Heino Ferch im Interview zu Manipulation mit Andrea Zschocher

Heino Ferch: „Man darf niemandem mit dem eigenen Handeln Schaden zufügen“

Ins Interview mit Heino Ferch bin ich vor allem mit der Frage gegangen, was Manipulation genau bedeutet. Denn in seinem aktuellen Kinofilm „Manipulation“ geht es schon titelgebend um dieses Thema. Im Laufe des Gesprächs kamen wir dann aber auch auf die Frage, wie Heino Ferch generell seine Rollen auswählt, wie er dann seinen Figuren zur Seite steht und ob Moral ein guter Kompass ist.

Was hat Sie an der Rolle gereizt, dass Sie Pater Vitus gern spielen wollten?

Heino Ferch: Es ist eine Kombination verschiedener Gründe.

Ich habe noch nie einen Geistlichen gespielt. Es ist eine interessante Geschichte, die nicht nur mit der Kirche zu tun hat. Es geht um Macht und darum, wie Menschen versuchen, an Macht zu kommen, mehr Einfluss zu gewinnen. Dieser Mechanismus lässt sich überall verfolgen wo Menschen im Spiel sind, die Stärken und Schwächen haben. Das kann in der Politik sein, in der Wirtschaft oder im Turnverein.

David Balda hatte das Drehbuch schon vor längerem an meine Agentur geschickt und gesagt, dass er mich unbedingt dabeihaben möchte, ein polnischer Filmstar habe mich empfohlen. Sie war eine meiner Schauspiellehrerinnen am Mozarteum in Salzburg. Deswegen kam die Anfrage, dann haben wir uns getroffen und die Energie zwischen uns hat gestimmt.

Wir haben die Hälfte des Films vor zwei Jahren in Tschechien gedreht, weitere Dreharbeiten, an denen ich nicht beteiligt war, fanden in Bologna statt. Der Film ist Private Equity  finanziert. Meine Drehtage waren bei bitterer Eiseskälte nachts in tschechischen Kathedralen und Räumen, die im Sommer auch nicht wärmer werden, weil die Mauern so dick sind. [Er lacht]

Mir hat die Zusammenarbeit großen Spaß gemacht, weil David Balda eine Energie und Passion für dieses Projekt hat, die mich wirklich beeindruckt hat. Er hat produziert, das Drehbuch mitgeschrieben, hat die Regie und die zweite, teilweise auch die erste Kamera geführt.

Heino Ferch im Interview zu Manipulation mit Andrea Zschocher
© Balda Film

Manipulationen sind ein riesiges Thema unserer Zeit. Wie blicken Sie darauf?

Wir werden jeden Tag von morgens bis abends manipuliert. Unsere Smartphones hören mit, Algorithmen bestimmen, was wir sehen.

Aber auch im Alltag, wenn wir durch die Straßen gehen, werden wir manipuliert. Da gibt es Werbeplakate oder auch neue Autos, die uns vielleicht interessieren. Wir werden ständig mit Reizen konfrontiert, die wir, vielleicht auch unterbewusst, registrieren und die etwas in uns triggern.

Die Zeit, in der wir leben, die gab es noch nie. Die KI ist in unserem Leben vorhanden, wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Augen zu und durch geht nicht, denn KI ist Teil des Lebens.

Aktuell befinden wir uns in einer Zeit, in der wir alles hinterfragen sollten. Wir wissen nicht, ob die Nachricht, das Video, das Bild was wir sehen echt oder fake ist. Ich nutze vier große Medien, die NZZ, die Süddeutsche und zwei Sendungen im Fernsehen. Denen vertraue ich. Und aus denen baue ich mir mein Weltbild und mein Hintergrundwissen zusammen. Bei vielen Sachen gehe ich nach Gefühl, ob ich dem Medium vertrauen kann.

KI ist in vielen Branchen inzwischen ein Thema. Ich hoffe auf veränderte Arbeitsmärkte, merke aber im beruflichen Umfeld durchaus, dass mein Job in manchen Bereichen durchaus von KI bedroht ist.

Ist der Job wirklich bedroht? Ich bin mir nicht sicher. Ich verstehe, dass z. B. in Anwaltskanzleien oder bei Versicherungen, wo es viel um Mathematik und Ausarbeitungen geht, KI mehr zum Einsatz kommt.

Aber im Journalismus oder beim Film? Man kann doch kein Drehbuch oder Texte am Reißbrett von der KI entwerfen lassen. Oder vielleicht geht es schon. Aber will man das?

Heino Ferch im Interview zu Manipulation mit Andrea Zschocher
© Balda Film

Pater Vitus will Macht, er hat aber auch einen moralischen Kern. Wie spielt man so jemanden so glaubwürdig, wie Sie ihn im Film verkörpert haben?

Das ist das beste Kompliment, das Sie mir machen können, vielen Dank. [Er lacht]

Pater Vitus hat sich einfangen lassen und bereut es. Um Figuren so zu spielen, muss ich meiner Figur in jeder Situation recht geben. Ich darf nicht moralisch an sie herangehen. Ich darf nicht von oben auf eine Figur herabschauen, sondern muss für jede Situation, die im Drehbuch steht, meiner Figur Recht geben in dem, was sie sagt, denkt und wie sie handelt.

Wenn mir das gelungen ist, füge ich gegebenenfalls meine Zweifel oder was immer ich noch möchte, in diese Figur dazu.

Das bedeutet aber, dass neben der schauspielerischen Arbeit die meiste Arbeit in die Auswahl eines Drehbuchs, einer Figur fließt.

Ganz genau. Es geht um die Auswahl des Buches und dann um die Rolle der Figur in diesem Buch. Bei dieser Arbeit gehe ich sehr intuitiv vor. Wenn ich etwas lese, muss es beim ersten Mal schon „klick“ machen. Wenn ich das Drehbuch ein zweites Mal lesen muss, um es zu verstehen, dann stimmt für mich schon etwas nicht.

Ich möchte auch nach 30 Seiten nicht noch darüber nachdenken müssen, ob das alles eigentlich passt. Ich möchte direkt verstehen und mitgerissen werden. Inzwischen habe ich dafür ein ziemlich gutes Gespür.

Ich lasse mich auch von der Frage leiten, ob mich das, worum es im Drehbuch geht, interessiert. Ob es gut oder schlecht ist, spielt weniger eine Rolle, weil das immer Geschmackssache ist. Wenn mich etwas packt, dann bin ich dabei, wenn nicht, dann lasse ich mich auch nicht überzeugen.

Heino Ferch im Interview zu Manipulation mit Andrea Zschocher
© Balda Film

Das bringt uns wieder an den Anfang des Gesprächs, zum Streben nach Macht. Ist denn Moral ein guter Kompass in unserer Zeit?

Auf jeden Fall. Die Frage ist, ob die Nadel des Kompasses nach Norden zeigt, oder vielleicht auch mal in den Westen abbiegt. Wir alle haben doch Moral und den Anspruch, moralisch zu sein. Aber haben wir alle die gleiche Vorstellung davon, was Moral bedeutet?

Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass man immer in Konflikte gerät und Entscheidungen treffen muss. Kann man zu jeder Zeit 100 % moralisch sein? Oder gibt es Momente, in denen es vielleicht nur 80 % sind?

Aber überall da, wo Verführung, Macht und viel Geld locken, da wird’s mit dem moralischen Kompass auch schnell eng. Nur weiß keiner von uns vorher, wie er in solch einer Situation moralisch handeln würde.

Aber haben wir denn alle den gleichen moralischen Kompass? Wer legt den denn fest?

Moralisch zu sein bedeutet, aufrichtig zu sein, sozial zu sein. Man darf niemandem mit dem eigenen Handeln Schaden zufügen.

„Manipulation“ läuft aktuell im Kino. Ihr könnt an ausgewählten Terminen während der Kinotour auch direkt mit Heino Ferch und David Balda ins Gespräch kommen.


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