass die sich wegen dem Pass melden. Bis meine Frau meinte: Wer fällt denn auf so einen Scam rein? [Er lacht]

Musik berührt uns, wenn wir das wollen. Aber sich von ihr manipulieren zu lassen, ist eine Entscheidung.

Mir fällt das mit der Manipulation von Musik vor allem bei Filmen auf. Die Frage ist, ob mich da nicht das Gesamtpaket manipuliert.

Ich habe mal einen Preis an die Beach Boys verliehen und wollte die vorher kennenlernen. Ich bin zu denen hin, habe mich vorgestellt und die haben mir den Tipp gegeben: Watch films when you write music. Ich habe sie natürlich nicht infrage gestellt, es ist immerhin ein Musiktipp von den Beach Boys.

Ich habe es ausprobiert, aber ich habe sowieso immer Stifte und Papier bei mir, wenn ich emotionale Filme schaue. Denn wenn ich einen emotionalen Song höre, versuche ich zu entschlüsseln, was da in meinem Kopf passiert. Ich suche dann nach eigenen Worten, aber die Flamme kommt von jemand anderem.

Verlernen wir, die Flamme in anderen wahrzunehmen? Denn die entsteht ja oft, wenn man aufeinander trifft, wenn man sich mit anderen austauscht, nicht, wenn man immer nur konsumiert.

Mein Kind möchte immer mal YouTube-Videos schauen. Das Problem ist für mich das Mindset, das dahinter steht. Es ist immer leicht negativ. Durch diese Videos gewöhnt man sich eine negative Sicht an. So negativ ist die Realität aber gar nicht.

Ich habe kein Social Media auf meinem Smartphone. Es gehört für meinen Job dazu und da mag ich das auch. Aber für mich persönlich ist es wichtig, es nicht dauerhaft auf meinem Telefon zu haben. Meiner Meinung nach geht der Algorithmus in die falsche Richtung. Wir sind alle in unserer Bubble, teilweise auch in der Realität. Ich habe das mal bei einem Gespräch über die Musikindustrie in Deutschland gesagt, dass ich es schade finde, dass wir uns nicht mehr begegnen. Ich will Leute treffen, die ich kenne, und auch die, die mir bisher unbekannt sind. Ich feiere gern und liebe es, das mit Leuten zu machen, die ich noch nicht kenne. Das erweitert meinen Horizont, bringt mich in meinen Gedanken weiter.

Manchmal rennen meine Gedanken im Kreis und dann treffe ich Menschen, erlebe etwas Neues und plötzlich passiert ganz viel. Ich gehe ein, wenn ich nicht im Kontakt mit anderen bin.

Mich bringen meine Kinder auch immer wieder auf neue Gedanken. Sie überraschen mich so oft.

Ich habe ja schon gesagt, dass ich kein Social Media auf dem Handy habe. Und dann suche ich trotzdem danach, wie ich mein Kind vom Smartphone wegbekomme, während ich es selbst in der Hand habe. [Er lacht] Erwachsene sind auch nur ältere Kinder.

Stell dir mal vor, wir würden voneinander sehen, was in unseren Köpfen so vorgeht. Ich würde mir diesen Film nicht anschauen, viel zu scary. Wenn du weißt, was all diese hochqualifizierten Menschen wirklich denken …

Rea Garvey im Interview zu Song Trip Sápmi mit Andrea Zschocher
© ZDF/Stefan Cordes

Aber vielleicht könnte das Mindset auch dabei helfen, weniger Angst vor Begegnungen zu haben? Weil wir am Ende alle ein bisschen scary und peinlich sind und uns nicht davon einschüchtern lassen sollten, ob jemand nun im Chefsessel sitzt oder nicht. Du hast dich bei „Song Trip“ ja auch einfach aufs Erlebnis eingelassen, ohne vorher viel drüber nachzudenken.

Ich habe es geliebt, da total blauäugig reinzugehen.

Und ich verstehe, was du meinst. Wir leben in einer hierarchischen Gesellschaft, in der vorgegeben ist, wie man mit dem Chef spricht. Ich verstehe nicht, warum man sich da so Grenzen setzt. Man kann doch von jedem etwas Neues lernen, auch Chefs von ihren Mitarbeitern. Ich mache das nicht mit, ich rede mit jedem und wer keinen Bock darauf hat, mit dem rede ich nicht. Ich verneige mich nicht vor CEOs. Ich bin jemand, der lieber schockiert, als mitzumachen, was alle machen.

Hast du Selbstzweifel?

Ja! Ich sehe es als meine Aufgabe an, die zu überwinden, statt sie zu akzeptieren. Ich habe schon so viele Dinge gemacht, die außerhalb meiner Komfortzone lagen. Aber ich mache sie, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann.

An diesen Punkt zu kommen, war ein Prozess. Ich wollte nicht immer weiter zweifeln. Ich weiß, dass es vieles gibt, was ich nicht kann, das habe ich akzeptiert. Ich weiß zum Beispiel, dass ich kein guter Geschäftsmann bin. Ich kann, wie mein Vater, gut handeln. Der hatte acht Kinder, da musst du handeln. Ich weiß, dass der Preis, der auf der Ware steht, nicht der Preis ist, den ich dafür bezahlen muss. Ich habe auch schon im Elektrofachmarkt gehandelt. Ich bin Ire, wir machen das überall, wo wir hingehen. Und das macht so viel Spaß. [Er lacht]

Aber ich bin kein guter Geschäftsmann. Meine Frau ist dagegen eine super Geschäftsfrau. Meine Managerin macht seit 25 Jahren mein Management, ich habe großen Respekt vor ihr und vertraue ihr zu 100 %. Sie ist einfach so gut in dem, was sie tut. Und weil die beiden so gut sind, muss ich das nicht machen und kann akzeptieren, dass ich da nicht gut drin bin.

Rea Garvey im Interview zu Song Trip Sápmi mit Andrea Zschocher
© ZDF/Stefan Cordes

Du umgibst dich mit Menschen, denen du vertraust, und die etwas besser können als du. Sich das einzugestehen und danach zu handeln ist doch super smart.

Wenn du die Besten haben willst, dann arbeite mit den Besten! Ich spreche ja hier nicht von Freundschaften, sondern vom Business. Es kommen manchmal Leute zu mir, die nicht meine Freunde sind, aber die beste Person für den Job. Und mit denen arbeite ich dann. Manchmal sind deine besten Freunde auch die Menschen, mit denen du nicht unbedingt zusammenarbeiten solltest, weil sie dir im Weg stehen. Das klingt so berechnend und kalt. Aber die Wahrheit ist, dass es immer um deine eigene Reise geht, darum, dein volles Potenzial zu erreichen.

Jeder hat sein eigenes Tempo, ich kann nicht auf der anderen Seite des Berges warten, dass du den gleichen Weg gehst wie ich. Vielleicht sind wir zusammen auf dieser Wanderung gestartet, aber um mein Potenzial auszuschöpfen, muss ich einen anderen Weg gehen als du. Wir können dann Freunde sein, aber not in Business.

Ich bin immer noch auf der Suche nach meinem Potenzial. Dadurch lerne ich unglaublich talentierte und kreative Menschen kennen. Die sind alle unterschiedlich alt, ich kann mich von allen inspirieren lassen. Mich beeindruckt vor allem, was in jemandem vorgeht. Da brauche ich auch nicht viele Gespräche für. Und dann begleiten wir uns ein Stück auf dem Weg, ich gebe auch gern einen Rat, was vielleicht falsch läuft, wo wir zusammenarbeiten können. Und dann sage ich: Soweit kann ich dich bringen, aber dann stelle ich dich an der nächsten Weggabelung ab und du musst allein weitermachen.

Ich habe auch gelernt, dass man loslassen muss, dass man erkennen muss, wenn man nichts mehr voneinander lernen kann. Ich habe schon mit Produzenten-Legenden gearbeitet, und dann irgendwann gemerkt, dass das für mich gar nicht passt. Dann gehe ich weiter.

Wenn Menschen zusammenkommen, dann entstehen magische Funken. Bei „Reamon“ war das auch so. Wir hatten Magie zwischen uns, auch in unseren schlechtesten Zeiten. Wir haben Hits geschrieben, aber vielleicht nicht genug wertgeschätzt, was wir da hatten.

Rea Garvey im Interview zu Song Trip Sápmi mit Andrea Zschocher
© ZDF/Sami Grill

Wie wichtig ist dir Erfolg?

Miete zahlen war nie mein Ziel. Mein Glaube trägt mich durch vieles durch, sodass ich keine Angst vor dem Leben habe. Natürlich ist es manchmal erschreckend da draußen, aber eben auch so schön. Ich habe oft das Gefühl, ich laufe durch eine wahnsinnig schöne Landschaft und der Weg ist manchmal ganz, ganz schmal und führt direkt an den Klippen entlang. Es gibt auch andere, ausgetretene Wege, aber die geben mir nichts, weil ich auf dem Weg sein will, auf dem ich bin.

Mein Rat ist, niemals zu vergessen, das Leben zu feiern. Manchmal krieche ich morgens aus dem Bett, weil ich bis spät in die Nacht irgendeinen Erfolg gefeiert habe. Aber ich bestehe trotzdem darauf. Denn egal was morgen kommt, man muss den Moment feiern. Auch das ist eine Stärke. Genauso wie nach der Party wieder aufzustehen und den Weg weiterzugehen. [Er lacht]

Das Leben ist zu kurz, um die Zeit nur vorbeigehen zu lassen, ohne zu feiern. Manchmal sehen mich Menschen und denken sich: „Was hat der Affe? Was ist los mit dem?“ Aber ich will nicht in irgendeiner Box bleiben. Das ist mir zu eng! Ich will lieber Grenzen überschreiten, manchmal Dinge machen, die unkonventionell sind. Ich möchte manchmal Gespräche mit Menschen führen, die gar nicht mit mir reden wollen, die ich aber von mir überzeugen will. Und manchmal muss ich Sachen einstecken, auf die Knie gehen und beten, dass alles gut wird.

Wie bist du zu diesem Mindset gekommen? In einer Welt, in der einem dauernd jemand sagt, wie man nicht sein soll, ist es, gerade auch für Kinder, total schwer, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Liebe ist der Schlüssel zu allem. Ich frage mich auch, warum ich so bin, wenn meine Eltern nicht so sind. Aber sie müssen mir das ja auch mitgegeben haben. Mein Selbstbewusstsein, mein Glaube an das Unglaubliche, all das kommt von meinen Eltern.

Ich habe die Gewissheit, dass ich so sein darf. Wenn ich etwas will, dann gehe ich los und hole es mir. Und wenn ich darüber nachdenke, sind meine Geschwister alle so. Es ist so f****** schwierig mit uns, auch zwischen uns, weil wir alle so von uns selbst überzeugt sind. Das können wir nur von unseren Eltern haben. [Er lacht]

Das ist wie ein Magnet: Wenn jemand positiv geprägt ist, dann zieht er die schönen und guten Dinge an. Aber man erkennt an sich auch die negativen Dinge, die nicht so passend sind und gegen die man kämpft. Das Schöne mögen wir alle, bei dem anderen wollen wir nicht so genau hinsehen. Das zu erkennen, gehört dazu, wenn du groß wirst. Fehler sind ja auch ein Segen.

Als ich in Deutschland ankam, habe ich so viele Fehler gemacht. Ich habe 73 kg gewogen, war total mager und war f****** ready to rock. Mein Vater hat mich gefragt, was mit mir los ist, ich hatte so viel Stress. Aber ich wollte das unbedingt, ich wusste nur nicht, wie es klappen könnte. Diese Zeit hat meinen Glauben extrem belastet. Mein Glaube ist nicht religiös, das ist einfach meine Beziehung zu God.

Meine Mutter hat mir dann gesagt, wenn du das willst, musst du dein Bestes geben und hoffen, dass es reicht, und du deinen Weg finden wirst. Mir hat das geholfen, weil ich manchmal nicht wusste, wohin mit mir. Wenn mir etwas zu viel Last, zu viel Verantwortung ist, dann kann ich auch durch diesen Rat inzwischen gut damit umgehen. Ich weiß, dass ich mein Bestes gebe, wirklich alles, was ich habe. Aber wenn das nicht reicht, dann weiß ich auch, dass es einfach nicht gepasst hat.

Wir Eltern geben alles für unsere Kinder. Und doch haben die es im Moment super schwer. Es gibt so viele Temptations, so viele falsche Wege, falsche Freunde, falsche Entscheidungen. Ich glaube an Liebe und an Sicherheit und daran, dass meine Kinder wissen, dass ich immer da bin und ihnen zuhöre. In meinem Leben war immer jemand für mich da. Diese Komponenten versuche ich weiterzugeben, in der Hoffnung, dass es meinen Kindern auch hilft.

Für mich ist der schönste Moment der, wenn meine Kinder auch mal „fuck you“ zu mir sagen, weil sie dann eine enorme Selbstsicherheit zeigen. Ich finde selbstbewusste Kinder toll.

Ich finde es extrem herausfordernd, Kinder großzuziehen, die der richtige Mix aus empathisch und selbstbewusst sind und für andere und sich selbst einstehen.

Ja, ganz viele Kinder werden dahin erzogen, jemand anderes zu sein, als sie selbst sein wollen. Sie haben auch zu wenig Vorbilder, es gibt zu wenige, die vorleben, wie man selbst denkt und seinen eigenen Weg geht. Alle reden nur noch nach, was der Chef sagt, unpopuläre Meinungen dürfen nicht mehr ausgesprochen werden. Gerade in Großstädten ist das ein riesiges Thema.

Das ist so schade, denn ein ausgewogenes Gespräch profitiert doch von Plus und Minus. Wenn du nicht in der Lage bist, zuzuhören, lebst du nur mit einer Hälfte der Geschichte.

Wenn wir z. B. durch Berlin laufen und wir sehen da Obdachlose, dann sage ich meinen Kindern, dass sie da hinschauen sollen. Denn es schauen in unserer Gesellschaft schon viel zu viele Menschen weg und das ist nicht schön. Man muss immer wissen, dass man selbst auch in so eine Situation kommen könnte.

Ich arbeite auch in der Ukraine, ich sehe Familien, die nichts mehr haben. Mich lassen solche Bilder nicht los und deswegen will ich, dass meine Kinder verstehen, wie gut sie es haben. Man darf wertschätzen, was man hat, und das auch lieben. Aber es gibt so viele Menschen auf der Welt, die ein ganz anderes Leben führen, und daran muss man sich immer erinnern.

„Song Trip: Rea Garvey x Sápmi“ könnt ihr am 24. Juli um 23:30 Uhr im ZDF schauen. Alternativ könnt ihr die Sendung, sowie die Song Trips von Yvonne Catterfeld, Nico Santos und Peter Maffey auch ab sofort in Web & App vom ZDF streamen.


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